Tochter des Sturms Elizabeth Haydon Rhapsody #5 In Firbolg, dem Reich König Achmeds, bebt die Erde. Unbemerkt von den Wachen, erhebt sich die Drachin Anwyn aus der Tiefe, in die sie verbannt worden war. Ihre Erinnerungen sind verschwommen, doch der Wunsch nach Rache beschwört ein Bild jener Person herauf, die sie einst in das steinerne Grab gestoßen hat: Rhapsody. Mordend und brandschatzend begibt sie sich auf die Suche nach ihr. Rhapsody plagen derzeit ganz andere Sorgen. Die Schwangerschaft macht ihr zu schaffen, und sie beschließt, die kommenden Monate in der Höhle der Drachin Elynsynos zu verbringen und deren Schutz und Nähe zu suchen. Gwydion, ihr Gemahl, ist gar nicht begeistert von der Vorstellung, sie allein ziehen zu lassen. Doch in seinem Reich schwelt es; Gerüchte über einen bevorstehenden Krieg erfordern seine Anwesenheit am Hof der Cymrer. Gefahr droht auch von Sorbold: Der designierte Kaiser heckt im Verborgenen einen teuflischen Plan aus. Während im Süden tausende versklavter Soldaten anlanden, plündert er das Lebendige Gestein aus der Erdbasilika, um daraus ein unzerstörbares Instrument zum Töten zu erschaffen. Da kündigt sich die Geburt des Kindes der Zeit an ... Elizabeth Haydon Tochter des Sturms In Liebe meinen adoptierten Geschwistern gewidmet der Tochter des irdischen Gartens, dem Sohn des Meeres – für alles, was sie getan haben, um dieses Buch voranzutreiben Ode Wir sind die Musikanten, Wir leben in unseren Träumen, Wandern entlang der Wellenkanten Und sitzen neben Flüssen, die schäumen, Wir Weltverlierer, Weltverbannten, Die im bleichen Mondlicht säumen; Doch wir sind die Gesandten, Unter denen sich Welten aufbäumen. Mit unsrer Lieder Unsterblichkeit Errichten wir Städte, hoch und weit, Und mit einer wunderbaren Weise Macht Schaffen wir eines ganzen Reiches Pracht: Ein Mann kann erhalten zum Lohne Für einen einzigen Traum eines Reiches Krone. Und drei können mit neuer Lieder Klagen Ein Reich rasch wieder zerschlagen. Wir haben in vergangener Zeit, Die sich im Grab der Erde verliert, Ninive erbaut mit unserem Leid, Und haben in Kindion selbst jubiliert Und ihnen der neuen Welt Wert prophezeit, Der nach dem Glanz der alten giert, Denn jede Zeit ist ein Traum, den der Tod befreit, Oder einer, der Neues gebiert.      Arthur O’Shaughnessy Sieben Gaben des Schöpfers, Sieben Farben des Lichts, Sieben Meere auf der weiten Welt, Sieben Tage in einer Woche, Sieben Monate Brache, Sieben Kontinente durchwandert, webe Sieben Zeitalter der Geschichte Im Auge Gottes. Gesang des himmlischen Webstuhls O unsre Mutter die Erde, O unser Vater der Himmel, Eure Kinder sind wir, Müd und gebeugt. Wir bringen euch die Gaben, die ihr liebt. Daraus webt für uns ein Gewand der Helle ... Möge die Kette das weiße Licht des Morgens sein, Möge der Schuss das rote Licht des Abends sein, Mögen die Fransen der fallende Regen sein, Möge die Bordüre der stehende Regenbogen sein. So webt für uns ein Gewand der Helle, Dass wir dort schreiten können, Wo die Vögel singen, Dass wir dort schreiten können, Wo das Gras am grünsten ist. O unsre Mutter Erde, O unser Vater Himmel.      Volkslied, Tewa Klagelied des Webers Ein Teppich ist die Zeit, Aus drei Fäden bereit. Man wisse Bescheid, Es sind Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit. Unbeständig sind Kettfaden Zukunft und Gegenwart, Doch ihrer Farben Gnaden Macht das Herz vernarrt. Vergangenheit, der Schuss, Ist der Geschichte Muss. Jeder Augenblick, Jedes Kriegsgeschick, Findet seinen Ort In der Zeit Gedächtnishort. Das Schicksal, Weber dieser Fäden, Hält sie fest in seinen Händen, Flicht daraus ein Band, Das Rettung sein kann, Netz – oder Tand. Das Erwachen 1 Ylorc Als der Gipfel des Gurgus explodierte, fraßen sich die Schwingungen bis in die Grundfeste der Erde. Auf der Oberfläche erstreckten sich die Schuttfelder meilenweit; die Trümmer reichten von felsblockgroßen Stücken am Fuß des Berges bis zu feinem Sandstaub, der in weiter Ferne die Steppe überzog. Dazwischen lagen, gleich einem zerbrochenen Regenbogen, Scherben aus farbigem Glas, das in den ausgehöhlten Gipfel des Berges eingelassen worden war; sie glitzerten in der Sonne, die sich immer wieder hinter Schleiern aus glimmerndem Staub verbarg. Im Innern der Erde spürte eine kleine Gruppe von Firbolg-Soldaten die Erschütterungen unter den Füßen, obwohl sie sich einige Meilen östlich des Gurgus befanden. Augenblicke der Stille zogen vorüber, während sich Staub auf den Tunnelboden legte. Als Kram schließlich den angehaltenen Atem ausstieß, schüttelte der Rest der Patrouille die Betäubung ab und nahm seine Pflichten wieder auf. Der Sergeant-Major würde sie bei lebendigem Leibe häuten, wenn sie es zuließen, dass eine kleine Erschütterung sie von ihrem Rundgang abhielte. Wenige Tage später krochen die Soldaten zögerlich unter einem wolkenlosen Himmel aus der Erde hervor, denn sie hatten den äußersten Punkt dieses Teils des Tunnelsystems und das Ende ihres Patrouillengangs erreicht. Krarn stand am Rande der kraterähnlichen Ruinen des Großen Gerichthofes, des Versammlungsplatzes aus alter Zeit, der nun von Kohlenstaub geschwärzt war und als Spukort angesehen wurde. Nichts als das Heulen des Windes begrüßte ihn. Niemand lebte in dem felsenreichen Vorgebirge, das sich bis in die Steppe und die Krevensfelder erstreckte. Die Männer hatten das Gebiet abgesucht und sich hinter ihrem Anführer gesammelt. Gerade als Krarn sie wieder in den Tunnel schicken wollte, richteten sich ihm die Rückenhaare vom Nacken bis zum Gürtel auf. Es begann als äußerst schwaches Grollen in der Erde. Die Erschütterungen waren so gering, dass sie nicht wirklich spürbar waren, doch Krarn bemerkte ein Erzittern der Pflanzen und winzigste Veränderungen in dem trockenen Land – kaum mehr, als eine starke Brise hervorgerufen hätte. Doch er wusste, dass kein Wind diese Störung verursachte. Sie kam aus der Erde selbst. Leise befahl er seinen Männern, sich in einer Schützenlinie aufzustellen. Er beobachtete angestrengt die Gegend und suchte nach weiteren Zeichen. Einige Minuten später schwand das seltsame Gefühl, und die Erde wurde wieder still. Nur der Wind seufzte noch in den hohen Gräsern. »Nachbeben«, murmelte er zu sich selbst. Mit einem Kopfschütteln führte Krarn seine Männer zurück in den Tunnel. Damit vergab er die Gelegenheit, vor dem Kommenden zu warnen. Mit jedem Tag wurden die Beben stärker. Die Oberfläche des Großen Gerichtshofes, der von der Sommersonne zu einer wasserlosen Hülse gebacken worden war, zeigte dünne Risse, die sich wie das spinnwebartige Muster auf einem Spiegel ausbreiteten, der zerbrochen, aber noch nicht zersplittert ist. Dann kam der Dampf. Winzige Wölkchen stinkenden Rauchs stiegen Unheil verkündend aus dem Boden unter den dünnen Rissen. Bei Tage waren sie nicht zu sehen, falls überhaupt jemand da gewesen wäre, der sie hätte sehen können. Doch in der Nacht vermischten sie sich mit dem heißen Dampf, der vom Boden aufstieg, und wurden vom Wind empor getragen, bis sie sich mit den niedrig hängenden Wolken vereinigten. Schließlich kam der Ausbruch. Schockwellen rollten durch die Erde, als ob sie ein Meer wäre. Die Wellen wurden immer dichter und stärker. An manchen Stellen bewegten sich die Gesteinsschichten und hoben sich gar. Dann bekam der Boden einen schrecklichen Sprung und klaffte auseinander. Plötzlich gewann das Grollen unter der Oberfläche an Heftigkeit. Es nahm seinen Ausgang vor Ylorc, setzte sich aber rasch nach Norden fort. Unfehlbar, entschlossen raste es auf das eisige Land des Hintervold zu. Am östlichen Rand des Gebirges und dann westwärts in der Steppe war eine Bewegung in der Erde zu verspüren, ein so starkes Heben und Senken, das Nachbeben im ganzen Land verursachte, Bäume entwurzelte und Spalten in die Berghänge grub. Noch Meilen entfernt wachten in der Nacht die Kinder auf und zitterten vor Angst. Ihre Mütter drückten sie eng an sich und beruhigten sie. »Es ist nichts, mein Kleines«, sagten sie in all den Sprachen, die ihre eigenen waren. »Manchmal bebt die Erde, aber sie wird sich wieder beruhigen. Siehst du? Es ist schon vorbei. Du brauchst keine Angst zu haben.« Tatsächlich war es schon vorbei. Die Kinder drückten die Köpfe gegen die Schultern ihrer Mütter; ihre Augen leuchteten in der Dunkelheit, und tief in ihrem Innern wussten sie, dass dies mehr gewesen war als nur eine kräuselnde Bewegung in der Kruste der Welt. Jemand, der genau hinhörte, mochte vielleicht hinter dem Beben eine Antwort aus tieferen Schichten des Bodens heraushören. Aus viel tieferen Schichten. Es war, als lausche die Erde selbst. Tief in ihrer Höhle aus verkohlter Erde hatte die Drachin die Nachbeben gespürt, welche von der Sprengung des Berggipfels ausgegangen waren. Ihr Bewusstsein hatte jahrhundertelang geschlummert, doch nun summte es leicht vor Erregung. Es reichte aus, um jene Empfindungen zu wecken, die seit ihrer Beisetzung im Grab aus geschmolzenem Stein und Feuerasche unter dem alten Großen Gerichtshof Winterschlaf gehalten hatten. Zuerst war ihr dieses Gefühl unangenehm. Benommen bekämpfte sie es und versuchte, in das friedliche Vergessen des todesähnlichen Schlafes zurückzusinken. Doch als das Vergessen sich weigerte zurückzukehren, bekam sie Angst, denn sie fühlte sich in diesem Körper, an den sie sich nicht mehr erinnerte, höchst unwohl. Kurz darauf wurde die Angst zu Entsetzen und vertiefte sich schließlich zu einem furchtbaren Grauen. Als die Unruhe über ihre Haut lief, erschütterte sie den Boden ihres Grabes und schickte leichte Schockwellen durch die Erde über ihr und um sie herum. Fern erspürte sie die Gegenwart einiger Firbolg-Wachen aus Ylorc, dem Bergreich, das an ihr Grab grenzte. Sie waren gekommen, um die Ursache des Bebens zu erforschen, doch die Drachin war so verwirrt, dass sie nicht genau wusste, wo sich die Soldaten befanden. Schließlich verschwanden sie wieder und hinterließen bei ihr nur noch größere Verwirrung. Die Drachin regte sich in ihrem Grab aus verbrannter Erde und drehte sich ganz leicht von einer Seite auf die andere. Sie beherrschte ihren Geist noch nicht genug, um sich mehr zu bewegen, und ihr Atem, den sie für lange Zeit nur in winzigen Wellen ausgestoßen hatte, war zu flach, um ihr größeren Raum zu verschaffen. Die Erde, das Element, aus dem sie geboren war, drückte sie nieder und presste die Luft aus ihr. In ihrem verschwommenen Verstand drangen schreckliche Bilder des Erstickens empor. Doch schließlich, nach scheinbar endloser Zeit in den Fängen des Grauens, schien durch das Chaos ihrer Gedanken und verwirrten Gefühle ein Leuchtfeuer – das klare, reine Licht ihres angeborenen Drachensinnes. Tief verborgen in den Strömen ihres alten Blutes, erhob sich ihr innerstes Bewusstsein, das in ihrem vergessenen Leben Waffe und Fluch zugleich gewesen war. Es klärte alle Rätsel, stillte die Panik, Zelle für Zelle, Nerv für Nerv, brachte in winzigen Augenblicken Klarheit, wie Steinchen eines Mosaiks, die plötzlich ein Ganzes ergeben, oder wie ein Bild, das allmählich schärfer wird. Mit der Klarheit kam wachsame Ruhe. Die Drachin fasste den Willen, leichter zu atmen, und ihr Wille allein ließ es geschehen. Sie begriff ihre Gestalt nicht. In ihrer schlaftrunkenen Vorstellung war sie noch immer eine Frau von menschlichem Fleisch und Blut, kein Wurm, kein Tier, keine Schlange. Daher war sie verblüfft von ihrem Umfang, ihrer Schwere und den unbrauchbaren Armen und Beinen, mit denen sie sich nicht wie früher vom Boden abdrücken konnte. Ihre Verwirrung wurde von der fehlenden Verbindung zwischen Geist, Körper und Erinnerung verursacht – eine dunkle Bühne, auf der noch keine Schauspieler erschienen waren. In ihrem beschränkten Bewusstsein erinnerte sie sich nur an einen endlosen Sturz durch ein Feuer, das sie von oben getroffen hatte und zusammen mit ihr gefallen war. Heiß, dachte sie benommen. Brennen. Ich verbrenne. Natürlich verbrannte sie nicht. Der Feuerblitz, der sie vom Himmel geholt hatte, war schon seit mehr als drei Jahren erloschen und zu rauchiger Asche geworden, die das dicke Kohlenbett ihrer Gruft bedeckte und es hart und trocken gebacken hatte. Die Drachin kämpfte gegen ihre Verwirrung an und wartete, bis sich ihr innerster Sinn einen Weg durch das Chaos zu bahnen vermochte. Mit jedem Atemzug sog sie die Luft tiefer in sich hinein, doch sie blieb reglos und ließ die Tage verstreichen. Die Zeit maß sie nur an der Hitze, die sie durch die Oberfläche spürte, wenn die Sonne hoch über ihrem Grab stand, und an der kühlen Nacht, die kurz währte, bis die Wärme zurückkehrte. Es muss das Ende des Sommers sein, dachte sie. Dies war der einzige klare Gedanke, den sie zu fassen vermochte. Bis ein anderes Bild den Weg auf die dunkle Bühne fand. Es war ein Ort aus grellem Weiß, ein erfrorenes Land der zerklüfteten Gipfel und des endlosen Winters. Innerhalb der Enge des Grabes kehrte die Erinnerung an Weite zurück; sie entsann sich, wie sie in der menschlichen Gestalt, die sie einmal besessen hatte und in ihren Gedanken immer noch besaß, hoch zum Nachthimmel gestarrt hatte, der mit kalten Sternen überzogen gewesen war. Inmitten der gewaltigen, schneebedeckten Berge hatte sie sich winzig und unbedeutend gefühlt. Ein einzelnes Wort bildete sich in ihrem Verstand. Heimat. Mit diesem Wort kehrte der Wille zurück. Das Bild verfestigte sich und wurde klarer, und ihre Drachsinne fanden auch unter der Erde die Orientierung wieder. Mit jedem neuen Atemzug drehte sich die Drachin ein wenig, bis sie nach schier unendlich langer Zeit feststellte, dass sie nun Richtung Nord-Nordwest lag. Über all die Meilen hinweg hörte sie es rufen. Es war ihr Nest, ihre Festung, auch wenn die Einzelheiten noch undeutlich waren. Das war gleichgültig. Sobald sie die richtige Richtung gefunden hatte, machte sie sich auf den Weg. In dem Glauben, noch immer ein Mensch zu sein, kroch sie durch die Erde, zog ihren Körper, der sich nicht so verhielt, wie sie es erwartete, mit eisernem Willen voran, gewann langsam an Geschwindigkeit und Kraft, bis der Boden um sie herum allmählich kühler wurde und ihr anzeigte, dass ihre Heimat nahe war. Mit einem Ausbruch frisch gewonnener Entschlossenheit durchbrach sie die Erde und den ewigen Frost und schoss in einem Regen aus Eis und Schnee an die Oberfläche. Schwer fiel sie auf die weiße Decke, welche die Erde wie gefrorener Schorf bedeckte, und atmete flach und schnell. Den Stachel der Kälte beachtete sie nicht. Lange lag sie reglos unter dem endlosen, von Sternen überzogenen Nachthimmel, während Wissen und Vernunft in Verbindung mit diesem Land zurückkehrten – mit diesem Ort, aus dem sie verbannt worden war und in dem sie sich ihr Nest geschaffen hatte. Die Drachin atmete den frostigen Wind ein, der langsam ihre geschwärzten Lungen säuberte, während der Drachensinn in ihrem Blut den Verstand reinigte. Mit Geist und Verstand kehrte noch etwas anderes zurück, das heiß und vage, wenn auch unmissverständlich am Rande ihrer Erinnerung mit einer Eindringlichkeit brannte, die mit jedem Augenblick wuchs. Es war die Raserei der Rache. 2 Der König des Bergreiches war fort, als der Gipfel explodierte. Ein Mann, geboren als zufälliges Ergebnis von Verderbtheit und Verzweiflung, aus verschiedenerlei Blut, das von Erde und Wind kam, mit einer beinahe magisch empfindsamen Haut, einem Netz offen liegender Nerven und Adern. Daher spürte er im Wind die Schwingungen, welche die anderen Leben nannten, und vermochte es oftmals zu erfühlen, wenn etwas nicht so war, wie es sein sollte, und die natürliche Ordnung der Erde störte, zumal diese sein eigener Herrschaftsbereich war. Wenn er in seinem Königreich gewesen wäre, als die Drachin erwachte, hätte er es gewusst. Aber Achmed die Schlange, der König der Firbolg und Herrscher von Ylorc, befand sich einen halben Kontinent entfernt und reiste gerade über Land nach Hause, als es geschah. Daher verpasste er, genau wie seine Untertanen und die Wachen, die am Rande des Grabes gewandelt waren, die Gelegenheit, das Kommende aufzuhalten. Aufgrund der Cwellan, einer Waffe, die er selbst erfunden hatte und die die Haut eines Drachen zu durchdringen vermochte, wäre er allein in der Lage gewesen, etwas zu unternehmen, als der weibliche Wurm noch ausgestreckt und orientierungslos in seinem Grab gelegen hatte. Seine Waffe hatte schon einmal von ihrem Blut getrunken. Als er endlich nach Hause kam, war die Bestie schon lange verschwunden. Sobald seine Mission im Westen abgeschlossen war, hatte er sich entschieden, allein in sein östliches Bergreich zurückzukehren und dieselbe Route zu nehmen wie die bewachten Postkarawanen. Doch er wollte nicht zusammen mit ihnen in der Sicherheit der Menge reisen. Zusätzlich zu seiner Neigung zur Einsamkeit, seinem Abscheu vor der Mehrheit der menschlichen Rasse und seinem Verlangen, durch das gemeinsame Reisen nicht aufgehalten zu werden, brauchte Achmed Zeit zum Nachdenken. Die Hitze des Spätsommers nahm allmählich ab bei seinem Ritt über die transorlandische Straße, die während der gedeihlichsten Tage des vergangenen Reiches erbaut worden war. Diese Straße teilte das Land Roland von der Küste bis zum Fuß der Manteiden, die auch als Zahnfelsen bekannt waren. Sie waren Achmeds Herrschaftsgebiet. Die zunehmende Kühle der Jahreszeit und der frische Wind verschafften ihm einen klaren Kopf und erlaubten ihm, all seine Erlebnisse zu überdenken. Die Westküste, die er hinter sich gelassen hatte, brannte noch, obwohl die Feuer zurzeit seiner Abreise nach und nach gelöscht wurden. Die Asche aus den geschwärzten Wäldern war auf dem Wind ebenfalls nach Osten gezogen, und daher waren während der ersten Reisetage Nase und Adern wund gewesen. Doch als er Bethania, den Mittelpunkt des Reiches von Roland, erreicht hatte, war der Wind klarer geworden, genau wie sein Kopf. Es gelang ihm wieder, seine Gedanken, die vom Verschwinden eines seiner beiden Freunde auf dieser Welt abgelenkt gewesen waren, auf das zu richten, was ihm in den letzten Monaten am wichtigsten gewesen war. Nun, da sich dieser Freund – genauer gesagt: diese Freundin – in Sicherheit befand, nahm die Fertigstellung seines Turms wieder sein ganzes Denken ein. Viele der Gründe, aus denen er wie besessen die Instrumente nachbauen ließ, die der Gipfel des Gurgus früher einmal beherbergt hatte, lagen in der Vergangenheit. Aber der wichtigste lag in der Zukunft. Das Klappern der Pferdehufe unter ihm war ein Lärm, der alle unwesentlichen Gedanken vertrieb. Die Panjeri-Glaskünstlerin, die ich in Sorbold angeheuert habe, hatte viel Zeit, um mit dem Lichtfänger voranzukommen. Inzwischen muss die Decke des Thrmes fertig sein, dachte der König und versuchte sich vorzustellen, wie der Gurgus bei seiner Vollendung aussehen würde. Ein Kreis aus farbigen Glasscheiben, sieben insgesamt, alle in den reinsten Farben des Regenbogens gebrannt, würde dem Gipfel bald eine Macht verschaffen, die Achmed bei seiner Lebensmission unterstützen sollte. Es ging darum, das Schlafende Kind vor den F’dor zu beschützen, jenen Feuerdämonen, die unablässig nach ihm suchten. Seit er mit der Errichtung des Turms begonnen hatte, war der Firbolg-König noch seltener als sonst zur Ruhe gekommen. Seine Besessenheit war mit Ungewissheit gepaart; von der Ausbildung und seiner früheren Tätigkeit her war er ein geschickter Mörder und Totschläger, der seit Jahrhunderten allein gearbeitet und nur die Aufträge angenommen hatte, die ihn gefesselt hatten oder seiner Aufmerksamkeit wert gewesen waren. Die Lebensumstände hatten ihn aus dem alten Land seiner Heimat fortgeführt, das nun unter den Wellen des Meeres begraben lag, und an diesen neuen und unsicheren Ort geleitet, wo er guten Nutzen aus seinem Geschick ziehen konnte. So hatte er die Herrschaft über die nur lose verbundenen, kriegerischen Stämme der Bergbewohner erlangt, indem er aus diesen Halbmenschen ein Königreich geschmiedet hatte. Unter seiner Hand und mithilfe seiner beiden Freunde hatte er aus ihnen eine standhafte Nation gemacht und ein Reich voller Stärke und entschlossener Unabhängigkeit geschaffen. Nun war er ein König. Und er war immer noch ein geschickter Mörder. Ein Mechaniker hingegen war er nicht. Als er die Pläne für den Lichtfänger tief in der Gruft des Königreiches entdeckt hatte, über welches er nun herrschte und das einst eine große, durch eigene Dummheit untergegangene Zivilisation gewesen war, war er in kalten Schweiß ausgebrochen. Er konnte die Schrift auf dem alten Pergament nicht lesen; es war in einer Sprache beschrieben, die schon in der Jugend seiner lange untergegangenen Heimat alt gewesen war. Daher war er sich der Angaben, welche die Zeichnungen und Anweisungen zum Bau der Instrumente betrafen, ebenso wenig sicher wie der Fähigkeiten des Gerätes. Er wusste nur, dass er in den Einzelheiten etwas wieder erkannt hatte, was in der alten Welt ein Apparat von unübertreffbarer Macht gewesen war; unfehlbar hatte er damals eine gesamte Bergkette vor jenen Dämonen geschützt, die nun nach dem Erdenkind suchten, welches er beschützte. Offenbar war dieses Instrument vor langer Zeit hier ebenfalls in Gebrauch gewesen. Seit seiner Entdeckung hatte er die Herausforderung verspürt, es nachzubauen. Zum ersten Mal in seinem Leben musste er sich auf Hilfe von außen und auf andere Gutachten als seine eigenen verlassen, um etwas herzustellen, das zum Teil Waffe, zum Teil Wahrsagevorrichtung und zum Teil Heilmaschine war. Und es musste im Geheimen erbaut werden, in der Hoffnung, dass er weder in die Irre geführt noch hintergangen wurde. Achmed hatte nur wenig Hoffnung und litt daher heftig. Zweifel und Sorgen plagten ihn und verbanden sich mit dem brennenden Glauben, dass allein dieser Apparat in der Lage sein würde, sein Königreich unverwundbar zu machen und nachhaltig vor den Angreifern zu schützen, die eines Tages zu seiner Vernichtung ausströmen würden. Noch viel wichtiger aber war, dass die Maschine ihm helfen würde, das Schlafende Kind vor den unsichtbaren Ungeheuern zu bewahren, die andauernd nach ihm suchten. Von seinen beiden Freunden war die eine eine lirinische Benennerin, geschult in der Musik der Worte, in uralten Überlieferungen und der toten Sprache der Zeichnungen. Die Tiefe der Magie in jenen Zeichnungen hatte sie beunruhigt, und sie hatte ihn gebeten, sich nicht mit Dingen abzugeben, die er nicht verstand. Doch am Ende waren ihre Treue und Liebe zu ihm stärker gewesen als ihre Vorbehalte, und sie hatte ihm auf seinen drängenden Wunsch hin eine kurze Übersetzung eines der Dokumente angefertigt. Es hatte ein Rätsel in Form eines Gedichts sowie das System des Farbspektrums samt einer Beschreibung der Macht aller Farben enthalten. Während des Reitens sang er das Gedicht vor sich hin und versuchte es auf diese Weise in sein Gedächtnis einzugraben, doch die Worte wollten nicht dort bleiben. Er war noch nie in der Lage gewesen, sich an Worte in der alten Sprache zu erinnern. Für eine geraume Zeit behielt er die Übersetzung der Farben im Kopf, aber auch nur dann, wenn er sich sehr anstrengte. Selbst dann war er sich ihrer nicht sicher, als ob eine ihnen innewohnende Magie ihm den Zugang absichtlich verwehrte. Rot – Blutretter, Blutgeber, dachte er und versuchte sich die Worte so vorzustellen, wie Rhapsody, die Benennerin, es ihm beigebracht hatte. An dieses konnte er sich wenigstens gut erinnern. Orange – Feuerleger, Feuerlöscher. Auch bei diesem war er sich recht sicher. Gelb – Lichtbringer, Lichtersticker? Seine Erinnerung ließ nach. Verdammt. Ich weiß es nicht mehr. Doch bald würde das keine Rolle mehr spielen. Er hatte eine Glaskünstlerin im benachbarten Königreich Sorbold gefunden, eine Panjeri-Meisterin aus einem Stamm, der in der ganzen Welt für seine Fähigkeit bekannt war, den Sand der Wüste und die Asche der Gehölze zum wunderbarsten Glas zu schmelzen und Regenbögen in fester und doch durchscheinender Gestalt einzufangen, mit denen die Fenster von Tempeln und Krypten geschmückt wurden. Er hatte ihr freie Hand gelassen und sie unter die Aufsicht von Omet gestellt, seinem besten Handwerker. Gemeinsam sollten sie die Glaskuppel des Gurgus herstellen, die später einmal, wenn sie fertig und mit der Maschine verbunden war, zum Lichtfänger werden würde. Im Stillen wagte er sogar zu hoffen, dass das Werk bei seiner Rückkehr vollendet wäre. Plötzlich zügelte er mit unbändiger Wut sein Pferd. Es war nicht nur ein kleiner Schock für ihn, als er die Regenbogenscherben erkannte, die über die Krevensfelder und zwischen dem Vorgebirge seines Reiches verstreut lagen. Langsam stieg Achmed ab. Seine wohl überlegten Bewegungen glichen denen des Reptils, von dem sein Spitzname stammte. Er ging mit abgemessenen Schritten bis zu einer Stelle, wo die Schicht aus farbigem Glasstaub etwas dicker war, bückte sich und hob einige der winzigen Scherben mit seinen Handschuhen auf, die er immer trug. Das Glas war kaum mehr als Staub, doch es enthielt noch die Farben, die er im Brennofen gesehen hatte, als er vor einigen Wochen sein Reich verlassen hatte. Achmed seufzte tief. »Hrekin!«, fluchte er laut. Er schaute aus der Hocke hoch zu den vielfarbigen Spitzen der Zahnfelsen, wo er über die Firbolg-Horden in dem Reich herrschte, das in ihrer Sprache Ylorc hieß. Gurgus, der Gipfel, in den die Buntglasfenster eingelassen worden waren, lag tiefer im Innern des Massivs hinter dem schützenden Ring des Randgebirges; daher war es unmöglich, von hier aus zu erkennen, was mit seinem Turm geschehen war. Er sah jedoch, dass der Wachtturm auf dem Grivven, einem der westlichsten und höchsten Gipfel, noch stand. Wenigstens ist nicht das ganze verdammte Reich zu Staub zerfallen, während ich fort war, dachte er wehmütig. Dafür sollte ich wohl dankbar sein. Er warf den Glasstaub wütend hinter sich, saß wieder auf und trieb sein Pferd zu einem gleichmäßigen Galopp an. Mit jedem Windstoß, der ihm über das Gesicht blies, wurde er zorniger. Sergeant-Major Grunthor, der Kommandant der vereinigten Firbolg-Streitkräfte und Achmeds einziger anderer Freund auf der Welt, überwachte eine ausgedehnte Wiederaufbaumaßnahme, die offensichtlich schon seit einiger Zeit lief, als der König in den Berg zurückkehrte. Während Achmed den inneren Korridor entlangschritt, der zum früheren Eingang des Gurgus’ führte, hörte er den Sergeanten Kommandos an die Arbeiter brüllen. Manchmal gab seine Stimme unter der Anstrengung nach, als er eigenhändig gewaltige Steinbrocken beiseite bewegte. Der Firbolg-König umrundete die letzte Ecke, blieb stehen und sah Grunthor zu. Auch der Sergeant hatte innegehalten, aber er hatte Achmed noch nicht bemerkt. Er hielt in der einen massigen Hand einen Lastschlitten mit aufgetürmten Basaltbrocken und in der anderen einen Handkarren. Der riesige Soldat holte Luft, und seine Haut, welche die Farbe alter Prellungen hatte, schimmerte vor dem Schweiß der Erschöpfung. Selbst in Ruhestellung war er ein erschreckender Anblick: siebeneinhalb Fuß Muskeln, die sich auf weitere anstrengende Arbeit vorbereiteten und nebenbei eine Brigade von Firbolg-Soldaten leiteten. Das Ausmaß der Zerstörung stellte Achmeds begrenzte Geduld auf eine harte Probe. Der König stürmte zum Ende des Ganges und blieb kurz vor dem Sergeanten stehen. »Was im Namen jedes lächerlichen bösen Gottes, der nie existierte, ist hier geschehen?« Ein hässliches Licht erhellte die bernsteinfarbenen Augen des riesigen Sergeanten. »’ne Geburtstagsfeier is’n bisschen aus dem Ruder gelaufen«, sagte er mit einer Stimme, die vor Sarkasmus troff. »Tut mir Leid. Wird nich wieder passiern.« Als Grunthor sah, wie sich die Sehnen am Hals des Königs spannten, warf er den Handkarren beiseite. »Diese Frage solltest du eher der verdammten Glasmacherin stellen, die du wegen der Turmfenster mitgebracht hast. Halt, warte. Das geht nicht.« Die Augen des Königs verengten sich in einer Wut, die von Panik gefärbt war. »Warum nicht?« Der Sergeant bückte sich, hob einen weiteren massiven Felsblock hoch und warf ihn wütend auf den Schlitten. »Weil ich dem Luder den Kopf von den Schultern geschnitten hab«, knurrte er, während der gewaltige Stein dumpf auf die anderen polterte. »Dann hab ich ihn in ’ne Kiste gestopft und zurück zur Mördergilde nach Yarim geschickt, wo sie hergekommen ist.« Er beobachtete ohne Mitgefühl, wie die Wut im Blick seines Herrschers der Erkenntnis wich. »Stimmt, die Handwerkerin, die du in Sorbold angeheuert hast, damit sie deinen verdammten Glasturm baut, hat sich als die Mutter aller Mörder und Herrin der Rabengilde herausgestellt.« Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und deutete auf die Zerstörung um ihn herum. »Das war das kleine Geschenk, das sie nur für dich hier gelassen hat. Wir finden immer noch neue Fallen und ’ne ganze Menge netter Überraschungen ...« »Was ist mit dem Kind?«, wollte Achmed wissen. Er klang, als werde er gerade gewürgt. Grunthor atmete tief aus. »Erst mal in Sicherheit«, sagte er ruhiger. Die Wut in seiner Stimme war verschwunden. »Hab jeden Zoll des Tunnels durchgekämmt bis hin zu seiner Kammer. Scheint auch eingestürzt zu sein, aber nur ’n ganz kleiner Teil. Die Mörderin hat es nicht bis da unten hin geschafft, war reines Glück. Aber wenn ich du wäre, würd ich die lächerlichen Götter, die nicht existieren, nicht so beleidigen, denn sie haben offenbar über dich Wacht gehalten.« »Unangenehmer Gedanke.« Achmed durchquerte den beschädigten Gang und hielt vor dem kleiner werdenden Schutthaufen inne. »Wie?« »Pikrinsäure. Hat sie sich anscheinend von der Gilde schicken lassen, während du fort warst. In flüssiger Form ist se ungefährlich, aber wennse trocken wird, explodiert se. Sie hat das Zeugs in das Glas der Kuppel eingeschmolzen und ’ne hölzerne Decke darüber gespannt, um die Sonne fern zu halten. Aber Shaene und Rhur die sind beide tot – haben die Abdeckung fortgezogen. Die Sonne hat’s voll getroffen, und die Hitze hat’s getrocknet. Na ja, den Rest kannste hier besichtigen.« Der Sergeant fuhr mit der Spitze seines gewaltigen Stiefels durch das Geröll auf dem Boden. »Außer der Krankheit. Die Ruhr, ’ne Menge Bolg bluten aus den Augen. Scheint ’ne Nebenwirkung zu sein.« Ohne ein weiteres Wort drehte sich der Firbolg-König um und verließ den Ort der Zerstörung. »Ach, übrigens«, rief Grunthor, während Achmed um die Ecke verschwand, »willkommen daheim.« Der Eingang des Tunnels zur Kammer des Schlafenden Kindes befand sich in Achmeds Schlafgemach, und zwar in einer Truhe am Fußende seines Bettes. Er benötigte nur einen Augenblick, um festzustellen, dass alle Schutzvorrichtungen – tödliche Fallen, die er selbst aufgestellt hatte – mit einer Kunstfertigkeit außer Kraft gesetzt worden waren, die er seit seiner eigenen Ausbildung zum Mörder durch einen unangefochtenen Meister des Fachs nicht mehr gesehen hatte. »Hrekin«, fluchte er erneut. Grunthor seufzte. »Ja, wenigstens war sie ’ne Meisterin. Ich erinner mich an das alte Land, als die Diebesgilde dir ihre Lehrlinge auf den Hals geschickt hat. Was für ’ne sinnlose Abschlachterei. Nicht mal sinnvoll für dich als Übungsziele.« Achmed erwiderte nichts darauf, sondern erhob sich von der Truhe, ging in seinen Gemächern umher und suchte nach den beinahe unsichtbaren Zeichen einer Störung. Sie waren überall. Staub, der nur ganz geringfügig aufgewirbelt worden war, die gelegentliche Umstellung eines Gegenstandes, der sich so nahe an seinem ursprünglichen Standort befand, dass es nur jemand bemerken konnte, der ein so geübtes Auge wie Achmed hatte. Auch gab es raffinierte Fallen: ein dünner Ring von Gift auf seinem Essbesteck, seinem Kamm, der Türklinke, so fein verteilt, dass man es kaum bemerken konnte, was bedeutete, dass ein Meistermörder am Werk gewesen war. Bei diesem Gedanken prickelte Achmeds empfindliche Haut vor kaltem Schweiß, denn diese Frau hatte nur wenige Augenblicke in diesem Zimmer verbracht, bevor sie entdeckt worden war. »Wenn du je wieder bemerken solltest, dass ich den Kopf verloren habe, Grunthor, dann beug mich vornüber und such in meinem Hintern danach«, sagte er düster und entfernte eine winzige Springnadel aus dem Vorderteil eines seiner Ersatzstiefel. »Er muss dann ganz tief da drin stecken.« »In Ordnung, na klar«, antwortete Grunthor mit übertriebener Unterwürfigkeit. »Ich hab ’nen Haken, mit dem du den Kopf wieder rausbekommen könntest, aber vielleicht ist er nicht lang genug.« Achmed öffnete vorsichtig die Tür zu seinen Gemächern und entging so dem haardünnen, mit Quecksilber überzogenen Draht, der unsichtbar entlang des Türpfostens angebracht war. »Hol mir einen Metallzirkel«, befahl er einem der Soldaten, die in der Halle Wache standen. »Leg ihn vor der Tür laut genug ab, damit ich es hören kann, und geh dann fort. Fass die Klinke nicht an.« Der Bolg-Soldat nickte und lief den Korridor entlang. »Lebt Omet noch?«, fragte Achmed Grunthor, während er die Tür wieder schloss. Der Bolg-Sergeant nickte. »Sie hat ihn vergiftet und zum Sterben liegen gelassen, aber Rhur und Shaene haben ihn gefunden und in den Turm gebracht.« Bei diesen Worten verdunkelten sich die verschiedenfarbigen Augen des Bolg-Königs in seinem pockennarbigen Gesicht. »Haben sie den Schutz über der Turmkuppel deswegen entfernt? Sie haben versucht, den Lichtfänger zu benutzen? Um Omet zu heilen?« Grunthor nickte angespannt. Achmeds Bewegungen wurden langsamer. Er fuhr sich mit der behandschuhten Hand über den Mund und dachte nach. »Und du sagst, dass Omet noch lebt?« »Jawoll.« Der Bolg-König hob ruckartig den Kopf. »Wie lebendig ist er? Ist er verkrüppelt oder dem Tode nahe?« Grunthor seufzte. Er presste die Kiefer so fest aufeinander, dass die Stoßzähne über die aufgeworfenen Lippen ragten. »So gut wie neu«, sagte er schließlich. »Als ob es nie passiert war.« Achmed stand reglos da und sann nach. Er war so konzentriert, dass selbst sein Atemholen unsichtbar geworden war. Grunthor sah, wie sich die Erkenntnis zuerst über sein Gesicht und dann über den ganzen Körper ausbreitete. »Es hat funktioniert«, sagte der König schließlich. »Der Lichtfänger hat richtig gearbeitet – oder wenigstens der Teil, der für die Heilungen verantwortlich ist, also die rote Sektion.« »Man sollte glauben, dass die orangefarbene Sektion genauso gut funktioniert hat«, murmelte der riesige Bolg. »Sie hat das Feuer entzündet, das dieses ganze verdammte Ding in die Luft gejagt hat.« In der Halle ertönte ein metallisches Klappern, gefolgt von rasch davoneilenden Schritten. »Es hat funktioniert«, wiederholte Achmed. »Du wirst die Bedeutung dessen noch nicht erkennen, Grunthor, aber ich kann dir versichern, dass es vollständig funktionieren wird, wenn wir es reparieren können, und dann haben wir einen Schutz für Ylorc und das Kind, der nicht seinesgleichen hat.« Er schenkte den rollenden Augen des Sergeanten keine Beachtung, sondern ging zur Tür und öffnete sie sorgsam. Er hob den Metallzirkel auf, der auf dem Steinboden lagen, und schloss die Tür wieder. »Jetzt will ich erst einmal das Erdenkind sehen«, sagte er. Während sie den grob behauenen Tunnel entlangliefen, der von der Truhe am Fußende von Achmeds Bett zu der Kammer führte, in welcher das Erdenkind schlief, roch Achmed immer noch ganz leicht den Rauch aus der Schlacht, die vor vier Jahren zum Schutz des Kindes geführt worden war. Für jede andere Nase wäre dieser Geruch nicht wahrnehmbar gewesen, doch Achmeds Geruchssinn und seine Kehle waren genauso empfindlich wie seine bloßliegenden Adern und Nerven. Diese seltsame Anatomie, die ihm von seiner dhrakischen Mutter und seinem unbekannten Bolg-Vater vererbt worden war, stellte für ihn sowohl einen Fluch als auch ein Segen dar. Sie verschaffte ihm Warnungen vor Gefahren, die sonst keiner bemerkte, und die Erinnerung an Dinge, die andere schon lange vergessen hatten. Sogar Grunthor. Während des Abstiegs warf er einen Blick auf den Sergeant-Major und bemerkte das ausdruckslose Gesicht seines Freundes im kalten Licht ihrer Laternen, die aus glimmernden, in den Tiefen des Berges gefundenen Kristallen bestanden. Grunthor lauschte dem Lied der Erde, das nur er hören konnte. Was immer es für ein Lied war, es machte ihn wachsam und angespannt, doch er verspürte nicht denselben Schrecken, den Achmed jedes Mal fühlte, wenn er diesen Ort betrat. Wann immer sie in die Trümmer des Loritoriums hinabstiegen, des Grabes tief im Innern des Berges, wo das Erdenkind schlief, wurde der Bolg-König von erschreckenden Erinnerungen an die Schlacht heimgesucht, die sie in der Nähe geführt hatten. Die F’dor hatten eine der Wurzeln des Weltenbaumes zersetzt und waren an ihr entlang durch die Kruste der Erde geglitten, vorbei an den Wachttürmen und Bollwerken, die er und Grunthor so sorgfältig errichtet hatten. Sie waren bis in das Herz der Bergkette vorgedrungen – in die verborgene Kammer, in der das Kind seit Jahrhunderten schlummerte. Es hatte keine Warnung gegeben, außer den Albträumen des Kindes. Und das Kind konnte nicht sprechen, konnte ihnen nicht sagen, was da auf es zukam. Achmed beschleunigte seine Schritte, als sie sich der Kammeröffnung näherten. Er rannte durch den roh behauenen Eingang und kletterte geschwind über die Barrikade aus Felsen und lockerem Gestein, die das letzte Bollwerk vor dem beschädigten Loritorium darstellte. Er hielt den Atem an, als er den Schotterberg hinaufstieg. In der Ferne sah er es. Es schlief. Achmed seufzte leise und nickte Grunthor zu, der ihm über den schlüpfrigen Geröllhaufen nachstieg. Gemeinsam gingen sie hinüber zu dem Altar aus Lebendigem Gestein, auf dem das Mädchen schlummerte. Sie schauten hinunter auf das Erdenkind; ihre Augen suchten nach Veränderungen seit dem letzten Mal, als sie es gesehen hatten. Ein eisiger Lufthauch senkte sich gleichzeitig auf die beiden nieder. »Sie vertrocknet«, flüsterte Grunthor. Achmed nickte. Er zog den Metallzirkel hervor und maß vorsichtig den Körper, der einmal größer als sein eigener gewesen war. Das Kind hatte ein wenig von seinem glatt polierten Fleisch verloren, das früher die lebendigen Farben der Erde getragen hatte: Grün und Braun, Zinnoberrot und Purpur. Es waren gewundene Bänder aus Farbe gewesen, die nun unter der silbergrauen, durchscheinenden Haut verblasst waren. Wie viel es verloren hatte, war ungewiss, doch wenigstens hatte er nun einen Vergleichs wert. Zögernd streckte er die Hand aus und legte sie auf das Haar des Erdenkindes, das brüchig wie strohiges Gras am Ende des Sommers war. Die Haarwurzeln waren golden wie reifer Weizen – ein Zeichen dafür, dass die Erde, aus der das Kind hervorgegangen war, sich auf die Erntezeit vorbereitete, bevor sie in den Schlaf des kommenden Winters fiel. Doch unter den grasähnlichen Locken lagen schwarze Strähnen wie Unkraut, entweder vom Feuer verbrannt oder von Gift versengt. »Nein«, flüsterte Achmed. »O Götter, nein!« »Glaubst du, sie ist krank?«, fragte Grunthor besorgt und suchte mit seinen Blicken die leere Gruft ab. Achmed gab keine Antwort. »Lass mich mal sehen.« Der Bolg-König trat benommen beiseite, während sich der riesige Sergeant dem Katafalk mit dem Schlafenden Kind näherte. Er sah zu, wie Grunthor nachdenklich auf es herunterschaute. Der Riese war genauso mit der Erde verbunden wie der König, noch mehr sogar, denn seine Verbindung mit ihr war vor langer Zeit geschmiedet worden. Die Erde sprach zu seinem Blut. Manchmal war es nur ein flüchtiger Eindruck, den Grunthor aus dieser Verbindung gewann, ein Bild in seinem Kopf, das er dem Bolg-König nie in Worten mitteilen konnte. Aber das war auch nicht nötig. Achmed konnte den Ernst der Botschaft jeweils an Grunthors Gesichtsausdruck ablesen. Er sah nervös zu, wie der Riese eine Hand ausstreckte und sie sanft auf den Bauch des Kindes legte. Sie ruhte auf der Daunendecke, mit der Rhapsody es vor vielen Jahren zugedeckt hatte. Das Gesicht des Kindes war vom selben polierten Grau wie immer, als sei es aus Stein gemeißelt, doch Achmed spürte eine krank machende Benommenheit, als er bemerkte, dass an der Stirn des Mädchens kleine schlammige Rinnsale herunterliefen. Es wirkte, als schwitze es im Fieber. Der Atem, kaum sichtbar im Schlaf, war unregelmäßig. Beim Einatmen war ganz leise ein Schnaufen zu hören, das gewiss nichts Gutes für die Gesundheit bedeutete, falls ein uraltes Wesen, das aus Lebendigem Stein gebildet war, so etwas wie Gesundheit haben konnte. Lass das, was in der Erde schläft, ungestört ruhen; sein Erwachen kündigt von ewiger Nacht, hatte einst über dem Eingang zu ihrer Kammer gestanden. Die Buchstaben waren mannshoch gewesen, wie um ihre Bedeutung hervorzuheben. Ob sich diese Prophezeiung auf das Kind selbst bezog oder auf noch schrecklichere Dinge, die in der Erde schlummerten, wusste Achmed nicht. Aber da er einige dieser Dinge mit eigenen Augen gesehen hatte, war ihm klar, dass die friedliche Ruhe dieses Wesens nicht nur für seine eigene Sicherheit und die seiner Untertanen, sondern für die ganze Welt von enormer Bedeutung war. Und nun zuckte das Kind, drehte sich leicht von einer Seite auf die andere, als wolle es bald erwachen. Achmed dachte an den Tag vor beinahe vier Jahren, als er das Mädchen zum ersten Mal gesehen hatte. Es war ihm von der Großmutter gezeigt worden, einer uralten dhrakischen Frau, die seit Jahrhunderten allein mit dem Kind gelebt und es bewacht hatte. Sie war die letzte Überlebende einer Kolonie aus dem Volk seiner Mutter gewesen, die ihr Leben für die Rettung und den Schutz des Kindes hingegeben hatte. Unter dem wachsamen Blick der Wächterin hatte er auf die bemerkenswerte Kreatur hinuntergeschaut und bemerkt, dass ihre Züge zugleich rau und sanft waren, als ob das Gesicht mit stumpfem Werkzeug gemeißelt und danach ein ganzes Leben lang sorgfältig poliert worden sei. Er hatte sich über ihre Augenbrauen und Lider gewundert, die wie aus trockenen Grashalmen gemacht schienen und zu ihren faserigen, Weizengarben gleichenden Haaren passten. Sie ist ein Kind der Erde, geformt aus Lebendigem Gestein, hatte die Großmutter in ihrer summenden Sprache gesagt. Bei Tage und bei Nacht, zu allen Jahreszeiten schläft sie. Sie war schon vor meiner Geburt hier. Ich bin verpflichtet, sie zu bewachen, bis der Tod mich holt. So muss es auch bei dir sein. Er hatte diesen Befehl ernst genommen. »Nun?«, fragte er leise, als er seine Sorgen nicht mehr unterdrücken konnte. »Was geschieht mit ihr?« Grunthor seufzte und trat so weit von dem Katafalk zurück, dass das Kind ihn nicht hören konnte. »Sie blutet sich zu Tode«, sagte er. Scheinbar endlos warteten sie zusammen in der Dunkelheit, in der noch der Rauch der vergangenen Jahre hing. Sie wachten über das Schlafende Kind und suchten nach einem Grund für sein Welken. Weil Grunthors Adern ebenfalls mit der Erde verbunden waren und sein Herz im gleichen Rhythmus wie das ihre schlug, versuchte er die Quelle ihrer Auflösung zu ermitteln, indem er schweigend mit ihr in Verbindung trat, doch er entdeckte nichts als ein schmerzhaftes Gefühl schlimmen Verlustes. Schließlich trat er zurück und schüttelte traurig den massigen Kopf. »Vielleicht versuchst du’s einmal«, schlug er Achmed vor, der neben dem Katafalk des Kindes hockte, die Ellenbogen auf die Knie gestützt hatte und die Hände vor die verhüllten Lippen hielt. »Kannst du deine Blutgabe einsetzen?« Nun schüttelte auch der Bolg-König den Kopf. »Sie ist schon lange versiegt«, murmelte er leise, weil er das Erdenkind nicht stören wollte. »Die Gabe tritt nur noch sporadisch auf. Sie hilft ausschließlich bei denen, die in Serendair geboren wurden. Während ich nicht in der Lage bin, dem Kind zu helfen, pocht der Herzschlag eines jeden lebenden Cymrers noch immer deutlich in meinem Kopf, und du weißt, wie sehr ich diese Idioten liebe. Diese Ironie macht mich krank. Die Götter lachen sich bestimmt kaputt darüber.« Der Sergeant-Major stieß scharf die Luft aus. »Ja? Dann sollen sie sich doch kaputt lachen. Was jetzt?« Achmed stand auf und legte seine Hand auf die des Erdenkindes. Er beugte sich über sie, strich ihm die grasigen Haarsträhnen aus der verschwitzten Stirn und hauchte einen Kuss darauf. »Mach dir keine Sorgen«, flüsterte er. »Wir halten Wacht. Wir werden herausfinden, wer dir das antut, und wir werden es unterbinden.« Er drehte sich um und ging in die Dunkelheit, zurück zu der Barriere aus Schutt und dem Tunneleingang. Sobald sie außer Hörweite waren, sprach er die letzten vier Worte für diese Nacht. »Ruf die Archonten zusammen.« Die Drachin lag still, als der Tag kam und der erfrorenen Welt um sie herum Licht, aber keine Wärme brachte. Als die Nacht dem Tag folgte, wiederholte sich der Kreislauf. Ihr gebrochener Verstand heilte allmählich, fand wieder zu sich, obwohl sie noch immer nicht ihre Gestalt begriff und sich nicht erinnern konnte, wieso sie so fern von diesem Ort kalter Klarheit in einer Höhle aus Rauch und Asche eingesperrt gewesen war. Als sie hier angekommen war, hatte sich die Welt bereits im Griff des Herbstes befunden; nun kündigte der Winter mit frühen und bitterkalten Winden sein Nahen an. Obwohl sie noch keine Klarheit über sich erlangt hatte, sagte ihr Instinkt, sie müsse rasch einen warmen Unterschlupf finden, denn sonst werde sie sterben. Unter großen Anstrengungen hob die Bestie den Kopf, wuchtete sich auf die Unterarme und kroch über die Erde, so wie sie zuvor durch die Erde gekrochen war, über den frostglatten Boden und die endlose, von trockener Vegetation betupfte Ebene bis zum Ufer eines beinahe zugefrorenen Sees. In der Ferne meinte sie Rauch aus ihm aufsteigen zu sehen, doch aller Wahrscheinlichkeit nach waren es nur Eiskristalle, die der scharf über die Tundra wehende Wind aufgestöbert hatte. Nachdem sie sich unter Schmerzen einen Weg durch das Dickicht am Ufer gebahnt hatte, streckte sie zögerlich eine Hand aus und berührte die Wasseroberfläche. Sie wollte herausfinden, ob der See bereits gefroren war und ihr Gewicht tragen konnte. Die spiegelähnliche Oberfläche, die noch nicht vollständig zu Eis geworden war, warf ein Bild zurück, das ihr die Luft abschnürte. Keine Hand spross aus dem Gelenk, sondern eine rotgoldene und mit Schuppen besetzte, verkrümmte Klaue, die in grausamen Krallen endete, von denen einige rasiermesserscharf, andere abgebrochen waren und eine fehlte. Sie wurden von Knochen zusammengehalten, die nichts entfernt Menschliches mehr an sich hatten. Die Bestie prallte vor Entsetzen zurück. Die große Klaue verschwand und hinterließ Kräuselungen im gefrierenden Wasser. Der noch benommene Verstand der Drachin kämpfte gegen das an, was sie gesehen hatte, doch in ihrem Innern setzte Begreifen ein. Langsam kroch sie vorwärts, stärkte ihre Entschlossenheit und schaute hinunter auf das Wasser. Teilweise verborgen von Weidengestrüpp und Farnkraut, erblickte sie ein Gesicht, das zwar eine Saite ihrer Erinnerung berührte, welches sie aber nicht als ihr eigenes erkannte. Sie riss die Büsche auseinander und sah erneut hin. Dann stieß sie einen Schrei der Wut aus, ein lang gezogenes, anhaltendes Heulen, das zur Verzweiflung gerann und den Schnee in großen, weißen Massen von den Berghängen trieb. Als sie sich dazu zwingen konnte, erneut hinzusehen, waren ihre Augen voller ungeweinter Tränen. Vergangen war ihre stolze Schönheit. Sie war eine hübsche Frau gewesen, hatte die große, statuenhafte Gestalt ihres Vaters geerbt und auch seine goldfarbene Haut. Die spannenden Züge ihres Gesichts, das unzählige Gemälde bei Hofe inspiriert sowie Statuen und Münzen als Vorbild gedient hatte, war ebenfalls verschwunden und durch die scheußlichen Umrisse einer Bestie, eines Drachen ersetzt worden, wie ihre verachtete Mutter einer gewesen war. Die Drachin starrte weiterhin ihr Gesicht an und war in Unglauben und Entsetzen gefangen. Nase und Mund verengten sich zu einer schlangenähnlichen Schnauze, die Haut war zu roten Schuppen geworden, die im Licht metallisch glänzten und Spuren von Schwarz und Kupfer aufwiesen, an den Rändern gehörnt waren und schwimmhautartige Schwingen ausbildeten, von denen eine zerfetzt war und schlaff am Rücken herunterhing. Nur die Augen waren noch so wie früher: brennende blaue Augen, die einen Mann mit einem einzigen Blick dem Erdboden gleichzumachen vermochten und so zwingend waren, dass sie mit ihrem Blick beinahe jede Seele verzaubern, versklaven oder verführen konnte. Als sie nun ihr Spiegelbild in dem halb gefrorenen See anschaute, flössen diese zwingenden blauen Augen vor Kummer über. Die Felsen, auf welche ihre Tränen fielen, glitzerten golden im Sonnenlicht und würden für alle Zeiten so bleiben. Die Drachin schüttelte sich heftig, als ob sie so den Körper abwerfen könnte, in dem sie gefangen war. Sie versuchte mit Willenskraft, ihre alte Gestalt wiederzubekommen, und endete schließlich dabei, ihre Haut mit den scharfen Krallen zu zerfleischen und grausame Wunden in ihr eigenes, dickes Fleisch zu schlagen. Doch es war alles umsonst. Das Feuer, das sie getroffen und ihr Bewusstsein seit ihrem Erwachen heimgesucht hatte, war von den Sternen gekommen, dem Element des Äthers, gereinigt in der lebendigen Flamme. Die Gestalt, die sie nun aus freiem Willen so sehr verletzt hatte, war auf immer und ewig ihre eigene. Alles Menschliche war für alle Zeit durch eine Macht aus ihr getilgt worden, die älter als ihre eigene war. Ihr drehte sich der Magen um, und sie erbrach ätzende Flammen, deren Feuer seinen Ursprung in den Brandherden hatte, die nun ein Teil ihrer Eingeweide waren. Das Gebüsch entzündete sich, knisterte, wurde sofort schwarz und erfüllte die Luft mit trägem Rauch. Als helles Blut in Streifen und Flecken auf den Frostboden fiel, verwandelte sich der Kummer der Drachin in Wut. In gewisser Weise gefiel ihr die versehentliche Vernichtung des Buschwerks und linderte ihren Schmerz ein wenig. Sie holte tief Luft, atmete wieder aus und ließ es zu, dass sich ihr Zorn in ihrem Atem entlud. Eine wogende Welle aus orangefarbener Hitze rollte über die frostige Ebene, schmolz den Schnee und versengte die kleinen Bäume. Überall um sie herum schwelte die Landschaft. Zerstörung, flüsterte es in ihren immer noch nicht völlig klaren Gedanken. Zerstörung lindert den Schmerz ein wenig. Das war eine leicht einzunehmende Medizin. In der Ferne erfühlte sie den Ort, der ihr Nest gewesen war. Er rief sie von Westen her. Die Drachin war zu müde, um über die Folgen ihrer neuen Gestalt nachzudenken. Sie schleppte sich auf den Ort zu, an dem sie Antworten zu finden hoffte. Und Ruhe, die ihr zu neuer Stärke verhelfen würde. 3 Fischerdorf bei Jeremias’ Landung — Avonderre Als der Fischer Kail Faron am Strand entdeckte, glaubte er zunächst, er sei bloß über ein dickes Knäuel Seegras gestolpert, das eines der Priele verstopfte. Nach eingehenderer Untersuchung merkte er, dass das, was ihn schließlich an einen großen Tintenfisch oder eine Qualle denken ließ, in Wirklichkeit eine groteske Masse farbloser Haut war, die an einem Knochengerüst hing, das keine Ähnlichkeit mit einer menschlichen Gestalt hatte. Doch der Kopf erinnerte entfernt an den eines Kindes. Die Augen waren geschlossen, die Lippen vorn zusammengenäht, und schwarzes Wasser tropfte aus den Mundwinkeln. Zuerst hatte der Fischer es mit einem Brett totschlagen und den Katzen zum Fraß vorwerfen wollen. Er hätte es getan, wenn ihm nicht aufgefallen wäre, dass sich die flache Brust noch hob und senkte. Bächlin, sein Gefährte, der die Netze säuberte, sah, wie er vor Abscheu zurückprallte, und rief vom Pier aus: »Was ist denn los?« Kail zuckte die Schultern. »Hier ist was aus einem Albtraum!«, brüllte er zurück. Bächlin wischte sich den Schleim an der Hose ab und kam zu Kail herüber, der noch immer auf die Masse starrte, die sich am Ende des Priels im Seetang verfangen hatte. »Lieber All-Gott«, sagte er und beschirmte die Augen. Die Kreatur lag totenstill in dem stinkenden Wasser. Nur die schwache Bewegung der platten Nasenflügel und das sanfte Heben und Senken der Brust deuteten an, dass sie noch lebte. Die blasse, leicht goldene, aber von der Sonne ausgebleichte Haut hing lose über einem Skelett, dessen Missbildungen selbst unter all dem Seegras deutlich erkennbar waren. »Glaubst du, es lebt?«, fragte Bächlin nach kurzer Zeit nervös. Kail nickte schweigend. Vorsichtig hob Bächlin ein Ruder auf und entfernte ein wenig Seetang von der Kreatur. Beide Männer zuckten zusammen, als mehr von ihrem Körper ans Licht kam. Verdrehte Glieder, die nicht aus Knochen, sondern aus Knorpel zu bestehen schienen, standen in unmöglichen Winkeln vom Rumpf ab. Das Geschöpf lag auf der Seite und war fast nackt. Die zerrissenen Überreste von Stoff, die einen Teil seines Körpers bedeckten, wölbten sich an einigen Stellen leicht vor und deuteten sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale an. Bächlin fluchte erneut und warf den Seetang ins Meer. »Eine Missgeburt, das ist es. Eine Laune der Natur«, sagte er. Er konnte nicht wissen, wie wenig die Natur mit dem zu tun hatte, was da in dem Priel vor ihm lag. »Zum Teil Qualle, zum Teil Mensch oder was Ähnliches.« »Oder vielleicht zum Teil eine Frau«, bemerkte Kail und deutete auf die Knospen, die Brüste zu sein schienen. »Pech drüberschütten und anzünden«, murmelte Bächlin. »Ich hab was im Boot.« Kail schüttelte nachdenklich den Kopf. »Nee«, meinte er schließlich. »Vielleicht können wir daran eine oder zwei Kronen verdienen. Der Fang heute war mies.« »Eine Krone verdienen? Bist du verrückt, Mann? Wer will denn so was essen?« »Nicht essen, du Dämel!«, erwiderte Kail verächtlich. »Wir könnten es einem vorbeiziehenden Zirkus oder einem Monstrositätenkabinett anbieten – die kaufen solche Missgeburten. Vor etwa zwei Wochen war eins oben an der Küste bei Windreich.« Bächlin warf einen Blick die Küste hoch, wo der Rauch aus den erst kürzlich gelöschten Waldbränden noch in der Luft hing. Bis vor wenigen Nächten hatte die gesamte Westküste unter stinkender Hitze gelegen. Ätzende Flammen, die den unmissverständlichen Stempel des Bösen getragen hatten, waren über das Land hinweg gezogen. Nun, da die Feuer erstickt waren, kehrten einige der evakuierten Dorfbewohner zurück und durchstöberten die verkohlten Überreste ihrer Häuser am Wasser und in dem versengten Wald. Es lag eine beunruhigende Stille in der Luft, als ob die Küste auf die nächste Welle der Zerstörung wartete. »Wenn sie in Windreich waren, sind sie vermutlich zusammen mit den anderen Flüchtlingen nach Osten Richtung Bethania gegangen«, sagte er und stieß vorsichtig mit dem Ruder gegen das Geschöpf. »Dieses Ding würde es nie so weit schaffen.« »Ja, scheint so was wie’n Fisch zu sein«, stimmte Kail ihm zu. »Ein Fischjunge.« »Oder Mädchen.« »Brr. Na ja, die Leute, die mit diesen Seltsamkeiten und Missgeburten handeln, könnten Verwendung dafür haben, was immer es sein mag – lebend oder tot. Ich hole das Netz. Wir ziehen es aus dem Priel und legen es in den Wagen. Wir sollten auch unsere paar gefangenen Fische räuchern und sie nach Bethania karren. Da verkaufen wir unsere Waren und besorgen das Seil und was wir sonst noch in der nächsten Zeit brauchen, und während wir da sind, suchen wir nach dem Monstrositätenkabinett. Dieses Ding nimmt uns nicht viel Platz im Wagen weg.« Bächlin seufzte. »Wenn du meinst«, sagte er zweifelnd. »Aber ich glaube, wir müssen es feucht halten. Sonst überlebt der Einzigartige Schreckliche Fischjunge den Weg nach Bethania nicht. Ob tot oder lebendig, er wird anfangen zu stinken. Vielleicht stinkt er weniger, wenn wir ihn am Leben erhalten.« Kail, der schon auf dem Weg zum Boot war, kicherte bei dieser Vorstellung. Faron wurde von einem heftigen Stoß ins Bewusstsein zurückgeschleudert, als das Karrenrad in eine tiefe Straßenfurche geriet. Das Geschöpf öffnete ein großes, fischartiges Auge, das von milchigem grauem Star überzogen war. Es war so schwach, dass es nicht einmal unter den Schmerzen zusammenzuckte. Die Mittagssonne badete seine brüchige Haut in Licht und Hitze, was Blasen auf seinem Körper hervorrief. Es schloss das Auge wieder und seufzte, während es den Atem ausstieß. Faron war bereits so geschwächt und krank, dass für seinen umwölkten Verstand der Tod gar nicht schnell genug kommen konnte. Obwohl Faron sein ganzes Leben lang in einem ungeheuerlichen, schlecht funktionierenden Körper eingekerkert war, war sein Verstand zwar einfach, aber scharf, und obwohl er dem Tod so nahe war, erkannte er doch die Erschütterungen, die durch das Wasser an seine hoch empfindlichen Trommelfelle drangen, als Stimmen, wenn auch als unvertraute. Unwillkürlich erschauerte das Geschöpf und versuchte zu begreifen, was geschehen war. Seit seiner Geburt war Faron in Dunkelheit in einem Teich aus glimmerndem grünem Wasser gehalten worden. Deshalb begriff er nur wenig von der äußeren Welt, auch wenn ihm sein Vater abends bei seinen Besuchen, während denen er seinen Sohn mit Meeresaalen gefüttert hatte, von ihr erzählt hatte. Farons Vater war zärtlich zu ihm gewesen, obwohl er manchmal Ausbrüche von Grausamkeit und Zorn gehabt hatte. Faron liebte ihn so sehr, wie ein unterentwickelter Geist lieben konnte, und fühlte sich in seiner Abwesenheit hilflos – so hilflos, dass ihm nach dem Verlust seines Vaters der Tod willkommen war. Faron rollte sich noch etwas enger zusammen und wünschte das Ende herbei. Die Sonne brannte auf seinen Nacken. Und mitten in den Qualen spürte er eine weitere Quelle der Schmerzen. Benommen versuchte sich Faron auf die scharfen Kanten zu konzentrieren, die ihm zwischen den arthritischen Fingern ins Fleisch und in die herabhängenden Bauchfalten schnitten. Mit letzter Kraft streckte Faron einen Ellbogen aus und brachte die weichen Knochen, die gewöhnlich der Unterarm gewesen wären, nahe an die fischartigen Augen in seinem Gesicht. Er öffnete die Augen zu kleinen Schlitzen, um sie vor dem Sonnenlicht zu schützen. Der schrecklich missgestaltete Mund mit den in der Mitte geschlossenen Lippen, die an den Mundwinkeln aufklafften, kräuselte sich leicht zum Schatten eines Grinsens. Die Schuppen waren noch da. Eine steckte im Fleisch zwischen seinen Fingern, die anderen hatten sich in die Falten über seinem Bauch gegraben, wo sie versteckt worden waren. Faron öffnete die ersten beiden Finger der Hand vor seinen Augen gerade so weit, dass er sehen konnte, was sie hielten. Die Sonne glitzerte in dem unregelmäßigen grünen Oval und bündelte sich in ihm, sodass der Mittelpunkt wie das Licht in einer Schneise aufleuchtete, während die ausgefransten Ränder der Schuppe kalt und dunkel wie das Innerste des Waldes blieben. Das versagende Herz der Kreatur tat einen Satz. Faron spähte in die Schuppe und kämpfte dabei gegen die stechenden Strahlen der Sonne an. Dann drehte er die Schuppe sacht, damit das Licht in Kräuselungen über die leicht eingekerbte Oberfläche lief. Auf der Schuppe bildete sich ein hauchdünner Überzug. Ihre Oberfläche leuchtete vielfarbig wie ein Nebelschleier, hinter dem ein kühler und üppiger Wald zu locken schien. Als das Geschöpf sicher war, welche Schuppe es in der Hand hielt, lächelte es. Es war die Todesschuppe. Seit sich die Kreatur das Lesen der Schuppen beigebracht hatte, wusste sie, wie sie die Zukunft aus ihnen erkennen konnte. Früher war Faron oft verwirrt gewesen, wenn er in der kühlen, köstlichen Dunkelheit seines sicheren Hafens die Schuppen für seinen Vater hatte lesen müssen. Die Bilder, die er in ihnen gesehen hatte, hatten ihn verblüfft. Zum Glück war die Todesschuppe leicht zu verstehen. Faron hielt die Schuppe schräg und spähte in sie hinein. Die Welt um die Schuppe herum zerschmolz und wurde von Dunkelheit ersetzt. Das Leben, wie Faron es kannte, war nun begrenzt auf das kleine Oval zwischen den ausgefransten Rändern der Schuppe. In einem Rahmen vollkommener Schwärze summte die Wahrsageschuppe vor Kraft und wirkte wie die dunkelgrüne Iris eines gewaltigen Auges. In ihrem Mittelpunkt erkannte Faron den Wald mit der sonnenlosen Lichtung darin, welche die Todesschuppe immer zeigte. An diesem Ort sang kein Vogel; es herrschte eine Stille, die nicht einmal vom Atem des Windes durchbrochen wurde. Faron wartete. Er bemerkte weder die Schlaglöcher der Straße noch die heftige Sonne auf seiner Haut. Nach einigen Augenblicken bildete sich in der Lichtung eine durchscheinende Gestalt, wie aus dem Nebel selbst geformt. Es war die Gestalt eines blassen Mannes, gekleidet in Roben aus Grün, die mit dem Wald hinter ihm verschmolzen. Seine Augen, schwarz und verzehrend wie die Leere selbst, wurden von dichten, mächtigen Brauen gekrönt, die als Einziges fest und greifbar zu sein schienen und hoch zum schneeweißen Haar führten. Es handelte sich um Yl Angaulor, den Fürsten Rowan, den die Menschen die rechte Hand der Sterblichkeit nannten. Er war die friedvolle Verkörperung des Todes. Trotz seines ernsten Aussehens hatte Faron Yl Angaulor nie gefürchtet. Das Geschöpf beobachtete gebannt, wie Fürst Rowan langsam den umwölkten Kopf schüttelte und dann in dem Nebel verschwand, aus dem er gekommen war. Die Todesschuppe wurde dunkel. Faron schloss die Augen, als die Hitze des Tages zurückkehrte. Nicht für mich, dachte das Geschöpf in seinem Halbbewusstsein. Ich sterbe jetzt nicht. Eine einzelne ätzende Träne quoll unter dem stark geäderten Augenlid hervor und brannte, als sie niederfiel. Der Schnee dämpfte das Licht der Sonne, die über dem Rand der Welt hing und innehielt, als überlege sie sich noch, ob sie untergehen solle. Mit letzter Kraft zog sich die Bestie aus dem Abgrund hoch und über die eisbedeckten Bollwerke, welche die Berge in weiten, gefrorenen Ringen überzogen. Auf dem flachen, kalten Boden außerhalb der Mauern ruhte sie aus. Das Wort, das sie angetrieben, das den Schlaf zerstreut hatte, der an den Rändern ihres Bewusstseins lauerte, und um dessentwillen sie die Taubheit ihrer Glieder bekämpft hatte, hallte immer lauter in ihrem Kopf wider. Heimat. Müde neigte sie ihr Haupt; das dreikammerige Herz schlug laut. Über ihr in der schneegeschwängerten Luft reichte ein Schloss bis in die Wolken. Es war aus Marmor erbaut und seit langer Zeit mit einer so dicken Eisschicht bedeckt, dass es den Eindruck erweckte, als sei es aus Eis geformt. Die drei Türme erhoben sich in stolzer Pracht unangefochten bis zum Winterhimmel. Heimat. Heimat. Heimat. Die Drachin öffnete langsam die Augen. Die senkrechten Pupillen, welche die brennend blaue Iris kerbten, zogen sich im letzten Licht der späten Nachmittagssonne zusammen und tranken förmlich den Anblick der riesigen Festung. Mit diesem Bild kam die Erinnerung zurück. In den dunklen Ecken ihres umwölkten Verstandes lagerten die einzelnen Teile dieser Erinnerung ohne einen Zusammenhang. Nun aber schienen sie langsam aufeinander zuzukriechen und ein klareres Bild zu ergeben. Die erste Erinnerung, die zurückkehrte, war sehr alt. Es war der Anblick des Schlosses, wie sie es zum ersten Mal nach ihrer Verbannung gesehen hatte. Sie hatte den Eindruck, einmal eine Königin oder wenigstens eine wichtige Frau gewesen zu sein, denn obwohl sie von jemandem, an dessen Gesicht sie sich noch nicht klar entsinnen konnte, zum Rand der eisigen Abhänge geführt und dort für alle Zeit allein gelassen worden war, war sie aufrecht und erhobenen Hauptes geblieben. Als die Drachin hoch zu den himmelwärts strebenden Türmen schaute, deren Fenster so dick mit Eis überzogen waren, dass das Sonnenlicht nie wieder durch sie dringen würde, kehrten weitere Bilder zurück. Sie erinnerte sich nun an die einsamen Jahre in den höhlenartigen Hallen hinter den Toren, an die Stille in ihrem marmornen Gefängnis, die nur von den Echos ihrer eigenen Schritte und dem Knistern der Feuer durchbrochen wurde, welche in den gewaltigen Kaminen brannten. Jedes Jahrhundert, jedes Jahr, jeder Tag, ja sogar jede Stunde kehrten allmählich zurück. Ihr Drachenblut geriet mit jedem Herzschlag in größere Aufruhr, als sie sich an die winzigsten Einzelheiten erinnerte, wie es nur einem Drachen möglich war, und es quälte sie so, wie es nur einen Drachen quälen konnte. Sie haben mich an diesen Ort verbannt, dachte sie verbittert. Nun brannte eine Wut in ihrem Blut, an deren Ursprung sie sich noch nicht erinnern konnte. Sie haben mich allein in den kalten Bergen zurückgelassen, mit nichts als meinen Erinnerungen. Und nun hat mir jemand sogar diese genommen. Bei diesem Gedanken formte sich ein weiteres Bild in ihrem Kopf. Es war ein Gesicht, das Gesicht einer Frau, das sie jedoch noch nicht vollständig erkennen konnte. Einer Frau mit goldenen Haaren und smaragdgrünen Augen; alles andere war noch undeutlich. Am Rande des Drachenbewusstseins entzündete sich wieder das Feuer des Hasses. Sie wusste noch nicht, wer diese Frau war oder warum ihr eigenes säurehaltiges Blut bei dem Gedanken an sie kochte, doch sie wusste, dass die Erinnerung daran irgendwann zurückkommen würde. Als sie kam, schwor die Drachin, dass all das unverbrauchte Feuer, all der unterdrückte Hass sich in einer donnernden Wut entladen werde, welche die Grundfeste der Welt erschüttern, das endlose Eis zu grauem Staub zermalmen und sogar die Marmormauern des Gefängnisses aufbrechen würde, das ihre Heimat und ihr Nest war. Die Bestie kroch weiter auf das Schloss zu und suchte Schutz vor der hereinbrechenden Nacht. 4 Haguefort — Navarne Gwydion Navarne wartete besorgt in dem reich ausgestatteten Korridor vor den Türen der Großen Halle von Haguefort, der rosenfarbenen Steinburg, die sein angestammtes Heim war. Seine sechzehn Lebensjahre waren vom Verlust seiner Mutter und danach seines Vaters und von einigen Beinahe-Verlusten bestimmt. Daher war er immer besorgt, wenn hinter verschlossenen Türen wichtige Gespräche geführt und wesentliche Entscheidungen getroffen wurden und er draußen im Korridor warten musste. Diesmal war er besonders nervös. Seine Vormunde, der Herr und die Herrin der Cymrer, hatten ihn beinahe zu jeder wichtigen Staatsentscheidung hinzugezogen, die seit dem Tod seines Vaters vor drei Jahren zu fällen gewesen war. Doch nun hatten sie ihn höflich gebeten, draußen zu warten, was ihn sehr aufregte, auch wenn er sich sagte, dass dafür kein Grund bestand. Er vertraute seinem Paten und dessen Frau, die ihn als Enkel adoptiert hatte. Doch trotz dieses Vertrauens waren seine Nerven an diesem Morgen sehr angespannt. Seine Besorgnis wurde zu regelrechter Bestürzung, als die geschätztesten Berater seiner Vormunde nacheinander in dem Korridor vor der Großen Halle eintrafen. Jeder wurde angekündigt und rasch eingelassen, während Gwydion weiterhin seine Runden auf dem dicken Teppich aus gewebter Seide drehte. Als schließlich ein ihm vertrauter Ratgeber erschien, handelte Gwydion. Er entschloss sich, Anborn anzusprechen, den Großmarschall und General aus dem cymrischen Krieg. Der Grund dafür lag weniger darin, dass Anborn sein Lehrer gewesen war, sondern in dessen Lähmung. Der cymrische Held musste auf einer Sänfte getragen werden, und bei seiner Ankündigung gab es eine Verzögerung, sodass Gwydion die Gelegenheit ergreifen und mit ihm reden konnte, bevor er in der Großen Halle verschwand. »Marschall! Was geht da drinnen vor sich?«, fragte er, während er sich zwischen die Sänfte und die Tür stellte. Anborn gab den Trägern das Zeichen, ihn abzusetzen und allein zu lassen. Seine azurblauen Augen – die Farbe der cymrischen Dynastie – blitzten unter den gerunzelten Brauen in einer Mischung aus Verärgerung, Belustigung und Zuneigung. »Woher soll ich das wissen, du junger Narr? Dank dir bin ich doch noch nicht einmal durch die Tür gekommen. Tritt zur Seite, dann werde ich es vielleicht erfahren.« »Versprecht Ihr mir zurückzukommen, sobald Ihr es wisst, und es mir zu verraten?«, bedrängte Gwydion ihn. »Wenn Rhapsody und Ashe Euch zum Gespräch geladen haben, muss es um etwas sehr Wichtiges gehen.« Der General schüttelte seine Mähne aus dunklem, vom Silber des Alters durchzogenem Haar und schnaubte verächtlich. »Gewiss, obwohl ich bezweifle, dass ich während der ganzen Unterredung anwesend sein werde. Wo du deine Kaufmannslehre machst, interessiert mich nicht besonders.« Gwydions Gesicht verzerrte sich, als eisiges Entsetzen seine Eingeweide packte. »Eine Kaufmannslehre? Sie wollen mich in die Lehre schicken? Bitte sagt, dass das nicht stimmt.« Der General gab den Sänftenträgern ein Zeichen. »Also gut. Es stimmt nicht. Geh mir aus dem Weg, Halunke. Ich will diese verfluchte Zusammenkunft hinter mich bringen, damit ich mich wieder wichtigeren Dingen widmen kann. Ich muss meine Männer ausbilden, meine Stiefel säubern, mir die Nase schnauzen und einem menschlichen Rühren nachkommen – was auch immer; alles ist wichtiger als dieser Unsinn.« »Eine Lehre?« »Kopf hoch, Junge, um Himmels willen«, sagte der General, während die Soldaten die Sänfte anhoben. »Wenn du eines Tages Herzog sein willst, ist es für deine Ausbildung unerlässlich, dass du für eine gewisse Zeit fortgehst. Dein eigener Vater war zu seiner Jugend Lehrling bei vielen Meistern. Du wirst es überleben, und es wird dir gut tun.« Die Türen öffneten sich. Die Sänfte des Generals wurde in die Halle getragen, und hinter ihm schlössen sich unbarmherzig die Türen. Gwydion sank auf eine Bank aus geschnitztem Mahagoniholz und ächzte. »Was ist los?« Er schaute auf und sah Melisande, seine neunjährige Schwester. Sie blickte ihn besorgt mit ihren dunklen Augen an. Gwydion lächelte rasch. »Vielleicht gar nichts, Melly«, versuchte er ihr zu versichern. Melisande hatte dieselben Schrecken durchlitten wie er, aber sie war viel jünger. Zwischen Gwydion und seinen Vormunden hatte die unausgesprochene Übereinkunft bestanden, das Leben seiner kleinen Schwester so sorgenfrei wie möglich zu gestalten. »Du lügst«, meinte Melly gelassen. Sie steckte ihre Strohpuppen in eine Tasche und setzte sich neben ihm auf die Bank. »Nein, ich lüge nicht«, gab Gwydion zurück. Er drehte sich um und sah, wie Jal’asee, der Botschafter der fernen Insel der Meeresmagier, das entgegengesetzte Ende des Korridors betrat. Beide Geschwister sahen mit ehrerbietigem Schweigen zu, wie der alte Mann mit seiner Gefolgschaft aus drei Leuten herbeikam. Jal’asee war ein alter Seren und stammte von einer der fünf Menschenrassen ab, die ihren Ursprung in vorgeschichtlicher Zeit hatten. Seine Herkunft war an der großen, dünnen Gestalt, der goldenen Haut und den dunklen, funkelnden Augen deutlich zu erkennen; es hieß, die Seren stammten von den Sternen ab. Gaematria, die mystische Insel, auf der sie sich ihre Heimat gemeinsam mit anderen alten Rassen und einigen gewöhnlichen Menschen geschaffen hatten, die vor Jahrhunderten als Flüchtlinge gekommen waren, lag dreitausend Meilen weiter westlich in der Mitte des weiten Zentralmeeres. Angeblich war es einer der letzten Orte auf der Erde, wo Magie noch als Wissenschaft angesehen und ausgeübt wurde. »Wenn die Meeresmagier einen Abgesandten schicken, muss es um etwas ganz anderes gehen«, dachte Gwydion laut nach. »Es wäre vermessen zu glauben, meine Ausbildung sei für sie oder für irgendjemanden außer Rhapsody, Ashe und vielleicht Anborn von Bedeutung.« »Vielleicht wollen sie dich hinrichten lassen«, meinte Melisande scherzhaft und holte ihre Strohpuppen wieder hervor. »Der Bericht der Lehrer war möglicherweise schlechter, als wir uns vorstellen können.« In diesem Augenblick öffneten sich die Türen, und ihr Vormund kam heraus. Beide Kinder standen sofort auf. Der Herrscher der Cymrer, dessen Name ebenfalls Gwydion lautete, den sie aber im kleinen Kreis immer nur Ashe nannten, steckte in einer höfischen Robe, was so selten der Fall war, dass sowohl Melisande als auch Gwydion unruhig wurden. Die Augen des cymrischen Herrschers waren himmelblau und hatten senkrechte Pupillen, die das Drachenblut in seinen Adern verrieten. Sie glänzten warm, als er die Kinder bemerkte. »Melly! Du bist auch hier! Ausgezeichnet. Bitte bleib noch eine Weile vor der Halle. Man wird dich bald hereinholen.« Er streckte die Hand nach Gwydion aus. Sie steckte in einem Ärmel aus weißer Seide mit dunkelroten Streifen und einem Lederumschlag. »Kommst du bitte mit mir, Gwydion?« Der Junge tauschte einen entsetzten Blick mit seiner Schwester aus und folgte Ashe durch die gewaltigen Flügeltüren, die sich beinahe unmerklich hinter ihnen schlössen. Als sie durch den Eingang zur Großen Halle schritten, schaute Gwydion hoch zu der gewölbten Decke, auf der alte Fresken, welche die Geschichte des cymrischen Volkes erzählten, sorgfältig um einen dunkelblauen Mittelpunkt angeordnet waren. Als sein Vater noch gelebt hatte, hatten sie die Große Halle nur zu seltenen Gelegenheiten betreten und die meiste Zeit in den Familiengemächern und der Bibliothek verbracht, sodass die Pracht der Halle für Gwydion nie zur Selbstverständlichkeit geworden war. Er folgte mit den Augen unwillkürlich der Geschichte seiner Vorfahren, die vor vierzehn Jahrhunderten von der dem Untergang geweihten Insel Serendair geflohen waren. Jedes Joch des Deckengewölbes umfasste einen bestimmten Abschnitt der Geschichte. Gwydion schaute hoch zum ersten Fresko, auf welchem dem Herrscher Gwylliam ap Rendlar ap Evander tuatha Gwylliam, manchmal auch Gwylliam der Visionär genannt, die Erkenntnis zuteil wurde, dass die Insel bei der Erhebung des Schlafenden Kindes, einem gefallenen Stern, der in den Tiefen des Meeres brannte, von vulkanischem Feuer verzehrt werden würde. Gwydion wurde noch aufgeregter, als er erkannte, dass die höfische Kleidung, die Gwylliam trug, stark derjenigen von Ashe glich. Jedes weitere Fresko erzählte mehr von der Geschichte: das Treffen des Entdeckers Merithyn und der Drachin Elynsynos, die einst unangefochten über einen großen Teil des mittleren Kontinents einschließlich Navarne geherrscht hatte; die Einladung an das Volk von Serendair, in ihrem Land Schutz zu suchen; die Erbauung und das Ablegen der drei Schiffsflotten, welche die cymrischen Flüchtlinge von der Insel forttrugen; das Schicksal jeder der drei Flotten; die Vereinigung des cymrischen Königshauses durch die Heirat des Herrschers Gwylliam mit Anwyn, einer der drei Töchter der Drachin Elynsynos; die Errichtung eines gewaltigen Reiches, über das der erste Herr und die erste Herrin der Cymrer geherrscht hatten, und schließlich seine Vernichtung im cymrischen Krieg. Gwydion hatte Ashe einmal vorgeschlagen, in dem freien blauen Feld in der Mitte ein Bild des neuen Zeitalters entstehen zu lassen, in das sie vor kurzem eingetreten waren und das als das Zweite cymrische Zeitalter bekannt war. Es begann mit der Thronbesteigung seines Paten zusammen mit Rhapsody, die drei Jahre zuvor vom cymrischen Konzil als Herrscherin eingesetzt worden war. Ashe hatte nur gelächelt; das Feld war leer geblieben. In der Großen Halle waren viele Stühle aufgestellt worden. Auf ihnen saßen die Herzöge der fünf anderen Provinzen von Roland und Abgesandte von jedem anderen Mitgliedsstaat des cymrischen Bündnisses, eines lockeren Zusammenschlusses von Ländern, die dem Herrscher und der Herrscherin der Cymrer treu ergeben waren. Rial, der Vizekönig des Waldreiches Tyrian, dessen Titularkönigin Rhapsody war, nickte ihm freundlich zu, doch in seinem Blick lag unverkennbar Mitgefühl. Gwydion bekam eine Gänsehaut. Bevor sie unter dem zweiten Joch herschritten, wandte sich Ashe zu ihm um und ergriff seinen Arm. »Komm für einen Augenblick her«, sagte er und zog ihn in ein Seitengemach. Gwydion folgte ihm blind. Sein Magen hatte sich vor Sorgen zusammengekrampft. Ashe schloss die Tür hinter ihnen. Die Echos aus der gewaltigen Halle wurden sogleich von dem Teppich, den Vorhängen und Gobelins des kleineren Raumes verschluckt. In dem Zimmer stand neben dem Fenster die Herrin der Cymrer und beobachtete die Blätter draußen, die allmählich ihre üppig grüne Färbung verloren und die Farbe des Feuers annahmen. Auch sie steckte in einer schweren, samtenen Hofrobe, einem tiefblauen Kleid, das steif von ihrer schlanken Gestalt abstand und ihren gewölbten Bauch verdeckte. Ihr goldenes Haar war aus dem Gesicht gekämmt und in komplizierten Mustern nach Art der Lirin gelegt, dem Volk ihrer Mutter. Als sie die beiden den Raum betreten hörte, drehte sie sich um und schaute Gwydion eine Weile eingehend an, dann schenkte sie ihm ein warmherziges Lächeln, das gleich darauf einem Ausdruck der Besorgnis Platz machte. »Was ist los?«, fragte Rhapsody und wandte sich vom Fenster ab. »Du siehst aus, als ob du zu deiner Hinrichtung gingest.« »Du bist schon das zweite Familienmitglied an diesem Morgen, das auf diesen Gedanken kommt«, erwiderte Gwydion nervös und ergriff die Hand, die sie ihm entgegenstreckte. Er verneigte sich förmlich. »Sollte ich mir Sorgen machen?« »Mach dich nicht lächerlich«, antwortete sie, zog ihn an sich und strich ihm zärtlich über das Haar. Ihre Gesichtshaut, die für gewöhnlich eine gesunde, rosiggoldene Färbung hatte, wurde blass, und die klaren grünen Augen füllten sich mit Tränen des Schmerzes. Sie ließ ihn los und ging hinüber zu einem Sessel, in den sie sich rasch setzte. Ihre Schwangerschaft war schwierig, wie Gwydion wusste. Sie ermüdete rasch, und ihr wurde leicht übel. »In Kürze haben wir einige Neuigkeiten bekannt zu geben, aber da sie alle für dich unmittelbar von Belang sind, war ich der Meinung, du solltest sie hören, bevor die Öffentlichkeit sie erfährt«, sagte Ashe, goss seiner Frau ein Glas Wasser ein und reichte es ihr. »Falls du in irgendeiner Hinsicht anderer Meinung bist, werden wir selbstverständlich noch einmal darüber nachdenken.« Gwydion seufzte tief. »In Ordnung«, sagte er und versteifte sich. »Worum geht es?« Ashe verbarg ein Lächeln und legte die Hände auf Rhapsodys Schultern. »Erstens wird Hochanger, der neue Palast, den ich für deine ... Großmutter habe errichten lassen« – seine Drachenaugen zwinkerten belustigt bei dieser Bezeichnung für Rhapsody – »am ersten Tag des Herbstes fertig sein. Ich plane, unseren Hausstand dorthin zu verbringen. Es ist an der Zeit, Haguefort zu verlassen und unsere eigene Residenz zu beziehen.« Gwydion drehte sich der Magen um. Rhapsody und Ashe hatten seit Stephen Navarnes Tod vor drei Jahren in Gwydions Familienburg gelebt; der Herzog und Ashe waren Jugendfreunde gewesen. Ihre Gegenwart war das Einzige, was das Leben in Haguefort erträglich gemacht hatte. Ansonsten wären die Erinnerungen zu schrecklich für Gwydion gewesen. Obwohl er ein junger Knabe und Melisande noch ein Kleinkind gewesen war, als ihre Mutter auf der Straße in die Stadt umgebracht worden war, erinnerte er sich noch an sie und vermisste sie, wenn die Nachtwinde um die Zinnen des Schlosses heulten und kreischten oder wenn die Tage warm und windreich waren wie jene, an denen er und seine Mutter früher hatten Drachen steigen lassen. Der Verlust seines Vaters, der vor seinen Augen in einer Schlacht gestorben war, hatte seinem Optimismus den Todesstoß versetzt. Auch wenn er wusste, dass er die Last dieser Tragödien immer mit sich herumschleppen würde, erschien sie ihm leichter, wenn er sie mit Leuten teilen konnte, die ihn liebten und seinen Vater geliebt hatten. »Außerdem glauben wir, dass es eine gute Idee ist, wenn Melisande erst einmal mit uns in dem neuen Palast lebt.« »Nur Melly? Ich nicht?« »Richtig. Dazu kommen wir gleich.« Gwydion nickte benommen. Alle Nerven schrien in ihm auf. Sie schicken mich wirklich weg, dachte er. Bei diesem Gedanken schwirrte ihm der Kopf. »Zweitens«, fuhr Ashe fort, ohne seine Bestürzung zu bemerken, »möchten Rhapsody und ich in diesem Jahr wieder einen Winterkarneval abhalten.« Gwydions Entsetzen explodierte. Der Winterkarneval war in Navarne eine lange Familientradition gewesen. Sein Vater hatte ihn immer gern zur Zeit der Wintersonnenwende ausgerichtet. Jahr für Jahr war dies ein großes Fest, das mit den heiligen Tagen beider Glaubensrichtungen des Kontinents zusammenfiel – der patriarchalischen Religion Sepulvartas wie auch des Ordens der Filiden, der Naturpriester des Kreises von Gwynwald. Das Fest dauerte drei Tage und wurde bestimmt von sportlichen Wettkämpfen, Essen, Sangeswettstreiten, Minne und Dutzenden anderer Fröhlichkeiten. Der letzte Karneval hatte vor vier Jahren stattgefunden und war zu einem Blutbad ausgeartet. Dieses Grauen war in Gwydion noch sehr lebendig. »Warum?«, fragte er. Er konnte seinen Widerwillen einfach nicht verbergen. »Weil es Zeit wird, ins Leben zurückzukehren«, sagte Rhapsody sanft. »Dein Vater hat dieses Fest geliebt und wusste, wie wichtig es für die Einwohner seiner Provinz und für ganz Roland war. Es ist das einzige Mal im Jahreskreis, dass die Anhänger der Religion von Sepulvarta und der von Gwynwald zu einem angenehmen Zweck zusammenkommen. Insofern ist es wichtig für das gegenseitige Verständnis der beiden Glaubensrichtungen. Außerdem müssen wir etwas verkündigen, und das Fest scheint uns dafür die beste Gelegenheit zu sein.« »Etwas verkündigen?« »Drittens«, sagte Ashe, »haben wir nach eingehenden Unterredungen und Rücksprache mit unseren verlässlichsten Beratern entschieden, dass du dein Erbe als Herzog von Navarne nun antreten solltest.« Gwydion starrte seine Vormunde schweigend an. »Aus diesem Grund bieten wir dir an, Melisande mit uns zu nehmen«, sagte Rhapsody rasch. »Sobald du die Verantwortung für das Herzogtum übernommen hast, musst du dich an vieles gewöhnen, und die Sorge um deine Schwester, die du sicherlich gern übernehmen würdest, darf dich nicht ablenken. Unser neues Heim liegt weniger als eine Tagesreise zu Pferde entfernt. Sie kann dich besuchen, wann immer einer von euch beiden es will.« Ashe ging hinüber zu dem jungen Mann, stellte sich vor ihn und sah ihm ernst in die Augen. »Am letzten Tag des Herbstes ist dein siebzehnter Geburtstag«, sagte er feierlich. »Du hast dich als wert erwiesen, in deine Rechte als Herzog eingesetzt zu werden. Du bist sowohl tapfer als auch weise über dein Alter hinaus. Das ist kein Geschenk, Gwydion, es steht dir von Rechts wegen zu. Du hast den Titel geerbt. Ich benötige dich als Vollmitglied meines Konzils, und Navarne braucht einen Herzog, der die Interessen des Landes wahrt und verteidigt. Anborn glaubt, du bist bereit dazu, und das ist wirklich ein hohes Lob. Mein Onkel ist nicht sehr freigebig mit seiner Unterstützung und seinem Lob. Wenn er glaubt, dass du den Titel verdient hast, dann wird es wenige geben, die ihm zu widersprechen wagen.« »Aber einige gibt es bestimmt«, erwiderte Gwydion. Sein Herz raste immer noch. »Niemanden«, antwortete Rhapsody lächelnd. »Unser Zusammentreffen hat bereits stattgefunden, und alle sind einverstanden. Es tut mir Leid, dass du gezwungen warst, in der Halle zu warten, aber das Konzil musste frei sprechen können. Wenn du gehört hättest, was sie über dich gesagt haben, wärest du sehr geschmeichelt gewesen. Niemand hat etwas eingewandt.« Sie schaute Ashe an. Tristan Steward, Gwydion Navarnes Vetter, hatte Bedenken geäußert, aber am Ende seine Unterstützung zugesagt. »Selbst wenn es da jemanden gäbe, so wäre das etwas, an das du dich sowieso gewöhnen musst«, meinte Ashe. »Es ist das Los des Anführers, infrage gestellt zu werden, und es ist das Zeichen eines guten Anführers, wenn er Lob und Tadel gleichmütig hinnimmt, ohne sich von beiden zu sehr in seinen Entscheidungen beeinflussen zu lassen. Also, was sagst du? Sollen wir Melisande hereinrufen, damit sie den ersten Augenblick der Amtseinsetzung ihres Bruders miterleben kann?« Gwydion ging hinüber zum Fenster, an dem Rhapsody vorhin gestanden hatte, und zog den Vorhang zurück. Dabei flatterte ein Schwärm Wintervögel geräuschvoll auf, der in den nahen Bäumen gesessen hatte. Er schaute über die welligen grünen Felder seines angestammten Landes, das von einer zwölf Fuß hohen Mauer durchstoßen wurde, die sein Vater errichtet hatte, um das unmittelbar an das Schloss grenzende Land zu schützen. Die Bewohner hatten allmählich ihre Behausungen innerhalb der Mauer errichtet und die ursprünglich unberührte Wiese in ein Städtchen verwandelt, wie Stephen es vorhergesagt hatte. Nun war es hässliche Wirklichkeit. Schönheit und Unschuld waren für Sicherheit hergegeben worden. »Ich vermute, das ist das Ende meiner Kindheit«, sagte er mit einer Stimme, die schwer war vor Melancholie. Ashe ging zum Fenster und stellte sich hinter ihn. »In gewisser Weise ja. Man könnte aber auch sagen, dass deine Kindheit schon vor langer Zeit geendet hat, Gwydion. Du hast in deinem jungen Leben mehr Verluste erlitten, als man je ertragen sollte. Deine Amtseinsetzung ist nur eine formelle Anerkennung der Tatsache, dass du schon seit einiger Zeit ein Mann bist.« »Dein Vater hat die Unschuld der Kindheit nie wirklich verloren, Gwydion«, fügte Rhapsody leise hinzu. »Er hat dieselben Verluste erfahren wie du – seine Mutter, eure Mutter. Auch euer Pate, denn viele Jahre lang hat Stephen geglaubt, Ashe wäre tot. Aber er hatte dich und Melly und ein Herzogtum, für die er stark sein musste. Er hätte sich dunkler Melancholie ergeben können und jedes Recht dazu gehabt. Aber er zog es vor, zu lachen, zu feiern und statt in der Finsternis im Licht zu leben.« Langsam erhob sie sich. »Diese Wahl hast auch du getroffen – wie wir alle.« Gwydion drehte sich um und betrachtete seine Vormunde. Sie beobachteten ihn eingehend und nachdenklich, aber in ihrem Blick lag das stumme Verständnis von Menschen, die ihre Führungsrolle nur widerwillig angenommen hatten, weil sie für sie ein großes persönliches Opfer darstellte. Er wusste, dass auch sie beide viel verloren hatten – beinahe jeden auf der Welt, den sie je geliebt hatten. Und in ihrem Verlust hatten sie sich aneinander festgehalten. Etwas, das sein Pate auf ihrer Hochzeit vor drei Jahren gesagt hatte, kam ihm in Erinnerung. Wenn es nach deiner Großmutter gegangen wäre, hätte sie allen Schmuck und alle Macht aufgegeben und fortan in einer Ziegenhütte irgendwo in einem fernen Wald gelebt. Sie hätte Kräuter angebaut, Musik komponiert und Kinder großgezogen. Nur ein Wort von ihr, und ich würde mit meinen eigenen Händen Berge versetzen, um ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Und warum hast du es noch nicht getan?, hatte Gwydion gefragt. Weil es einige Dinge gibt, vor denen man nicht weglaufen kann, denn sie stecken in dir, hatte Ashe geantwortet und seine Hochzeitskette umgelegt. Eines davon ist Pflichtgefühl. Rhapsody wird in der Position gebraucht, in die man sie gewählt hat, so wie ich. Seine Augen hatten geleuchtet. Aber sobald man uns nicht mehr braucht, werde ich dich um deine Hilfe bei der Errichtung dieser Ziegenhütte bitten. Gwydions Blicke trafen sich mit denen des Herrn und der Herrin der Cymrer. »Es ist mir eine Ehre«, sagte er nur. Rhapsodys und Ashes Erwiderung bestand in einem Lächeln. »Du sollst wissen, dass wir immer für dich da sind«, meinte Rhapsody. »Wir sollten hinausgehen und die guten Neuigkeiten allen mitteilen, nicht wahr?«, fügte Ashe hinzu, lief quer durch den Raum zur Tür und öffnete sie. »Wir müssen ein Fest und eine Amtseinsetzung planen.« Auf seinem Weg hinter den beiden cymrischen Herrschern den Mittelgang der Großen Halle hinunter hielt Gwydion Navarne lange genug bei Anborns Stuhl inne, sodass er sich zu ihm hinunterbeugen und ein einziges Wort aussprechen konnte. »Kaufmannslehre?« Der Marschall grinste böse. »Ich habe dir doch gesagt, dass es nicht so ist«, flüsterte er, als der zukünftige Herzog weiterging. Während Ashes Ankündigung hielt Gwydion den Blick starr auf das Gesicht des Marschalls gerichtet. Es blieb gefroren, erstarrt zu der ewig gleichen Maske, ein Hofgesicht, wie Ashe es nannte, unwandelbar und ohne jede Gefühlsregung oder Andeutung der Gedanken hinter der Fassade. Doch Gwydion glaubte in den himmelblauen Augen des cymrischen Helden mehr zu sehen: vielleicht Mitgefühl, denn er und Anborn hatten enge Freundschaftsbande geschmiedet, und er wusste, dass Anborn Titel und höfische Verpflichtungen verabscheute und stattdessen seine Befreiung von jeglicher Pflicht über alles schätzte. Wenn man an die Opfer dachte, die er als junger Mann am Hof seiner Eltern Gwylliam und Anwyn gebracht hatte, und an den Krieg, den ihn sein Vater gegen seine Mutter zu führen gezwungen hatte, verstand Gwydion Anborns Abscheu vor Titeln und den Pflichten, die sie mit sich brachten, nur allzu gut. Der Marschall hatte Gwydion seit langem geraten, sie bis zu dem Tag zu meiden, da er ihnen nicht mehr aus dem Weg gehen könnte. Nun war dieser Tag gekommen. Als die Ankündigung endlich vorbei war und die Glückwünsche entgegengenommen waren, vermeldete Ashe, dass in unmittelbarem Anschluss zu Gwydions Ehren ein Staatsbankett abgehalten werde. Die geladenen Gäste huschten höflich um ihn herum, entboten ihm erneut ihre Glückwünsche und verfielen sodann ins Gespräch. Gerade als die Gruppe die Große Halle verlassen und sich auf den Weg in den Speisesaal machen wollte, neigte der Botschafter aus Gaematria, der Insel der Meeresmagier, leicht den Kopf und redete so leise, dass nur Ashe ihn verstehen konnte. Der Herrscher der Cymrer nickte. »Onkel«, rief er Anborn zu, der sich gerade darauf vorbereitete, aus der Halle getragen zu werden, »hast du einen Augenblick Zeit für uns?« Der Marschall runzelte die Brauen, gab aber seinen Trägern das Zeichen zu warten. »Geh schon zum Bankett, Melly«, sagte Gwydion Navarne zu seiner Schwester. »Ich komme gleich nach.« »Mal sehen, ob ich dir einen Platz freihalten kann«, meinte Melly mit Schalk in den schwarzen Augen. »Es wäre schade, wenn du auf deiner eigenen Feier hinten stehen müsstest.« Sie drehte sich um und folgte den Staatsoberhäuptern aus der Halle, wobei ihre goldenen Locken fröhlich tanzten. Die Herzöge der orlandischen Provinzen sowie Tristan Steward, der Oberherrscher, blieben ebenfalls zurück und sahen aufmerksam zu, wie Jal’asee langsam über den Teppich des Mittelganges schritt und vor dem Marschall stehen blieb. Der Meeresmagier nickte den zwei Mitgliedern seines Gefolges zu, die die Türen zu einem der Seitengemächer öffneten. Er verschwand darin und kam kurz darauf mit einem riesigen Strohsack heraus, auf dem eine mächtige hölzerne Kiste lag. Mit großer Mühe setzte er sie vor Anborn ab und zog sich dann rasch und respektvoll einige Schritte zurück. »Was soll das?«, wollte der Marschall wissen, während er die hölzerne Kiste argwöhnisch beäugte. Der alte Seren räusperte sich; seine goldenen Augen glitzerten. »Ein Geschenk von Eurem Bruder Edwyn Griffyth, dem Hohen Meeresmagier von Gaematria«, sagte er. Seine sanfte, tiefe Stimme knisterte vor fremdartiger Energie und verursachte bei Gwydion eine Gänsehaut. Der zukünftige Herzog warf einen raschen Blick zu Rhapsody hinüber und bemerkte, dass es ihr genauso ging. Sie hörte aufmerksam zu, als ob sie Musik lausche, die sie nie zuvor vernommen hatte. Anborn schnaubte verächtlich: »Ich will nichts von ihm haben, und schon gar nichts, was in einer Sänfte hereingetragen werden muss. Das ist eine Beleidigung. Nehmt es weg.« Jal’asees gelassener Gesichtsausdruck veränderte sich trotz dieser harschen Entgegnung nicht. Er griff nur zwischen die Falten seiner Robe, holte ein kleines Papierbündel hervor, hielt es schweigend hoch und erklärte, dass es Anweisungen von Edwyn seien. Ashe nickte. »Bei allem Respekt«, sagte der große Mann mit seiner angenehm rauchigen Stimme. Er schaute auf das erste Blatt, räusperte sich wieder und las laut vor: >»Sei kein kindischer Esel. Mach dein Geschenk auf.<« Ein leises Kichern breitete sich in der Halle zwischen den Herzögen aus. Anborn starrte zuerst sie und dann den serenischen Botschafter an. Jal’asee lächelte gütig. Der Marschall atmete tief ein, stieß die Luft laut wieder aus und bedeutete den Dienern, die Kiste zu öffnen. Die Mitglieder von Jal’asees Gefolge schlössen die Kiste auf und traten zurück, als die hölzernen Wände umfielen. Im Innern befand sich eine funkelnde Maschine aus Metall. Sie stand aufrecht und hatte stählerne Fußpolster, die von gegliederten Gelenken getragen wurden, welche wiederum von zwei Rädern mit Gestänge und Handgriffen angetrieben zu werden schienen. Alle Versammelten hielten die Luft an; ansonsten herrschte Stille in der Großen Halle. »Was, im Namen der verschrumpelten, winzigen Eier meines Bruders, ist das?«, fragte Anborn geringschätzig. Jal’asee hüstelte höflich, steckte das oberste Blatt nach hinten und spähte auf das nächste. >»Das ist ein Gehapparat, du Strohkopf. Er ist genau auf deine Größe, dein Gewicht und deinen Umfang eingestellt und sollte dir ermöglichen, wieder aufrecht zu gehen. Aber du solltest keine Bemerkung zur Größe meiner Genitalien machen, denn das könnte zu peinlichen Fragen über deine eigene Männlichkeit führen.<« Anborn richtete sich wütend auf seinen Fäusten auf. »Ich will dieses Ding nicht haben!«, brüllte er. »Schafft diesen neumodischen Apparat zurück zu meinem Bruder und sagt ihm, er soll sich ihn sonst wohin schieben.« Geduldig schob Jal’asee das nächste Blatt nach hinten und las das nun oben liegende. >»Es besteht kein Grund, gemein zu werden. Außerdem bezahle ich den Rücktransport nicht. Es bleibt, wo es ist. Du solltest das Beste daraus machen.<« Anborn beäugte den metallenen Gehapparat mit gerunzelter Stirn und wandte sich wieder an den Botschafter von Gaematria. »Sagt meinem Bruder, dass ich mich dafür bedanke«, meinte er mit übertriebener Höflichkeit. Jal’asee blinzelte und durchstöberte rasch die verbleibenden Blätter. Sein altes Gesicht nahm einen schmerzlichen Ausdruck an. »Ich ... äh ... scheine darauf keine passende Antwort zu haben«, sagte er in belustigter Verlegenheit. »Ich glaube, diese Antwort hat Ihr Herr Bruder nicht vorhergesehen.« »Ha! Ich hab ihn!«, krähte Anborn. Er gab den Sänftenträgern ein Zeichen. »Bringt mich hier heraus, sonst verpasse ich noch das Essen.« Seine Diener hoben ihn hoch und trugen ihn aus der Halle. Die Herzöge, die Botschafter und die beiden cymrischen Herrscher schauten ihm mit einer Mischung aus Heiterkeit und Verblüffung nach. Die Herzöge, die sich inzwischen wieder miteinander unterhielten, folgten ihm. Ashe ging hinüber zu dem Gehapparat und untersuchte ihn sorgfältig. »Edwyns Fähigkeiten als Erfinder und Schmied verblüffen mich immer wieder«, sagte er mit Verwunderung in der Stimme. »Es ist schön zu sehen, dass er das Genie, das er von seinem Vater Gwylliam geerbt hat, zu guten Zwecken einsetzt, anstatt damit wie dieser Zerstörungen anzurichten.« »Gwylliam war nicht immer zerstörerisch«, sagte Rhapsody und sah zu, wie Ashe die Handkurbel langsam drehte, worauf das rechte Fußpolster sich hob und einen Schritt nach vorn machte. Dann drehte er es zurück. »Er ist verantwortlich für viele nützliche und angenehme Erfindungen. Die Hallen von Ylorc werden von Lichtern erhellt, die er geschaffen hat; der Berg wird durch ein Ventilationssystem geheizt und gekühlt, das aus seiner Hand stammt. In den Tiefen der Berge gibt es sogar Aborte. Als Ylorc noch Canrif, sein Meisterwerk, war, enthielt es einige der klügsten und anspruchsvollsten Erfindungen auf der ganzen Welt. Wenn du die Narrheiten deines Großvaters tadelst, solltest du seine Errungenschaften nicht vergessen.« Sie spürte eine leichte Berührung am Ellbogen, drehte sich um und sah, dass JaFasee hinter ihr stand. Sie schaute in sein Gesicht und erwiderte sein Lächeln. »Herrin, wenn Ihr erlaubt, möchte ich gern einen Augenblick allein mit Euch reden«, sagte er freundlich. Rhapsody schaute hinüber zu Ashe, der sie fragend anblickte und nickte. »Geh schon mit den Herzögen vor, Sam«, sagte sie gelassen, wobei sie ihn mit dem Namen anredete, den sie immer dann gebrauchte, wenn sie unter sich waren. »Ich komme gleich nach.« Sie wartete, bis ihr Gemahl und Gwydion den Raum verlassen hatten. Sobald sie allein waren, sah sie JaFasee an. »Ja?« Das freundliche Gesicht des alten serenischen Botschafters wurde ernst. »Herrin, wird der Bolg-König zur Amtseinsetzung des jungen Gwydion beim Winterkarneval eingeladen?« »Natürlich«, antwortete Rhapsody. »Warum?« »Ist es wahrscheinlich, dass er kommt?« Sie seufzte und zuckte die Achseln. »Das kann ich nicht sagen. Er ist für lange Zeit seinem Königreich fern gewesen.« Sie errötete. Der Grund für sein Fernsein hatte in ihrer Rettung gelegen. »Warum fragt Ihr, Euer Exzellenz?« Der große Mann sah ernst auf sie hinunter. »Ich hoffe, dass Ihr mir die Ehre erweisen werdet, mich ihm vorzustellen und mir ein kurzes Gespräch mit ihm zu ermöglichen.« Die rauchige Stimme klang beiläufig, aber Rhapsody hörte die unmissverständliche Ernsthaftigkeit in seinen Worten. »Wenn er kommt, werde ich Euch ihm gern vorstellen, aber ich kann nicht versprechen, dass er in ein längeres Gespräch mit Euch einwilligt«, sagte sie. »Achmed ist... nun ja, er kann unberechenbar sein.« »Ich verstehe«, meinte JaFasee. »Und ich bin dankbar für jede Unterstützung, die Ihr mir gewährt. Ich habe vor, bis zur Sonnenwende hier zu bleiben und an der Amtseinsetzung teilzunehmen. Es wäre für mich unmöglich, innerhalb der verbleibenden zwei Monate nach Hause und wieder her zu reisen.« Seine Augen leuchteten hell. »Zumindest ohne besondere Hilfe.« Rhapsody lächelte. »Eines Tages möchte ich gern etwas über diese >Hilfen< erfahren«, sagte sie, stand auf und richtete ihre Röcke, da sie die Halle verlassen wollte. »Auch wenn ich weiß, dass die Meeresmagier sehr zurückhaltend sind, wenn es um ihre Magie geht.« Der Botschafter nickte nichts sagend. »Es wäre mir eine große Ehre, Euch etwas darüber zu berichten, vor allem da Ihr im Rang einer Benennerin steht, Herrin«, sagte er und bot ihr seinen Arm an. »Euer Eid, immer die Wahrheit zu sagen und die alten Überlieferungen zu schützen, macht Euch zu einer der wenigen Personen außerhalb von Gaematria, mit der man angemessen über solche Dinge reden kann. Wenn Ihr Euch dazu in der Lage fühlt, können wir vielleicht einen Spaziergang durch die Gärten machen und uns darüber unterhalten.« »Vielen Dank. Das klingt sehr verlockend«, meinte Rhapsody und ergriff seinen Arm. »Vielleicht könnt Ihr mir als Gegengabe etwas mehr über den Bolg-König erzählen«, schlug JaFasee vor, während er durch die Große Halle schritt. »Er ist einer der beiden, mit denen Ihr von Serendair entlang der Wurzeln der Sagia bis hierher gereist seid, nicht wahr?« Die cymrische Herrscherin blieb schockiert stehen. Zitternd zog sie ihren Arm fort. Außer Ashe wusste keine lebende Seele, wie sie und ihre beiden Freunde aus der alten Welt dem Untergang der Insel Serendair entkommen und auf der anderen Seite der Zeit hier gelandet waren. »Woher ... woher wisst Ihr das?«, fragte sie mit versagender Stimme. Sie war so überrascht, dass sie ihre Verblüffung nicht elegant überspielen konnte. Die von der Schwangerschaft herrührende Übelkeit und Erschöpfung, gegen die sie andauernd ankämpfen musste, verhinderten dies. Jal’asee lächelte sie an. »Weil ich Euch das Land habe verlassen sehen.« 5 Auf der transsorboldischen Strasse — Remaldfaer — Sorbold Die Abenddämmerung setzte ein und nahm das verbliebene Licht des Nachmittags mit. Talquist, der Regent des weiten, dürren Reiches Sorbold, hatte den halben Tag hindurch im hinteren Teil seines üppigen Reisewagens Notizen niedergeschrieben und über Bilanzen gebrütet. Er hatte die Blende vor dem Fenster hochgezogen, damit er bei seiner Arbeit frische Luft und Licht bekam. Nun, da die Nacht herannahte, hielt er inne und löschte die Tinte auf dem letzten Schriftstück, bevor er sich erlaubte, einen Blick aus dem Fenster auf den Sonnenuntergang zu werfen. Auch wenn er sich in aller Bescheidenheit dazu entschlossen hatte, nur ein Jahr lang zu herrschen, obwohl die Waage von Jierna Tal zu seinen Gunsten ausgeschlagen war und ihn als Herrscher bestätigt hatte, gönnte sich Talquist schon jetzt den Luxus des Amtes, das er bald für immer innehaben würde. Er hatte den ganzen Tag von den Gaben gekostet, die ihm die Kaufmannschaft zukommen ließ, aus der er als Führer der westlichen Gilden hervorgegangen war: Süßigkeiten aus Golgarn, Blätterteigpasteten mit Honig und Kardamom, geröstete Nüsse und köstliche Weine aus dem Hintervold, wo die gefrorenen Trauben durch Eis gepresst wurden und einen unvergleichlichen Nektar ergaben. Sein ganzes Leben lang hatte er im Handel des Kontinents gearbeitet und daher eine Vorliebe für feine Dinge entwickelt sowie Möglichkeiten gefunden, an sie heranzukommen, obwohl er früher nur ein einfacher Hafenarbeiter gewesen war. Wenn er in ein paar Monaten der Erste Herrscher der Sonne sein würde, konnte er sich auf noch großartigere Leckereien freuen. Die Küche im Palast von Jierna Tal wurde als die beste auf der ganzen Welt angesehen. Die Pracht des Sonnenuntergangs über der sorboldischen Wüste ließ niemanden kalt, selbst wenn man ein so konzentrierter Mann wie Talquist war. Die Luft, die sonst so dünn und trocken war, dass sie Nasenbluten verursachte, wurde nun süßer und feuchter, als ob sie die Sonne dazu verführen wolle, am Morgen zurückzukehren. Der Wind hatte sich gelegt, und die Luft war klar. Das Firmament verdunkelte sich im Osten zu samtigem Blau, und winzige Sterne schimmerten durch den wolkenlosen Schleier der Nacht. Im Westen tanzten wirbelnde Farben. Feuriges Rot wurde zu sanftem Rosa und schloss sich um eine brennende Kugel aus rotorangefarbenen Flammen, die langsam hinter den fernen Bergen versank. Talquist seufzte. In diesem Land liegt eine so große Schönheit, dachte er, während unbändiger Stolz auf seine Nation in ihm aufstieg. Es ist ein raues Land, so trocken, ein bedrohliches Reich der endlosen Sonne, doch seine Pracht ist unleugbar. Das Hufgeklapper seiner Eskorte von fünfzig Mann riss ihn aus den Gedanken. Talquist griff nach der Streichholzschachtel aus Platin, holte ein Zündholz heraus und entzündete die Duftöllampe auf seinem Tisch. Ein schwaches Glimmen setzte ein, dehnte sich aus und brachte der tiefer werdenden Dunkelheit des samtigen Wageninneren warmes Licht. Noch drei Tage, bis wir Jierna Tal erreicht haben, dachte Talquist. Sein Blick kehrte zu dem aufgeschlagenen Hauptbuch vor ihm zurück. Dieser Gedanke erregte ihn. Er wollte nach so langer, arbeitsreicher Zeit an der Westküste rasch in den großen Palast mit den vielen Zinnen tief in den Bergen des inneren Sorbold zurückkehren. Ein bedauerlicher Unfall bei der Befragung der Waage hatte Ihvarr, den Herrscher der östlichen Gilden und Talquists Freund, Geschäftspartner und einzigen ernsthaften Konkurrenten das Leben gekostet. Talquist hatte sofort Ihvarrs Organisation aus Minenarbeitern, Fuhrmännern, Händlern und Lageristen übernommen, die eingehende Aufsicht und Überwachung erforderte; seine eigenen Seehandelsgeschäfte bedurften dessen sogar noch mehr. Doch die schwere Arbeitslast machte ihm nichts aus, denn Talquist war ein ehrgeiziger Mann. Der Klang eines Pferdes, das sich seinem Wagen von der Seite näherte, lenkte seine Aufmerksamkeit von den Büchern ab. Talquist schaute aus dem Fenster und erkannte einen seiner Späher, der dem Wagen das Signal gab, langsamer zu werden. »Haltet an«, befahl er, während er sich aus dem Fenster lehnte. Dann rief er dem Späher zu: »Was ist los?« Der Soldat, der die Uniform des Herrschers trug, zügelte sein Pferd ebenfalls. »Herr, vor uns nähert sich eine Karawane aus vier Wagen dem Bergpass.« »Ja, und?« »Sie scheinen nur bei Dunkelheit zu reisen, um nicht entdeckt zu werden. Die Wagen sind voller Gefangener.« Talquist lehnte sich noch weiter aus dem Fenster und zog die Brauen unwillig zusammen. »Gefangene?« »Ja, Herr. Sie sind gefesselt und haben Binden über den Augen. Möglicherweise sind sie im Süden an der Skelettküste gelandet.« Talquist nickte wütend. Der Sklavenhandel in Sorbold war sprunghaft gestiegen. Der Verkauf menschlicher Gefangener an die Minen und Felder nahm seit dem Tod der Kaiserin der Dunklen Erde stetig zu, wobei das Ableben der Herrscherin zu seiner eigenen Thronbesteigung geführt hatte. Abtrünnige Sklavenhändler, die Dörfer oder Karawanen angriffen und ihre Gefangenen zu Feldarbeit zwangen oder sie verkauften, waren für Talquist inzwischen eines der größten Ärgernisse. »Wohin sind sie unterwegs?«, fragte er. Der Soldat zog seinen Helm aus und schüttelte den Schweiß davon ab. »Ihrer Route nach zu urteilen, würde ich sagen, zu den Olivenhainen von Baltar«, meinte er. »Fangt sie ab. Leitet meinen Wagen um«, befahl Talquist. »Ich will sehen, wer Sklaven in mein Reich schmuggelt, und dem persönlich ein Ende setzen. Ich werde mich hier im Wagen verstecken. Sag dem Kutscher, er soll so schnell wie möglich fahren.« »Ja, Herr.« Talquist zog die Blende herunter und löschte das Licht. Er kochte vor Wut. Evrit rieb mit der Zunge über die Innenseite der Wangen in der nutzlosen Hoffnung, dadurch Speichel erzeugen zu können. Fünf Tage in Fesseln und mit einer Binde vor den Augen hatten ihn empfänglicher für die Dinge in seiner Umgebung gemacht: für die kühlende Luft bei anbrechender Nacht, für den Gestank im Wagen und für das Ächzen, Schmerzesjammern und Angstheulen seiner Mitgefangenen, besonders seiner jungen Söhne, deren Stimmen er auch dann erkannte, wenn kein Wort gesprochen wurde. Er versuchte ein Lebenszeichen von seiner Frau zu erhaschen, die sich stark gewehrt hatte und in einen anderen Wagen geworfen worden war, doch das endlose Hufgetrappel und das Knirschen und Ächzen der Wagen machten dies unmöglich. Selac, der jüngere seiner zwei Söhne, gab schon seit Stunden keinen Laut mehr von sich. Jedes Mal wenn der Lärm im Wagen weniger wurde, hatte Evrit mit krächzender, kaum mehr verständlicher Stimme nach ihm gerufen, aber keine Antwort erhalten. Er betete, dass der Junge nur eingeschlafen oder bewusstlos geworden war, weil er Gestank und Durst nicht mehr ertragen hatte, konnte jedoch den dumpfen Laut nicht überhören, der immer dann ertönte, wenn die Wagen langsamer wurden und die tägliche Versorgung der Gefangenen mit Nahrung und Wasser erfolgte. Er hatte fünf solcher Geräusche gehört. Der peitschende Sand des Wüstenwindes stach ihm in die Haut und diente als Ersatz für die Angsttränen, die wegen des Wassermangels und der Augenbinde nicht fließen konnten. Immer wieder verfluchte er sich dafür, dass er so dumm gewesen war, die Seereise nach Golgarn anzutreten. Er war der Führer der Expedition gewesen; er und seine Passagiere auf der Freiheit hatten ihre Abreise so eingerichtet, dass sie vor dem letzten der südlichen Sommerwinde segeln konnten, bevor der Herbst die Strömung vor der Skelettküste lebensgefährlich machte. Sie waren in See gestochen, weil sie hofften, in Golgarn werde ihre religiöse Sekte geduldet werden, denn dieser Staat hing keinem besonderen Glauben an. Sie hatten den Untergang ihres Schiffes überlebt, doch dann waren sie von den Leuten, die ihnen an Land geholfen und die sie als ihre Retter angesehen hatten, gefangen genommen worden. Ihre Kaperer waren nicht in allen Belangen herzlos mit ihnen umgegangen. Keine Frau war vergewaltigt worden, und soweit er wusste, hatte es keine Misshandlungen und Schläge gegeben. Ihnen waren die Augen verbunden worden, und man hatte sie gefesselt, nachdem sie Wasser und Nahrung erhalten hatten. Dann hatten sie sich erleichtern dürfen. Aber die Härte des Sommers in der Wüste, der raue Transport und die allgemeinen Umstände machten ihr gemeinsames Elend nur noch schlimmer. Der Anführer der Sklavenhändler hatte ihnen versprochen, dass sie nach zwei Olivenernten ihre Freiheit wiedererlangen konnten, falls sie pflichtgetreu und gut arbeiteten. Evrit war nicht dumm genug, den Worten eines Sklaventreibers zu glauben, doch wenigstens hatten die Frauen und Kinder daraufhin Hoffnung gefasst. Seit ihr Schiff auf dem Weg nach Golgarn vom Kurs abgekommen und auf eines der gefährlichen Riffe vor der Skelettküste gelaufen war, hatte Evrit geglaubt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis der Tod seine Familie holen werde. Ihre Rettung hatte sich in der Tat nicht unbedingt als besser erwiesen. Aus der Ferne hörte er ein Hörn schmettern – einmal, lange, anhaltend, dann noch einmal und dreimal kurz. Evrit spürte, wie die Männer im Wagen sich aufrichteten oder versteiften. Sie hatten es ebenfalls gehört. Die Kaperer riefen sich etwas zu; sie redeten in einer Sprache, die er nicht verstand. Panik lag in ihren Stimmen. »Was ... ist los?«, murmelte der Mann neben ihm. Der Boden unter dem Wagen erzitterte. Evrit erkannte das Geräusch. »Pferde«, flüsterte er. »Viele Pferde.« Die Wagen wurden langsamer; das Knirschen machte dem Lärm von donnernden Hufen Platz, die von der sandigen Straße gedämpft wurden. Einer der Gefangenen betete laut; andere fielen leise ein, als die Erschütterungen durch die herankommenden Pferde ihnen den Wüstenstaub gegen die Haut trieben. Evrit versuchte den Mahlstrom von Geräuschen zu unterscheiden. Anscheinend hatten einige der Sklaventreiber fliehen wollen. Sie hatten die Wagen verlassen und waren fortgeritten, doch sie waren rasch von anderen, ihnen zahlenmäßig überlegenen Reitern wieder eingefangen worden. Dem Lärm nach zu urteilen, waren die Wagen umzingelt, und an den gebrüllten Befehlen erkannte er, dass sie sich in der Obhut einer Militäreinheit befanden, auch wenn nicht klar war, um welche es sich handelte. Nach langer Zeit des Lärms und der Verwirrung hörte er schließlich einen Wagen neben den Karren anhalten und eine Tür sich unter strengem Protokoll öffnen. Er lauschte angestrengt und versuchte einige Worte zu verstehen, doch auch sie stammten aus einer Sprache, die er nicht kannte. Auf ein Kommando sprang jemand in den Wagen, der dabei heftig erzitterte. Einige Herzschläge später spürte er, wie Hände sanft seine Augenbinde entfernten. Zuerst glaubte er, das Augenlicht verloren zu haben. Als er von der Binde befreit war, blieb die Welt um ihn herum trotzdem dunkel, doch bald hatte er sich an die Finsternis gewöhnt und erkannte einen Soldaten in roter Stoffuniform mit Lederstreifen darauf, der auch den anderen Gefangenen die Binden abnahm. Evrit schaute sich rasch und verzweifelt um und erhaschte einen Blick auf seinen ältesten Sohn, der ihn wild anstarrte. Er nickte aufmunternd und sah dann hinter sich. In der Mitte der vier Wagen stand ein untersetzter Mann, der in weite weiße Roben gekleidet war und eine schwere Halskette aus Gold trug. Die Roben waren mit den Symbolen des Schwertes und der Sonne bestickt. Er gab Anweisungen an die berittenen Soldaten, die offenbar eine ganze Kohorte stark waren und die gleiche Hautfarbe und Gestalt wie ihr Anführer hatten. Einige ritten zwischen die Wagen, während andere die Gefangenen befreiten und Wasser herumreichten. Jemand bot ihm einen Weinschlauch an, und er trank dankbar mit noch gebundenen Händen, dann schaute er sich nach Selac um und entdeckte ihn in einem der anderen Wagen. Evrit neigte den Kopf vor Erleichterung und flüsterte ein Dankgebet für ihre Errettung. Schließlich winkte der Mann in der Robe den Soldaten, mit dem er gesprochen hatte, fort, drehte sich um und redete die Gefangenen in der allgemein verständlichen Sprache der Seehandelsleute an. »Ich bin Talquist, Herrscher über Sorbold und designierter Kaiser. Ich heiße euch in meinem Land willkommen und entschuldige mich für alle Misshandlungen, die ihr durch die Hände meiner Untertanen erleiden musstet. Der Anführer wurde bereits hingerichtet, und der Rest dieser abtrünnigen Sklavenhalter befindet sich nun im Gewahrsam meines Heeres.« Evrit seufzte erleichtert und schenkte seinen beiden Söhnen ein aufmunterndes Lächeln. »Ihr werdet nun in meiner Karawane Weiterreisen, damit meine Soldaten euch beschützen können«, fuhr der Herrscher fort. »Bald werdet ihr alle von euren Augenbinden befreit sein, falls ihr es noch nicht seid. Wenn jemand Wasser braucht, möge er das bitte dem Soldaten sagen, der für seinen Wagen zuständig ist. Wer ist euer Anführer?« Einen Augenblick lang herrschte Stille. Dann hatte Evrit die Stimme wieder gefunden. »Unsere ... unsere Expedition hat keinen richtigen Führer, Herr«, sagte er mit brechender Stimme. »Aber ich habe die Ladepapiere unterschrieben, als wir auf der Freiheit die Segel gesetzt haben.« Der Herrscher drehte sich nach ihm um und kam zu ihm herüber, wobei er freundlich lächelte. »Die Freiheit, sagst du? Ein feines Schiff. Ich habe oft Fracht auf ihr befördern lassen. Ist sie gesunken?« »Ja, Herr, es tut mir Leid, das sagen zu müssen. Sie ist auf ein Riff gelaufen. Wir sind bei der Skelettküste an Land gekommen, wurden aber von den Männern gefangen genommen, die Ihr überwältigt habt.« »Ich entschuldige mich im Namen meiner Nation. Sie hatten kein Recht, das zu tun.« Der Herrscher gab den Soldaten einen weiteren Befehl, die sich daraufhin in vier Zweiergruppen teilten und in die Wagen kletterten, um sie zu lenken. Dann ging er zurück zu der Kutsche, aus der er gestiegen war. »Äh ... mein Herr?«, rief Evrit nervös; die entsetzten Blicke seiner Mitgefangenen hatten ihn dazu gezwungen. Der Regent blieb stehen und drehte sich um. »Ja?« »Könnte ... könnte man uns vielleicht die Fesseln abnehmen?« Der Regent dachte kurz nach, ging dann zurück zu dem Wagen, stellte sich vor Evrit und schaute ihn nachdenklich an. »Die Frau in dem grünen Rock ist deine Gemahlin, nicht wahr?«, fragte er schließlich. »J... ja«, stammelte Evrit. Der Herrscher nickte. »Möchtest du sie neben dir haben?« »Ja, ja, mein Herr«, sagte Evrit dankbar. Der Herrscher legte die Hand auf eine der Wagenbohlen und beugte sich dichter zu Evrit vor. »Ich fürchte, ich habe euch unbeabsichtigt in die Irre geführt. Die Sklavenhändler, die euch gefangen genommen haben, hatten dazu kein Recht, weil der ganze Sklavenhandel nur von der Krone beherrscht werden darf – also von mir«, sagte er freundlich. »Während diese Schurken euch möglicherweise in einen Olivenhain oder auf eine Obstplantage geschickt hätten, habe ich eine viel bessere Verwendung für eure Männer: die Salzminen von Nicosi. Ihr seht stark aus. Ihr solltet dort eine Weile überleben können. Die Frauen werden in den Stofffabriken arbeiten, und die Kinder werden im Palast als Kaminfeger dienen und die Latrinen säubern, denn dazu haben sie die richtige Größe.« Der Regent drehte sich um und ging zurück zu seiner Kutsche. Dabei rief er dem Hauptmann seiner Wache zu: »Mikowacz, bring mir die Frau in dem grünen Rock. Mit ihr fange ich an. Ich will, dass du morgen früh die schönsten und jüngsten für mich ausgesucht hast. Schließlich dauert es drei Tage, bis wir die Minen erreicht haben.« Er schaute zurück zu Evrit, dessen Gesicht so weiß wie der zunehmende Mond war, der über der sorboldischen Wüste hing. »Wenn ich mit der Frau des Anführers fertig bin, darfst du ihr erlauben, neben ihrem Mann im Wagen zu sitzen, bis wir bei den Salzminen sind.« Er kletterte in seine Kutsche und ließ die Tür offen. 6 Rabengilde — Diebesmarkt — Yarim Paar Yabrith, der Schläger, Dieb und Mörder, wusste genau, wann ein Mensch kurz vor dem Zusammenbruch stand. Im Verlauf seiner verbrecherischen Karriere hatte er diese Gabe schon oft eingesetzt und sich dadurch einen beachtlichen Ruf bei der Sammlung von Informationen und Geheimnissen erworben, die er selbst den unwilligsten Opfern entlockte. Sein Gespür für gefährliche Situationen war nun geweckt. Er befand sich inmitten der dunklen, zerfallenden Mauern der Rabengilde im Inneren Markt von Yarim Paar. Die Luft war aufgeladen mit Gefahr und schwarzer Wut, die nur schwach im Zaum gehalten wurde. Yabrith hatte keine Lust, der Tropfen zu sein, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er stellte das schwere Kristallglas vor Dranth, dem Kronprinzen, ab und trat rasch an die Seite des Tisches, wobei er versuchte, nicht die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich zu lenken. Im Stillen hoffte er, dass der Alkohol, den er ausgeschenkt hatte, die Erregung besänftigen werde, die den Kronprinzen und seine Gefährten in der Gilde seit einigen Wochen im Griff hielt. Dranth, der Kronprinz der Gilde, streckte die nur leicht zitternde Hand aus und ergriff das Glas. Er goss die bernsteinfarbene Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Dann biss er die Zähne zusammen und sog das Brennen in sich ein. Er hoffte, es werde seinen Geist beruhigen, bemerkte aber verschwommen, dass kein Alkohol der Welt dafür stark genug sein konnte. Seit einem ganzen Mondumlauf wurde er nun von Albträumen geplagt, zum ersten Mal seit seiner Kindheit, und erwachte schweißgebadet und im sauren Geruch der Angst. Nach diesen Träumen lief Dranth immer hin und her und versuchte, auf diese Weise die Bilder aus seinem Kopf zu vertreiben, doch es gelang ihm nur, sie für kurze Zeit in die dunklen Kavernen seines Geistes zu scheuchen, wo sie in den Schatten warteten, bis der Schlaf ihn übermannte. Und dann kamen die Bilder wieder hervor und krallten sich in ihm fest. Er stellte das Glas auf der dicken Platte des neuen Tisches ab und zuckte unter dem dumpfen Laut zusammen. Es war ein ähnliches Geräusch wie das, welches ihn heimsuchte – das Absetzen einer Kiste auf den Vorgänger des neuen Tisches vor vier Wochen. Dranth hatte die kleine, in Leder gefasste Kiste geöffnet und das Pergamentpapier vorsichtig ausgewickelt, da er der Meinung gewesen war, die Gildenmeisterin, die heimlich in den Bergen von Ylorc tief im Nest des Bolg-Königs gearbeitet hatte, habe ein weiteres Paket nach Hause geschickt. Als er jedoch die innere Umhüllung abgenommen hatte, war der Kopf der Gildenmeisterin zum Vorschein gekommen. Die Augen waren weit geöffnet und vereitert gewesen; sie hatten von Maden gewimmelt, die durch das Fleisch gekrochen waren. Der Mund hatte in einem Ausdruck der Überraschung offen gestanden. Er war zurückgeprallt und hatte sich auf den Boden der Gildenhalle erbrochen. Es war nicht das Grauen über das schreckliche Schicksal der früheren Gildenführerin gewesen, das Dranth den Magen umgedreht hatte. Es war auch nicht das Gefühl des Verlustes gewesen. In den zwanzig Jahren, in denen er Esten gekannt hatte, war er niemandem gegenüber treuer, ergebener und sklavischer gewesen, doch als er ihren von den Schultern abgetrennten Kopf vor sich auf dem Tisch hatte verwesen sehen, waren es weder Trauer noch Ekel gewesen, die Dranth geschüttelt hatten. Es war tiefste Angst. Wenn er nicht den Beweis vor sich gehabt hätte, wäre er nie auf den Gedanken gekommen, dass jemand die Gildenmeisterin töten könnte – noch dazu auf eine so grausame und schreckliche Weise. Von dem Augenblick an, als er sie zum ersten Mal in einer dunklen Gasse gesehen hatte, wie sie im zarten Alter von acht Sommern ihr Messer gnadenlos in den Bauch eines verblüfften Soldaten gestoßen und den Mann so kaltblütig ausgeweidet hatte, als spiele sie mit einer Strohpuppe, war sich Dranth der außerordentlichen Fähigkeit Estens zu Mord und Selbstschutz sowie der Tatsache schmerzlich bewusst gewesen, dass sie keine Seele besaß. Sie hatte ihr ganzes Erwachsenenleben lang die Gilde, die Stadt und einen großen Teil der Provinz Yarim in ihrem gnadenlosen Griff gehalten, die unbestrittene Vorherrschaft der Rabengilde auf den Gebieten des Schwarzmarktes, Mordes, Diebstahls und einer Menge noch schrecklicherer Verbrechen behauptet und ihre Untaten regelrecht zur Kunstform erhoben. Dranth, der sie mehr als jeder andere auf der Welt geliebt und geachtet hatte, war der Ansicht gewesen, sie sei das personifizierte Böse – und er hatte geglaubt, sie sei unverwundbar. Doch irgendjemandem war es gelungen, sie zu töten und ihr bei lebendigem Leibe den Kopf von den Schultern zu schneiden. Wer immer das gewesen sein mochte, hatte sie überrascht. Auch das hätte Dranth nie für möglich gehalten. Wenn das unverwundbare Böse ohne Gegenwehr getötet und zerstückelt werden konnte, dann hatte Dranth sein ganzes Leben lang die Macht seiner Feinde und der der Gilde unterschätzt. Einen Monat später zitterte er immer noch. Er war bei Neumond hinaus in die Wüste gerannt und hatte in der alles verschlingenden Dunkelheit Estens Überreste in sandigem roten Ton vergraben, wobei ihn die Schwärze der Nacht und seine Tränen beinahe blind gemacht hatten. Dranth wünschte sich, er könnte die Lage ihres Grabes vergessen, denn es gab so viele, die es plündern und sie im Tod verspotten wollten, was sie im Leben nie gewagt hätten. Möglicherweise würden sie sogar ihren Schädel an einem schäbigen Ort wie einer Taverne, einem Bordell oder einem Abort zur Schau stellen. So wie sie selbst es mit unzähligen Gegnern getan hatte. Er hatte die Kiste, den Tisch und alles, was damit in Berührung gekommen war, verbrannt. Dranth hob den Blick von der neuen Tischplatte. Im schwachen Licht der Gildenhalle standen etwa sechzig weitere Diebe in den Schatten und warteten auf ihre Befehle. Als seine Stimme sich endlich bis zum Mund vorgekämpft hatte, klang sie sanft, entschlossen, tödlich. »Die Gildenmeisterin ist zum Hof des Bolg-Königs gegangen, um Rache für altes Unrecht zu suchen«, sagte er. Seine Augen funkelten im Feuer des Kamins hinter ihm. »Von diesem Hof kam das Päckchen, das ... Esten hat diese Gilde mit ihrer Hände Arbeit und ihrem eigenen Blut aufgebaut. Jeder, der es wagt, dieses Blut zu vergießen, muss sich vor der Gilde verantworten.« Ein leiser Stimmenchor setzte ein, murmelte Zustimmung und verstummte wieder. »Der Bolg-König hat sich unsere ewige Feindschaft erworben, und er wird sie zu spüren bekommen. Doch jeder, der stark genug ist, um Esten zu töten, wird weder durch einen gewöhnlichen Angriff noch durch die Art von Mord, die wir im Schatten ausüben, verwundbar sein.« Auch er verfiel nun in Schweigen. »Was denn, Dranth?«, fragte schließlich einer der Gesellen. Dranth starrte ins Feuer. Er beobachtete die Flammen vor dem Ruß, der die Ziegel an der Rückwand des Kamins sprenkelte, und ließ seine Gedanken mit ihnen fliegen. Schließlich wandte er sich wieder an die Gilde. »Wir werden seine Feinde unterstützen«, sagte er nur. »Vor ihrem Tod hat die Gildenmeisterin uns genaue Pläne und Karten seines Reichs geschickt sowie Einzelheiten über Vorräte, Bewaffnung, Schätze und Menschenmaterial. Diese Informationen sind für jeden, der ihn besiegen will und das Heer dazu hat, von unschätzbarem Wert.« Er warf das Kristallglas in den Kamin. »Es gibt eine Menge solcher Männer«, sagte der Kronprinz. »Aber ich glaube, ich werde zuerst in Sorbold nachforschen. Es liegt an Ylorcs südwestlicher Grenze und hat einen neuen Herrscher. Wie ich gehört habe, war er selbst einmal ein Gildenherr.« Dranths Augen blitzten. »Und wie die Herrin immer gesagt hat, weiß jeder Gildenmann um den Wert der angebotenen Waren. Wir müssen in ihm nur den überwältigenden Wunsch entfachen, sie haben zu wollen, ob er sie braucht oder nicht. Also werden wir sie zu einem Preis anbieten, dem er nicht widerstehen kann.« Die riesenhaften Portale des Eisschlosses waren zur Unkenntlichkeit zugefroren. Die Drachin starrte auf den Eingang; ihr Körper wurde wegen des allmählichen Wärmeverlustes immer langsamer. Schnee bedeckte nun ihre Mammutklauen und häufte sich zwischen den Knochen auf, die früher einmal ihre Finger gewesen waren. Die Gelenke verhärteten sich bei jedem schmerzhaften Schritt. Auf den Lidern hatte sich eine stechende Eiskruste gebildet, und die Haut schälte sich unter dem Gewicht des Eises auf den Schuppen. Das Leben, das nach so langer Zeit im Grab zu ihr zurückgekehrt war, verebbte nun wieder. Öffnet euch, flüsterte sie. Bitte öffnet euch. Ihr Drachensinn, der zusammen mit ihrer Lebenskraft dahinschwand, spürte eine Regung in den Türen, als ob der Stahl etwas in ihr erkannt hätte, aber zu schwach oder zu unwillig wäre, um darauf zu antworten. Tief in ihr, in jenem Teil, in dem noch ihr stahlharter und hochmütiger Wille hauste, schmerzte die Weigerung der Tore. Der Zorn über die Abfuhr entzündete sich und raste wie ein Buschfeuer durch sie hindurch. »Öffnet euch«, sagte sie nun lauter und mit festerer Stimme. Sie drang eher aus ihrem Kopf und ihren Eingeweiden als aus der Kehle. Drachen hatten keine Stimmbänder und mussten daher das Element der Luft manipulieren, um wie die Menschen reden zu können – in einer Stimme, die man sogar durch das Heulen eines Herbststurmes hören konnte. Vor ihr schienen sich die gigantischen Eisscheiben ein wenig zu glätten. Der Spalt zwischen ihnen erzitterte; die Türen bebten, blieben aber geschlossen. Auch die Bestie zitterte, aber vor Wut. Voll entzündete und alles umfassende Wut erhitzte ihr Blut, und der Zorn strömte aus ihr heraus und zerschmolz lockere Schneebretter in der Ferne, die polternd in den Abgrund stürzten. »Öffnet euch!«, heulte sie. Der Wind kreischte mit ihrer Stimme. »Ich befehle es!« Das Eis, das die Tore seit drei Jahren ungestört bedeckte, brach auf und fiel in großen, sich biegenden Platten ab. Lawinen schlugen auf die gefrorenen Steine des Vorhofes. Die Augen der Drachin brannten hell vor Wut. Sie holte tief Luft und stieß sie mit ihrer ganzen Wut wieder aus. Der Blitz aus ätzendem Feuer, dessen Quelle der Schwefel in ihrem Bauch war, blendete sie beinahe mit seinem grellen Licht. Die kochende Atemwelle sprengte die gefrorenen Türen und schmolz das Eis und den Schnee, der die Wände überzog. Ströme aus flüssigem Dampf stürzten wie Wasserfälle herab, als sich auch die unterste Eisschicht nach einem weiteren Schlag des dreikammerigen Herzens verflüchtigte und hohe Platten aus Metall enthüllte. Langsam schwangen die Palasttüren auf. Die Bestie schaute keuchend und triumphierend zu, als das kalte Innere des Palastes zum Vorschein kam. Ich habe zwar meine Erinnerungen noch nicht zurück, dachte sie, während sie beobachtete, wie das geschmolzene Eis zu glimmenden Bändern erstarrte, aber ich entsinne mich, dass dieser Ort mir gehört. Und alles, was mir gehört, muss sich vor mir verneigen. Sie beachtete die Schmerzen in ihren Gliedern nicht, sondern kroch weiter voran und zog ihren stechenden Körper durch die gewaltige Türöffnung und auf den kalten Steinboden dahinter. Leise schlössen sich die großen Türen wieder. Die höhlenartige Halle erbebte unter dem Klang von Metall auf Stein, als sich die Bestie über den Boden zu der riesigen Haupthalle schleppte und dabei mit den Klauen über den Granit schabte. Vor ihr in der Haupthalle befand sich ein großer Kamin. Er war schwarz vor lange erkaltetem Ruß. Das Deckengewölbe thronte hoch über ihr. Wenn sie sich zu voller Größe aufrichtete, würde sie es beinahe erreichen. Hinter ihr erlaubten hohe, mit einer dicken Eisschicht überzogene Fenster den Einfall gedämpften Lichts. Ihr Drachensinn, der in ihr so verwurzelt war wie ihr Augenlicht, ihr Gehör oder Tastsinn, regte sich in ihr. Er hatte in der Kälte geschlafen und schien nun allmählich aufzutauen. Sie wurde sich erst schwach, dann immer stärker der einzelnen Bestandteile des Schlosses bewusst: die drei Türme, die Wendeltreppen, die tiefen, mit Vorräten angefüllten Keller, die nun gefroren waren, da die Feuer in den riesigen Kaminen schon seit Jahren erloschen waren. Sie drehte sich langsam um; es hatte den Anschein, als nehme sie alles um sie herum durch ihre Haut auf. Mit diesem Ort waren nur wenige Erinnerungen verbunden. Sie hatte allem Anschein nach allein innerhalb dieser gefrorenen Mauern und in diesen leeren Zimmern gelebt. Sie wusste, dass es über und unter ihr Räume gab, die sie wegen ihrer eigenen Größe nie wieder sehen würde. Alle Türen außer denen zu den ausgedehntesten Räumen im Erdgeschoss würden ihr den Zutritt verweigern. Wenigstens gab es hier Schutz vor der endlosen Kälte der blassen Berge. Ein mächtiges Summen zog ihre Aufmerksamkeit an. Sie drehte den schweren Kopf fort von dem leeren Kamin in Richtung des hohen Fensters. Vor ihm stand ein einfacher Altar aus schwerem, geschnitztem Holz, darauf lag ein angelaufenes Fernglas. Die Drachin schloss die brennenden Augen. Auch jetzt konnte sie das Gerät noch sehen, denn seine Macht strahlte durch ihre geschlossenen Lider. Ihre ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, Schwingungen liefen über ihre Haut und passten sich dem Schlag ihres Herzens an. Erinnere dich, dachte sie verzweifelt. Was ist das? Sie öffnete die Augen wieder, zog sich über den kalten Steinboden zu dem Altar und schaute angestrengt auf das Fernglas hinab. In ihrem Kopf wirbelten Bilder umher, Szenen eines wilden Kampfes, verzweifeltes Leiden, Schlachten, Triumphe, Ereignisse von welterschütternder Wichtigkeit und völliger Belanglosigkeit; sie alle buhlten um ihre Aufmerksamkeit, bis ihr der Kopf schwirrte. Verwirrt glitt sie von dem Altar zurück und schirmte ihre Gedanken ab. Dumpfer und bohrender Schmerz zuckte in ihr auf; er war noch schlimmer als die andauernde Pein ihres verwundeten Körpers. Es packte und schwächte sie, ihr Kopf sank zu Boden. Ihr wurde schwindlig, dann schaute sie wieder auf. Inmitten all der Verwirrung hörte sie eine klare und deutliche Stimme im Aufruhr ihrer Erinnerungen wie eine Glocke in einem Meeressturm. Es war eine Frau, die jeden Satz überdeutlich aussprach. Ich gebe dir den neuen Namen Die Vergangenheit. Deine Handlungen sind nicht mehr im Gleichgewicht. Von nun an wird deine Zunge nur noch dazu dienen, über den Bereich zu sprechen, zu dem allein dein Blick Zugang hat. Du wirst nichts mehr über den Herrschaftsbereich deiner Schwestern, die Gegenwart und die Zukunft, sagen können. Niemand wird dich mehr aus einem anderen Grund aufsuchen. Also solltest du dein Wissen besser darbieten, denn sonst wirst du bald vollkommen vergessen sein. Die große Bestie erbebte. Im ersten Augenblick wollte sie das Fernglas von dem Altar stoßen und es unter ihrem Gewicht zerschmettern oder es von den Zinnen des Schlosses in die Schluchten schleudern, doch bereits der Gedanke daran bereitete ihr Schmerzen, körperliche Schmerzen, als ob ein Eispickel in ihren Kopf eindränge. In ihrem geringen Wissen war sie sich sicher, dass dieses Gerät älter war als sie selbst und aus einem untergegangenen Land stammte, einem Ort, den die Winde nicht mehr finden konnten und den die Zeit vollkommen vergessen hatte. Sie spürte auch, dass es in irgendeiner Weise mit ihr in Verbindung stand – in bedeutender, beinahe heiliger Weise. Ich gebe dir den neuen Namen Die Vergangenheit. Das Fernglas schimmerte im verdämmernden Licht. Es sieht die Vergangenheit, dachte die Drachin. Mit diesem Gedanken kam eine neue Gewissheit, als ob er in ihrem Kopf kleine, verborgene Orte geöffnet hätte, die ihr bisher verschlossen gewesen waren. Es sieht die Vergangenheit. Es kann mich sehen. Mit dieser Erkenntnis kam eine Welle der Macht, der Wiederbelebung. Die Bestie, die noch immer in ihrer eigenen Lebensgeschichte verloren war, war für die Augen der Zeit nicht länger unsichtbar; sie war nicht mehr allein in der weiten Weiße der endlosen Berge. Irgendwo in der Vergangenheit verbargen sich ihre Erinnerungen und warteten darauf, von ihr entdeckt zu werden. Und das Fernglas war in der Lage, sie zu sehen. Die Schmerzen in ihrem Bauch wurden stärker und wurden gefolgt von Schwäche. Hunger, dachte die Drachin. So fühlt sich Hunger an. Sie kroch zum vereisten Fenster, konnte aber hinter den gefrorenen Scheiben nichts erkennen. Der angeborene Überlebenssinn loderte in ihr auf, und ihr Drachensinn bemerkte alles innerhalb von fünf Meilen, was für sie wichtig sein könnte. Einzelheiten wurden riesig groß, das winzigste Weizenkorn war für sie so deutlich wie die Sonne. Sie wusste sofort, dass es in den Kellergewölben des Schlosses Nahrung für Menschen gab, doch wenn sie darankommen wollte, musste sie Mauern durchbrechen. So stark war sie im Augenblick nicht. Ihre Sinne richteten sich nach draußen und suchten die Berge und Schluchten ab. Eineindrittel Meile entfernt flog ein Adler nach Südost mit einer Geschwindigkeit von zweiunddreißig, nein, einunddreißig Knoten. Noch weiter draußen zerstreute sich eine Schar Schneehühner im Wind. Die Drachin verwarf den Gedanken. Sie wusste nicht, ob sie schon in der Lage war zu fliegen. Eine ihrer Schwingen schmerzte, war steif und hing herab, vermutlich das Ergebnis einer Verletzung. Zunächst musste sie am Boden nach Nahrung suchen. Sie konzentrierte sich noch stärker. Ein Gletscherstrom rann durch ihre Ländereien, wie sie feststellte. Das Wasser war silbergrau und kalt; noch vor wenigen Augenblicken war es uraltes, blaues Eis gewesen, doch nun plätscherte es lustig die gefrorenen Hänge hinab. Vielleicht fand sie dort Nahrung, doch wenig später verwarf sie diesen Gedanken wieder. Der Winter stand vor der Tür; die großen roten und silbernen Fische waren gekommen, hatten gelaicht und waren gestorben. Sie hatten den Zyklus vollendet, der das Leben für sie vorgesehen hatte. Es gab nichts mehr in dem grauen Wasser, das den Hunger der Drachin zu stillen vermocht hätte. Dann spürte sie etwas anderes am Rande ihres Bewusstseins. Nahe am Flussufer, unter dem Schutze eines breiten Felsvorsprungs, befand sich ein kleines Jagdlager. Männer. Menschen, dem Geruch nach zu urteilen, den ihr Drachensinn aufnahm. Zuerst stieß sie dieser Gedanke ab. Sie war einst ein Wesen wie sie gewesen, eine Frau, wenn auch nicht menschlich, denn ihr Blut war viel älter, wie sie annahm. Schwach erinnerte sie sich an Worte, die eine andere Drachin zu ihr gesprochen hatte, die vermutlich verwandt mit ihr gewesen war – ihre Mutter vielleicht. Bitterer und faulig schmeckender Hass stieg ihr bei dieser Erinnerung in den Mund. Wenn sie in dein Land eindringen, warum isst du sie dann nicht?, hörte sie jemanden mit der Stimme eines Kindes fragen. Sie essen? Mach dich nicht lächerlich, hatte die andere Drachin gesagt. Es sind Menschen. Man isst keine Menschen, egal, wie sehr sie es auch verdienen mögen. Warum nicht? Weil das barbarisch wäre. Menschen haben angeblich Gefühle, auch wenn ich noch keinen Beweis dafür gefunden habe. Man isst keine empfindungsfähigen Wesen. Nein, mein Kind, ich begnüge mich mit Hirschen, Schafen und Gnus. Sie sind gut verdaulich und verursachen keine solchen Schuldgefühle im Magen wie Menschen. Ich kenne keine Schuldgefühle, dachte die Drachin bitter. Nur Hunger. Sie gestattete ihrem Drachsinn, sich noch weiter zu erstrecken und näher an das Jagdlager heranzugehen, in dem der Schnee die kleinen Hütten unter dem Vorsprung eingekreist und so eine eisige Barriere zwischen den Menschen und dem Fluss gebildet hatte. Sie hatten einen vier Fuß breiten und sieben Fuß langen Weg zwischen Lager und Fluss gegraben. Mit ihren geistigen Augen sah die Drachin die Fußspuren, die zum Wasserlauf führten, und die Stellen, wo die Eimer ans Ufer gezogen worden waren. Während ihr Hunger stärker wurde und ihr Drachensinn sich ausdehnte, verengten sich ihre Augen. Sie dachte angestrengt nach. Ich habe keine solchen Skrupel Menschen gegenüber, meinte sie. Sie sind eine große Fleischquelle, voll warmem Blut und mit dünner Haut. Bestimmt kann man sie schön grillen und gut aufbewahren. Ich verhungere. Die Entscheidung war nicht schwer. Öffnet euch, befahl sie den Türen des Schlosses mit einer Stimme voll blutiger Entschlossenheit. Wie zur Antwort schlugen sie auf. Der eisige Wind blies hinein und wirbelte wütend durch die höhlenartige Halle. Von Hunger und dem Verlangen angetrieben, ihre Schmerzen in Zerstörung umzuwandeln, glitt die Bestie durch das Portal in die Dämmerung, über die Mauern und hinunter in eine Schlucht, wo sie unter dem Schnee in der Erde verschwand. 7 Die Verheerung des Wyrms war ein episches, bebildertes Gedicht aus dem cymrischen Zeitalter, geschrieben auf eine Pergamentrolle, das Achmed nach unzähligen Jahrhunderten tief in den Gewölben der Bibliothek von Canrif gefunden und mit gewisser Belustigung Rhapsody gegeben hatte, bevor sie mit Ashe auf die lange Suche nach der Drachin Elynsynos gegangen war. Der Bolg-König hatte selbstgefällig dagesessen und kaum seine Fröhlichkeit verbergen können, als er ihr ausdrucksstarkes Gesicht beim Lesen des Gedichtes beobachtet hatte; es hatte ausführlich von den mörderischen Taten der Drachin berichtet, zu der sie hatte aufbrechen wollen. Elynsynos, die Drachin, nach welcher der Kontinent benannt war, war dem Schriftstück zufolge älter als die Zeit selbst. In atemberaubenden Einzelheiten erzählte es die Geschichte der uranfänglichen Drachin, die angeblich zwischen einhundert und fünfhundert Fuß lang war und so spitze Zähne wie ein geschmiedetes Bastardschwert hatte. Da alle Drachen etwas von den fünf Elementen besaßen, konnte sie jede Gestalt oder Kraft der Natur wie einen Tornado, eine Flut oder einen Waldbrand annehmen, behauptete das Gedicht. Sie war böse und grausam, und als ihr Geliebter und Vater ihrer drei Töchter, der Seemann Merithyn der Eroberer, nicht wie versprochen zu ihr zurückgekehrt war, geriet sie in schreckliche Wut und tobte durch den westlichen Kontinent, wobei sie die Länder bis zur zentral gelegenen Provinz Bethania mit ihrem beißenden Atem verbrannte. In Bethania selbst entzündete ihr Feuer die ewige Flamme, die noch heute in Vrakna brannte, der dem Element des Feuers geweihten Basilika. Rhapsody hatte dem hämischen Bolg-König damals sofort erklärt, dass dieser Bericht nichts als Unsinn sei. Das war ihr klar gewesen, obwohl sie die Drachin noch nie gesehen hatte. Als Benennerin war sie vertraut mit allen Überlieferungen, angefangen von den ersten, die von ungeschulten Geschichtenerzählern wiedergegeben und mit der Zeit zu Erzählungen ausgeschmückt worden waren und vor Unrichtigkeiten und Übertreibungen wimmelten, bis hin zu jenen, denen es um die reine Überlieferung ging und deren Inhalte so genau und richtig wie nur möglich waren. Dennoch bargen die Beschreibungen in dieser Geschichte genug mögliche Wahrheiten, um Rhapsody nervös zu machen. Später, als sie die Drachin in ihrem Nest angetroffen hatte, da hatte Elynsynos das Gedicht rasch als falsch entlarvt. Du hast diesen Schund namens Die Verheerung des Wyrms gelesen, nicht wahr? Ja. Es steht nur Unsinn darin. Ich hätte den Schreiber bei lebendigem Leibe auffressen sollen. Als Merithyn starb, hatte ich tatsächlich kurz überlegt, ob ich den Kontinent in Schutt und Asche legen sollte, aber es wird dir doch wohl klar sein, dass ich es nicht getan habe. Glaube mir, wenn ich hätte toben und rasen wollen, wäre dieser Kontinent nur noch eine sehr große, sehr schwarze Kohlenschicht und würde bis zum heutigen Tage schwelen. Tatsächlich hatten der Kontinent und seine Bewohner trotz all ihrer Ängste vor den Drachenlegenden und trotz des jammervollen Berichts über den tobenden Wurm nie die Verwüstungen erlitten, von denen die Geschichten erzählten, und nie mehr als ein verlorenes Schaf an eine Bestie verloren. Eine wirkliche Zerstörungsorgie hatten sie nie erlebt. Und waren daher völlig unvorbereitet. Die Leute aus dem Dorf Anwaer mitten im Hintervold waren ein ruhiges Völkchen. Im Gegensatz zu den Winternomaden, die den Sommer mit Fischfang an den üppigen Flüssen, mit Fallenstellerei und dem Fangen von Pelztieren verbrachten und sich bei Anbruch des Herbstes in südlichere Gefilde zurückzogen, trotzten die Familien von Anwaer der schneidenden Kälte und dem dichten Schnee und blieben auf ihrem angestammten Land. Sie waren alle auf die eine oder andere Weise miteinander verwandt und empfanden die Schönheit der einsamen Tundra, die grünen Wälder aus hoch aufschießenden Fichten und die nur durch die Bergwinde unterbrochene Stille als ausreichenden Grund, den harten Winter an jenem Ort zu verbringen, den ihre Familien schon seit Generationen ihre Heimat nannten. Als der Herbst kam und sich die benachbarten Dörfer entvölkerten, beendete Anwaer seine Felltransporte und die Fischerei und stellte auf die Jagd um. Für gewöhnlich dauerte die Jagdsaison nur wenige Wochen – weniger als ein Mondzyklus. Wenn die Hitze des Sommers abnahm und die gnadenlosen Schwärme aus blutsaugenden Insekten von der herannahenden Kälte vertrieben wurden, kamen die Wildtiere des Hintervold aus ihren sommerlichen Verstecken hervor, kletterten von den weißen Bergen und begaben sich in geschütztere Regionen, suchten nach Beute oder Pflanzen und einem einladenderen Klima für den kommenden Winter. Das endlose Land auf dem Dach der Welt erlaubte es den Tieren, groß zu werden, und ein einziges, sorgfältig bearbeitetes Wild reichte aus, um eine ganze Familie durch den Winter zu bringen. Also verließen die Jäger die Dörfer, gingen in die dichteren Wälder und warteten auf die Beute. Doch dieses Jahr kam sie nicht. Nach zwei Wochen ohne Beute sagten sich die Männer, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Was immer das Wild verscheucht hatte, hatte nicht einzelne Tiere oder Gruppen, sondern den ganzen Bestand erschrocken. Die Karibus und nördlichen Gnus waren zuletzt entgegen ihrer Natur Richtung Norden gesichtet worden. Auch die einzelgängerischen Arten wie Elche und jene Tiere, welche die Männer aus Anwaer wegen ihrer Pelze jagten, waren verschwunden. Die Jäger saßen schweigend in ihren Verschlagen, hörten wenig und sahen nichts. Selbst der übliche Gesang der Zugvögel war verstummt. Als schließlich der Winter nahte, entschieden die Männer aus Anwaer, dass sie den Herden nach Norden folgen mussten. Wenn die Jagdgesellschaft auf eine Gruppe von Tieren oder sogar den Rand einer umherziehenden Herde stieß, konnte sie vielleicht genug Wild erlegen, um über den Winter zu kommen. Falls sie es innerhalb des nächsten Mondes schafften, würde der seichte Gletscherfluss noch nicht ganz zugefroren sein, sodass man auf behelfsmäßigen Booten vor den schwersten Schneefällen zurück nach Anwaer fahren konnte. Wenn aber Neumond kam, bevor sie ihre Vorräte aufgefüllt hatten, würde es zu spät sein. Dann müsste das Dorf zum ersten Mal seit Menschengedenken rasch nach Süden ziehen und vor dem schlechten Wetter fliehen. Falls die Männer noch nicht zurück sein sollten, wenn der Mond zu einer dünnen Sichel geworden war, würden die Frauen allein aufbrechen, wie es vereinbart worden war. Das jüngste Mitglied der Jagdgesellschaft band gerade die Boote auf dem silbernen, wogenden Fluss zusammen, als die Nacht hereinbrach. Der Wind war kalt. Das Wasser, das fast überall nur knietief war, während es dem jungen Mann an den tieferen Stellen bis zur Schulter reichte, kräuselte sich unter der Brise, trieb die Boote gegeneinander und zerrte an den Seilen und steinernen Bojen. Der Jäger, dessen Name Sonius lautete, bemühte sich darum, dass die Boote in dem kalten Wasser nicht auseinander brachen. Er kämpfte gegen die sinkende Sonne an, murmelte leise Flüche und zog sich schließlich die Rehlederhandschuhe aus, damit er die Seile besser packen konnte. Er schaute zurück zu dem Rauch, der aus dem Abzug im Schnee drang, welcher die Hütten unter dem breiten Überhang bedeckte. Eine Lawine, die kurz nach der Errichtung der Hütten niedergegangen war, hatte das Gebiet vor Wind und Raubtieren geschützt, die vom Geruch der Beute angelockt werden mochten. Sie hatten fünf Elche und zwei Gnus erlegt und räucherten gerade die beiden Letzteren, damit sie bis zu ihrer Rückkehr nach Anwaer nicht verdarben. Der Rest der Jagdgesellschaft hatte sich hinter der dicken Schneewand, die nur eine Tunnelöffnung zum Fluss hin und einen halbmondförmigen Abzug in der Decke für den Rauch besaß, zum Schlafen niedergelegt, bevor man am nächsten Morgen den Rückweg antreten würde. Sonius hatte den kürzesten Halm gezogen und arbeitete trotz seiner Erschöpfung, bis er die Boote in Sicherheit gebracht hatte. Nachdem er den letzten Knoten geknüpft hatte, stand er müde auf und schaute über den silbergrauen Fluss. Der Wind hatte sich beinahe völlig gelegt. Weiße Eisbrocken aus dem Gletscher trieben im Wasser und drehten sich langsam in der Strömung. Das schwache Licht der Mondsichel wurde von dem Fluss zurückgeworfen, wirbelte umher und verschwand wieder in der Dunkelheit. Sonius fragte sich beiläufig, warum es so still geworden war. Dann seufzte er, vertrieb den Gedanken aus seinem Kopf und drehte sich um, weil er durch den Tunnel im Schnee zurück ins Lager gehen wollte. Zuerst sah er die Bewegung nicht, doch als er sich bis auf wenige Schritte dem Schneewall genähert hatte, bemerkte er ein Flackern in den Bergen. Er trat zurück, schaute hoch und versuchte einen besseren Blick zu bekommen. Vielleicht war es das Bergeis, aus dem wieder Stücke brachen. Er betete darum, dass es nicht noch eine Lawine war, die seine Jagdgenossen unter ihrem schützenden Felsvorsprung begraben würde. Sonius schaute hoch in den endlosen Schnee und glaubte einen Schatten über den Berghang rutschen zu sehen. Er beschirmte die Augen vor dem schwachen Licht des Mondes. Es ist eine Bewegung des Schnees, dachte er, vermutlich hervorgerufen durch den Wind. Aber es herrscht kein Wind. Er rieb sich die Augen und schaute wieder hoch zu den Gipfeln. Die Bewegung war nicht mehr zu sehen. Sonius schüttelte den Kopf und ging auf den Tunnel zu. Der massige Kopf der Drachin kam hinter dem Felsvorsprung hervor, erhob sich über den Schneewall und stieß unmittelbar vor ihm nieder. Der Gestank von Schwefel erfüllte die Luft, die vor Hitze flirrte. Die schlangenartigen Augen verengten sich, die senkrechten Pupillen dehnten sich im Licht des Mondes aus. Ein abgerissenes Keuchen entrang sich der Kehle des jungen Jägers. Mit glasigen Augen starrte er die Bestie an, die sich vor ihm aufbaute, dann machte er einen taumelnden Sprung auf den Tunnel unter ihr zu. Plötzlich wurde das Flussufer in ein Licht gehüllt, das so hell wie das des Tages war. Ein Feuerstoß rollte in beißenden Wellen von dem Vorsprung herunter, erleuchtete den menschlichen Schatten und erhellte sein junges Gesicht, bevor es schwarz und mit dem Rest des Körpers zu Skelettasche wurde. Dann erlosch das Licht, und die Dunkelheit kehrte zurück. Die Drachin kauerte sich auf die Spitze des Felsvorsprungs und starrte reumütig auf den Aschenhaufen am Rande des Schneewalls. Verdammt, dachte sie, die Haut ist noch dünner, als ich gedacht habe. So geht es nicht, wenn ich das Fleisch haben will. Sie drehte sich auf dem Vorsprung um. Donnernd schlug sie mit ihrem stacheligen Schwanz gegen den Schneewall und zerschmetterte dessen Decke, sodass das Eis in den Tunnel brach. Dann kletterte sie auf den Wall und rutschte bis zu der halbmondförmigen Öffnung, hinter der ihr Drachsinn die Menschen erspürte, die neben dem ersterbenden Feuer schliefen. Sie wusste, dass es elf waren. Ihr Geist, der durch das uranfängliche Element in ihrem Blut mit Erkenntnissen überschüttet wurde, war sich jedes Einzelnen bewusst: wie viel jeder wog, wo er schlief und wie tief sein Schlummer war. Auch gab es vier Hunde, alle in verschiedenen Stadien der Ruhe. Sie schaute das Lager hinter der Schneewand für eine Weile an und dachte, welch ein guter Ort dies für ein Fleischlager war. Dann glitt sie durch die Öffnung. Der erste Mann befand sich in ihrem Griff, noch bevor er die Gelegenheit zum Erwachen hatte. Die Hunde sahen sie, rochen sie vermutlich und bellten aufgeregt, als sie über den Wall rollte und durch das Feuer auf die erste behelfsmäßige Hütte zuglitt, die sie wie eine Nussschale unter ihrem Gewicht zerdrückte. Der Mann war in Wolllaken eingewickelt. Die Bestie zerquetschte ihn mit ihren Klauen und riss ihm die Kehle auf, dann warf sie seinen tropfenden Körper auf den Boden und wandte ihre Aufmerksamkeit dem Menschen zu, der neben ihm gelegen hatte. Dieser Mann, der in völligem Entsetzen zugeschaut hatte, wie sie sich seines Genossen entledigt hatte, kreischte auf. Es war ein gurgelndes, hohes Geräusch, das schmerzhaft durch das empfindliche Trommelfell der Drachin drang. Er heulte immer noch, als sie ihn ergriff und vom Boden hob. Sie trennte ihm den Kopf mit einem sauberen Biss von den Schultern und spuckte ihn ins Feuer, damit er zu jaulen aufhörte. Nun begann der geschmeidige, freudige Tanz des Todes. Die Männer, die hinter der gewaltigen Schneemauer gefangen waren, zerstreuten sich in die Ecken ihres kleinen Unterschlupfes, versteckten sich hinter Felsen, krochen vergeblich auf die Mauer zu und versuchten sie zu erklimmen. Sie warfen mit ihren groben Jagdwaffen mit Speeren und Langbögen – nach ihr, doch die Geschosse prallten ohnmächtig an ihrer gepanzerten Haut ab. Die glimmenden Kohlen, die in dem Kampf zerstreut worden waren, warfen schwache, rot gesprenkelte Schatten auf das Massaker. Als sie einen Jäger nach dem anderen in die Enge trieb und abschlachtete, lachte die Bestie in ihr angesichts dieses Gemetzels laut vor Lust. Es war ein harter, hässlicher Laut voll seelenloser Bosheit. Zerstörung lindert den Schmerz, dachte sie, als sie den Letzten packte, ihn langsam zerdrückte und sich daran erfreute, wie das Leben aus ihm schwand, während die Hunde, die inzwischen nicht mehr bellten, vor Entsetzen winselten. Und ich muss so viele Schmerzen lindern. Dann begann der Festschmaus. 8 In den Tunneln der Hand — Ylorc Es war tief in der Nacht der Rückkehr des Bolg-Königs, als Trug gerufen wurde. Ihm war, als sei ihm befohlen worden aufzustehen, noch bevor er seinen ersten Atemzug im Schlaf getan hatte, doch er beschwerte sich nicht. Beschwerden waren sinnlos, und etwas an der stillen Nervosität des Wächters, der zu ihm gekommen war, verriet ihm, dass er beobachtet wurde. Trug erhob sich schweigend und zog sich rasch in der Art aller Archonten Achmeds an. In den sieben Jahren seiner Ausbildung hatte er viele solcher mitternächtlichen Aufforderungen erhalten. Er folgte dem Wächter an dem Ausbildungsplatz vorbei und bemerkte am Geruch, dass die beiden Pferde, die er dort für die Nacht angebunden hatte, weggeführt und durch zwei andere von ähnlicher Größe und Gestalt ersetzt worden waren. Verwirrt kniff er die Brauen zusammen. Eine solche Probe seines Wahrnehmungsvermögens war zuletzt vor weniger als einem Jahr erfolgt, als man vermutet hatte, er kenne noch nicht jedes einzelne der dreihundertfünfzig Pferde, für deren Unterbringung er verantwortlich war. Doch selbst damals hatte diese Probe nicht gewirkt. Es verwunderte ihn, warum jemand sie nun aufs Neue versuchte. Wie die meisten Angehörigen seiner Rasse sprach Trug seine Gedanken nur selten aus. Daher schwieg er, während er hinter dem Wächter herging. Er lauschte nach anderen Gesprächen oder Bewegungen, hörte aber nichts außer seinem eigenen Atem und den Schritten des Mannes, der ihn aus den Bergtunneln führte. Im Gegensatz zu seinen Gefährten war Trug auch im Sprechen ausgebildet worden. Was er sprach, waren die Gedanken des Bolg-Königs, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Berges. Es war seine Bestimmung, als Stimme ausgebildet zu werden, als der Archont, der alle Gespräche für König Achmed und das Bolgland führte, sowohl die offiziellen als auch die geheimen, und er musste sich um die vielen Meilen von Sprachröhren kümmern, die den Berg durchzogen und ein Erbe des cymrischen Zeitalters waren. Dazu war er von Kindheit an in den letzten sieben Jahren ausgebildet worden. Rhapsody hatte ihn damals ausgesucht, weil er die Befähigung zur Durchführung dieser Aufgaben mitbrachte. Systematisch hatte man ihn mit Sprache, Geheimschrift, Anatomie und tausend anderen Wissenschaften vertraut gemacht, die in Zusammenhang mit jeglicher Art von sprachlicher und anderer Verständigung standen. Vor einem Jahr war er für wert befunden worden, sich um den Taubenschlag mit seiner großen Zahl von Botenvögeln sowie um die Pferdeboten zu kümmern, die mit den Postkarawanen ritten. Auch war geplant, ihm die Verantwortung für König Achmeds Netzwerk aus Botschaftern und Spionen zu übertragen. Doch obwohl er eines Tages der Herr aller Verständigung innerhalb Ylorcs und der Zahnfelsen mit der Welt draußen sein würde, hatte man ihm nicht gesagt, warum er gerufen wurde. Er erwartete es auch nicht. Ein einstündiger Fußmarsch aus dem Berg heraus zu einem kleinen, abgeflachten Gipfel, der wie eine Senke in den Zahnfelsen steckte, führte ihn zu einem Horchposten, einer Station, von der aus die Augen, Achmeds Elitespione, täglich Berichte über alle Vorgänge auf den Bergpässen abgaben. Der Wächter hielt in der Senke an, entzündete eine Lampe, hängte sie auf und bedeutete Trug, sich an den Tisch zu setzen, der in dem Lichtkegel erkennbar wurde. Auf dem Tisch stand ein Zylinder aus Knochenmaterial, der das Siegel des Königs trug. Trug sagte nichts, doch Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn. Der Wächter deutete auf den Behälter und trat dann aus der windigen Senke. Trug starrte den Zylinder eine Weile an. Er wusste, dass er etwas enthielt, das einen Wendepunkt in seiner Bestimmung bedeutete. Ihm war genau wie seinen Gefährten schon vor langer Zeit von dem Auftauchen dieser versiegelten Botschaft berichtet worden, und er wusste, was sie darstellte. Entweder handelte es sich bei ihr um seine Verbannung, so wie es bei mindestens einem anderen Archonten-Auszubildenden gewesen war, oder aber um seine Erhebung zum vollwertigen Mitglied. Wie dem auch sei, in dieser Nacht würde zumindest ein Teil seines bisherigen Lebens enden. Mit klammen Fingern erbrach er das Siegel und öffnete den Zylinder. Er starrte auf das Blatt und versuchte seine Bedeutung zu begreifen. Es enthielt lediglich den Abdruck einer Hand. Trug stand auf, hielt den Rand des Pergaments in die Flamme der Lampe und wartete, bis es vollständig verbrannt war. Dann warf er die Asche in den Wind, der über den ausgehöhlten Berggipfel hinwegbrauste. Als das letzte Aschestück in den Aufwind geraten und fortgetragen worden war, löschte Trug die Laterne und eilte in den Berg zurück. Er huschte durch die Dunkelheit hin zu einem Gang in der Tiefe, den er nur allzu gut kannte. Tief im Innern des Berges, an einer Gabelung von fünf Tunneln, die als die Hand bekannt war, trafen sie sich. Jeder war auf die gleiche Weise gerufen worden. Als die Archonten eintrafen, nickten sie einander zu, sagten aber nichts. Es war nicht nur üblich, sondern vorgeschrieben, sich still zu verhalten, bis der König oder sein Abgesandter sprach. Achmed wollte sicher sein, dass die Worte in den Ohren der Archonten so rein und von anderen Lauten ungetrübt waren wie möglich, wenn sie sich versammelten. Die zukünftigen Archonten waren in gewisser Hinsicht Achmeds Kinder, auch wenn keiner von ihnen je das Gesicht des Königs gesehen hatte. Man hatte sie von ihren Klanen getrennt, als er König geworden war. Manche glaubten, sie seien Geiseln, doch sie waren als neuer Klan von den anderen abgesondert worden, und der Bolg-König sowie Grunthor und Rhapsody waren eine Zeit lang gemeinsam mit anderen Personen, die Achmed draußen hatte anwerben können, ihre Lehrer und Eltern gewesen. Grunthor war als der Erzarchont bekannt und verlieh diesem Titel ein Gewicht, das ihn sofort begehrenswert machte. Ihre Erziehung entsprach Achmeds eigenem Werdegang. Sie wurden zu einem geheimen Zweck unterrichtet; Wissen wurde ihnen als Religion vermittelt, und man brachte ihnen bei, an ihre Fähigkeiten zu glauben, denn ansonsten wäre ihr Volk verdammt. Keiner von ihnen war älter als achtzehn Sommer. Sie kamen aus verschiedenen Stämmen, die vor Achmeds Ankunft durch die Zahnfelsen gezogen waren und sowohl ihresgleichen als auch jede andere unglückliche Kreatur gejagt hatten, sei es Mensch oder Tier. Einige waren Abkömmlinge der Klane der Klaue, der kriegerischen Plünderer, die im Grenzland, dem Vorgebirge und der felsigen Steppe gelebt hatten, welche an das Menschenreich von Roland stieß. Andere waren von den Klanen der Eingeweide fortgelockt worden, die tiefer in dem Reich lebten, das sie selbst Ylorc nannten hinter dem Schutzwall der Zahnfelsen in den Waldlichtungen und entvölkerten Städten, die einst das Kernland der cymrischen Bastion gewesen waren. Die möglicherweise wertvollsten waren von den Augen gekommen, jenen Halbmenschen, die am besten an die dünne Luft gewöhnt waren, die Simse und Gipfel der Zahnfelsen durchkletterten und, in Wolken gehüllt, die Welt von oben betrachteten. Und einige stammten von den Findern ab. Die Finder waren eigentlich kein Klan, sondern eher Abkömmlinge jener unglücklichen Cymrer, die vor tausend Jahren zurückgeblieben oder zurückgelassen worden waren, als die Bolg Canrif überrannt hatten. In ihrem Blut befanden sich noch einige magische Elemente der Langlebigkeit und Elementarkraft, die ihre unbekannten Vorfahren ihnen vermacht hatten, doch bis Achmed kam, hatten sie nicht gewusst, wie sie diese Kräfte nutzen sollten. Achmed sah sie selten, aber regelmäßig. Er stellte sie auf die Probe und führte sie in neue Richtungen. Sie waren sich über seine Beweggründe nicht sicher, so wie sich die Bäume des Haines nicht sicher waren, ob der Förster sie maß, um sie abzusägen oder um sich zu vergewissern, ob sie sein Gewicht beim Klettern in die Wolken zu tragen vermochten. Zehn von ihnen waren im achten Jahr der Ausbildung übrig geblieben. Einige der Kinder, die zu Achmed gesandt worden waren, hatte er anderen Lektionen unterworfen, eines war verschwunden, eines verbannt worden. Jene, die entlassen worden waren, brauchten nicht länger die Geschichte Rolands und der Cymrer, Weltgeografie und Währungen zu studieren und waren auch nicht mehr der strengen Aufmerksamkeit des Königs unterworfen. Für sie war es eine angenehme Erleichterung, für ihre Klane eine schreckliche Entehrung. Jene Archonten, die die Ausbildung überstanden hatten, kamen nun einer nach dem anderen in die schwarzen Tunnel der Hand, wo kein Licht hineinreichte oder herausdrang. Als Erste war Harran eingetroffen, die Meisterin der Überlieferungen, eine Finderin, die von Rhapsody ausgesucht und von ihr persönlich unterrichtet worden war, bis diese Ylorc verlassen hatte, um über das lirinische Reich Tyrian zu herrschen. Selbst nach bolgischen Maßstäben war Harran dünn. Ihre schattenhafte Gestalt störte die Finsternis am Ende des Tunnels, in den sie sich setzte und wartete, kaum auf. Wenige Augenblicke später kam Kubila. Seine langen Beine machten ihn zu einem überragenden Läufer und verschafften ihm die Sicherheit, dass er vor den meisten eintraf, die zur Hand reisen mussten, obwohl seine Behausung am weitesten entfernt lag. Er nickte Harran in der Dunkelheit zu, betrat den Finger, in dem sie kauerte, setzte sich vor sie und wartete. Einer nach dem anderen kamen sie: Yen, der Schmied, der die Position des Rüstmeisters bekleidete und für die Herstellung der einzigartigen Waffen verantwortlich war, die in Ylorc gebraucht wurden und sogar schon Handelsgut geworden waren, was ihn zu einem der mächtigsten Männer im Königreich machte; Krinsel, die Hebamme, die von einer langen Reihe geachteter Klanmütter abstammte und sich um die medizinischen Bedürfnisse des Reiches kümmerte; und Dreekak, der Meister der Tunnel, der brillante junge Baumeister, der die hunderte von Meilen unterirdischer Passagen und Gebäude überprüfte und erneuerte, die vor tausend Jahren von den Cymrern erbaut worden waren. Überdies hatte er eine große Zahl von Anlagen restauriert, die Gwylliam erfunden hatte, um das Leben in den Berghöhlen zivilisierter zu machen. Der so genannte Kessel, die große Stadt innerhalb des Wachtgebirges, besaß nun eine funktionierende Luftumwälzung, Wasserversorgung und ein Bewässerungssystem. Wärme und Luft wurden eingeleitet, Regenwasser diente zum Trinken und Kochen, und die Kanalisation führte in große Zisternen am Fuß einer unbewohnten Gebirgsschlucht, während die Abfälle früher überall herumgelegen hatten. In diesen Dingen waren die Bolg wesentlich weiter fortgeschritten und zivilisiert als ihre Nachbarn des Menschenlandes von Roland, dessen Bewohner sie lange verächtlich als Ungeheuer abgetan hatten. Bis zur Ankunft König Achmeds, des Erdenverschlingers, des Vertilgenden Auges, des Nachtmannes, des Kriegsherrn des gesamten unterirdischen Reiches, war das auch richtig gewesen. Doch er hatte umfassende Änderungen vorgenommen und die Bolg so geformt wie Trug: zu etwas Größerem und zu einem höheren, wenn auch unbekannten Ziel. Bei der Ankunft von Vrith, dem Quartiermeister, setzte ein Wispern ein. Seine Pflichten umfassten das Inventar und die Versorgung des gesamten Königreiches und insbesondere des Bolg-Heeres. Vrith hatte von Geburt an einen Klumpfuß, weshalb er an seinem zehnten Geburtstag auf dem Gipfel des Kurmen zum Sterben ausgesetzt worden war. Rhapsody hatte ihn gerettet und rasch seine Übergenauigkeit sowie sein beeindruckendes Gefühl für Zahlen bemerkt. Daher hatte sie ihn dazu ausgebildet, Ylorcs Vorräte zu überwachen, während das Königreich von einem losen Zusammenschluss von Plünderern zu einem Staatsgebilde überging, dessen Heer gefürchtet, dessen Führer geachtet und dessen Güter begehrt waren. Greel, der Minen-Archont, den man »Das Gesicht des Berges« nannte, traf in Begleitung von Ralbux ein, der als Gelehrter die Erziehung des Bolg-Volkes leitete. Sie nahmen ihren Platz auf dem Boden des Zeigefingertunnels ein. Schließlich kam der einzige Archont, der kein Bolg war. Omet war vor drei Jahren von Achmed und Rhapsody in Yarim aus der Sklaverei gerettet worden. Als Menschenkind, dessen Mutter ihn an die Meisterin der Rabengilde übergeben hatte, damit er in der Ziegelfabrik der Wüstenstadt schuftete und schwitzte, hatte er Ylorc gern als neue Heimat angenommen. Irgendwo in diesen Bergen ereignet sich etwas Großartiges, hatte Rhapsody zu ihm gesagt, als sie ihn freiließ. Du kannst ein Teil davon sein. Geh hin und schreibe deinen Namen in den zeitlosen Fels, damit es die Geschichte sehen kann. Diese Worte hatten in seinem Herzen widergehallt und ihn zu seinem Posten geführt, welcher der geheimste aller Archonten war. Omet war der Erbauer des Lichtfängers. Nach einigen Augenblicken des Schweigens bemerkten die zehn Archonten gleichzeitig die Gegenwart des Königs. Jeder wusste, dass Achmed erkannt werden wollte, denn sonst wäre niemand auf ihn aufmerksam geworden. Das statische Summen in den Tunneln deutete an, dass die Aufmerksamkeit der Archonten eingefordert wurde. Wenn jemand dieses Summen überhört hätte, wäre ihm der siebeneinhalb Fuß große Schatten hinter dem Umriss des Königs in der Dunkelheit gewiss nicht verborgen geblieben. Sie gesellten sich in der Hand zueinander, und der König bedeutete ihnen, sich zu setzen. Grunthor stand im Daumen, und Krinsel, die Hebamme, saß vor ihm auf dem Steinboden. Kubila und Harran hockten in der Öffnung des angrenzenden Tunnels, des Zeigefingers. Kubila hatte die schlaksigen Beine ausgestreckt und die Hände hinter sich gefaltet; Harran kauerte mit angezogenen Knien da, als sei ihr so tief im Berg kalt. Omet und der Schmied Yen hatten sich den nächsten Tunnel ausgesucht, und die anderen befanden sich im letzten der Finger. Als sie still und reglos geworden waren, nahm Achmed seinen Platz in der Handfläche auf einem Stuhl ein, der anscheinend für diese Zeremonie hierher gebracht worden war. Zuerst sah er die anderen nur an. Schließlich sagte er mit einer sandigen Stimme, die tiefer als alles war, was sie bisher gehört hatten: »Meine Kinder, eure Ausbildung ist nun beinahe beendet.« Ein halbes Dutzend Seufzer hallten durch die Tunnel, und die Achonten suchten in der Dunkelheit nach den Blicken der anderen. Für Harran, die Meisterin der Überlieferungen, die kaum fünfzehn Jahre alt war, war dies eine besonders willkommene Neuigkeit. Man hatte ihr befohlen, einhundert cymrische, lirinische, Nain- und Bolg-Genealogien aufsagen zu können. Sie musste Manuskripte in sieben teils toten Sprachen auswendig lernen, wobei sie die Texte jeweils nur ein einziges Mal sah, und die Namen der Anführer aller Bolg-Klane und aller Soldaten behalten. Darüber hinaus musste sie sich in den Quellentexten auskennen, die in der Großen Bibliothek von Canrif verstreut lagen, wo die Bibliothekare und Studenten unter ihrer Anleitung in nie endenden Schichten ihre Forschungen betrieben. Als Achmed die Erleichterung in ihren Augen sah, lächelte er schwach. »Das bedeutet nicht, dass die Prüfungen schon vorbei sind, Harran«, sagte er trocken. »So geht das nicht. Die Überprüfung deines Wissens wird bald beginnen und für den Rest deines Lebens andauern. Ein Schwert wird geprüft, wenn es die Schmiede verlässt und bevor es im Wasser abgekühlt und zum letzten Mal geschliffen wird, aber das ist nicht die wirkliche Probe des Schwertes. Diese kommt später, im Zusammenprall und im Blut. Doch für das Erste bin ich zufrieden.« Er schaute den Schmied an. »Yen, ich kenne das Metall, aus dem du gemacht bist. Ich habe selbst den Hammer an deine Kanten gelegt, dich aber noch nicht auf die Steine geworfen, um zu sehen, ob du singst oder zerspringst.« Der Schmied schluckte deutlich, sagte aber nichts. Dann wandte sich der König an den Archonten, den er für Handel und Diplomatie ausbildete. »Kubila, ich kenne deine Herkunft, habe dich zum Läufer für das große Bergrennen ausgebildet, aber du musst noch beweisen, wer stärker ist: du oder der kommende Sturm. Doch genug der Prüfungen für den Augenblick. Ihr seid meine Archonten, die Hüter unserer tausendundeins Geheimnisse. Zählt und bewahrt sie sorgfältig.« Die jungen Leute sahen einander verwirrt an. Niemand hatte je gehört, dass Achmed diesen Namen gebrauchte. Achmed bemerkte ihre Verwunderung, wandte sich an Trug, der eines Tages seine Stimme sein würde, und erteilte ihm nickend die Erlaubnis zu sprechen. Trug räusperte sich. »Wir bewahren viele Geheimnisse, Herr«, sagte er mit einer Stimme, die dazu ausgebildet war, die harten Töne der bolgischen Sprache zu unterdrücken. »Was, Herr, sind die tausendundeins Geheimnisse?« Die verschiedenfarbigen Augen des Königs, eines hell, das andere dunkel, glimmerten. »Wer kann darauf eine Antwort geben?« Die Archonten sahen sich erneut an und richteten dann den Blick wieder auf ihren Anführer. »Die Geheimnisse der Festungswerke, der Brustwehren und Tunnelfallen«, flüsterte Dreekak, der Meister der Tunnel nervös. »Die Geheimnisse der Spione«, meinte Trug. »Die Geheimnisse des Lichtfängers«, fügte Omet hinzu. Seine Stimme klang für Bolg-Ohren immer schrill, wenn er versuchte, in ihrer Sprache zu reden, doch keiner der Archonten zuckte zusammen. »Das alles sind wertvolle Antworten«, erwiderte der König. »Doch es gibt noch größere Geheimnisse, Geheimnisse, die ich euch gleich mitteilen werde. Ihr müsst sie in eurem Herzen behalten und mit eurer Seele bewachen. Doch wir sind auch Wächter vieler kleinerer, manchmal drängenderer Geheimnisse.« Er wandte sich an Vrith, den Quartiermeister. »Wie lange können wir eine Belagerung der Berge durchstehen, wenn wir völlig eingekreist und umzingelt sind?« »In dieser Jahreszeit zwei Monate und sechzehn Tage«, antwortete Vrith mechanisch, wie er es schon so oft in sieben Sprachen getan hatte. Die Archonten waren seit frühester Kindheit gewohnt, auf diese Weise befragt zu werden. »Zwei Tage weniger im Winter.« »Wie viele unserer Kaufleute und Agenten befinden sich augenblicklich außerhalb von Ylorc?« »Einhundertzwölf«, antwortete Kubila. »Wie viele unsichtbare Routen, die die Tauben von Roland benutzen, hat der Falkenmeister entdeckt?« »Neun«, sagte Trug. »Was liegt am Boden des Tunnels, der durch die kürzlich erfolgte Explosion des Lichtfängers geöffnet wurde?« »Das wissen wir noch nicht, Herr«, sagte Dreekak rasch und zögerlich zugleich. Dies war eine Antwort, die ein Archont zu geben hasste, daher gab man sie am besten schnell, damit der König nicht glaubte, man versuche eine Schwäche in der Ausbildung zu verdecken. Der König nickte. »All diese kleinen Geheimnisse und noch zahllose andere ergeben insgesamt eintausend. Aber was ist das eine weitere?« Er schaute sie eine Weile lang an, wandte sich dann an Harran und rief sie wortlos. Die junge Meisterin der Überlieferungen dachte kurz nach und antwortete: »Das Geheimnis, warum Ihr uns ausgewählt habt und wofür Ihr uns ausbildet.« »Das ist es«, entgegnete Achmed erfreut. »Eure Ausbildung ist beendet, zumindest so weit es um den Status des Archonten geht. Dies ist mein letztes Wort an euch als Lernende: Was ist das Geheimnis der Weisheit?« Greel, der verantwortlich für die Minenarbeiten war, sagte: »Bevor man etwas tut, muss man sich die Auswirkungen eine Million mal vorstellen.« »Auch, bevor man etwas sagt«, fügte Yen hinzu. Achmed gab dazu seine schweigende Zustimmung und bedeutete dann den jungen Leuten, näher heranzukommen. »Die ganze Zeit über, in der ich euch solche Geheimnisse gelehrt habe, habe ich eines für mich behalten. Ich habe es mit niemandem außer Grunthor geteilt.« Und mit Rhapsody, dachte er verbittert, doch sie hat es nicht bewahrt. »Aber wenn ihr die Wünsche erfüllen wollt, die ich an euch Archonten habe, darf es keine Geheimnisse zwischen uns geben. Ich werde nun das tausendunderste Geheimnis mit euch teilen. Aber um es zu verstehen, braucht ihr Licht an diesem lichtlosen Ort.« Achmed nahm aus seinem Umhang einen eiförmigen Stein, der so hell strahlte wie der Mittag. Die Archonten wichen vor den Strahlen zurück, stellten einen Augenblick später jedoch fest, dass das Licht kalt war und ihnen nicht in die Nachtaugen stieß, in die Augen von Höhlenbewohnern, die seit Jahrhunderten im Bauch der Berge lebten. »Die Nain entdeckten diese Steine tausend Könige vor Faedryth, ihrem gegenwärtigen Führer. Der Gebrauch der Steine ist seit damals hunderte Male vergessen und wieder in Erinnerung gerufen worden. Ihr dürft nicht zulassen, dass das, was ihr gelernt habe, in derselben Weise vergessen wird.« Er übergab Harran den glühenden Stein. »Das braucht ihr, um zu sehen, was ihr sehen müsst, bevor ihr verstehen könnt.« Während er sprach, senkte er langsam die Kapuze und wickelte den Stoff von seinem Gesicht. Seine Worte und das, was die jungen Leute sahen, hatten eine hypnotisierende Wirkung. Nur Grunthor, der dies schon zuvor gesehen und gehört hatte, hielt nicht den Atem an. »Um den Grund für eure Ausbildung zu verstehen, müsst ihr etwas über mich erfahren, was ihr noch nicht wisst. Ich bin aus einer unheiligen Verbindung zu einem schrecklichen Zweck hervorgegangen: Um einen Geist, den niemand sehen kann, aufzuspüren, zu jagen und zu töten. Dieser Zweck meines Daseins ist mir angeboren. Ich habe meine Mutter nicht gekannt, doch ich spüre ihr Blut noch in meinen Adern.« Die blasse, purpurfarbene Haut der Stirn, die von Adern durchzogen war, stellte keine geeignete Vorbereitung auf den Anblick seiner unverhüllten Augen dar. Sie waren von verschiedener Farbe, von unterschiedlicher Form und Lage und ruhten in einer Haut, die so durchscheinend war, dass es den Anschein hatte, als flössen sie haltlos in seinem Schädel umher. Die Archonten schluckten. »Während ihr durch meine Schleier die Züge meines bolgischen Vaters erkannt habt, der einer von zwölf Soldaten war, welche meine dhrakische Mutter vergewaltigten und entführten, seht ihr nun die Entartung der Rasse, deren erste Generation ich darstelle. Die Dhrakier sind ein altes Volk, geboren aus dem Wind, abstammend aus der Rasse des Kith, wie du, Harran, gelernt hast. Doch der Zweck der Dhrakier war einzigartig. Sie waren Gefängniswärter, Wächter. Als wir bei dieser Aufgabe versagten, wurden wir zu Jägern. Doch anstatt mir das Erbe meines dhrakischen Blutes zu erklären, wurde ich von Bolg auf der anderen Seite der Welt erzogen, gefoltert und schließlich eingekerkert.« In seiner Stimme lag keine Spur von Bedauern und keine Bitte um Mitgefühl. Sie war tonlos und leise, unterstrich aber die Wichtigkeit der Worte. »Eines Tages wurde der Drang meines Blutes so stark, dass ich ihn nicht mehr verleugnen konnte. Ich musste herausfinden, was mich zum Morden trieb. Um den Bolg zu entkommen, war ich gezwungen, meinen Bewacher zu töten. Er war mir so etwas wie ein Bruder geworden, und er war nicht viel älter als ich selbst.« Die Archonten starrten auf die nun enthüllte Nase, deren geblähte Nüstern an die eines Pferdes erinnerten, aber aus zarten Blütenblättern zu bestehen schienen und von Venennetzen durchzogen waren. »Um meine Flucht zu überleben, war ich gezwungen, ihn zu verzehren.« Die Archonten nickten gleichgültig. Kannibalismus war bei ihren Stämmen üblich gewesen, bevor Achmed das Bergreich übernommen hatte. Auf Rhapsodys Beharren war er unter Strafe gestellt worden. Der König war damit einverstanden gewesen, nicht wegen ihres Einwandes der Unzivilisiertheit und der Ansichten der Welt draußen, sondern weil er seine Untertanen ganz und ungefressen brauchte. Der praktisch lippenlose Mund schmeckte die Luft nach Spuren von Angst ab, die in die Dunkelheit hineingeflüstert wurde. »Nun, da ihr mein Gesicht gesehen habt, werdet ihr begreifen. So kommt es, dass ich weiß, was ich weiß. Wie ich spüre, wenn ihr einen Raum betretet. Wie ich euch flüsternd fluchen höre und eure Müdigkeit rieche. Es steckt in meiner Haut. Es ist mein Fluch und mein Segen. Ich spüre den Rhythmus der Welt um mich herum, ich kann mich davor nicht verstecken. Meine Empfindungen sind nicht unfehlbar, aber ich habe nur sehr selten Unrecht. Und nun erzähle ich euch, was ihr wissen müsst, damit ihr begreift, warum wir die tausendundeins Geheimnisse bewachen.« Er wandte sich an Harran und richtete seinen schiefen Blick auf sie, als ob er eine Waffe begutachte. Die Meisterin der Überlieferung behielt ihre stoische Haltung, doch ihr dürrer Körper zitterte wie ein Blatt im Wind. »Ich habe dir erlaubt, die Überlieferungen Rolands und anderer Länder des Kontinents zu studieren, aber ich habe oft genug angedeutet, dass es sich dabei tatsächlich um Folklore, um Geschichten handelt, die verfälscht sind, weil Generationen von Narren sie weitergegeben haben, statt dass sie von lirinischen Benennern und anderen in der Kunst Geschulten und der Wahrheit Verpflichteten aufbewahrt worden sind. Was weißt du über die F’dor?« Die junge Gelehrte schluckte. Ihr dunkles Gesicht wurde blass. »Die F’dor waren Kinder des Feuers und der alten Kultur, die aus ihm entspringt«, zitierte sie aus den Texten, die sie gelesen hatte. »Es waren die F’dor, die das Feuer gezähmt und es der Menschheit gegeben haben, damit diese es zum Schutz, zum Wärmen der Häuser im Winter und zum Schmieden von Waffen verwenden. Die schon lange verstorbenen F’dor waren die Urväter des Stahls, der Schmieden und diejenigen, die den Menschen die Gabe des Feuers brachten.« Achmed nickte nachdenklich. »Das steht wirklich in den Texten. Das predigen die Schwachsinnigen, die sich um die Feuerbasilika in Bethania kümmern, den unglücklichen Dumpfschädeln, die dort zum Gottesdienst gehen. Das ist genau das, was die Welt glaubt. Ich aber sage euch nun, dass dies die größte Lüge ist, die je erzählt wurde.« Seine Augen funkelten, als er sie näher zu sich heran bat, damit er so leise sprechen konnte, dass er kaum hörbar war. »In der Vorzeit, als die Welt geformt wurde, gab es fünf Rassen, die den uranfänglichen Elementen entsprangen. Vier dieser Rassen – die Seren, die aus dem Äther hervorgingen, dem Stoff, aus dem einst die Sterne entstanden, die Kith aus der Luft, die Mythlin aus dem Wasser und die Drachen aus der Erde – lebten in dieser vorgeschichtlichen Zeit angeblich in recht harmonischem Verhältnis miteinander. Die F’dor, die Zweitgeborenen dieser erstgeborenen Rassen, waren jedoch nicht die alte Kultur, die der Welt Heilung und Schmiedekunst schenkte. Sie waren Dämonen von unvorstellbarer Zerstörungswut, die alles Leben von der Erde tilgen und schließlich die Erde selbst auslöschen wollten. Sie waren gestaltlose, flüchtige Wesen ohne Körper und konnten in einen menschlichen Wirt schlüpfen – oder in den einer anderen Rasse, so lange ihr Opfer weniger mächtig war als sie. Sie haben ganze Arbeit geleistet und hätten beinahe den Weltuntergang herbeigeführt, bis die anderen Völker ihre Kräfte bündelten und die meisten in eine undurchdringliche Gruft aus Lebendigem Gestein tief in der Unterwelt warfen, im Bauch der Erde nahe dem Herzen aus Feuer. Jede Rasse spielte eine Rolle in der Gefangennahme und Einkerkerung, doch es waren die Kith, denen die Verantwortung für die Überwachung oblag. Daher wurde einem ihrer Stämme, der älteren Unterrasse der Dhrakier, die schwere Aufgabe übertragen, die Gruft zu bewachen und tief im Innern der Erde zu leben, getrennt vom Wind, der ihre Mutter ist, Tag für Tag bis in alle Ewigkeit. Jahrtausendelang ging alles gut, bis eines Tages ein Stern vom Himmel ins Meer fiel. Sein Aufprall sprengte die Gruft und erlaubte vielen F’dor, die dort gefangen waren und ihre Zeit mit nutzlosen Träumen der Zerstörung vertan hatten, in die Oberwelt zu fliehen und sich unter der arglosen menschlichen Bevölkerung zu verbreiten, die aus den Erstgeborenen und den älteren Rassen hervorgegangen war. So wurde das zerstörerische Element freigesetzt.« Achmed hielt in seiner Hetzrede inne. Die Archonten atmeten kaum mehr, was vermutlich von dem Schock herrührte, den der erstmalige Anblick seines Gesichts und der Umstand bei ihnen auslöste, dass er mehr zusammenhängende Worte sprach als je zuvor, seit er in Ylorc eingetroffen war. Er zwang sich, ruhiger zu werden und seine Stimme weniger harsch klingen zu lassen. »Diese Wesen leben noch. Einige von ihnen sind in der wiederhergestellten Gruft gefangen, andere sind frei; sie verstecken sich im hellen Tageslicht, und ihre giftigen, parasitischen Geister klammern sich unsichtbar an menschliche Wirte. Sie sind kaum zu unterscheiden von dem Rest des menschlichen Fleisches, der über die Erde wandelt. Und jene, die in der Oberwelt sind, wollen nur eines: ihre Genossen aus der Gruft befreien, damit sie gemeinsam ihr Verlangen befriedigen können, das ihre ganze Rasse verzehrt: den Hunger auf Vernichtung, Auslöschung, Vertilgung allen Lebens, nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der nächsten. Sie wollen zur vollkommenen Leere zurückkehren, selbst wenn es sie ihre eigene Existenz kosten sollte. Man spürt ihre Gegenwart in den Gezeitenströmungen des Universums, im Krieg, in Eroberungszügen, in Morden, in Verrat. Kurz, in allen menschlichen Angelegenheiten. Das, was sie suchen, ist das letzte Geheimnis. Ich will es euch mitteilen. Eine uralte Prophezeiung berichtet von ei’nem Schlafenden Kind, genauer gesagt von drei solchen Kindern. Kennst du diese Prophezeiung, Harran?« Die Meisterin der Überlieferung nickte, schloss die Augen und sang mit leiser, tonloser Stimme: Das Schlafende Kind, sie, die Jüngstgeborene, Lebt weiter in Träumen, doch weilt sie beim Tod, Der ihren Namen in sein Buch zu schreiben gebot, Und keiner beweint sie, die Auserkorene. Die Mittlere, sie liegt und schlummert leise, Zwischen dem Himmel aus Wasser und treibendem Sand, Hält stille, geduldig, Hand auf Hand, Bis zu dem Tag, an dem sie antritt die Reise. Das älteste Kind ruht tief, tief drinnen Im immer-stillen Schoß der Erden. Noch nicht geboren, doch mit seinem Werden Wird das Ende aller Zeit beginnen. Achmed nickte, als Harran verstummte. »Das erste Kind aus der Prophezeiung liegt in diesen Bergen«, sagte er feierlich und beobachtete die Gesichter der Archonten. Ihre Augen funkelten in der Dunkelheit. »Es ist ein Erdenkind, geschaffen aus Lebendigem Gestein, ein Überbleibsel aus der Geburt der Welt. Vielleicht ist es sogar das Letzte der Rasse, welche die Drachen aus dem Element der Erde geformt haben. Die Rippen seines Körpers bestehen aus demselben Lebendigen Gestein, das auch die Gruft bildet, und würden daher wie ein Schlüssel wirken, wenn das Kind in die Hände der F’dor fiele. Und sie wissen, dass es hier ist.« Ein hörbares Schaudern ging durch die Versammlung. Achmed warf Grunthor einen raschen Blick zu; sein Gesicht wirkte unbeteiligt. Der Bolg-König seufzte und fuhr dann fort: »Das zweite Kind, das in der Prophezeiung genannt wird, ist der Stern, der vor tausenden von Jahren auf der anderen Seite der Welt ins Meer stürzte – derselbe Stern, der auch die Gruft zerschmetterte. Dieser brennende Stern, der Jahrtausende unter dem Meer schlummerte, erhob sich und verschlang die Insel Serendair vor vielen Jahrhunderten in einer feurigen Sintflut. Doch trotz der Zerstörung, die darauf folgte, und trotz all der vernichteten Leben verursachte sie viel geringeren Schaden, als es die beiden anderen könnten.« Der Bolg-König wurde still, und alle Laute im Tunnel verschwanden zusammen mit seiner Stimme. Schließlich fragte Omet: »Und das dritte, Herr? Das älteste?« Der Bolg-König schwieg lange. Schließlich redete er wieder. Seine Stimme war sanft. »Zum Beginn der Zeit, als es auf der Erde nur die fünf Rassen der Erstgeborenen gab, stahlen die F’dor den Drachen etwas – dem Urvater der Rasse, dem ältesten aller Drachen. Es handelte sich um ein Ei. Sie nahmen den ungeborenen Drachen, der in seinem Blut alle Elemente vereinigte, und beschmutzten ihn, machten ihn unrein. Er wurde in einem Zustand der Stasis gehalten, und man erlaubte ihm zu wachsen, bis er ein Teil des Weltengewebes war. Tiefer noch als die Gruft liegt in der Erde das älteste Kind, eine Bestie von unvorstellbarer Größe, die in kalten, unterweltlichen Höhlen schläft und darauf wartet, dass ihr Name gerufen und sie wieder lebendig wird und Leben geben kann, denn alle Drachen müssen brüten. Sie schläft noch, weil bei der Gefangennahme der F’dor alle Wärme ihres bösen Feuers mit ihnen ging. Doch wenn sie befreit werden sollten, werden sie die Bestie sofort rufen, und sie wird erwachen. Und die Welt verschlingen.« Der König richtete sich ein wenig auf und versuchte die Blicke zu übersehen, die in der Hand getauscht wurden. »Ich bin vor mehr als tausend Jahren dem Griff eines oberweltlichen F’dor entwischt, denn ich hatte während meines Dienstes einen Blick über die Schwelle der Gruft geworfen. Als ich sah, was sich in ihr befindet, habe ich begriffen, dass es Schlimmeres als den Tod gibt, Schlimmeres als Verbannung, Schlimmeres als endlose Folter. Als ich dies sah und begriff, verstand ich, warum das dhrakische Blut in meinen Adern nach dem Tod aller F’dor schreit, warum ich jeder Spur ihres fauligen Geruchs nachjagen muss, die ich im Wind bemerke, und warum ich die Erde von allen säubern muss, die ich finden kann. Das ist ein Ruf, der alle anderen Pflichten überlagert. Ich bin Jäger und auch Wächter – der Wächter des Erdenkindes. Der Wächter der Bolg. Und es ist eine scheußliche Ironie des Schicksals, dass ich auch der Wächter der Erde selbst bin. Ausgebildet als Mörder und Händler des Todes, der einst einen ganzen Kontinent in Angst und Schrecken versetzte, bin ich nun derjenige, in dessen Verantwortung die Sorge um das Leben und möglicherweise auch das Nachleben liegt, denn die F’dor hassen beides und versuchen es bei Gelegenheit auszulöschen. Meine unfreiwilligen Kinder, auch wenn einige glauben, das Alter könne mir nichts anhaben und ich sei zwar sterblich, aber nicht durch die Hand der Zeit, muss ich euch ein Vermächtnis machen und euch zu seiner Erfüllung verpflichten. Diese Verpflichtung beginnt nun, da ihr allmählich erwachsen werdet. Ich kann diese Last nicht mehr allein tragen. Grunthor ist mir dabei immer eine Hilfe gewesen, aber auch er kann es nicht mehr allein sein. Ich weiß nicht, welche unmittelbare Macht die F’dor außerhalb ihrer Gruft haben und wie viele dämonische Geister in menschlichen Wirten stecken, doch ich sehe, wie ihr Einfluss in den Herzen der Menschen wächst. Die Gier nach Zerstörung dringt bis hinter die Berge, in denen wir herrschen. Ihr werdet mir beistehen. Gleich mir ist eure Bestimmung keine Wahl, die ihr getroffen habt, sondern eine, die für euch getroffen wurde. Sie liegt so weit außerhalb eurer Einflussmöglichkeit wie das Schlagen eures eigenen Herzens. Es gibt keinen Weg, auf dem ihr eure Bestimmung umgehen oder vor ihr fliehen könnt. Dies ist das tausendunderste Geheimnis. Ihr werdet euer Leben in endloser Wacht verbringen, die Erde und alles, was auf ihr lebt, vor dem beschützen, was sie zu vernichten trachtet. Eure Ausbildung, eure Hingabe, eure Weisheit – euer Leben – sind verpfändet, um diese Berge zu halten, das Erdenkind zu beschützen, so wie ich es beschütze, und die erste und möglicherweise letzte Barriere zwischen den F’dor und dem Drachen zu sein, der im Herzen der Welt schläft.« Die Archonten nickten einer nach dem anderen voller Verständnis. Der Bolg-König band sich die Schleier wieder um. »Wenn ihr glaubt, diese Aufgabe sei zu schwer für euch, dann bedenkt, dass ihr als Bolg geboren seid. Wenn ihr euch selbst bemitleidet, denkt daran, dass ihr auch als Menschen oder, schlimmer noch, als menschliche Cymrer auf die Welt hättet kommen können. Wenn ihr euch das vorstellt, verschwindet sofort jedes Selbstmitleid.« Zum ersten Mal in dieser Nacht kicherte Grunthor. »Ja, und wenn ihr unbedingt wissen wollt, wie’s ist, einer von denen zu sein, kann ich euch das halbe Hirn rausschnippeln und zum Leben nach Roland schicken. Will jemand?« Das heftige Kopfschütteln erzeugte eine kleine Staubwolke in den fest gefügten Korridoren der Hand. Als Achmed von der Hand zurückkehrte, stellte er fest, dass ein nervöser Bote auf ihn in der Großen Halle wartete. Ungeduldig streckte Achmed ihm die Hand entgegen. Es war ein Knabe, noch jünger als Trug, der ihm rasch einen Elfenbeinzylinder von der Postkarawane übergab. Achmed brach das Siegel auf, und da die Nachricht von Haguefort kam, zog er das Pergament zwischen Nase und Lippen über das verhüllte Gesicht. Rhapsodys Geruch haftete noch daran, es war das frische Aroma von Vanille und Gewürzseife. Der Duft gefiel ihm, auch wenn er den Grund dafür nicht kannte. Statt Myrrhe und Ambra, die bei anderen Königinnen und Monarchen so beliebt waren, benutzte Rhapsody dieselben süßen Gewürze, mit denen sie sich als Bauernmädchen auf der anderen Seite der Zeit zu reinigen gepflegt hatte. Es war tröstlich zu wissen, dass wenigstens einige Dinge sich nicht geändert hatten, seit sie den Titel einer Herrin der Cymrer trug und zu Ashes Gemahlin geworden war. »Was von der Herzogin?«, wollte Grunthor wissen. Achmed nickte. »Nur eine Nachricht, dass ich in den nächsten Tagen nach einem Botenvogel Ausschau halten soll.« Der Sergeant-Major stieß einen leisen Pfiff aus und langte in den Patronengurt, der ihm über den Rücken hing. Die Griffe seiner geschätzten Waffensammlung, die wie die Stacheln eines schrecklichen Reptils hervorstachen, klapperten, als er nach einer Klinge suchte, mit der er spielen konnte. Er entschied sich für das Alte Luder, ein gezahntes Kurzschwert, das er zu Ehren einer Hure aus der alten Welt so genannt hatte, und zog die Waffe, wobei er sie an seiner Handfläche entlanglaufen ließ. »Klingt so, als sähen wir sie bald wieder. Gut. Hab sie vermisst.« Der Bolg-König seufzte. »Hoffen wir, dass sie nicht schon wieder gerettet werden muss. Sie hasste es noch mehr als ich, wenn das überhaupt möglich ist. Aber ich kann mich jetzt nicht mit ihr und ihren Wünschen abgeben. Ich muss ein zertrümmertes Königreich wieder aufbauen.« 9 Aussenbezirk der Hauptstadt — Provinz Bethania Während der Reise auf dem Wagen nach Bethania lag Faron in gnädiger Bewusstlosigkeit. Der unverständige Geist der Kreatur, der bestenfalls primitiv genannt werden konnte, sank in einen nahezu besinnungslosen Zustand; er weilte in einem nebeligen Reich, in dem halb geformte Träume und Bilder in Bruchstücken auftauchten und von den Spritzern lauwarmen Wassers vertrieben wurden, welches die Fischer immer wieder auf seinem Körper verteilten, der unter der heißen Sonne aufzischte. Faron lag unter Seetang, mit dem die beiden Männer seinen bleichen Körper bedeckt hatten. Er wünschte den Tod herbei, wenn er bei Bewusstsein war, und glitt durch Nachtmahre, wenn er es nicht war. Dabei verbrannte er allmählich in der Sonne. Nach scheinbar endloser Zeit kam der Wagen langsam zum Stehen und zeigte keine Anzeichen, weiterzufahren. Kail kletterte aus dem Wagen und reckte sich qualvoll. Er beschirmte die Augen und schaute auf die von Mauern umgebene Hauptstadt Bethanias und ihren äußeren Ring aus Dörfern und Siedlungen; sodann deutete er in die Tiefen der Stadt auf die Geschäfte und Hütten und den quirligen Fußverkehr, der auf den Straßen herrschte. »Der Kesselflicker hat gesagt, der Knabe, der für das Monstrositätenkabinett verantwortlich sei, befinde sich in der Gasse hinter der Taverne Zum Adlerauge«, sagte er zu Bächlin, der sich ebenfalls streckte und nickte. »Du gehst in die Stadt und verkaufst unseren Fang an den Fischhändler, und ich gehe in den äußeren Kreis und sehe mal, was ich für unseren Fischjungen bekomme.« Bächlin nickte und gab dem Pferd ein schnalzendes Zeichen. Kail sah zu, wie der Wagen auf das westliche Tor zurollte. Es war eine der beiden Öffnungen, durch die Handelsvieh und Kaufmannsverkehr in die Stadt gelangen konnten. Der Zutritt war streng begrenzt, und deshalb fand ein großer Teil des Handels, der nicht mit den Gesetzen übereinstimmte, vor der Ringmauer in den äußeren Dörfern und Siedlungen statt. Dorthin ging er nun und suchte das Adlerauge und die Straße dahinter. Kail war kein Fremder hier. Er kannte solche Orte in ganz Roland und verkaufte seine Waren gern in solchen Randsiedlungen. Auch gab er bevorzugt sein Geld hier aus. Die Gewinnspannen waren höher und die Angebote billiger. Außerdem gab es hier eine Menge Dinge, die kein Kaufmann aus der Stadt, der etwas auf sich hielt, je in die Hand nehmen würde. Auf der Straße nach Bethania waren sie vielen anderen kleinen Kaufleuten begegnet und hatten immer wieder gefragt, ob jemand den Wanderzirkus gesehen habe, der noch vor wenigen Wochen an der Küste aufgetreten sei. Schließlich hatte ihnen ein Kesselflicker inmitten seiner klappernden, vom Wagen herabhängenden Töpfe und Pfannen verraten, dass der Wanderzirkus nach Bethania gereist sei und auf den düsteren Straßen außerhalb der Stadtmauer seine Kunst mehr schlecht als recht zur Schau stelle. Außerdem hatte er eine Wegbeschreibung zu der Taverne gegeben. Kail ging über die gepflasterten Straßen, an kleinen Läden, Tavernen und Wohnhäusern vorbei und sog den Anblick und die Gerüche des Ortes in sich ein: das Gackern der Hühner beim Geflügelschlächter, das fröhliche, kreischende Lachen der Straßenkinder, das Feilschen der alten Frauen auf dem Markt, der appetitliche Geruch von Essen, der aus den Gasthäusern drang. Kail war hungrig und wollte es auch bleiben, bis er sein Geschäft abgeschlossen hatte. Das würde sicherstellen, dass er bei den Verhandlungen hart blieb. Schließlich kam er zu dem Ort, den der Kesselflicker ihm genannt hatte. Das Adlerauge war ein schäbiges, dringend reparaturbedürftiges Gebäude und stand mit der Fassade zu einer dunklen Straße hin, die als Bettlerallee bekannt war. Kail schlüpfte in die Gasse, die zur Rückseite des Gebäudes führte, und folgte dem geschäftigen Lärm in den Hintergassen. Eine kleine Gruppe Männer hatte sich mit einer einfach gekleideten Frau und einigen Jungen in einem Kreis um einen stämmigen, kahlköpfigen Mann versammelt, der grob genagelte Stiefel und eine Peitsche trug, die ihm von der Schulter bis zur Hüfte reichte. Er führte etwas an einer Kette, das auf der schmutzigen Straße herumhüpfte, brummte und heulte. Kail kam näher heran, um einen besseren Blick zu bekommen. Sobald er in den Kreis getreten war, sah er, dass die Kreatur am Ende der Kette ein Mensch oder wenigstens menschenähnlich war. Sie war bis hoch zu den Augenlidern völlig mit Haaren bedeckt und ging wie ein Affe auf den Fingerknöcheln umher. Immer wieder sprang das Geschöpf die Menge an, die voller Belustigung und Schreck zugleich vor ihm zurückwich. Der große Mann zerrte das haarige Wesen an der Kette zurück und schrie es mit drohender Stimme an. Kail verzog angewidert die Lippen. Der muskulöse Mann bemerkte seinen offensichtlichen Abscheu. Er warf dem Fischer einen finsteren Blick zu, lockerte die Kette ein wenig und nickte in Kails Richtung. Das haarige Geschöpf sprang auf den Fischer zu, kratzte ihn am Bein und kletterte ihm in irrer Wut bis zur Hüfte hinauf. Es hatte bereits seine Kleidung besabbert, als der Mann an der Kette zog und es wieder auf den Boden zwang. Die anderen Zuschauer wichen hastig vor Kail zurück. Der Fischer blieb standhaft. Er durchbohrte den Bändiger mit Blicken, bewegte sich aber nicht. »Also gut, wer will eine Eintrittskarte haben?« Die Stimme war hinter Kail ertönt. Er starrte immer noch den Bändiger nieder, während sich die anderen fortbewegten. Er hörte den Klang von Münzen und eine Wegbeschreibung zu einem Ort am Rande der Stadt. Als sich die Zuschauer schließlich zerstreut hatten, stellte sich der Kartenverkäufer neben den Bändiger. Er war groß und dünn und trug einen schmalen schwarzen Bart, der seine Wangen einrahmte. Gekleidet war er in eine farbenprächtige, rot und golden gestreifte Seidenhose und eine grüne Weste; dazu trug er einen hohen schwarzen Hut. »Nun, mein Freund, kann ich dich für eine Eintrittskarte begeistern?«, fragte er. Seine Stimme war tief und angenehm, aber es schwang etwas Dunkles in ihr mit. »Wenn Ihr so etwas ein Monstrum nennt, dann nicht«, antwortete Kail und deutete auf die keuchende Kreatur. Der große Mann trat näher an ihn heran. »Ich versichere dir, guter Mann«, sagte er mit einladender, doch auch bedrohlicher Stimme, »dass unser Kabinett unvergleichlich ist. Es wird dir einfach gefallen. Und was die Monstren angeht ...« Er beugte sich weiter vor, als verrate er ein Geheimnis. »Die dunkelsten Abgründe deines Geistes können sich ein solches Grauen nicht vorstellen, wie du es in unserem Zirkus sehen wirst.« Kail rieb sich am Kinn, als ob er nachdenke. »Wer ist verantwortlich für diesen Zirkus?« Die dunklen Blicke des großen Mannes wanderten über Kails Gesicht. »Wer will das wissen?« »Jemand, der etwas zu verkaufen hat«, erwiderte der Fischer fest. Er hatte am Hafen so viel Düsteres gesehen, dass ihm weder ein Spaßmacher in gestreifter Hose noch ein muskelbepackter Schläger oder ein behaarter Mann, der sich wie ein Affe benahm, Angst einjagen konnten. Der große Mann kniff die Augen zusammen. »Ich bin der Direktor des Monstrositätenkabinetts«, sagte er düster. »Und ich bezweifle, dass du irgendetwas von Interesse für mich hast. Ich habe die feinsten Exemplare aus jeder Ecke der Welt gesammelt...« »Wie wäre es mit einem Wesen, dass sowohl Mann als auch Frau und dazu noch Fisch ist?«, unterbrach Kail ihn. Der Zirkusdirektor schnaubte. »Hab ich schon.« Kail verschränkte die Arme vor der Brust. »Meiner ist echt.« Wut entzündete sich in den schwarzen Augen des großen Mannes. Er warf einen Blick in die Gasse und stellte beruhigt fest, dass niemand Kails spöttische Bemerkung gehört hatte. »Alle Ungeheuer des Monstrositätenkabinetts sind echt«, sagte er mit unverkennbarer Drohung in der Stimme. »Wenn du keine Eintrittskarte kaufen möchtest, solltest du jetzt besser gehen.« Kail dachte darüber nach, ohne mit der Wimper zu zucken. »Ich sag dir was«, gab er zurück, ohne auf die wachsende Wut im Gesicht des Bändigers zu achten. »Ich kaufe eine Karte, aber Ihr trefft Euch mit mir in der Dämmerung außerhalb des Zirkus eine halbe Stunde vor Öffnung. Ich zeige Euch meinen Wundersamen Fischjungen, und wenn Ihr ihn haben wollt, könnt Ihr ihn mir abkaufen – und mir die verdammte Eintrittskarte bezahlen. Abgemacht?« »Eine halbe Krone«, sagte der Zirkusdirektor und streckte die Hand aus. Schließlich blinzelte Kail doch. »Ich habe wirklich den falschen Beruf«, murmelte er, zog seine Geldbörse hervor und legte widerstrebend die Münze in die Hand des großen Mannes. »Nun, wenigstens weiß ich, dass Ihr gut bei Kasse seid, falls Ihr mein Ungeheuer kaufen wollt.« Kail traf sich mit Bächlin vor dem westlichen Tor. »Wie hat sich der Fang verkauft?« Bächlin streckte ihm die Hand entgegen und zog ihn in den Wagen. »Erstaunlich gut«, sagte er und ergriff wieder die Zügel. »Die Brände an der Westküste haben den Fischnachschub unterbrochen. Die Händler waren ziemlich gierig danach. Und ich habe unglaublich günstig Seil gekauft.« Kail rieb sich die Hände vor Freude. »Das scheint eine sehr erfolgreiche Reise zu werden, Bächlin«, sagte er gewichtig. »Wie geht’s unserem Fischjungen?« »Beim letzten Mal, als ich nach ihm gesehen hab, lebte er noch, aber er fing an zu zerschrumpeln. Und er stinkt wie nichts sonst.« »Bei Sonnenuntergang wird er verschwunden sein. Wir waschen den Wagen mit kochendem Wasser aus, bevor wir uns auf den Rückweg machen«, meinte Kail. »Aber zuerst sollten wir einen Blick auf ihn werfen. Vielleicht können wir ihn ein wenig aufhübschen, bevor er heute Abend den Herrn des Zirkus trifft.« Er kletterte in den hinteren Teil des Wagens, umrundete vorsichtig das Laken aus Seetang und zog es langsam vom Gesicht der Kreatur weg. Faron blinzelte nur leicht und stieß die Luft aus, die in einem Zischen an den Seiten seines Mundes entwich. Er war bewusstlos. Kail schüttelte das Geschöpf und prallte vor der schleimigen Haut zurück. »He, du! Wach auf, du Tier. Du gehst zum großen Ball! Wenigstens für deinesgleichen.« Das Geschöpf bewegte sich nicht. Kail zog die Brauen zusammen. »Wach auf«, drängte er die Kreatur erneut. Als sie immer noch keine Antwort gab, warf er einen Blick über die Schulter nach Bächlin. »Nicht gut. Sie werden nicht viel zahlen, wenn er einfach nur so daliegt.« »Vielleicht ist er krank«, meinte Bächlin. »Vielleicht. Ein Fisch ohne Wasser – er fühlt sich bestimmt nicht besonders wohl.« Kail riss sich zusammen, ergriff das dünne Handgelenk der Kreatur und hob den weichen Arm. Hautfalten hingen locker herab, und als Kail ihn losließ, fiel er schlaff zurück. Der Fischer schnaubte verärgert, trat näher und schaute sich das Geschöpf eingehender an. Zwischen den langen, arthritischen Fingern steckte etwas. Kail griff danach und packte es. Es war dünn, hart und grün und hatte einen ausgefransten Rand. Inmitten des Seetangs hatte er es zunächst nicht bemerkt. Er zerrte daran. Die Augen des Geschöpfes öffneten sich ein wenig. Kail zog noch einmal. Das fischartige Geschöpf zischte, lauter diesmal, und der Kopf rollte vor und zurück in dem krampfhaften Versuch aufzuwachen. »Was, zum ...?«, murmelte Kail. Er zog ein weiteres Mal, und zwar mit so viel Kraft, wie er aufbringen konnte. Der Gegenstand löste sich aus dem Griff der Kreatur und hinterließ eine dünne Spur aus schwarzem Blut zwischen den dürren Fingern. Nun schlug das Geschöpf die Augen ganz auf und schüttelte aufgeregt die miteinander verschmolzenen Lippen. Es zischte wild, fuhr mit den schwachen Armen durch die Luft und griff nach seinem Schatz. Kail beachtete seine Einwände nicht, sondern hielt das Ding gegen das Licht der Nachmittagssonne. Es war hart wie der Panzer eines Insekts und gleichzeitig biegsam, hatte zerfetzte Ränder und kleine Linien auf der Oberfläche. Zuerst war er der Meinung gewesen, es sei von grüner Farbe, doch als das Licht die Oberfläche traf, wurde es zu unzähligen kleinen, tanzenden Regenbögen gebrochen. »Verdammt«, flüsterte Kail bezaubert. Die Kreatur zischte noch lauter und spuckte aus. Sie sah Kail an und kochte vor Wut. Schwach griff sie nach der dünnen Scheibe, doch Kail begab sich rasch außerhalb ihrer Reichweite. Er schaute seinen Fund noch eine Zeit lang an und richtete den Blick dann wieder auf das Geschöpf, das ihn mit all seiner verbliebenen Kraft anstarrte. »Willst du das hier zurückhaben?«, fragte er sanft. Die Kreatur nickte böse. »Ausgezeichnet. Du verstehst mich. Also gut, mein Freund, wenn du es wirklich zurückhaben willst, solltest du vor dem Zirkusdirektor recht lebendig aussehen. Wenn er dich genug mag, um dich zu kaufen, gebe ich dir deinen Schatz zurück. Aber nur dann.« Er steckte die fransige Scheibe in sein Hemd und kletterte wieder auf den Fahrersitz. Dem Mitleid erregenden Jammern und Wimmern aus dem hinteren Teil des Wagens schenkte er keine Beachtung. Der Zirkus lagerte nördlich der Stadt, kurz hinter den äußeren Dörfern. Er befand sich in einem Kreis aus Fackeln und Laternen, die zuckende Schatten auf die Krevensfelder dahinter warfen. Im Licht der untergehenden Sonne und der flackernden Feuer erkannten Kail und Bächlin zehn Zirkuswagen, jeder in dunklen, satten Farben mit Bildern bemalt, die aller Vorstellung spotteten. Einige Karren und Zugpferde sowie eine Menge Zelte fanden sich am Rand des Platzes. Ein stetiger Strom von Menschen bewegte sich auf den Zirkus zu. Zuschauer mit großen Augen vermischten sich mit unangenehmen Gestalten, die offenkundig andere Vergnügungen als das Monstrositätenkabinett suchten. Kail wusste, dass der Zirkus oft auch ein Markt für fleischliche Gelüste war – zumeist für jene von perverser Natur. Stämmige Wachen, welche die gleiche Kleidung wie der Bändiger trugen, den er in der Bettlerallee gesehen hatte, standen in gleichmäßigen Abständen um das Zirkuszelt. Der Kartenabreißer, ein Buckliger mit einer Hasenscharte, wartete beim Eingang und sammelte sorgsam die Pergamentstücke aus Fischhaut ein, die der Zirkusdirektor den Neugierigen in der Allee verkauft hatte. Solche Zirkusse arbeiteten oft ausschließlich mit vorverkauften Eintrittskarten, damit kein Bargeld vorhanden war, falls die Obrigkeit oder Räuber erschienen, um sie zu schließen oder auszurauben. Der Bucklige scheuchte zwei Jungen fort, und einen Augenblick später war eine der Wachen bei ihnen und knurrte sie an. »Ihr könnt morgen wiederkomm!«, rief ihnen der Bucklige hinterher. »Wir sin noch zwei Tage hier!« Bächlin schirmte die Augen vor dem Fackellicht ab und sah sich um. »Hier wartet keiner auf uns«, sagte er nervös. Er gab seinem Pferd, das angespannt im Fackelschein tänzelte, einen geschnalzten Befehl. Kail nickte ihm zu. Niemand erwartete sie vor dem Zeltring. »Ich gehe rein und suche nach ihm«, erbot sich Bächlin. Der andere Fischer lachte. »Ich hatte vergessen, dass du eine Vorliebe für so etwas hast«, sagte er, suchte noch einmal die Umgebung ab, entdeckte aber kein Zeichen vom Zirkusdirektor. »Wir sollten ihm nicht auf seinem eigenen krummen Boden gegenübertreten. Ein solcher Ort ist schließlich die Heimstatt von Ungeheuern.« »Wie sollen wir denn mit ihm sprechen?« »Wir bringen ihn dazu, zu uns hinauszukommen.« Bächlin kratzte sich verwirrt am Kopf. »Und was ist, wenn er nicht rauskommen will?«, fragte er aufgeregt und beobachtete die Menge, die nun durch das Tor eingelassen wurde. »Ich verspreche dir, dass er kommen wird«, sagte Kail zuversichtlich. Er sprang vom Wagen und zog die Abdeckung aus Öltuch zurück. Das Geschöpf zwischen dem Seetang zischte ihn an. In seinen Augen glühte der Hass. »Da bist du ja, Kerlchen. Bleib bloß ruhig«, sagte er und schenkte dem vernichtenden Blick der Kreatur keine Beachtung, als sie versuchte, mit ihren gebogenen Gliedern nach ihm zu greifen. Er zog das Öltuch wieder über das Geschöpf, stellte sich im Wagen auf, räusperte sich und rief mit der Stimme eines Marktschreiers, die er sich als Fischhändler im Hafen erworben hatte: »Kommt herbei, Ihr Damen und Herren, kommt alle und seht den Wundersamen Fischjungen! Ein schrecklicheres Ungeheuer werdet Ihr in dem Kabinett, für das Ihr schon bezahlt habt, nicht finden. Und noch besser: Hier kostet es Euch nichts!« Die Menge, die in das Monstrositätenkabinett strömte, ging an ihm vorbei, und nur wenige schauten in seine Richtung. Kail versuchte es erneut. »Kommt, wenn Ihr Euch traut, und schaut in das Antlitz eines wahren Ungeheuers! Kommt und werft einen Blick auf ein Wesen, das halb Mann, halb Frau und halb Fisch ist!« Einige Männer wurden langsamer, doch ansonsten beachtete ihn die Menge nicht weiter, sondern eilte auf die Zelte zu. Kail ließ sich indes nicht entmutigen. Er sprach eine schwergewichtige Frau an, die mit ihrem rotköpfigen Gemahl, dessen Brustkorb so mächtig war wie ein Fass, an ihm vorbeischlenderte. »Ihr, meine Dame! Ihr scheint mir eine tapfere Seele zu sein. Wollt Ihr die Erste sein, die ein wirkliches Ungeheuer sieht? Etwas, das so schrecklich ist, dass sogar der Zirkusdirektor des Monstrositätenkabinetts Angst hat, herauszukommen und es sich anzuschauen?« Die Frau blieb gebannt stehen und zupfte ihren Gemahl am Ärmel. Der Mann schüttelte missbilligend den Kopf, aber sie wollte nicht weitergehen. »Ach, komm doch, Percy, er hat mich auserwählt! Ich will die Erste sein!«, quakte sie. »Bitte, mein Liebchen. Komm, wir sehen es uns an.« »Ja, mein Herr, hört auf die kleine Dame«, sagte Kail auf eine Art, die er für manierlich hielt. »Ihr könnt es Euch ebenfalls ansehen. Und es wird Euch nichts kosten. Seid die Ersten! Oder geht weiter.« Der Mann mit der Brust wie ein Fass warf einen sehnsüchtigen Blick in Richtung des Monstrositätenkabinetts, schaute dann in das erwartungsvolle Gesicht seiner Frau und seufzte. »Na gut, Grita, aber dann kommen wir zu spät zum Tor«, sagte er widerwillig. Kail klatschte vor Freude in die Hände. Wie er erwartet hatte, bildete sich allmählich ein kleiner Auflauf, der bereit war, ein wenig später das Monstrositätenkabinett zu besuchen und vorher zu sehen, was sich in dem Wagen befinden mochte. Das Licht der Fackeln warf lange, huschende Schatten über das Öltuch und verlieh ihm das Aussehen eines bedrohlichen Tümpels, aus dem bald etwas Scheußliches auftauchen würde. »Kommt an diese Seite, meine Dame«, sagte er zu der Frau, die nun eifrig zu der Stelle schritt, auf welche der Fischer gedeutet hatte. Der Mann folgte ihr laut seufzend. Kail warf einen Blick über die Schulter in Richtung Zirkus. Wie erwartet, hatte er die Aufmerksamkeit von so vielen Leuten errungen, dass der Bucklige am Tor neugierig wurde. Der Kartenabreißer murmelte einer der Wachen etwas zu. Der muskelbepackte Hüne schlüpfte durch das Tor und verschwand im Innern des Zirkus. Kail wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Frau zu, die ungeduldig neben dem Wagen tänzelte. Er nahm einen so höflichen Ton wie möglich an. »Seid Ihr bereit, meine Dame?« Die Frau nickte eifrig. »Achtet darauf, innerhalb der Reichweite Eures prächtigen Gemahls zu bleiben. Das hier ist ein wildes Tier.« »Mach endlich voran«, brummte ihr Mann. Kail schaute noch einmal in die Menschenmenge und nickte, als er sie für groß genug hielt. »Also gut. Seht Euch den Wundersamen Fischjungen an!« Er packte das Öltuch und zog es hoch, sodass die Frau und ihr Gemahl in das Innere des Wagens schauen konnten, während der Rest der Umstehenden die Gesichter der beiden beobachtete. Der Mann und die Frau spähten in die Tiefen des Wagens. Zuerst erblickten sie nur Dunkelheit. Die Frau stellte sich auf die Zehenspitzen und beugte sich vor, um besser sehen zu können, während ihr Mann die Arme verschränkte und verärgert wirkte. »Ich seh gar nichts«, sagte er griesgrämig. »Ich auch nicht ...« Gerade als die Frau die Worte ausgesprochen hatte, sprang die Kreatur im Wagen mit aller Kraft auf sie zu und zischte und kreischte wild. Schwarzes Wasser ergoss sich zwischen den weichen, gelben Zähnen aus ihrem an den Rändern offen stehenden Mund, und die umwölkten Augen waren erfüllt von mörderischer Wut. Beide wichen vor Entsetzen zurück und kreischten gemeinsam auf. Das Gesicht der Frau war ganz grau geworden. Schluchzend verbarg sie sich hinter ihrem Mann, doch er vermochte ihr nicht zu helfen, denn er wirkte wie angewurzelt und kreischte wie ein Affe. Diese Enthüllung hatte den erwünschten Erfolg. Das Entsetzen des Mannes und seiner Gemahlin waren so echt, dass eine Welle des Grauens über die ganze Zuschauerschaft hinwegbrauste, die vor Angst aufkeuchte, auch wenn niemand sonst das Ungeheuer in dem Wagen gesehen hatte. Kail kicherte über das Entsetzen, das sich auf Bächlins Gesicht breit gemacht hatte. Die Welle des Schreckens hatte auch seinen Gefährten erreicht. Er zog das Öltuch wieder über den Wagen. »In Ordnung«, rief er der Menge zu, die sich um ihn versammelt hatte und wegen der Schreie auf das Dreifache angewachsen war. »Wer ist der Nächste?« Bächlin hatte sich inzwischen wieder erholt und beobachtete das Tor. »Kail«, murmelte er, »er kommt.« Ohne hinzusehen, nickte Kail. »Ihr, mein Herr?«, fragte er rasch und zog einen großen, stämmigen Mann an den Rand des Wagens. Die Leute, die in seiner Nähe gestanden hatten, traten hastig zurück. Gerade als der Mann zum Beobachtungsplatz gelockt wurde, traten der Zirkusdirektor und zwei seiner Aufseher in den Kreis der Zuschauer. Kail wartete mit der Enthüllung, bis der Zirkusdirektor nahe genug stand. Als er nur noch wenige Schritte entfernt war, zog der Fischer das Öltuch wieder fort und rief damit ein ersticktes Keuchen und einen Schrei echten Grauens aus der Tiefe des stämmigen Mannes hervor. Die Bauernmenge schwatzte in einer Mischung aus Erregung und Angst durcheinander. Der Zirkusdirektor bahnte sich einen Weg, gefolgt von seinen Aufsehern, und versuchte das Geplapper zu übertönen und die Gruppe zu überzeugen, in den Zirkus zu kommen, doch das Versprechen eines kostenlosen Blicks auf ein offenbar scheußliches Monstrum erweckte in jedem den Wunsch, es mit eigenen Augen zu sehen. »Was macht ihr hier?«, wollte der Inhaber des Zirkus von Kail wissen, der die Ereignisse mit einem Ausdruck selbstgefälliger Zufriedenheit verfolgte. »Nun, wir bieten Euren Zirkusbesuchern eine kleine ... eine kleine ...« »Nebenvorstellung?«, schlug Bächlin vor. Kail kicherte. »Genau! Eine Neben Vorstellung, neben dem Zirkus.« Er schaute von der ungestümen Menge, die nun gespannt darauf war, wer als Nächstes in den Wagen spähen durfte, zu dem blassen Zirkusdirektor und seinen Schlägern und bedachte den Mann mit einem anmaßenden Blick. »Nun werdet mal nicht unverschämt, Herr Zirkusdirektor«, sagte er herablassend. »Schließlich wart Ihr es, der mich hierher gebracht hat. Ich habe Euch dieses Ungeheuer zuerst angeboten, aber Ihr hattet es ja nicht nötig, zu unserer Verabredung zu erscheinen.« Der Zirkusdirektor drängte sich durch die Menge und kam an die Seite des Wagens, wo Kail stand. »Ich will es sehen«, forderte er und ergriff den Rand des Öltuchs. »Na, na«, tadelte Kail ihn und schlug seine Hand fort. »Für Euch ist es nicht kostenlos, Zirkusdirektor. Ihr habt von mir Geld gefordert, damit ich Eure Vorführung sehen kann. Da ist es nur gerecht, wenn Ihr für meine nun eine Krone bezahlt.« Die erregte Menge murmelte Zustimmung. Unmenschliche Laute drangen unter dem Öltuch hervor. Das Gesicht des Zirkusdirektors entspannte sich. »Ich habe kein Geld dabei«, meinte er mürrisch. Kail nickte. »Das stimmt vielleicht sogar. Also werde ich Euch zeigen, wie ein Ehrenmann handelt. Obwohl Ihr mich so grob behandelt habt, will ich Euch die Krone erlassen. Aber wenn Ihr meinen Fischjungen kaufen wollt, müsst Ihr meinen Preis zahlen plus die Krone plus die halbe Krone, die Ihr von mir verlangt habt.« Er schaute sich in der wachsenden Menge nach Unterstützung um. »Ist das gerecht?«, fragte er die Versammelten. Ein Chor der Zustimmung erhob sich. »In Ordnung«, knurrte der Zirkusdirektor. »Und jetzt zeig mir deine verdammte Missgeburt.« Kail lächelte breit und trat beiseite. Er verneigte sich und deutete höflich auf den Wagen. »Seid mein Gast, Herr.« Der Zirkusdirektor hob die Abdeckung. Ein blasser Arm schoss aus den Eingeweiden des Wagens hervor. Die kranke Haut war beinahe grün im flackernden Licht der Fackeln. Einen Augenblick später folgte der missgestaltete Kopf. Die großen, umwölkten Augen blitzten, der groteske Mund stieß zischende und kreischende Laute aus, die eindeutig unmenschlich waren und vielleicht sogar einen dämonischen Ursprung hatten. Das Wesen krallte sich an dem Zirkusdirektor fest, packte ihn an der Jacke und zog ihn zu sich. Der Mann machte sich frei und wich zurück. Die Kreatur schlug hilflos nach Kail, bevor sie wieder in die Tiefen des Wagens zurücksank. Die Menge keuchte auf; die Zuschauer in der ersten Reihe drückten und drängelten, um aus der Reichweite des Wagens zu gelangen. Nur der Zirkusdirektor stand still und reglos da. Er wandte sich an Kail, der seine Freude nicht verbergen konnte. »Wie viel willst du dafür haben?«, fragte er angespannt. Kail tat so, als denke er nach. »Nun, heute Nachmittag hatte ich vor, fünfzig Kronen zu verlangen«, sagte er und fuhr fort, als er das entsetzte Atemholen des Zirkusdirektors vernahm: »Aber da Ihr so grob zu mir wart, beträgt der Preis nun hundert Goldkronen. Plus zwei.« Der Zirkusdirektor wollte etwas entgegnen, doch dann bemerkte er die Menge, die nun eifrig dem Monstrositätenkabinett entgegenströmte, und überlegte es sich anders. »Abgemacht«, sagte er. Er gab einem seiner Wächter ein Zeichen, und der Mann verschwand in Richtung der äußeren Vororte von Bethania. »Wir geben Euch eine Stunde«, sagte Kail und kletterte zurück in den Wagen. »Mein Freund Bächlin würde gern die Vorführung besuchen, falls Ihr nichts dagegen habt. Danach werden wir verschwinden, entweder mit unserem Geld und ohne unseren Fischjungen, oder ohne es und mit ihm. Wenn also Euer Lakai nicht pünktlich mit dem Geld ...« »Er wird rechtzeitig zurückkommen«, presste der Zirkusdirektor durch die Zähne. »Gut«, meinte Kail und streckte sich auf der Wagenplanke. »Und weil ich Euch beweisen will, was für ein großzügiger Bursche ich bin, gebe ich Euch seine Fische kostenlos dazu. Sie sind seine Nahrung, auch wenn er Aale bevorzugt. Ihr solltet Verabredungen besser einhalten.« Die Kreatur wurde im Schutz der Dunkelheit übergeben, als der Zirkus für die Nacht geschlossen hatte. Sie hatte gezischt und gespuckt, doch ihre weichen Knochen und ihre Schwächlichkeit hatten die Übergabe recht einfach gemacht. »Vergesst nicht, das Geschöpf feucht zu halten«, hatte Kail dem Zirkusdirektor geraten, als es in eine Leinwandschlinge gelegt und durch das Tor in die seltsame Welt des Monstrositätenkabinetts gebracht wurde. »Es trocknet leicht aus.« »Nimm dein Geld und verschwinde«, sagte der Zirkusdirektor und sah zu, wie die Aufseher die Gestalt in eines der Zelte trugen. Er drehte sich um und folgte ihnen ohne ein weiteres Wort. Als sie später in dieser Nacht die transorlandische Straße erreicht hatten und auf dem Rückweg zur Westküste waren, sprach Bächlin endlich. Er hatte stundenlang vor sich hingestarrt und zu verstehen versucht, was er hinter dem Tor des Zirkus gesehen hatte. »Da drin war eine ... Frau mit zwei ... zwei ... Schlitzen«, flüsterte er und deutete zwischen seine Beine. Er schüttelte den Kopf und versuchte diesen Anblick aus seinen Gedanken zu vertreiben. Kail lachte laut auf. »Gut, dass ich mein Gold behalten habe, Bächlin«, sagte er in rauem Ton. »Man will doch nicht seine >Münze< in einen dieser >Schlitze< stecken, oder?« »Und eine hat Menschenfleisch gegessen«, fuhr Bächlin fort, der immer noch bemüht war, die Bilder aus seinem Kopf zu vertreiben. »Überall um sie herum abgetrennte Arme, und sie hat mit den Zähnen an dem Fleisch und den Fingern gezerrt ...« »Hör auf damit«, befahl ihm Kail. »Ich will unser Glück genießen.« Er klopfte sich gegen die Brust, an der er seine Geldbörse trug, und spürte dabei etwas Scharfes über die Haut oberhalb der Rippen kratzen. Er griff unter sein Hemd und zog die vielfarbige, ausgefranste Scheibe hervor, die er dem Geschöpf abgenommen hatte. Hell und bunt leuchtete sie im Licht der untergehenden Mondsichel. »Schau mal einer an«, sagte er freudig; er hatte diesen seltsamen Gegenstand völlig vergessen. »Da haben wir ja noch eine Erinnerung an unseren Fischjungen.« »Hattest du nicht versprochen, sie ihm zurückzugeben?«, fragte Bächlin. Kail zuckte die Achseln. »Ein Versprechen einem Fisch gegenüber braucht man wohl kaum einzuhalten«, sagte er lässig. »Ich mache ihnen jeden Tag Versprechungen und locke sie damit in meine Netze. Diese Versprechen halte ich ebenfalls nicht. Außerdem wird der Zirkus längst weitergezogen sein, wenn wir jetzt zurückfahren sollten.« Er drehte die Schuppe in der Hand und bewunderte sein eigenes Gesicht in der spiegelnden Oberfläche. »Haben sie gesagt, wohin sie als Nächstes gehen wollen?« Kail dachte kurz nach und versuchte sich zu erinnern. Schließlich nickte er. »Nach Sorbold«, sagte er. Fast den ganzen Rest des Tages legten sie in ihrem üblichen Schweigen zurück. Kail plante, wie er seinen Anteil an ihrem Vermögen ausgeben würde, und Bächlin versuchte zu vergessen, wie sie dazu gekommen waren. 10 Faron erwachte im Wasser. Das Geschöpf blinzelte. Es war dunkel im Innern des Zeltes. Faron erkannte verschwommene Umrisse durch das milchige Glas des Behälters, in dem er sich befand. Unter geringer Anstrengung glitt er an die Oberfläche und holte Luft. Dabei schlug sein weicher Schädel gegen eine verstärkte Leinwand, die um das Glas gebunden war. Er versuchte sich zu erinnern, wie er an diesen Ort gekommen war, doch das Bild in seinem schwachen Verstand war undeutlich und schmerzlich. Faron dachte daran zurück, wie er vor dem Wagen in eine Art Schlinge gelegt worden war und zu ertrinken gefürchtet hatte, als man ihn in den Tank geworfen hatte, doch alles andere war unklar für ihn. Er schlug hilflos gegen das Glas und drückte die gebogenen Hände in sinnloser Anstrengung gegen die Leinwanddecke. Nach wenigen Augenblicken gab er erschöpft auf. Wenigstens befand er sich nicht mehr unter der sengenden Sonne, sondern durfte Wasser ohne Salz genießen. Der Gedanke an Salzwasser machte Faron traurig. Das letzte Mal, dass das Geschöpf seinen Vater gesehen hatte, war an Bord eines Schiffes gewesen. Er war wütend an Land gegangen und nie wiedergekommen. Faron hatte ihn durch die Todesschuppe in einen tiefen Abgrund gleiten sehen. Der Fürst Rowan, Yl Angaulor, hatte ihm den Zutritt zum ewigen Frieden verweigert. Der Tod seines Vaters hatte Faron das Herz gebrochen. Tiefe Verzweiflung hatte eingesetzt, doch nur für kurze Zeit. Die Trauer war mit der Gezeitenwelle fortgespült worden, die seinem Vater in die Unterwelt gefolgt war. Faron war unter Deck gewesen, in einem Tümpel aus glimmerndem grünem Wasser in der Dunkelheit des Schiffsbauches, als die Welle das Schiff getroffen hatte. Kurz zuvor hatte er Schreie gehört, aber er hatte nicht gewusst, was dort oben vor sich gegangen war, bis das Schiff heftig geschlingert hatte. Der Tümpel war ausgelaufen und Faron in den Schiffskörper geschleudert worden. Er hatte das Bewusstsein verloren und war irgendwann im Meer aufgewacht, umgeben von Treibgut und ohne Anzeichen eines anderen lebenden Wesens. Und so war es lange Zeit geblieben. Er hatte das brennende Salz und die donnernden Wellen ertragen, bis er bewusstlos in einem Fischernetz an Land geholt worden war. Die Zeltklappe wurde zurückgezogen; Licht drang herein. Faron zuckte zusammen. Eine kräftige Frau, gekleidet in viele Lagen zerrissener Blusen, befleckter Schürzen und zerfetzter Röcke, betrat das Zelt. In ihren scharfnageligen Händen hielt sie ein Tablett. Sie trug keine Schuhe; ihre gewaltigen Füße, doppelt so groß wie normal, standen in einem seltsamen Winkel ab und waren platt und mit Schwielen überzogen. Zwischen den Zehen schienen sich Schwimmhäute auszubreiten. Sie kam geradewegs auf den Tank zu und spähte hinein. Faron wich zur rückwärtigen Wand und trat wild das Wasser. Die Frau zog die gerunzelten Lippen zurück und entblößte einen beinahe zahnlosen Mund; die wenigen Zähne, die sie noch hatte, waren entweder schwarz oder abgebrochen. »Bist wach! Ach, Kleines, Emmi is so froh, dasses dir besser geht.« Die Frau setzte das Tablett auf dem schmutzigen Boden ab und gluckste mitfühlend. »Na, na, Kleiner, hast nix zu befürchten. Die alte Emmi würd dir nie was tun.« Sie löste den Knoten, der die Leinwand über dem Tank hielt, hob sie über ihren Kopf und warf sie auf den Boden. Faron hob abwehrend den Arm und zischte die seltsame Frau an. Sie zuckte nicht zusammen, sondern verschränkte bloß die Arme vor der Brust und betrachtete den Neuzugang zärtlich. »Hör auf damit, mein Kleiner, mein Süßer. Hast nix zu befürchten. Hungrig?« Farons umwölkte Augen verengten sich. Er schaute sie misstrauisch an und nickte dann vorsichtig. »Armer Kleiner. Hab dir ’n paar schöne Fische mitgebracht, lebende. Wülste?« Eine Mischung aus Hunger und Erregung trat in Farons Blick. Die Frau kicherte darüber, zog das Tuch von dem Tablett und enthüllte eine kleine Schüssel voller Goldfische. Sie hielt sie vor Farons Gesicht und gluckste vor Vergnügen, als das Geschöpf in Vorfreude sabberte und jaulte. Sie streckte einen langen, krallenbewehrten Finger aus, spießte mit einer so schnellen Bewegung, dass Faron ihr nicht folgen konnte, einen der Fische auf und hielt das zappelnde Tier über den Tank. »Hier, mein Schönchen, mein Süßer«, flüsterte sie. »Komm und iss.« Faron schwamm zum hinteren Teil des Tanks und dachte nach. Schließlich siegte der Hunger über das Misstrauen, und das Geschöpf kam wieder hervor und drückte sich gegen die Vorderwand des Tanks. Mit zuckenden Lippen griff Faron nach oben und pflückte den zitternden Fisch vom Nagel der Frau. Er erbebte vor Lust, als der Fisch durch seine Kehle in den Magen glitt, der seit dem Schiffbruch nichts als Hunger gekannt hatte. Draußen vor dem Zelt waren Stimmen zu hören, als zwei Männer vorbeigingen. »Habt ihr Entenfuß-Emmi gesehen? Der Zirkusdirektor sucht nach ihr.« »Ja, sie ist ins Zelt gegangen, um den Neuen zu füttern.« Die Zeltklappe wurde wieder zur Seite gezogen. Faron wich vor dem Licht zurück. Entenfuß-Emmi blickte den Mann, der die Klappe geöffnet hatte, finster an. »Emmi ...« »Hab ihn gehört. Sag ihm, er soll seine Streifenhose anbehalten, hab zu tun. Muss den Neuen füttern«, sagte sie grob. Sie wandte sich wieder Faron zu, und das Stumpfzahnlächeln legte sich erneut über ihr Gesicht. »Tut mir so Leid, mein Liebster, komm doch wieder her. Hier is noch einer.« Sie spießte einen zweiten Fisch auf und hielt ihn hoch. Nach kurzem Zögern kehrte Faron zu ihr zurück und erlaubte ihr, einen Fisch nach dem anderen aufzuspießen und sie hochzuhalten, damit er sie essen konnte. Ihr schien die Berührung von Farons Lippen nichts auszumachen; im Gegenteil, es machte ihr Spaß, die zuckenden Fische verschwinden zu sehen, die allmählich seinen Hunger stillten. Sie sprach sanft mit Faron und sang ihm leise etwas vor, wie es eine Mutter bei ihrem Kind machte. Sie war so sanft und freundlich; es war nach dem langen Schwimmen im Meer und den Misshandlungen an Land so schön, dass es Faron eine Erinnerung zurückbrachte – die Erinnerung an den Vater, der sich um sein Geschöpf so zärtlich gekümmert hatte, auch wenn er manchmal wütend und grausam gewesen war. Da stieg in ihm ein tiefes Gefühl von Verlust auf, wie er es noch nie verspürt hatte, und eine Träne rollte aus dem umwölkten Auge und über die faltige Wange. Entenfuß-Emmis grässliches Lächeln machte einem Ausdruck mitleidiger Besorgnis Platz. »Na, na«, sagte sie rasch, setzte die leere Fischschüssel ab und wandte sich wieder der weinenden Kreatur zu. »Was is denn los, Liebchen? Die alte Emmi is doch hier, und sie wird nich zulassen, dass dir einer was tut.« Sie streckte die Hand aus und ballte vorsichtig die Finger mit den langen Nägeln zu einer Faust, damit sie das Geschöpf nicht kratzte. Dann wischte sie ihm ganz sanft mit den Knöcheln die Träne von der Wange. »Nich weinen, mein Liebchen, mein Schönchen. Bald fahren wir wieder.« Farons Augen flogen auf, und plötzlich lag Erkennen in ihnen. Entenfuß-Emmi zog darauf die Brauen bis in die Stirn. »Was is los, Liebchen?« Die an den Seiten aufklaffenden Lippen zitterten, und die verkrüppelten Hände schlugen gegen die Brust. Nun zog Emmi die Brauen verwirrt zusammen. »Fahren? Was is mit fahren?« Faron zeigte auf sich. Er nickte und schüttelte dann wieder den Kopf. Entenfuß-Emmi begriff allmählich. »Dein Name, nich wahr? Fahren?« Faron schüttelte erneut den Kopf. »Fahrn? Foahrn? Fern?« Sie probierte einiges, bis sie schließlich zu »Faron« kam und das Geschöpf im Tank beinahe rasend vor Freude wurde. Die Frau klatschte begeistert. Sie streckte die Hand aus und streichelte erneut mit den Knöcheln die Wangen der Kreatur. »Freut mich, dich kennen zu lernen, Faron. Bist du Mann oder Frau?« Das Geschöpf blinzelte; Unverständnis lag in seinem Blick. Entenfuß-Emmi schüttelte den Kopf. »Egal, macht nix. Das wissen hier sowieso viele nich. Keine Sorge, Liebchen, Emmi passt auf dich auf, mehr brauchst du nich.« Sie kam näher; ihre Kleiderlumpen raschelten, als sie sich gegen das Glas presste. »Denk dran, Liebchen: Du bist so gut wie jede andere lebende Seele auf der großen, weiten Welt. Sie zahlen vielleicht, um solche wie dich zu sehen, um dich auszulachen und Sachen nach dir zu werfen, aber wer weiß, vielleicht bist du da, wo du herkommst, so was wie ’n König! Vielleicht biste in irgend’nem fernen Meer der Herr über all die Fische, die da schwimmen, un’ auch über die Austern un’ Muscheln. Un’ wer sin’ schon die, die über dich lachen? Bauerntrampel, allesamt. Hirnlose Bauern, die ihre elenden Kupfermünzen dafür ausgeben, andere auszulachen. Dabei wollense nur ihr eigenes Leben vergessen, weil’s so sinnlos is.« Ihr Lächeln wurde breiter und ihre Stimme wärmer. »Aber du un’ ich, mein Liebchen, wir spielen vor Königen un’ Königinnen, vor Herren un’ Herrinnen, Liebchen! Wir gehen in die großen Städte un’ Paläste, die diese Elenden nie sehen werd’n. Kann dir also egal sein, wennse über dich lachen, mein Liebchen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten, un’ das sin’ wir.« Das Monstrositätenkabinett blieb drei weitere Nächte in Bethania, eine Nacht länger als geplant. Jeden Abend stellten sich die Leute in langen Schlangen an, um den schrecklichen Fischjungen zu sehen. Die Nachricht von ihm hatte sich bis in die innere Stadt verbreitet, und die Neugier war so groß, dass sogar der Zirkusdirektor, der sich sonst eng an seinen Zeitplan hielt, der Versuchung nicht widerstehen konnte. Aber nachdem er drei Nächte hintereinander den Zirkus von Sonnenuntergang bis in die frühen Morgenstunden geöffnet hatte, entschied er, dass es auch so etwas wie zu viel Glück gab. Er befahl seiner erschöpften Menagerie zu packen und die Pferde anzuspannen. Ein ganzes Reich erwartete sie, ein raues Land, in dem Handel und Wirtschaft aller Art, ehrenhaft und weniger ehrenhaft, blühten. Sorbold. 11 Haguefort — Navarne Rhapsody war während des gesamten Mahls zu Gwydions Ehren blass und schweigsam. Nachdem das Essen abgetragen war, hoffte Ashe, sie werde einiges von ihrer Lebenskraft wiedererlangen und ihr Magen werde sich beruhigen, aber sie blieb auch noch angespannt und still, als die Reden begannen. Ashe hatte sich unablässig Sorgen gemacht, seit er in die Große Halle zurückgegangen war und dort seine Frau im Gespräch mit Jal’asee angetroffen hatte. Rhapsodys Empfänglichkeit für die Musik des Lebens führte meistens dazu, dass die Schwingungen in ihrer Umgebung zu ihrer Stimmung passten. Seit ihrer Rückkehr zu Heim und Familie war sie mit sich im Einklang gewesen. Doch der Drachensinn in Ashes Blut verriet ihm nun, dass sie hinter ihrem ruhigen »Hofgesicht« entsetzlich nervös war. Was immer der Botschafter der Meeresmagier ihr gesagt hatte, hatte sie unbeschreiblich aufgeregt, doch sie hatte ihm nicht verraten, worum es sich handelte. Als nun die einzelnen Herzöge Rolands nacheinander aufstanden und seinem jungen Mündel Worte der Weisheit und Wertschätzung übermittelten, ergriff Ashe schweigend Rhapsodys Hand. Sie war heiß, entweder durch die Schwangerschaft oder das Element des reinen Feuers, das sie vor langer Zeit auf ihrer Reise durch den Bauch der Erde mit Achmed und Grunthor in sich aufgenommen hatte. Außerdem war sie nass. Es war Angstschweiß. Er beugte sich wie beiläufig zu ihr hinüber und flüsterte ihr ins Ohr: »Möchtest du, dass ich dich ganz höflich entschuldige?« Rhapsody schüttelte kaum merklich den Kopf. »Ist mit dir alles in Ordnung, meine Liebe? Du machst mir Angst.« »Ich muss Zeit und Kraft finden, um noch einmal mit dem Botschafter der Meeresmagier zu sprechen«, flüsterte Rhapsody. Ashe hörte ihre Stimme nur in seinem Ohr; es war ein Kunstgriff der Benennerin. »Morgen«, antwortete er ruhig. »Ich glaube, du solltest deine Ansprache halten und dich dann zur Ruhe begeben. Ich frage Jal’asee, ob er morgen früh nach deinem Gebet in den Garten kommt. Reicht das?« Rhapsody seufzte und nickte zögernd. Als die Herzöge von Roland schließlich mit ihren Glückwünschen an Gwydion fertig waren und Rial von Tyrian sowie die übrigen Botschafter der befreundeten Staaten auf sein Wohl getrunken hatten, erhob sie sich ein wenig schwankend und wandte sich an ihren Adoptivenkel. »Gwydion Navarne, du bist der Sohn eines großen Mannes und der Namensvetter eines anderen Großen. Du hast dein ganzes bisheriges Leben diese beiden Namen getragen und die Ehre, die mit ihnen verbunden ist. Am letzten Tag des Herbstes wirst du endlich zu deinem eigenen Namen kommen. Ich habe keinen Zweifel, dass die Sänger und Benenner in ihren zukünftigen Geschichten von großen Taten, von Ehrenhaftigkeit, Hochachtung, Tapferkeit, Treue, Führerstärke und Freundlichkeit gegenüber deinen Gefährten berichten werden. Du hast all diese Charakterzüge schon gezeigt, noch bevor du in dein Geburtsrecht eingesetzt wurdest. Trage sie weiter durch dein Leben, als Mann und als Herzog von Navarne.« Sie erblasste und griff nach der Hand ihres Gemahls. »Es tut mir Leid; ich muss mich jetzt hinlegen.« Ashe wollte aufstehen, aber sie bedeutete ihm, sitzen zu bleiben. »Nein, nein, bitte bleibt alle und feiert weiter. Ich will, dass mein Enkel anständig gefeiert wird, auch wenn ich heute Abend keine Stimme habe, um ein altes Lied zu singen. Ich entschuldige mich bei dir dafür, Gwydion, und wünsche dir alles Gute.« Schwach hob sie ihr Glas in Gwydion Navarnes Richtung, prostete ihm zu, lächelte ihn an und warf ihm einen Kuss zu. Dann raffte sie ihre schweren Samtröcke. Ashe stand auf und ergriff ihren Arm. »Ich bin gleich wieder da«, sagte er zu den Gästen, »sobald die Herrin ruht. Bitte bleibt alle hier.« Die Herzöge und Botschafter erhoben sich, als das Paar den Raum verließ, und kehrten dann zu ihren Unterhaltungen zurück. »Hast du Schmerzen?«, fragte Ashe, als sie durch die prächtigen Korridore von Haguefort auf die große Treppe zugingen, vorbei an liebevoll aufgestellten Rüstungen, Wappen, Gobelins und anderen Antiquitäten, die Stephen Navarne, der cymrische Geschichtsforscher, gesammelt hatte. »Mehr als üblich? Geht es dem Kind nicht gut?« Rhapsody verlangsamte ihre Schritte, als sie am Fuß der Treppe ankamen, und schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte sie, während ihr Gesicht noch blasser wurde. »Ich glaube, ich bin durch die Ereignisse etwas durcheinander gebracht.« »Du kannst mir davon erzählen, sobald ich dich ins Bett gebracht habe«, sagte Ashe und legte den Arm über ihren Rücken, als sie den Fuß auf die unterste Treppenstufe setzte. Dann überlegte er es sich anders, hob sie in seine Arme und trug sie die Treppe hinauf. Ihre mangelnde Gegenwehr beunruhigte ihn, denn Rhapsody hasste es, getragen zu werden. Ein Palastwächter öffnete die Tür zu ihrem Turmzimmer, als Ashe sich ihm näherte, und schloss sie hinter dem Paar wieder, worauf er sich leise aus dem Korridor zurückzog. Ashe trug Rhapsody zu ihrem gemeinsamen Bett, legte sie nieder und zog beim Kerzenlicht die Bettvorhänge zu. Dann setzte er sich neben sie und schaute ihr tief in die Augen, während er versuchte, ihren Zustand zu erfühlen. Er erlaubte seinem Drachensinn, seinem Erbe, das er seiner Urgroßmutter Elynsynos zu verdanken hatte, über seine Frau zu schweifen und sie auf eine Art und Weise zu untersuchen, die dem bloßen Auge unmöglich war. Ihr Atem ging flach. Es war ein Zeichen von Unbehagen, das sie während ihrer Schwangerschaft oft zeigte. Manwyn, die Seherin der Zukunft, das Orakel von Yarim, hatte ihr Schmerzen vorhergesagt, aber gleichzeitig eine beruhigende Aussage gemacht. Die Schwangerschaft wird nicht leicht, aber sie wird Rhapsody weder umbringen noch sie verletzen. Als Ashe seine Frau nun betrachtete, wie sie nach Luft rang und die Zähne zusammenbiss, um ihre Schmerzen unter Kontrolle zu halten, fragte er sich wütend, was das Orakel wohl mit »verletzen« meinte. Rhapsodys Augen, die sich zu einem Smaragdgrün verdunkelten, wenn sie wütend, belustigt oder tief berührt war, hatten nun die Farbe von Frühlingsgras. Ashe bemerkte, dass sich ihr Blut veränderte, während das Kind in ihr wuchs. Der Drachenanteil seines Nachkommens war stark und deutlich daran erkennbar, dass er die Umgebung, in der er heranwuchs, bereits zu beherrschen versuchte. Ihm drehte sich der Magen um, als er an die warnenden Worte dachte, die sein Vater Llauron ihm vor der Hochzeit über den Tod von Ashes Mutter im Kindbett mitgegeben hatte. Ich vermute, du weißt, was deiner eigenen Mutter passiert ist, als sie dem Kind eines Drachen das Leben geschenkt hat. Ich habe dir die Einzelheiten bis jetzt erspart. Willst du sie hören? Willst du wissen, wie es ist, einer Frau, die man zufälligerweise auch noch liebt, zuzusehen, wie sie unter Schmerzen stirbt, während sie versucht, dein Kind zur Welt zu bringen? Ich will es dir gern beschreiben. Da das Drachenjunge instinktiv die Eierschale durchbrechen und sich mit den Krallen einen Weg hinausbahnen will... Halt. Seine eigene Stimme war in Drachenlauten ertönt. In den Augen seines Vaters hatte ein grimmiges Licht geleuchtet, aber da war noch mehr gewesen – Mitgefühl vielleicht. Dein Kind wird noch drachenähnlicher sein als du; also sind die Aussichten der Mutter auf ein Überleben nicht groß. Wenn schon deine eigene Mutter es nicht geschafft hat, wie wird es dann wohl deiner Gemahlin ergehen? So musste ich mit Entsetzen und der größten Trauer meines Lebens dem zusehen, was eigentlich meine größte Freude hätte sein sollen. Und ich will nicht, dass du meinen Fehler wiederholst. Und ich will nicht, dass Rhapsody für unsere Welt verloren geht. Rhapsody hatte sich jedoch von den Warnungen seines Vaters nicht in ihr gemeinsames Leben hereinreden lassen wollen. Sie hatte darauf bestanden, seine Großtante, das Orakel, zu besuchen und es zu fragen, wie ihr Schicksal aussähe, wenn sie ein Kind haben wollten. Manwyn, die Seherin der Zukunft, konnte nicht lügen, und ihre Antworten schienen recht klar gewesen zu sein. Rhapsody litt tatsächlich infolge der Schwangerschaft, aber es schien ihr jeden Tag etwas besser zu gehen. Zumindest konnte sie wieder sehen, während zu Beginn ihr Augenlicht ernsthaft gefährdet gewesen war. Ashe wusste, dass sie litt, und er hasste es, ertrug es aber, da es ihre eigene Wahl gewesen und sie glücklich damit war. Das Ergebnis würde alle Schmerzen rechtfertigen. Doch nun schien sie durch das, was der Meeresmagier ihr gesagt hatte, stärker in Mitleidenschaft gezogen zu sein als durch alles, was mit ihrem Körper geschah. Er drückte sanft ihre Hand. »Sag es mir.« Rhapsodys Griff wurde fester. »Er weiß es. Jal’asee weiß, dass Achmed, Grunthor und ich durch die Erde von Serendair entkommen sind.« Ashe blinzelte und dachte kurz nach. »In Ordnung«, sagte er schließlich. »Was ist schlimm daran, Aria?« Er redete sie mit dem Namen an, den er in ihren zärtlichsten Augenblicken benutzte. Es war der lirinische Ausdruck für »mein Leitstern«, und jetzt hatte er sie so genannt, weil er hoffte, es werde ihr Unbehagen ein wenig lindern. Rhapsody ließ seine Hand los und zog sich die Kissen hinter den Kopf. »Es war ein Geheimnis, das wir streng gehütet haben«, sagte sie beunruhigt, als ob die Worte sie schmerzten. »Außer uns dreien bist du die einzige lebende Person, die alle Einzelheiten unserer Reise an diesen Ort kennt – oder wenigstens hatten wir das bisher geglaubt.« Ashe streichelte ihr Gesicht, zog ihr das Mieder aus und löste die Korsettstangen, damit sie freier atmen konnte. »Ich verstehe, dass du aufgeregt bist, weil andere etwas wissen, was sie nicht wissen sollten«, sagte er, während er die Schnüre aus den Löchern zog, »aber wenn du es dir recht überlegst, wirst du erkennen, dass es nur ein Schock war, weil du geglaubt hattest, es sei ein Geheimnis. Was aber ist so schlimm daran?« Rhapsody seufzte auf, als sich ihre Kleidung lockerte, und dachte über seine Worte nach. »Achmed war immer der Ansicht, dass wir diese Information geheim halten müssen«, sagte sie und hob ihren Körper an, damit Ashe ihr das schwere Samtüberkleid ausziehen konnte. Nun trug sie nur noch das leichtere weiße Hemd. »Ich glaube, es würde ihn wütend oder zumindest misstrauisch machen, wenn er erführe, dass jemand von einem so fernen und geheimnisvollen Ort wie Gaematria unsere Vergangenheit kennt.« »Wann ist Achmed denn einmal nicht wütend oder misstrauisch?«, fragte Achmed scherzhaft und warf ihr Kleid auf einen Stuhl neben sich. Sein Drachensinn bemerkte Rhapsodys innerliches Zusammenzucken, denn ihre bäuerliche Herkunft hatte ihr einen Sinn für Ordnung vermittelt, den er, das Kind aus einer königlichen Linie und Sohn des Oberhaupts eines religiösen Ordens, nie gekannt hatte. Rhapsody lächelte schwach. »Stimmt«, gab sie zu. »Aber mich macht es ebenfalls nervös.« Ashe zog die warme Decke und die frischen Laken für sie zurück und steckte sie um ihren Körper fest, wobei seine Hand auf ihrem geschwollenen Bauch innehielt. »Wenn das Bankett vorbei ist, werde ich Jal’asee bitten, dich morgen nach deinen Gebeten zum Sonnenaufgang im Garten zu treffen«, sagte er. Er spürte die Bewegungen des Kindes in ihr und lächelte. »Dann erfährst du, was er weiß und ob es eine Bedrohung darstellt oder nicht. Die Meeresmagier bewahren viele Geheimnisse, die sowohl der Zeit als auch der Welt verloren gegangen sind. Ich vermute, dass deines bei ihm sicher aufgehoben ist. Doch das kannst du morgen früh selbst beurteilen. Bis dahin solltest du nicht mehr darüber nachdenken.« Er beugte sich vor und küsste sie sanft, dann senkte er die Lippen auf ihren Bauch und drückte auch ihrem gemeinsamen Kind einen Kuss auf, bevor er sich wieder erhob. »Schlaf jetzt, meine Liebe. Ich komme sehr bald zurück.« Rhapsody packte ihn am Nacken und gab ihm einen weiteren Kuss, dann streichelte sie ihm über das Gesicht. »Sehr gut«, sagte sie. »Bitte entschuldige mich bei Gwydion wegen meines armseligen Versuches einer Rede auf ihn. Wenn wir ihn in zwei Monaten zum Herzog ernennen, werde ich in besserer Form sein.« »Ruh dich jetzt aus«, sagte Ashe, löschte die Kerzen und verließ das Zimmer. Rhapsody drehte sich in der Dunkelheit auf die Seite und erlaubte dem Schlaf, sie fortzutragen. Ihre Träume waren voller beunruhigender Bilder aus den Abgründen ihres Geistes. Für eine Ewigkeit schien sie in Dunkelheit und Kälte gefangen und empfand die klamme Furcht, wieder durch den Bauch der Erde entlang der Axis Mundi, der Weltenachse, zu reisen und über die Wurzeln der Sagia zu kriechen, die ihr Volk als heilig verehrte. In ihrem Traum trat sie aus dem Boden hervor und kam in eine Welt auf der anderen Seite der Zeit, die im Griff von Terror und Krieg lag. Vor ihr rannten Leute in alle Richtungen davon. Sie kreischten vor Angst, und ihre Stimmen wurden von einer Kakophonie der Zerstörung geschluckt, die überall um sie herum loderte. Was für ein Krieg ist das?, fragte sie sich, während sie durch die Vernichtung schritt, die sie eingekreist hatte. Verkohlte Leichen bedeckten den Boden. Ist das der serenische Krieg, der meine Heimat nach unserer Abreise zerrissen hat, oder der cymrische Krieg, der dieses neue Land erschütterte, während wir noch durch die Erde reisten? In der Ferne erhellte Feuerschein den Himmel. In ihrem Traum reckte sich Rhapsody und versuchte zu erkennen, was die Wolken beleuchtete. Sie glaubte, die Gestalt eines geflügelten, kreisenden Tieres zu sehen. Eine wogende Wolke aus schwarz-orangefarbenen Flammen, die vor Säure troff, strömte aus dem Rachen der Bestie. Das ist Anwyn, dachte sie benommen und warf sich im Schlaf herum. Das ist keiner der beiden Kriege. Das ist eine Erinnerung an den Kampf, der vor drei Jahren auf dem cymrischen Konzil stattfand, als die Drachin alle Gefallenen der Geschichte wiederbelebt und gegen uns in die Schlacht geschickt hat. Sie zwang sich, befreiter zu atmen, und erinnerte sich daran, dass diese Schlacht vorbei war. Die Drachin war schon lange tot. Ashes Drachengroßmutter lag in einem Grab vor Ylorc; sie war von Sternenfeuer aus dem Himmel getroffen worden. Durch Rhapsodys Hand und die Macht der Tagessternfanfare, des Elementarschwertes des Sternenfeuers, das sie als Iliachenva’ar trug. Doch die Erinnerung an Anwyns Vernichtung zerstreute ihre unbewussten Ängste nicht und vertrieb auch nicht die Träume von Zerstörung und Tod aus ihrem Kopf. Sie verpflanzte sie lediglich in die Gegenwart, wodurch Rhapsodys Herz noch heftiger schlug, während ihren gebannten Geist Bilder ihrer selbst trafen, wie sie vor einer Welle ätzenden Feuers davonlief, die Hände vor dem Bauch, zum Schutz des Kindes. In manchen Szenen schob sie das Kind vor sich her, in anderen trug sie es im Arm; manchmal war es noch in ihr, während sie sich in der Dunkelheit versteckte und es nach seiner Urgroßmutter rief und dadurch ihren Aufenthaltsort verriet. Jedes Mal, wenn sie einen neuen Zufluchtsort gefunden hatte, stöberte die Drachin sie auf. Immer wieder floh Rhapsody mit dem Kind, bis sie schließlich an sich herunterschaute und feststellte, dass sie allein und ihre Arme leer waren. Nun zeigten ihr die Träume eine wogende See, lodernde Schiffe und eine brennende Küste hinter der Uferlinie, einen Kontinent, ja, eine ganze Welt im Krieg. Große geflügelte Wesen kreisten über dem Land und schössen plötzlich auf die dunklen menschlichen Gestalten herab, die durch den Rauch rannten. Die Bestien pflückten sie vom Boden ab und nahmen die sich windenden Opfer mit in den Himmel. Als Ashe zurückkehrte, war sie in Schweiß gebadet und sprach im Schlaf mit leiser, panischer Stimme. Er eilte zu ihrem Bett, nahm sie in die Arme und beruhigte sie, während seine Drachnatur die Albträume vertrieb und sie aus dem Äther verbannte, der Rhapsody umgab. Er flüsterte ihr tröstende Worte zu, bis ihre Atemzüge tiefer und gleichmäßiger wurden, ihr Fieber sank und sie traumlos an seiner Schulter weiterschlief. Er lag lange Zeit wach, streichelte ihre feuchte Stirn, liebkoste ihre seidigen Goldlocken und fragte sich, was die Nachtmahre zurückgeholt haben mochte, unter denen sie früher schon gelitten hatte, von denen sie jedoch nun schon so lange befreit gewesen war. Vielleicht war es die noch nicht lange zurückliegende Entführung durch den verderbten Mann gewesen, der vor langer Zeit einen Pakt mit einem Dämon eingegangen war, um Unsterblichkeit zu erlangen, und dann nach ihr gesucht hatte. Selbst die Vernichtung ihres Entführers und ihre Rückkehr in die Geborgenheit hatten wohl kaum alles Grauen aus ihren Gedanken gelöscht. Vielleicht war es das, was sie nun plagte. Schließlich glitt er selbst in Träume hinüber – in Träume, in denen er durch Wasser wanderte, durch den Ozean reiste, gestaltlos und ohne körperliche Beschränkungen, und mit dem Element sprach, an das er gebunden war, so wie Rhapsody an das Feuer gebunden war. Er hatte es in der Vergangenheit schon oft getan, war ins Meer gewatet und hatte seinen Körper durchlässig gemacht, während er zwischen den Wellen stand, damit Seele und Geist von allen Sorgen gereinigt wurden. Während sie in der Dunkelheit der Bettkammer nebeneinander schliefen, ihre Herzen gleichzeitig, aber nicht gemeinsam schlugen und ihr Atem im Einklang ging, wussten sie nicht, dass zwar Ashe von der Vergangenheit träumte, Rhapsody aber von kommenden Dingen. Als ihr Hunger gestillt war, stieg die Drachin wieder auf die kalten Gipfel. Der Nachthimmel erstreckte sich endlos und voller Versprechungen. Sterne blinkten am dunklen Horizont, und über allem schien am Firmament die Aurora – pulsierende Bänder aus vielfarbigem Licht, die zur stillen Musik des Universums tanzten. Die Drachin sog den frostigen Wind ein. Ich erinnere mich daran, dachte sie, während sie die gewundenen Lichtbänder in der Dunkelheit über ihr beobachtete. Die Nordlichter. Wie hell sie leuchten und wie kalt. Sie entsann sich, wie sie im Körper einer Frau unter ihnen gestanden hatte, unter dem schwarzen Himmel und den glitzernden Sternen, und zugesehen hatte, wie ihr Atem eisige Wolken in der Finsternis gebildet hatte, während sie über die Macht, die Schönheit und die ferne Majestät der Aurora nachgedacht hatte. Sie war ein Zeichen für die Macht des Äthers, jenes Elements, das vor der Welt geboren worden war, das die Sterne erleuchtete, das in der Erde und in der gewaltigen Leere des Weltraums brannte. Als ein Geschöpf mit Drachenblut in den Adern war sie in der Lage gewesen, das Wispern des Elements in ihr selbst zu spüren. Nun, in Drachengestalt, pulsierte es in ihr im Einklang mit den Schwingungen der Aurora. Äther. Seine kalte Schönheit hypnotisierte sie. Aber es war auch die Macht des Äthers zusammen mit der des reinen Feuers, die sie auf ewig in diese Gestalt gebannt hatte – in diesen elenden, schlangenartigen Körper. Am fernsten Rand ihres Bewusstseins blitzte grell ein Erinnerungsfetzen auf. Eine junge Erinnerung, nicht aus der alten Zeit, als sie noch eine Frau war, sondern aus den Tagen der Drachengestalt. Sie flog, schwebte im warmen Wind und hielt etwas in ihren krallenbewehrten Klauen. Eine nette Aussicht, nicht wahr, meine Dame? Wie gefällt dir der Ausblick von hier oben? Ein Bild zuckte in ihrem Kopf auf und wurde gleich darauf von ihrer Haut aufgenommen. Es war der Blitz einer brennenden Waffe, eine stechende Wunde im Flügel und Schmerzen, als sengende Hitze durch sie hindurchfuhr und ihr das Fleisch aufriss. Die Pein hallte noch im Gewebe zwischen den hohlen Knochen des verkrüppelten Flügels wider. Unwillkürlich zuckte sie bei dieser Erinnerung zusammen Deine Seele sei verdammt, Anwyn. Zu spät, hatte die Drachin geflüstert. Ihre eigene Stimme hallte in ihrer Erinnerung wider. Sie folgte dem Pfad der Erinnerung zurück und schaute mit ihren inneren Augen auf die blutgetränkte Klaue. Sie hatte den Eindruck, dass die Kreatur, die sich in ihrem Griff wand, eine Frau war – eine kleine Frau mit goldenen Haaren, die eine Waffe aus Feuer schwang. Sie versuchte den Namen der Frau in ihrem Mund zu formen, aber er entzog sich ihr noch. Hass, schwarz wie der Nachthimmel über ihr, brannte wie das kalte Feuer der Aurora in ihrem dreikammerigen Herzen. Anwyn, dachte sie. Der Name rührte eine Saite in ihrer Erinnerung an. Anwyn. Ihr Name. Ihr eigener Name. Und sie erinnerte sich. 12 Haguefort — Navarne Der Morgen kroch durch die östlichen Fenster, ungebeten und unwillkommen. Im grauen Licht der frühen Dämmerung richtete sich Rhapsody auf. Sie war benommen und dennoch ein wenig erfrischt. Sie drückte einen warmen Kuss auf die Wange ihres schlafenden Gemahls, lehnte sich zurück und beobachtete ihn eine Weile. In Liebe bewunderte sie sein Gesicht. Kinn und Wangen waren vom Schatten des Nachtbartes überzogen. Wenn er die Augen geschlossen hatte, war sein menschliches und lirinisches Erbe deutlicher als bei wachem Zustand zu erkennen. Die senkrechten Schlitze in seinen Augen waren das einzige unleugbare Zeichen des Drachenblutes in seinen Adern. Wenn er schlief, war er indes ein Mensch. Rhapsody ging das Herz auf bei diesem Anblick. Als Ashe im Schlaf seufzte und sich zur Seite rollte, stand sie auf, fuhr mit der Hand sanft über seine Schulter und begab sich ins Ankleidezimmer, um sich für ihre Morgenandacht fertig zu machen. Die Luft im Garten war kalt. Der Herbst kam, und die Erde kühlte sich zur Vorbereitung auf den bald einsetzenden, langen Schlaf allmählich ab. Wenn es in diesem Jahr wie immer war, würde der erste Schnee etwa eine Woche vor der Wintersonnenwende fallen und den mittleren Kontinent mit einer gleichmäßigen Frostschicht bedecken, die tief in den Boden einsank, bis nach dem Julfest eine kurze Tauperiode kam, während der das raue Wetter eine Mondphase lang aussetzte, bevor das Reich des Frostes zurückkehrte und bis zum Frühling andauerte. Diese Wärme im tiefsten Winter nahm einen besonderen Platz in Rhapsodys Herzen ein. Es war »Tau« gewesen, als sie, Achmed und Grunthor zum ersten Mal an diesen Ort gekommen waren. In der verhältnismäßigen Wärme der Zwischenperiode waren sie aus dem dunklen Bauch der Erde ans Licht gekrochen. Doch bevor der Winter einsetzte, kam der Herbst, Erntezeit, ihre Lieblingsjahreszeit. Sie hatte die ersten Anzeichen dafür bei ihrer Rückreise von der Küste bemerkt, nach ihrer Entführung, als das Land von Gwynwald bis Avonderre gebrannt hatte. Nachdem Ashe und Achmed sie zurückgebracht hatten, war sie beinahe eine ganze Woche ans Bett gefesselt gewesen, bis sie aufbegehrt hatte und zum Fenster geeilt war, von wo aus sie rechtzeitig den Beginn des Herbstes miterlebt hatte. Die Blattspitzen der Bäume hinter dem Balkon ihres Turmfensters hatten erste Färbungen von Rot und Orange, Gelb und Braun angenommen. Als sie nun über die gepflegten Gartenwege Hagueforts ging und auf die ersten Sonnenstrahlen am Horizont wartete, sog Rhapsody den Morgenwind ein, der mit dem Geruch nach Hickoryholz und Kiefern und dem scharfen Duft von brennendem Laub gewürzt war. Es erinnerte sie an das Zuhause ihrer Kindheit in Serendair, das Bauernland, in dem sie geboren war und wo der Herbst eine Zeit voller Dringlichkeit, Aufregung und Lebendigkeit gewesen war, weil das Jahr kürzer und die Tage dunkler wurden. Sie beobachtete nun den Himmel. Die Liringlas, die Sternensänger der Lirin, pflegten die Morgendämmerung mit Liedern zu begrüßen; sie spürten, wenn das Himmelblau des Horizonts am tiefsten war und den Aufgang der Sonne anzeigte. Der erste Strahl des Morgens durchbrach den Horizont, schickte einen dünnen Lichtpfeil in die Wolken und badete sie in goldenem Licht. Rhapsody räusperte sich und setzte zu dem uralten Gebet an, dem Willkommenslied, das ihre lirinische Mutter ihr beigebracht hatte, während ihr menschlicher Vater bezaubert dabei gestanden hatte. Sie sang das erste Morgenlied, wandte sich dann nach Westen und begann mit dem zweiten, dem Gesang, der den Morgenstern verabschiedete. Rhapsody schaute zu, wie das helle Sternenlicht im entflammenden Himmel schwächer wurde, und sang schließlich ihr letztes Lied, den Gesang an Seren, den Stern auf der anderen Seite der Welt, unter dem sie geboren worden war. Ana, sang sie leise, mein Leitstern. Es war Tradition, dass jede Liringlas-Seele an den Stern gebunden war, der über den Tag ihrer Geburt herrschte. Der Seren war Rhapsodys Geburtsstern; es war der helle Himmelskörper, nach dem die Insel Serendair benannt worden war. Dieses Lied fiel ihr immer schwer, wenn sie es in ihrem neuen Land sang, denn sie konnte den Stern dabei nicht sehen. Er funkelte in der Dunkelheit eine halbe Welt weit entfernt, wenn hier die Sonne hoch am Himmel stand, und schlief im Licht des Tages, wenn Rhapsody unter den Sternen dieses neuen Landes stand. Rhapsody hatte an diesem Morgen das traditionelle Abendlied gesungen, weil sie ihren Geburtsstern ehren wollte, wenn er schien, obwohl sie ihn nicht sehen konnte. Als sie das Namenslied des Sterns sang, hörte sie eine voll tönende, knisternde Stimme einfallen und in derselben Sprache singen. Seren, si vol nira caeleus, toterdaa guiline meda vor tu. Blut stieg ihr ins Gesicht. Sie brach den Gesang ab, wirbelte herum und sah JaFasee hinter sich stehen. Er lächelte freundlich, doch sein Gesichtsausdruck veränderte sich, als er ihre Reaktion sah. »Bitte vergebt mir, Herrin«, sagte er und verneigte sich ehrerbietig. »Ich wollte Euch nicht stören.« Rhapsody durchquerte den Garten. In einer unbewussten Geste des Schutzes legte sie eine Hand auf ihren Bauch. »Woher ... woher kennt Ihr die lirinischen Gesänge?«, fragte sie beunruhigt und bemühte sich, in einem angemessenen Ton zu reden. Jal’asee lächelte. »Ihr vergesst, Herrin, dass die meisten Lirin, die aus Eurer Heimat – unserer Heimat – flohen, mit der Zweiten Flotte segelten. Nachdem die Flotte in einem Sturm vom Kurs abgekommen war, reisten die meisten nicht bis zu diesem Kontinent weiter oder folgtem dem Rest der Flotte nach Manosse, sondern gingen in Gaematria an Land. Daher lebe ich mit einer großen Zahl Eurer Landsleute zusammen. Zweifellos mit mehr, als Ihr je gesehen habt, falls Ihr unter Menschen aufgewachsen seid.« Er steckte die langgliedrigen Finger in die Ärmel seiner Robe und trat vorsichtig auf sie zu, während die Sonne über den Horizont stieg und den Himmel strahlend blau färbte. »Ich habe in meinem Leben nur wenige aus der Rasse meiner Mutter getroffen«, gestand Rhapsody. Eine Welle der Übelkeit durchfuhr sie. Sie kämpfte sie nieder. Dann ahmte sie Jal’asees Handhaltung nach, denn ihre Finger waren plötzlich kalt geworden, entweder von der Morgenkühle oder vom Schock der Überraschung darüber, dass er zusammen mit ihr das Morgenlied gesungen hatte. Der alte, goldhäutige Mann trat näher und blieb stehen, als er in angenehmer Hörweite war. »Außerdem wage ich anzumerken, dass ich aus einer älteren Rasse als der Euren stamme, so alt die Lirin auch sein mögen«, sagte er sanft. »Es heißt, die Seren stammten von den Sternen ab und seien eine Rasse, die aus jenem Ort hervorging, wo das Element auf der Erde geboren wurde – dort, wo das Sternenlicht diese Welt zuerst berührte. Genau wie die Insel sind wir natürlich nach dem Stern benannt. In Eurem Lied schwingt der wahre Name des Sterns mit. Daher ist es nicht außerhalb aller Wahrscheinlichkeit, dass ich dieses Lied ebenfalls kenne.« Er zwinkerte ihr zu. »Und falls dem nicht so sein sollte, habe ich ein Ohr für schwierige Melodien, wie man mir nachsagt.« Rhapsody kicherte verlegen. »Wie anmaßend von mir. Ich bitte Euch um Entschuldigung, Euer Exzellenz.« »Bitte, Herrin, redet mich mit meinem richtigen Namen an. In meinem Volk ist dies ein Zeichen sowohl der Freundschaft als auch des Respekts.« Rhapsody nickte. »Euer Gemahl bat mich, Euch hier zu treffen. Ich entschuldige mich dafür, dass ich zu früh bin.« »Keineswegs.« »Ausgezeichnet. Also, was kann ich für Euch tun? Ich stehe zu Euren Diensten.« Rhapsody bemühte sich, mit ruhiger Stimme zu sprechen, während sich ihr Magen auflehnte. »Ihr könnt Eure Bemerkungen vom vergangenen Abend erhellen, da sie mich verwirrt haben.« »Darüber, dass ich gesehen habe, wie Ihr die Insel verließet?« »Ja.« Jal’asee betrachtete eingehend ihr Gesicht. Rhapsody bemerkte, dass ihm das Kommen und Gehen ihrer Übelkeit wie auch die Bewegungen des Kindes in ihr bewusst waren. Als der Brechreiz nachließ, streckte der Botschafter der Meeresmagier den Arm aus und führte sie zu einer marmornen Bank vor einem plätschernden Springbrunnen. »Wisst Ihr, warum die Leute seekrank werden?«, fragte er mit seiner tiefen Stimme, als sie sich setzten. »Besonders die Menschen. Nachdem sie alle einer Rasse entstammen, die aus dem Wasser hervorgegangen ist, und sie selbst zu einem großen Teil ebenfalls daraus bestehen, könnte man meinen, dass sie an den Rhythmus des Meeres gewöhnt sind. Aber da sie eine unbewusste Abneigung gegen den Ozean haben und den Wunsch hegen, von ihm getrennte Wesen zu sein, stimmen die Schwingungen nicht überein, und so werden sie krank. Wenn sie bloß lernen könnten, das Element in sich anzuerkennen!« Er streckte die eine Hand zu dem Wasser aus, das in pulsierenden Strömen aus dem Springbrunnen schoss, und legte die andere gegen Rhapsodys Stirn. Unwillkürlich schloss sie die Augen. Sie hörte, wie das Plätschern lauter wurde, und erkannte sogleich, dass es Jal’asees Stimme war, die sich vollkommen den Schwingungen des herabströmenden Wassers angepasst hatte. Sie spürte, wie die Übelkeit in ihr wich. Ihr Magen beruhigte sich, und ihre Ausgeglichenheit kehrte zusammen mit ihrem klaren Blick zurück, den sie seit der Empfängnis des Kindes nicht mehr gehabt hatte. Sie hatte plötzlich ein Gefühl des Wohlergehens, als ob sie in einer Blase schwimme, die sie vor den Stößen und Knüffen der Luft schützte, die ihr seit einigen Monaten zusetzten. Sie öffnete die Augen und sah, dass der große, goldhäutige Mann mit den hellen Augen sie anlächelte. »Besser?« »Ja, vielen Dank«, antwortete Rhapsody. »Nun sagt mir bitte, was Ihr letzte Nacht mit Eurer Bemerkung gemeint hattet.« Jal’asee schaute sie nachdenklich an. Rhapsody hätte schwören können, dass das Plätschern des Wassers im Springbrunnen wieder lauter wurde. »Habt Ihr je einen aus meiner Rasse gesehen, als Ihr auf der Insel Serendair lebtet?«, fragte er schließlich. Seine Stimme war sanft und nicht mehr so kratzig wie zuvor. Sie passte sich dem Klang des fallenden Wassers an. Rhapsody dachte über seine Frage nach. »Nein«, sagte sie, »obwohl ich ein wenig über die alten Seren weiß. Mein Lehrer Heiles, der Mann, der mich in der Kunst des Singens ausbildete, führte mich auch in die alten Überlieferungen ein und erzählte von den einzelnen Rassen der Erstgeborenen, doch bevor wir in die Tiefe gehen konnten, verschwand er. Ich habe ihn nie wieder gesehen, also musste ich meine Studien allein beenden.« Jal’asee nickte. »Hattet Ihr schon immer auf den Feldern gelebt, oder wart Ihr auch einmal in einer größeren Stadt gewesen?« »Ich ... ich war als junges Mädchen von zu Hause fortgelaufen und lebte einige Jahre in Ostend.« Rhapsody errötete, als sie an ihr Leben dort und an das dachte, was sie getan hatte, um zu überleben. »Ostend war die größte Stadt der Insel, eine Hafenstadt, zu der die Kaufleute aus allen Teilen Serendairs und aus vielen anderen Ländern strömten. Und doch habt Ihr in all den Jahren, die Ihr dort verbracht habt, nie einen alten Seren gesehen?« »Nein. Ich hatte geglaubt, dass sie in einem früheren Zeitalter ausgestorben wären – außer dem Graal, dem Wesir des Königs, der aus den Geschichten der reisenden Kaufleute bekannt war.« Der Meeresmagier setzte sich bequemer hin. »Herrin, vor langer Zeit, bevor der Großvater des Königs, der über die Insel herrschte, die Ihr als Kind kanntet, war ich Lehrer an der Stillen Festung, der königlichen Schule von Serendair. Auch bin ich Professor der natürlichen Magie und der Gezeitenschwingungen an der Akademie von Gaematria. Ich erzähle Euch das aus zwei Gründen. Erstens möchte ich Euch an meinen Kenntnissen teilhaben lassen, die Ihr aufgrund Eurer Gabe des Benennens als der Wahrheit so nahe wie möglich erkennen werdet.« Rhapsody nickte. Jal’asee kicherte. »Falls ich zweitens bei meiner Geschichte einen herablassenden, befehlenden oder anmaßenden Ton anschlagen sollte, bitte ich dies zu entschuldigen. Einmal Gelehrter, immer Gelehrter. Ich will in keiner Weise Euch gegenüber herablassend erscheinen, aber allen Professoren sind einige Dinge eigen, und Scheinheiligkeit ist eines davon. Dafür entschuldige ich mich bereits im Voraus von ganzem Herzen.« Rhapsody lachte. Jal’asee räusperte sich. »Vergebt mir, wenn ich Euch etwas erzähle, was Ihr bereits wisst«, sagte er. »In der Geschichte dieser Welt ist das früheste, noch vor dem Einsetzen der Geschichtsschreibung liegende Zeitalter als die Vorzeit bekannt. In dieser Zeit traten die Erstgeborenen ins Leben, die unmittelbar aus den fünf Elementen hervorgegangen sind. Die Seren waren die Ersten, und das Element des Äthers war das erste Element. Es kam von einem anderen Ort in die Welt; es ist das Feuer der Sterne und besitzt eine natürliche Musik, die Musik des Lichts. Ich vermute, Ihr wisst das?« Rhapsody nickte. »Gut. Habt Ihr je einen Angehörigen einer anderen Erstgeborenen-Rasse gesehen? Habt Ihr je jemanden getroffen, der ein Kith, ein Mythlin oder ein F’dor war? Oder ein Drache? Ihr habt in der alten Welt nie einen Drachen gesehen, oder?« »Nein«, gestand Rhapsody. »Mir sind fast nur Menschen begegnet. Einige der später Geborenen stammten von den Erstgeborenen ab. Ich habe einige Gwadd gesehen, und meine Mutter war eine Lirin. Ich glaube, ich bin sogar ein paar Nain begegnet, auch wenn ich damals nicht wusste, wer sie waren. Aber ich habe nie einen von den Erstgeborenen gesehen. Wie gesagt dachte ich, sie seien allesamt ausgestorben, so wie man uns es beigebracht hatte.« »Nun, wie Ihr sehen könnt, sind wir noch nicht ausgestorben.« Jal’asee bedeckte die Augen, als die Sonne höher stieg und den Garten mit hellem Licht überschüttete. »Wo wart Ihr denn?«, fragte die Herrin der Cymrer. »Wir haben uns versteckt«, antwortete der Botschafter der Meeresmagier ernst. »Viele Jahrhunderte hindurch.« »Warum?« »Aus Selbstschutz«, erklärte Jal’asee. »Die Seren waren die Ersten, die auf der Insel erschienen, aber wir waren nicht lange allein. In früher Zeit, nachdem die F’dor tief im Innern der Welt eingekerkert worden waren, herrschte Friede – sehr lange, wenn man Euren Zeitmaßstab anlegt. Doch schließlich traten die jüngeren Rassen auf, die Lirin und die Nain, die sich nicht umeinander kümmerten. Zu ihrer Zeit lebte die Insel größtenteils noch in Frieden, denn die Orte, die sie zum Leben wählten, lagen weit voneinander entfernt und gefielen dem jeweils anderen Volk nicht, sodass es kaum zu Streitereien kam. Doch dann, nachdem Jahrtausende vergangen waren, erschienen die Menschen – oder die Halbmenschen, wie wir sie nennen. Sie waren viele Generationen entfernt von der uranfänglichen Magie, welche die Erstgeborenen ins Leben gerufen hatte, und sterblich; sie führten ein kurzes, gewalttätiges Leben. Zuerst schien es, als kämen und gingen sie wie der Wind und löschten sich in ihrer Ungeduld selbst aus; doch wir haben ihre Stärke, ihre Ausdauer und ihren Blutdurst unterschätzt. Sie waren habgierig, dürsteten nach Land und Macht und haben beides auf jede mögliche Weise an sich gerissen – durch Krieg, Totschlag und Völkermord. Und es waren viele. Sie haben unser einst weites und offenes Land mit ihren Siedlungen und Städten, ihren Festungen und Gefängnissen überzogen und sich immer weiter fortgepflanzt, bis sie beinahe alles erstickten, was vor ihnen da gewesen war. Wir hatten sie als Flüchtlinge willkommen geheißen, doch nun wollten sie alle Zivilisationen vor ihnen ausradieren. Ironischerweise so, wie Gwylliam es mit diesem Land hier getan hat.« JaFasee hielt kurz inne, als ob die Geschichte ihn erschöpft habe. Rhapsody sah ihm in die Augen. In der goldenen Iris tanzte ein dunkler Wirbel; es war, als schaue er unmittelbar in eine schmerzliche Vergangenheit. Sie wartete still darauf, dass er fortfuhr, und beobachtete, wie die bronzene Farbe nach kurzer Zeit in seine dünnen, haarlosen Unterarme zurückkehrte. Schließlich schüttelte er den Kopf und schaute sie mit einem schiefen Lächeln auf seinem breiten, dünnen Mund an. »Ich bitte um Vergebung, Herrin«, sagte er rasch und wischte sich mit einer schnellen Bewegung einige Schweißperlen von der Stirn. »Wenn einem bestimmt ist, ewig zu leben, nimmt die Geschichte manchmal eine Unmittelbarkeit an, welche die Zeit jenen vorenthält, über die sie Gewalt hat. Es ist, als sei das Geschehen von vor tausend Jahren erst gestern gewesen.« Rhapsody nickte und wartete ab. Schließlich schüttelte sich der Meeresmagier, als wolle er den Schlaf vertreiben. »Ich habe mit der Zeit gelernt, dass dies der Gang der Welt ist. In jeder Ära der Geschichte bildet sich eine Zivilisation heraus, herrscht eine Weile und wird dann von einer anderen verdrängt, entweder in einem jahrhundertelangen Prozess oder rasch und auf grausame Weise durch Eroberung, bis die Geschichte nur noch ein wirbelndes Meer des Wandels ist, in dem das Frühere ersetzt und das eine oder andere Bruchstück behalten wird. Es ist närrisch zu hoffen, dass das, was Ihr erbaut habt, überdauern wird, auch wenn wir selbst es tun werden.« Der goldhäutige Mann blinzelte in das Licht der Sonne und richtete dann den Blick wieder auf Rhapsody. »Als im Zweiten Zeitalter der Geschichte – das den Gelehrten von Gaematria als Zemertzah, >die zerbrochene Welt<, bekannt ist – den alten Seren klar wurde, dass sowohl unserer Kultur als auch unserem Volk die Vernichtung durch die fortschreitende menschliche Besiedlung Serendairs drohte, sahen wir für uns nur zwei Möglichkeiten des Überlebens. Wir konnten die Insel verlassen und in ein fernes und unbewohntes Land ziehen, wie Gwylliam es später am Ende des Dritten Zeitalters getan hat, oder wir versteckten uns in der Erde, tiefer als die Nain in ihren Bergen, und lebten in den Katakomben, die von der Geburt der Erde übrig geblieben waren. Die erste Möglichkeit war für uns unvorstellbar. Auch wenn wir nur wenige waren, so war unsere Rasse doch aus dem Licht der Sterne hervorgegangen und dem Lehm der Insel entsprungen, den das Sternenlicht berührte. Selbst im Angesicht von Krieg und Tod konnten wir unseren Geburtsort und unsere Heimat nicht verlassen. Also verschwanden wir vom Antlitz der Welt. Der größte Teil unserer Bevölkerung schlüpfte in diese Grotten, in diese Grüfte tief in der Erde, und nur wenige von uns blieben oben, um Wacht zu halten und auf die Zeit der Rückkehr zu warten. Die Menschen, die Nain, die Lirin und ihresgleichen bemerkten kaum, dass wir verschwunden waren. Sie hatten genug mit ihren Kriegen zu tun, und als sich der Staub gelegt hatte, gingen die Menschen als Sieger hervor, wie Ihr bestimmt im Geschichtsunterricht gehört habt. Das Königreich einer jeden Rasse behielt seine Souveränität unter dem menschlichen Hochkönig, dessen Linie schließlich mit Gwylliam endete. Das Bündnis der Königreiche gestaltete die Insel nach seinem Willen. So war es, als Ihr geboren wurdet, und so war es auch noch, als die Flotten die Insel verließen. Alles, was in den Augen der Welt von meinem Volk übrig blieb, war eine Hand voll oberirdischer Seren – Graal, der Wesir des Königs, den Ihr schon erwähntet, ich und einige andere, zu deren Zählung Ihr nicht einmal zwei Hände brauchtet. Schließlich blieb nur Graal übrig: Als einer von uns auf grausame Weise getötet wurde, verließ der Rest außer Graal die oberirdische Luft und suchte Schutz in den Katakomben bei unserem Volk. Und dort blieben wir, bis das Schlafende Kind andeutete, es werde sich erheben. Dann kamen jene von uns wieder in die Oberwelt, die Serendair verlassen und irgendwo anders weiterleben wollten.« »Das alles wusste ich nicht«, murmelte Rhapsody. JaFasee lächelte. »Wenn Ihr geblieben wäret, statt mit Euren Freunden die Insel zu verlassen, hättet Ihr es gewusst. Aber es geschah, während Ihr durch die Erde reistet, entlang der Wurzel der Sagia. Ja, Herrin, ich weiß, dass Ihr den Weltenbaum mithilfe eines Schlüssels aus Lebendigem Gestein betreten habt, in Begleitung jenes Mannes, der nun der König der Bolg ist, und seinem Sergeant-Major, denn als Ihr an der Pfahlwurzel des Baumes in die Dunkelheit hinabgeklettert seid, habe ich vom Eingang der Katakomben, die der Baum schützte, hinausgeschaut und Euch mit eigenen Augen gesehen.« Die Erinnerung an die Reise durch die Erde brauste zurück: das erstickende Gefühl, tief unter dem Boden zu stecken, getrennt vom schützenden Himmel. Schweiß brach auf Rhapsodys Stirn aus. Sie schloss die Augen und schluckte, versuchte die Angst zu bekämpfen, die sie auch vier Jahre später immer noch spürte, obwohl die Reise durch das Innere der Welt zeitlos gewesen war. Als sie wieder an die Oberfläche gekommen waren, hatten sie festgestellt, dass inzwischen vierzehn Jahrhunderte vergangen waren. Alles, was ihnen auf der Welt bekannt und vertraut gewesen war, war untergegangen. Es war ein Verlust, an den sie nicht mehr ständig dachte, doch wenn sie sich an ihn erinnerte, schmerzte er immer noch tief. »Was habt Ihr gesehen?«, fragte sie zögernd. Das Lächeln verschwand aus JaFasees Augen. Er schaute sie ernst an. »Ich habe ein ängstliches, aber tapferes Mädchen gesehen, eine unfreiwillige Gefangene, die sich nutzlos aufbäumte, aber nicht aufgab. Ich habe ein Geschöpf gesehen, halb Bolg, halb Bengard, der Größe nach zu urteilen, der sie gefangen hielt und ihr gleichzeitig half. Und ich habe noch jemanden gesehen, den ich zu kennen glaubte.« Er zog die Stirn kraus, doch ansonsten änderte sich sein Gesichtsausdruck nicht. »Vielleicht kenne ich Euren Freund, den Bolg-König, aber ich kann mir nicht sicher sein, bis ich ihm nicht begegnet bin. Jene von uns, die unter der Erdoberfläche lebten, befanden sich in einem Zustand des Halbschlafes. Wenn es mir möglich gewesen wäre, Euch zu helfen, und wenn mir bewusst gewesen wäre, dass Ihr solche Hilfe braucht, hätte ich Euch beigestanden. Aber alles, was ich sah und Euch nun berichte, war für mich wie ein eindringlicher Traum. Noch lange Zeit danach war ich mir nicht sicher, ob es Wirklichkeit oder Vision der Zukunft war, welche den alten Seren oft zuteil werden. Ich möchte mich bei Euch dafür entschuldigen, dass ich nicht in der Lage war, Euch zu helfen, aber es scheint, als ob es das Schicksal gut mit Euch gemeint hätte.« Die Herrin der Cymrer lächelte schwach. »Ryle hira«, sagte sie leise. Es war ein altes lirinisches Sprichwort. »Das Leben ist so, wie es ist.« »In der Tat«, stimmte JaFasee ihr zu. »Ich weiß, dass Euer Lebensweg keinem vorhersehbaren Muster gefolgt ist, doch er hat Euch an Orte geführt, die Ihr ansonsten niemals gesehen hättet, und er hat in Euch Kräfte geweckt, von denen Ihr keine Ahnung gehabt hättet, wenn Eure Zeit auf Erden traditioneller verlaufen wäre. Ihr habt gesagt, dass Euer Lehrer verschwand, bevor Ihr Euer Studium des Benennens abschließen konntet, und Ihr deshalb Eure Ausbildung allein vollendet habt. Vergebt mir, wenn ich es sage, aber das merkt man. Ich hatte die Ehre, viele lirinische Benenner zu kennen, sowohl in Serendair als auch in Gaematria, und es ist deutlich zu sehen, dass Ihr den letzten Schritt ausgelassen habt – die Taufe im Licht des Ana, des Leitsterns eines jeden Benenners.« Rhapsody errötete vor Verlegenheit. »Ich ... ich weiß nicht einmal, was Ihr damit meint«, sagte sie nervös. »Es ist nichts, dessen man sich schämen muss, und es ist nicht verwunderlich, dass Ihr es nicht wisst«, meinte JaFasee besänftigend. »Dabei handelt es sich um eine Zeremonie, die das Ende der Studien eines Benenners bedeutet, und sie wird ihm erst dann enthüllt, wenn es an der Zeit für ihn ist. Wenn Euer Lehrer am Ende Eures Studiums nicht bei Euch war, so erstaunt es nicht, dass Euch die Taufe nicht zuteil wurde. Wie Ihr zweifellos wisst, ist die Seele eines jeden Lirin mit dem Stern verbunden, unter dem er geboren wurde, und jeder Tag und jede Nacht des Jahres ist einem anderen Stern geweiht. Das ist es, was Ihr über Ana denkt, nicht wahr?« »Ja«, sagte Rhapsody. »Ich bin unter dem Seren geboren. Meine Gesänge sind immer an ihn gerichtet gewesen.« Jal’asee nickte. »Ihr habt zweifellos Kraft aus diesem Stern gezogen, auch wenn er eine halbe Welt entfernt ist. Da Ihr Euch selbst unterrichtet habt, hattet Ihr zwar nicht die Gnade der Taufe im Licht Eures Leitsterns, aber Ihr habt andere Stärken entwickelt und andere Einsichten erhalten, weil Ihr Euren eigenen Weg gehen musstet, anstatt dem vorgeschriebenen Pfad zu folgen – so wie Ihr und Eure Gefährten den richtigen Weg innerhalb der Erde gefunden habt. Eure Verbindung zu dem Stern ist dadurch vielleicht noch stärker, weil Ihr Wache für ihn gehalten habt, obwohl er für Euch verloren ist. Wisst Ihr, er ist ein besonderer Himmelskörper und auch für die Maßstäbe des Universums ein alter Stern. Euer Gemahl trägt ein Stück von ihm in seiner Brust. Wie es dorthin gekommen ist, weiß ich nicht, aber ich spüre sein Lied.« Ein Frösteln durchfuhr Rhapsody. Es war, als kenne Jal’asee nicht nur ihre eigenen Geheimnisse, sondern auch die aller Geschöpfe, die sie liebte. Der Botschafter der Meeresmagier bemerkte den Wandel in ihrem Blick und ergriff ihre Hand mit seinen langen, feingliedrigen Fingern. »Euer Kind wird mit der Macht aller Elemente gesegnet und geschlagen sein, Rhapsody«, sagte er mit einer Stimme, die so warm wie ein Mittsommertag war. »Ihr seid durch das Feuer im Herzen der Erde geschritten. Habt keine Angst... Natürlich weiß ich das, denn Ihr habt es in Euch aufgenommen, was deutlich zu spüren ist. Was der Rest der Welt irrtümlicherweise für reine Schönheit hält, kann jemand wie ich, der die uranfänglichen Elemente in ihrer Rohform erlebt hat, als das erkennen, was es ist. Ihr und Euer Kind wurdet während Eurer kürzlich erfolgten Entführung in den Armen des Meeres gewiegt. Auch dies weiß ich – nicht weil ich es beobachtet hätte, sondern weil es mir die Wellen während meiner Reise von Gaematria nach hier erzählt haben. Euer Gemahl ist der Kirsdarkenva’ar, der Meister des Elements, also haben beide Eltern eine Verbindung zum Wasser. Auch die Erde ist in Euch beiden in Euch, weil Ihr durch ihr Herz gereist seid, und in Eurem Gemahl, weil er von der Drachin Elynsynos abstammt und auf diese Weise mit der Erde verbunden ist, so wie Ihr mit dem Stern Seren verbunden seid. Und schließlich seid Ihr als lirinische Königin ein Kind des Himmels, eine Tochter der Luft. Daher wird Euer Kind all diese Elemente in seinem Blut haben. Wisst Ihr, was die Summe dieser Elemente ist?« »Sagt es mir«, verlangte Rhapsody. Ihre Stimme war ein ersticktes Flüstern. Jal’asee lächelte breit. »Zeit«, antwortete er. »Er wird die Macht der Zeit haben. Ich hoffe, Ihr werdet mir die Ehre erweisen, Eurem Kind beizubringen, wie es diese Macht einsetzen kann, wenn es alt genug ist und sich die Gelegenheit ergibt.« Das Kind in ihrem Bauch bewegte sich heftig. Rhapsody zuckte zusammen. Das Lied der Fontäne war zu Ende, und damit kehrte die Übelkeit zurück. Sie stand langsam auf, versuchte das Gleichgewicht zu behalten und legte eine Hand über die Augen, um sie vor der steigenden Sonne zu beschirmen. »Vielen Dank«, sagte sie unverbindlich. »Ich werde es zu gegebener Zeit mit Ashe besprechen. Ich danke Euch für alles, was Ihr mir heute mitgeteilt habt, und bitte Euch, Edwyn Griffyth meinen Dank für die Gehmaschine zu übermitteln, die er Anborn geschickt hat.« Sie seufzte kummervoll. »Ich hoffe, er wird sich dazu herablassen, sie zu benutzen. Ich gestehe, dass es mir das Herz bricht, wenn ich ihn so beeinträchtigt sehe.« Der alte serenische Botschafter stand auf und schaute auf sie herab. Sein Schatten fiel auf sie. »Warum?«, fragte er, ergriff ihren Arm und führte sie den Gartenweg hinauf zur Festung. »Weil er in einer Schlacht bei dem Versuch verletzt wurde, mich zu retten – wie Ihr vermutlich wisst«, sagte Rhapsody und bemühte sich, mit festen und gleichmäßigen Schritten zu gehen. »Ich habe damals versucht, meine Fähigkeiten als Sängerin und Benennerin zu seiner Heilung einzusetzen, doch wie Ihr seht, konnte ich ihn wegen meiner unvollendeten Ausbildung und meiner begrenzten Fähigkeiten nicht vollständig gesund machen. Da mir die Taufe im Licht meines Leitsterns fehlt, glaube ich wahrscheinlich nur irrtümlicherweise, dass ich seine Kraft benutzen kann.« Jal’asee ging weiter, doch seine Stimme bewegte sich näher an ihr Ohr heran; es war, als ströme sie durch die Luft in Rhapsody ein. »Ein Band zu dem Leitstern, wie zum Beispiel das der Liebe, ist oftmals stärker, wenn es unter großen Mühen geknüpft wurde«, sagte er sanft. »Anborn ist nicht verkrüppelt, weil Ihr ihn nicht heilen konntet, sondern weil er sich von Euch nicht heilen lassen wollte. Vielleicht wird er sich eines Tages dafür vergeben und es Euch erlauben, einen zweiten Versuch zu machen. Doch ich habe ihn während der letzten sieben Jahrhunderte beobachtet und würde nicht unbedingt darauf wetten. Euer Kind mag aus den Segnungen aller fünf uranfänglichen Elemente seinen Nutzen ziehen, aber es wird zweifellos mit Halsstarrigkeit von epischen Ausmaßen geschlagen sein. Dieser Zug ist in der Familie seines Vaters deutlich zu erkennen. Ihr habt bereits im Voraus mein tiefstes Mitgefühl.« Rhapsody lachte während des gesamten Rückwegs zum Gartentor. 13 Das Monstrositätenkabinett Entenfuß-Emmi hatte Wort gehalten und war Farons Beschützerin geworden. Die lange Fahrt von Bethania zum südlich gelegenen Sorbold war schon unter gewöhnlichen Umständen eine schwierige Angelegenheit, doch mit einem zerbrechlichen Tank voll stinkenden Wassers im hinteren Teil eines Zirkuswagens, der über die schadhaften und löcherigen Straßen holperte, war sie der helle Wahnsinn. Emmi hatte ihre Habseligkeiten nach der ersten Nacht in Farons Wagen gebracht, nachdem der Tank beinahe von dem löwengesichtigen Mann und dem ekelhaften Schausteller mit den Schwertzähnen, zwei von Farons Mitreisenden, zerschmettert worden wäre, weil sie den Neuankömmling entweder als Nebenbuhler oder als Nahrung oder als beides ansahen. Entenfuß-Emmi hatte sich mit einem Besenstiel und einem Knurren von solcher Heftigkeit zwischen die gefräßigen Missgeburten und den Tank der geduckten Kreatur gestellt, dass sich die Männer, die mehr als doppelt so groß wie Emmi waren, in die dunklen Ecken des Wagens zurückgezogen, Flüche gemurmelt und still dort gehockt hatten, bis der Schlaf sie in sein Reich der Stille geholt hatte. Einige Tage lang hielt das Monstrositätenkabinett nur nachts an. Es wurden keine Vorstellungen gegeben, weil es entlang der Route keine Siedlungen mit genügend Einwohnern gab, für die sich die Mühe gelohnt hätte. Der Zirkusdirektor hatte entschieden, den heiligen Stadt-Staat Sepulvarta zu umfahren, in dem die Zitadelle des Patriarchen der größten orlandischen Religion stand, denn dieser hätte die Truppe wegen Zurschaustellung menschlichen Elends verhaften und verurteilen lassen. So blieb nichts anderes übrig, als bei Tag zu reisen und bei Nacht zu kampieren. Entenfuß-Emmi kümmerte sich liebevoll um Faron, und das Geschöpf schien sich ein wenig zu beruhigen, auch wenn es immer noch zusammenzuckte, sobald jemand anderes den Wagen betrat. Emmi übernahm es daher freudig, für Farons Bedürfnisse zu sorgen. Die Aufseher, die als Wärter für die Missgeburten und als Wachen für die Zuschauer tätig waren, grummelten über Emmis neue Besessenheit. Malik, ein älterer Aufseher mit einer Narbe, die vom Hals über das Rückgrat bis zur Hüfte lief, hatte es sich angewöhnt, vor dem Wagen der neuen Missgeburt zu lauern, Emmis Kommen und Gehen zu beobachten und alles dem zunehmend verärgerten Zirkusdirektor zu berichten. Eines Nachts erwischte Malik sie in der Nähe einer kleinen Bauernsiedlung auf den Krevensfeldern südlich von Sepulvarta, wie sie die Leiter des Wagens mit einer leeren Fischschüssel in der Hand herunterstieg. Malik beugte sich aus seinem Versteck und packte sie um die Hüfte. »Na, na, Emmi, wo biste denn gar gewesen? Mir scheint’s, du machst unsere Rationen kleiner un’ bedienst stattdessen den Fischjungen. Wäschst ihm auch die Hände un’ Füße – falls er so was hat.« Entenfuß-Emmi drückte ihn von sich und entwand sich seinem Griff. »Er hat Füße, du hirnrissiger Tölpel. Sie sind nur weich.« »Klar, un’ ich wett, der Rest von ihm is auch weich«, grinste Malik, packte sie wieder um die Hüfte und drehte sie um. »Aber du weißt, dass das bei mir nich so ist, oder, Emmi?« Er vergrub sein bärtiges Gesicht in ihrem Nacken und knabberte neckisch an ihrer Haut. »Ja, du hast ’nen harten Kopf, Malik«, sagte sie schnippisch, doch die Lippen des Aufsehers zeigten Wirkung. »Is schon so lang her, Emmi«, jammerte Malik, während seine Hände höher wanderten. »Hast ihn doch jetzt gefüttert, oder?« Die Zirkusfrau nickte. In ihre Augen kroch ein weicher Glanz. »Un’ er schläft?« Ein weiteres Nicken. »Dann geht’s ihm erst mal gut, oder? Komm, wir gehen hinter’s Klo, dann nehm ich dich her.« Emmi schnaubte verächtlich. »Wird wohl andersrum sein«, sagte sie, setzte die Fischschüssel auf einem Fass ab und suchte verstohlen das Lager nach einer Spur des Zirkusdirektors ab. Er war nirgendwo zu sehen. »Is immer so.« »Egal«, meinte Malik nachgiebig. Er ergriff ihre Klauenhand und führte sie in die Dunkelheit. Sobald Entenfuß-Emmi zwischen den Schatten verschwunden war, kamen drei weitere Aufseher aus der Dunkelheit und betraten schweigend den Wagen. Das Geschöpf schlief in seinem trüben Tank; es lag schlaff im Wasser, als die Männer mit nacktem Oberkörper durch den Wagen krochen und vorsichtig über die Betten der beiden anderen Missgeburten stiegen, die draußen waren, entweder um Luft zu schnappen oder um das Nachtmahl einzunehmen. Als sie schließlich im hinteren Teil des Zirkuswagens angekommen waren, besprachen sie sich stumm mit Handzeichen, sprangen dann aus der Finsternis, schlugen laut gegen den Tank, pressten die Gesichter gegen die Glaswände und kreischten fürchterlich. Die neue Kreatur schoss vor ihnen zurück und heulte Mitleid erregend. Der verschlossene Mund klappte an den Seiten auf, und sie keuchte und kauerte im hinteren Teil des Tanks. Die Aufseher schnitten noch immer Grimassen und klopften mit Stecken auf die Leinwand, als Entenfuß-Emmi in den Wagen stürzte. Sie richtete die Stangen ihrer vielen Mieder und schoss flammende Blicke ab. Hinter ihr kam Malik mit heruntergelassener Hose und blickte ziemlich finster drein. Sie bohrte ihre Fingernägel wild in die Rücken von zwei Aufsehern, kratzte sie bis aufs Blut und brüllte mit einer Stimme, die beinahe den Glastank zum Zerspringen gebracht hätte: »Ihr blutigen Bastarde! Hände weg von meinem Liebchen!« Der einzige Aufseher, der sich nicht in Reichweite ihrer Krallen befand, versetzte ihr einen kräftigen Stoß. Sie taumelte rückwärts und fiel dem Zirkusdirektor vor die Füße, der mit einer Laterne in der Hand an der Wagentür stand. »Was geht hier vor?«, wollte der große, dünne Mann wissen. »Sie machen mein Liebchen kirre!«, spuckte Entenfuß-Emmi aus, erhob sich heftig vom Boden und wollte sich wieder ins Kampfgetümmel stürzen, doch der Zirkusdirektor packte sie am Arm. »Wenn ihr Weicheier dem Fischjungen etwas tut, vierteile ich euch«, sagte er mit bösem Zischen. »Diese Missgeburt hat unsere Einnahmen verdreifacht.« Er wandte sich an Malik und deutete auf den Boden. »Bring diese Betten in den Fleischfresserwagen und hol die toten Ausstellungsstücke her.« Dann ging er auf das zitternde Geschöpf im Tank zu. »Ich will bei den Wagengenossen des Fischjungen kein Wagnis mehr eingehen.« »Die Schlangenmenschen und anderen Missgeburten werden bei den Fleischfressern kaum Schlaf kriegen«, wandte einer der Aufseher ein. »Den Toten hingegen macht all das Heulen und Rumgerenne nichts aus.« »Raus hier, wie ich befohlen habe«, knurrte der Zirkusdirektor und drängte den Mann zur Tür. Er trat zur Seite und ließ die verdrießlichen Handlanger vorbei; dann wandte er sich wieder an Entenfuß-Emmi. »Du kannst hier bleiben. Sorge dafür, dass ihm nichts mehr passiert.« »Ja, das mach ich«, sagte Emmi, die nach dem Kampf noch immer keuchte. Der Zirkusdirektor starrte die Kreatur im Glastank noch einmal an, dann drehte er sich um und verschwand hinter den Vorhängen. Entenfuß-Emmi wischte sich die Nase am Arm ab und bahnte sich dann einen Weg durch den Wagen zum Tank, der matt in der Dunkelheit schimmerte. Sie löste die Leinwanddecke, zog eine kleine Holzkiste über den Tank, stellte sich darauf und tauchte die Arme in das unsaubere Wasser. »So, mein Liebchen«, sagte sie sanft, bewegte die Arme und rief kleine Kräuselungen im Gefängnis des Geschöpfs hervor. »Jetzt biste in Sicherheit. Ich verlass dich nich, un’ das Wort des Zirkusdirektors is Gesetz hier. Keiner wird dir mehr was tun. Komm, mein Lieber. Emmi wiegt dich wieder in’ Schlaf.« Das Geschöpf kauerte lange an der Rückwand des Tanks und starrte sie durch die Finsternis wild an. Sie sah die umwölkten Augen, offen und rund wie zwei Monde über der faltigen Haut seines Gesichts, und der Rest verschwamm im wässerigen Grün. Schließlich paddelte es vorsichtig herbei und legte den Kopf in ihre offene Hand. Entenfuß-Emmi schenkte ihm ihr gebrochenes Lächeln, ballte die Finger der anderen Hand zur Faust und streichelte wortlos mit ihren Knöcheln über die Wange des Geschöpfs. Dabei sang sie ein Lied, das sie irgendwo gehört hatte. Wo das gewesen war, hatte sie schon lange vergessen. In der Nacht, bevor die Zirkuskarawane den Bergpass erreichte, der ins nördliche Sorbold führte, öffnete der Zirkusdirektor die Tore für eine Truppe sorboldischer Bergsoldaten, die aus einer Eliteeinheit stammten, welche an der Grenze zwischen Roland, Sorbold und dem Firbolg-Reich Ylorc patrouillierte. Die Soldaten, die schon lange von zu Hause fort waren und außer dem Warten auf eine Invasion, die nie kam, nichts zu tun hatten, hießen das Monstrositätenkabinett begeistert willkommen. Während sich vor den Hurenzelten die längsten Schlangen bildeten, wurden auch die Zelte, in denen sich die missgebildetesten und groteskesten Wesen befanden, eifrig besucht. Faron war zwischen den toten Ungeheuerpräparaten ausgestellt, mit denen er den Reisewagen teilte: dem zweiköpfigen Säugling, dem geflügelten Mann und gut einem Dutzend anderer Missbildungen, die in Salzwasserlösung eingelegt waren. Die Soldaten bemerkten nicht einmal, dass Faron das einzige lebende Geschöpf in dem Zelt war, so mutlos war er geworden. Die Besucher gingen an ihm vorbei und redeten miteinander, als wären sie in einem Museum; dann eilten sie weiter zu den aufregenderen Zelten, wo die Gefahr lauerte, auch wenn sie nur gespielt war. Als später die Aufseher die Wagen für die Nacht beluden, stürmte der Zirkusdirektor wütend durch die Vorhänge an der Tür von Farons Wagen, lief hinüber zum Tank und schlug mit der Hand gegen das Glas. »Wach auf, du verdammter Fisch!«, knurrte er und drückte die entsetzte Entenfuß-Emmi, die auf einem Stuhl neben dem Behälter gesessen und genäht hatte, zur Seite. »Ich habe viel Geld für dich bezahlt, Kerlchen, einhundert Goldkronen plus zwei! Habe dich vor diesen schwachsinnigen Fischern gerettet. Und warunü« Er schlug wieder gegen den Tank, der wie verrückt schwankte. Wasser leckte aus einer Nahtstelle an der Seite. »Weil du ein zischender und spuckender Albtraum warst, deshalb! Und wie dankst du es mir? Indem du wie leblos in deinem Tank schwimmst, nicht zu unterscheiden von den toten Präparaten, und die Besucher glauben, du bist ein Schwindel« »Lass mein Liebchen in Ruh!«, rief Entenfuß-Emmi ungehalten. Der Zirkusdirektor wirbelte herum und schlug die seltsame Frau mit dem Handrücken zu Boden. Faron hatte sich vor dem rasenden Zirkusdirektor an das andere Ende des Tanks zurückgezogen und kreischte nun zornig auf. Er kam nach vorn, hämmerte gegen die Scheibe und kratzte hilflos mit seinen weichen, verdrehten Händen am Glas. »Aha!«, rief der Zirkusdirektor. In seinen dunklen Augen blitzte Verstehen auf. »Das ist es also. Du musst wütend sein, nicht wahr?« Er drehte sich um und trat Emmi gegen die Stirn, als sie aufzustehen versuchte. Sie verlor das Bewusstsein. Der Zirkusdirektor lächelte, als das Geschöpf wieder aufkreischte und die gelben Zähne zusammenbiss. Seine Augen waren blutunterlaufen vor Zorn. Es drückte sich gegen das Glas, versuchte zu entkommen, kratzte an der Leinwand über ihm. Die Augen des Zirkusdirektors weiteten sich vor Verwunderung. Aus den Falten am Bauch der Kreatur kam etwas hervor, das er bisher nicht bemerkt hatte. Es war eine Reihe vielfarbiger Schuppen, die in der schlaffen Haut der Missgeburt verborgen waren. Eine dieser Schuppen hing am Rand einer Hautfalte und drohte hinunterzufallen. Einen Augenblick später geschah es, als der Fischjunge mit ausgestreckten Armen weiter gegen die Leinwandabdeckung schlug. Ein unregelmäßiges blaues Oval von der Größe einer Hand und mit ausgefranstem Rand trieb glitzernd in den Abfall am Boden des Tanks. Als Faron den verblüfften Blick des Zirkusdirektors bemerkte, hörte er auf zu toben und folgte seinem Blick hinunter auf den Tankboden. Panik ersetzte die Wut. Das Geschöpf schoss zum Boden, packte die blaue Schuppe, steckte sie rasch zurück zwischen die Hautfalten und starrte den Zirkusdirektor an. Der Zirkusdirektor rief nach seinen Handlangern und rollte die Ärmel auf. »Gib es mir«, sagte er mit tiefer, bedrohlicher Stimme. Das Geschöpf schüttelte den Kopf und zog sich wieder in die gegenüberliegende Ecke des Tanks zurück. Der Zirkusdirektor packte den Rand des Glases und schüttelte den Behälter heftig. »Ich habe gesagt, gib es mir, du Missgeburt, bevor ich dich aus dem Wasser hole und dich in den Sand von Sorbold werfe, damit du da verschrumpelst.« Faron zischte und spuckte. Unter lautem Gepolter kamen die Aufseher in das Zelt. Mit einer Geschicklichkeit, die sich aus Jahren des Umgangs mit unwilligen Monstrositäten und wilden Bestien ergab, drückten sie Faron an die Rückseite des Tanks und hielten ihn im spritzenden Wasser fest, wobei er ungeheuerliche Schreie ausstieß. Sobald die Missgeburt besiegt war, riss der Zirkusdirektor das blaue Oval aus Farons Bauch. Seine Kleidung war vom schmutzigen Wasser durchnässt, doch er bemerkte weder dies noch die gequälten Schreie des Geschöpfs, sondern starrte im Licht der Laterne die Schuppe an. Es handelte sich um ein nach innen gewölbtes Oval, das leicht ausgefranst war an den Rändern. Wenn man es flach hielt, so war es grau. Die blaue Färbung trat erst dann auf, wenn die Schuppe gegen das Licht gehalten wurde, das dann zu einem schimmernden Regenbogen brach, der über die eingekerbte Oberfläche tanzte. Auf der einen Seite der Schuppe war ein Auge eingraviert, umgeben von etwas, das wie Wolken aussah. Der Zirkusdirektor drehte sie sorgfältig in der Hand und bemerkte, dass die andere Seite – die konvex gewölbte – eine ähnliche Einritzung trug; doch das Auge auf dieser Seite wurde zum Teil von den Wolken bedeckt. Er schaute wieder die zitternde Kreatur an, die in den Armen der Aufseher gefangen war und noch immer vor Wut heulte. Schwarzes Blut tropfte aus den Hautfalten des Bauches und trübte das Wasser. »Ist das nicht hübsch?«, meinte er, hielt die Schuppe hoch und verspottete Faron. »Wenigstens weiß ich jetzt, wie ich dich dazu bringe, deine Vorstellung abzugeben, Fischjunge.« Er nickte den Aufsehern zu. »Lasst ihn los.« Die Handlanger gehorchten, und Faron glitt zurück in den nur noch halb vollen Tank. Sie marschierten aus dem Wagen, gefolgt von dem durchnässten Zirkusdirektor. Faron heulte immer noch. Manchmal klang es wütend, manchmal erbärmlich. Endlich kam Entenfuß-Emmi wieder zu sich. Sie presste die Hand gegen ihre misshandelte Stirn, kroch in ihren nassen, raschelnden Kleidern an Farons Seite und flüsterte Worte des Trostes und der Beruhigung, bis das Geschöpf nur noch gelegentliche Schluchzer von sich gab. »Mein Liebchen, gräm dich nich. So is das Leben, furcht ich.« Sie streichelte mit ihren Knöcheln sanft den weichen Kopf. »So is das Zirkusleben.« 14 Der Kessel — Ylorc Achmed hatte schon seit über einer Stunde über dem staubigen Buch gebrütet, als der Botenvogel eintraf. Grunthor hatte sich in der letzten Zeit angewöhnt, im Sitzen oder Stehen still über die Feldkarten und Berichte nachzusinnen, die von dem Klan der Augen in den Außenposten hereinkamen. Die fernen Wachttürme Ylorcs lagen hinter der Heide und den blauen Wäldern des zentralen Königreiches, tief in den Klüften der Zahnfelsen. Die Krankheit hatte sich unter den Klanen der Klaue und der Eingeweide ausgebreitet, aber die Augen waren offenbar nicht beeinträchtigt. Daher kamen inzwischen die meisten Informationen von ihren Anführern, die nun, da keine Konkurrenten mehr da waren, seine Gunst erringen wollten. Die Nachrichten, die sie schickten, wurden jedoch immer verwirrender. Die aus dem Berg gehauenen Steinwände, die den Hauptversammlungsraum des Kessels umfassten, waren von Schatten aus dem großen Kaminfeuer durchzogen, das still in der Ecke brannte; ein gelegentliches Knistern und Knacken des Holzes waren die einzigen Geräusche. Als der Bote aus dem Vogelhaus die Tür öffnete, hallten das Geräusch der Angeln und das Winseln des Holzes durch die Stille. Grunthor schaute auf und bemerkte, dass sich die Haare an den sehnigen Armen des Bolg-Königs aufgerichtet hatten. Der Soldat hüstelte höflich; es war ein Laut, den ein Mensch als Grunzen ansehen würde. Achmed winkte ihn ungeduldig herbei. Lange starrte er auf die Botschaft, die ihm der Bote übergab, dann setzte er sich auf seinem schweren hölzernen Stuhl zurück und legte die Hand auf die dünnen Lippen, wie er es immer tat, wenn er angestrengt nachdachte. Schließlich schaute er auf und warf dem Sergeant-Major einen scharfen Blick zu. »Ich muss in ein paar Wochen wieder aufbrechen«, sagte er zu Grunthor. »Bist doch grade erst zurückgekommen«, meinte der Sergeant mürrisch. »Was ist denn jetzt wieder los?« »Ich muss zum Karneval gehen.« »Na ja, wenn’s so ist, wünsch ich dir viel Spaß«, erwiderte Grunthor sarkastisch. »Bring mir ’n paar von diesen leckeren gezuckerten Mandeln mit, wenn’s welche gibt.« Achmed warf die Botschaft ins Feuer und sah zu, wie sie verbrannte. Er liebte das Zischen von versengendem Papier. Schließlich sagte er: »Rhapsody und ihr Tunichtgut von Mann haben sich entschieden, Stephens Sohn Gwydion den Titel eines Herzogs von Navarne zu verleihen. Obwohl ich es mir kaum vorstellen kann, das von einem Cymrer zu sagen, muss ich doch gestehen, dass ich den jungen Gwydion mag, so wie ich seinen Vater gemocht habe.« »Ja, der alte Herzog Stephen war’n netter Kerl«, stimmte Grunthor zu; die Schroffheit in seiner Stimme verflüchtigte sich ein wenig. »Aber wenn ich was sagen darf: Du hast noch ’ne Menge anderer Sachen zu tun, wenn du weißt, was ich meine. Die Krankheit breitet sich aus, oder zumindest scheinen all die, die eine Berührung mit dem Glas des Lichtfängers überlebt haben, große Schmerzen zu haben. Dann das seltsame Gepolter in den Brustwehren und die Nachricht von den Augen, dass es in Sorbold ungewöhnlich ruhig ist. Irgendwas stimmt nicht, man spürt’s an der Luft. Wäre wohl gut, zu Hause zu bleiben.« »Zweifellos«, pflichtete Achmed ihm bei. »Aber ich habe andere Gründe, dorthin zu gehen, als das Hofzeremoniell über mich ergehen zu lassen oder ein paar nette Tage mit wichtigtuerischen cymrischen Adligen zu verbringen.« »Das würd ich nie bezweifeln«, meinte der Sergeant trocken. »Wir alle wissen, wie sehr du solche Feierlichkeiten liebst. Ich nehm an, dass du’s auch wegen der Herzogin tust.« Der Bolg-König erhob sich und hockte sich vor den Kamin. Die pulsierende Wärme glitt über die empfindlichen Nerven auf seiner Haut. »Eigentlich gar nicht. Sie muss etwas für mich tun. Und sie schuldet mir etwas.« Er stand auf und kehrte zu seinem staubigen Buch zurück. »Außerdem möchte ich Gwydion Navarne etwas geben etwas, das ich bei Rhapsodys Rettung an mich genommen habe. Ich hatte es für mich beansprucht, obwohl Ashe schon entschieden hatte, dass Gwydion es bekommen soll. Ich will derjenige sein, der es ihm übergibt, damit es in der richtigen Weise eingesetzt wird. Das muss ich allen Beteiligten klar machen. Und ich will in meiner Abwesenheit die Archonten auf die Probe stellen. Sie haben ihren Auftrag erhalten und wissen nun, was ich von ihnen erwarte und was ihr Zweck ist. Ich werde kaum länger als zwei Wochen fort sein. Sicher kannst du die Dinge bis dahin ohne Zwischenfall am Laufen halten, Grunthor.« Der riesige Sergeant antwortete nichts darauf, sondern starrte nur in die zuckenden Flammen und fragte sich, welches Grauen wohl diesmal heraufdämmerte. Auf dem höchsten vereisten Gipfel klammerte sich die Drachin an die schneebedeckten Felsen und zitterte im Wind. Sie war durch das Tor des erfrorenen Palastes geglitten und in die Berge gestiegen, wobei sie auf dem ganzen Weg zum dunklen Gipfel gegen den Wind kämpfen musste. Sie hatte sich um die Bergspitze gewickelt, ihren schlangenartigen Schwanz im Eis verankert, die Zähne gegen den Wind gebleckt und bemühte sich, die Augen zu öffnen. Der Sturm, der um den Gipfel tobte, peitschte sie und vergrub sich mit eisigen Fingern in ihren Lidern. Verdammt, dachte die Bestie. Sie spürte die Kälte nicht mehr so deutlich, denn in ihr hatte sich ein Feuer entzündet. Mit der Erinnerung an ihren Namen war eine brennende Kraft gekommen, die tief in ihren Eingeweiden glühte. Es war eine Quelle der Stärke und Energie, die durch ihren Beinahe-Tod und ihre Einkerkerung fast versiegt war. So lange sie nicht gewusst hatte, wie sie hieß, wie ihre Vergangenheit aussah und wie sie in ihren gegenwärtigen Zustand gekommen war, war sie schwach, gestört, ohnmächtig gewesen. Doch nun, da sie sich wenigstens an einen Teil ihrer Vergangenheit erinnerte, wollte sie unbedingt auch den Rest erfahren. Und ihre Kraft wieder finden. Sie stählte ihren Willen gegen den eisigen Wind und schrie mit aller Macht ihres Geistes in den kreischenden Sturm. Anwyn Anwyn! Aus dem Drachenschlund der Bestie kam kein Laut, da sie keinen normalen Kehlkopf hatte. Doch der Wille zu sprechen reichte. Um sie herum verdichtete sich die Luft und erzitterte. Sie beugte sich ihrem Befehl, wie sich alle Elemente des Ansinnen eines Drachen beugten. Anwyn Die Aufwinde erfassten den elementaren Laut und dehnten ihn in den Luftstößen, bis er in langen, jammernden Wellen um den Gipfel schwebte und tanzte. Annnnnnnwyyyyyyyyynnnnnnnnn! Der Laut schwoll an und erfüllte die dünne Luft um den Berggipfel. Er nahm an Kraft und Eindringlichkeit zu; seine Schwingungen schüttelten den Schnee von den Bergspitzen und lösten Lawinen aus, die glitzernd an den Hängen herabstürzten. Der Lärm wuchs und verebbte, wurde von Windströmungen erfasst und breitete sich in ihnen aus, wisperte hinaus in die weite Welt und vervielfältigte ihren Schrei wieder und wieder, bis er den Rand des Meeres erreichte. Die Bestie packte die eisigen Felsen des Berggipfels, und der Nebel in ihrem Kopf lichtete sich so stark wie seit ihrem Erwachen nicht mehr. Sie hielt sich in den Wind, ihr reptilienhaftes Blut kreiste in einer Art Ekstase. Sie spürte den Widerhall ihres Namens in der Welt und seinen Tanz auf dem Wind; er donnerte die Hänge herab und jammerte durch die Schluchten. Und in der Ferne, tausend oder mehr Meilen entfernt, erhob sich ein Lärm, der ihm antwortete und sein Echo war. Es war eine Schwingung aus der tiefen Vergangenheit, jahrhundertealt, in einer polternden Stimme, die nicht wie die eines Drachen klang, auch wenn sie sandig war, als ob sie auf irgendeine Weise an die Erde gebunden sei. Obwohl das Wort dasselbe und die lang gezogene Melodie der Silben beinahe die gleiche waren, steckte doch eine völlig andere Macht dahinter. Während der Ruf der Drachin siegreich geklungen hatte, kam die Antwort von einer gequälten Stimme. Selbst noch Jahrhunderte später und tausend Meilen in Raum und Zeit entfernt, war die Wut und der Hass, die in diesem Wort lagen und es zu einer peinvollen Wehklage anschwellen ließen, unüberhörbar. Annnnnnnwyyyyyyyyynnnnnnnnn! Die Bestie hob den Kopf über den Wind; ihre Sinne waren zu kristallener Klarheit geschärft. Ihr gieriger Drachensinn empfing die Antwort wie ein Leuchtfeuer aus der Vergangenheit. Sie drehte sich langsam um, beachtete nicht das eisige Peitschen des unbändigen Sturms, schloss alle anderen Gedanken und Einflüsse aus und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Klang ihres Namens, der sich allmählich in dem Wind zersetzte, der ihn aufgenommen hatte. Ihr Name, voller Hass ausgesprochen, klang wie der tiefste Ton einer eisernen Glocke, wie das Brüllen des Meeres, wie die Musik der Sterne in der kalten Leblosigkeit des Nachthimmels. Ihr Geist hatte ihn eingefangen. Nun ertönte er unablässig hinter ihren Augen und rief ihr zu aus den dunkelsten Tiefen der Geschichte. Sie wusste nicht, wer ihr geantwortet hatte oder warum es mit solcher Erbitterung geschehen war, aber das war gleichgültig. Irgendwo südlich der vereisten Berge, irgendwo hinter dem sichtbaren Horizont, irgendwo in der Vergangenheit hatte jemand sie gekannt. Jemand besaß eine Macht, die der ihren ähnlich war. Jemand, den sie wütend gemacht hatte. Bei diesem Gedanken stahl sich grimmige Freude in ihr Herz. Endlich hatte sie eine Verbindung zu dem Ort, an welchem jener Schrei ausgestoßen worden war. Sie war nun in der Lage, ihn zu bestimmen, und dabei vielleicht mehr über sich selbst und ihre Kraft herauszufinden. Und über die Frau, die sie hasste. Die Drachin glitt von dem Gipfel herunter und folgte durch den brausenden Wind und die tote Wüste dem Klang ihres eigenen wahren Namens; sie hielt sich in Richtung Süden, bis der endlose Winter dem späten Sommer wich. Sobald der Boden warm genug war, grub sie sich ein und folgte dem rauen Lied ihres Namens unter der Erdoberfläche. Sie jagte die Echos. Ihre erregende Vorfreude auf Blutvergießen stieg mit jeder Meile, die sie zurücklegte. 15 Terreanfor — Basilika des lebendigen Gesteins — Sorbold Talquist wartete ungeduldig im grauen Licht der Morgendämmerung. Wann immer er in den Nachtberg kam, nahm er nicht wie all die anderen Besucher des Tempels den Weg durch die Klamm, die sich durch die trockenen Felsen wand, welche als natürliche Festung dienten, sondern einen schmalen Pfad, den er vor vielen Jahren entdeckt hatte, als er Messdiener in der Basilika gewesen war. In jüngeren Jahren hatte ihn das Klettern erschöpft, doch als älterer Mann hatte er gelernt, sich abzuhärten und die Reise ohne größere Anstrengungen hinter sich bringen. Während er darauf wartete, dass sich die Geheimtür öffnete, betrachtete er die trockenen Felsformationen, die den Nachtberg umgaben. Ihre Farben waren prachtvoll. Die gnadenlose Sonne Sorbolds hatte Adern aus blassem Rosa und Rostrot, Spuren von Grün und dunklerem Purpur in sie eingebrannt und den sandigen braunen Stein der Wüste ausgebleicht. Tiefer im Berg, im kühlen Reich des Lebendigen Gesteins, wohin das Licht nicht reichte, erstrahlten die Farben in ihrem früheren Glanz; sie waren echt, tief und voller Leben. Eine Spur größerer Pracht, die sich mitten im Berg versteckt, dachte er. Wie passend. Die Steinplatte vor ihm knirschte. Talquist wandte sich ihr zu und sah, wie eine dunkle Türöffnung vor ihm in den Schatten erschien. Er eilte hinein. Lasarys, der oberste Priester von Terreanfor, stand dicht hinter der Tür und hielt eine schwache Laterne in der Hand. Als die steinerne Tür wieder zuschwang und das Licht ausschloss, bemerkte Talquist, dass das blasse Gesicht des Erdenpriesters mürrischer als sonst aussah. »Guten Morgen, Lasarys«, sagte Talquist mit übertriebenem Eifer. »Wie geht es dir an diesem neuen Tag?« »Sehr gut, mein Herr«, antwortete der Hauptpriester. »Und Euch?« »Nun, das kommt darauf an, Lasarys. Wie geht es mit deinem Projekt voran?« Lasarys schluckte sichtlich. »Ich ... ich habe einige weitere Orte gefunden, wo ich ernten kann, mein Herr.« »Ausgezeichnet!«, rief Talquist und versuchte seine Freude zu verbergen. Er wusste, dass das Gewinnen des Lebendigen Gesteins für Lasarys eine mehr als unangenehme Aufgabe war. Für ihn war es, als müsse er seiner eigenen Mutter die Brust abschneiden. »Zeig sie mir.« Lasarys verneigte sich leicht und hielt das kalte Licht hoch, das den Weg in das Innere der Kathedrale erhellte. Terreanfor war die älteste der fünf den Elementen geweihten Basiliken und die einzige in Sorbold. Zugleich war sie die bekannteste und so alt wie die Erde, einer der letzten Fundorte des Lebendigen Gesteins auf dem Kontinent. Die Magie dieses Ortes war selbst in der Luft zu spüren. Von dem Augenblick an, wo Talquist aus dem heißen, trockenen Wind der äußeren Welt in die kühlen, feuchten Tiefen des Tunnels in den Nachtberg getreten war, fühlte er die Macht. Er folgte dem Schatten des Hauptpriesters durch die gewundenen Tunnel, an die er sich aus der Zeit seines Messdienstes erinnerte. Die dunklen Wände schimmerten in Grün und Rosa, Purpur und Blau, wenn das Licht auf sie fiel. Im Gegensatz zu ihrem dunklen Bruder steckte die Lebendige Erde voller Farbe. Die Tunneldecke wich einem großen, hohen Gewölbe weit über ihnen, als sie den eigentlichen Tempel betraten. Lasarys löschte die Laterne. Das einzige Feuer, das in den äußeren Gängen von Terreanfor gestattet war, wurde an einem goldenen Symbol der Sonne entzündet. In der Basilika selbst war kein Licht erlaubt außer den glimmernden, phosphoreszierenden Steinen, die aus sich selbst heraus kalt in der ansonsten vollkommenen Finsternis leuchteten. Sie schritten an der ersten der gewaltigen Säulen vorbei, die wie Bäume geformt waren, welche bis zum Gewölbe der Hauptapsis reichten, in der eine ganze Menagerie von Tierstatuen stand. Es waren lebensgroße Skulpturen von Löwen, Gazellen, Elefanten und Gnus, die fast zu atmen schienen, da sie aus Lebendigem Gestein geschaffen waren. Hoch oben in den Steinbäumen hockten Vögel, deren Federn im kalten Licht die tiefen, satten Farben der Erde zeigten. Talquist glaubte beinahe, sie zwitschern zu hören. Lasarys führte ihn durch den erdenen Garten zu einem Durchgang, der von gewaltigen Soldatenstatuen flankiert wurde. Es waren dreißig an der Zahl; jeder Einzelne stand auf einem Sockel von drei Fuß Höhe und ragte zehn weitere Fuß auf. Die Steinkrieger bildeten mit ihren primitiven Schwertern einen Bogengang; ihre Gesichter spiegelten die Züge des eingeborenen Volkes wider, das lange vor den Cymrern hier gelebt hatte. Es war das Volk, das Terreanfor gegründet und erhalten hatte. Es hatte die wunderbaren Steinkunstwerke innerhalb der Basilika geschaffen, indem es in die Lebendige Erde die Samen der Bäume, die Federn der Vögel und das Innerste der Tiere gepflanzt hatte, die dann wie durch Magie gesprossen waren. Als sie schließlich in einem dunklen Alkoven standen, in dem ein Beet irdener Blumen blühte, deren Blätter wie kleine Sterne geformt waren, deutete Lasarys langsam auf den Boden. »Hier«, sagte er traurig. »Ich habe die gesamte Kathedrale durchkämmt, und auch wenn es mich sehr schmerzt, könnten wir eine oder zwei dieser Blumen ernten, falls Ihr noch mehr Lebendiges Gestein haben müsst.« Talquist hüstelte und unterdrückte dadurch ein Lachen. Dann räusperte er sich und legte den Arm um die Schulter des Priesters. »Lasarys, du machst Scherze.« Er drückte den Mann freundlich und ließ ihn dann wieder los. Sein Gesicht nahm in der beinahe völligen Dunkelheit einen feierlichen Ausdruck an. »Mein Freund, ich fürchte, du hast mich missverstanden.« Er drehte sich um und betrachtete den Steingarten mit seinen Bäumen und Pflanzen, mit den Blumen und Seerosenblättern, allesamt aus Lebendigem Gestein erschaffen; sie pulsierten im Licht der glühenden Kristalle. »Als ich dich darum bat, den Stein zu ernten, den ich zu meinen Gunsten in die Waagschale gelegt habe, damit die Dynastie der Dunklen Erde endet und ich den Kaiserthron besteigen kann, brauchte ich nur ein wenig davon, denn ich hatte das hier.« Er griff in seine Robe und holte ein ausgefranstes, leicht nach innen gewölbtes Oval hervor, das von violetter Farbe war, wenn Licht darauf fiel. »Der Neubeginn – das ist es, was diese Schuppe bedeutet. Ihre Macht ist älter als die des Lebendigen Gesteins, zumindest sagen das die alten Bücher. Und zwischen dem Stein, den du mir gegeben hast, und der Schuppe hat dieser Neubeginn eingesetzt. Aber es war bloß der Anfang, Lasarys. Was ich vorhabe, ist mehr als nur die Beeinflussung einer alten Waage und eines Gewichts. Nein, ich habe viel größere Pläne. Wenn ich Kaiser bin, muss mein Reich meiner Vision würdig sein. Und ich sehe meilenweit, Lasarys.« Seine Augen schimmerten in der Dunkelheit. »Tausende Meilen weit.« Der alte Priester zitterte. »Ich verstehe Euch nicht, Herr.« »Das ist schon in Ordnung, Lasarys, das brauchst du auch nicht. Du hast mir vor vielen Jahren als Lehrer gut gedient, als ich dein Hilfspriester war. Ich bin vor langer Zeit zu dir gekommen, weil ich gehofft hatte, ich könnte herausfinden, wie man diese Schuppe einsetzen kann, die ich im Sand der Skelettküste gefunden hatte. Du konntest keine Klarheit in die Angelegenheit bringen, aber es war keine verlorene Zeit, genauso wenig wie meine Lehrjahre bei Gelehrten und Waldhütern, Kapitänen und filidischen Priestern, denn an jedem Ort, an dem ich nach Antworten suchte, fand ich andere Dinge, die das Bild vervollständigten – wie Steine eines Mosaiks.« Er lächelte, denn er war zufrieden mit diesem Vergleich. Er hielt die violette Schuppe hoch. »Und das hier, Lasarys, ist das Mittelstück.« »Ja, Herr.« Lasarys fügte sich still, wie er es immer tat, wenn sein Herr in dieser Weise schwadronierte. »Wo ist der Seligpreiser?«, fragte Talquist. Nielash Mousa, der Segner von Sorbold, war das geistliche Oberhaupt der patriarchalischen Religion in diesem Land und einer der fünf Segner, der höchsten geistlichen Ratgeber des Patriarchen. Unter seiner Aufsicht kümmerte sich Lasarys um Terreanfor. »Er ... er ist zusammen mit den anderen Segnern in Sepulvarta beim Treffen mit dem Patriarchen. Er wird frühestens in sechs Wochen zurückkommen.« »Und er wird erst zu den heiligen Tagen am Beginn des Sommers wieder in der Basilika sein, oder?« »Ja, Herr«, flüsterte Lasarys. Ein schlimmes Gefühl durchfuhr ihn. »Ausgezeichnet.« Talquists schwarze Augen leuchteten in der Dunkelheit. Er wandte sich von dem Garten ab und ging zurück zu dem aus Soldaten gebildeten Bogengang, die den Blick starr nach oben gerichtet hatten. Er deutete auf die letzte Statue rechts von ihm. »Ich glaube, der ist der Richtige, Lasarys.« Die Augen des Hauptpriesters wurden groß in der Dunkelheit. »Der Soldat, Herr?«, fragte er entsetzt. »Ja. Ich will, dass du ihn aberntest.« »Welchen ... welchen Teil des Soldaten?« »Den ganzen Soldaten, Lasarys. Ich brauche eine Menge Lebendiges Gestein, und er wird gerade so viel spenden, wie ich benötige.« Der Geistliche schluckte vernehmlich. »Herr ...«, flüsterte er. »Spar dir deine Bitten, Lasarys. Du steckst schon zu tief in der Sache drin, um jetzt noch etwas einwenden zu können. Ich komme morgen wieder her und will dann die Statue gefällt und für mich auf dem Altar liegen sehen. All deine Priester sollen dir helfen, damit sie nicht beschädigt wird. Sei vorsichtig. Ich vermute, sie wiegt über zwei Tonnen, vielleicht sogar drei. Schneide sie am Sockel ab, damit die Füße nicht beschädigt werden. Überdies werde ich auch den Stein des Sockels brauchen, falls noch etwas davon übrig bleibt.« Talquist klopfte Lasarys auf die Schulter. Der Geistliche weinte still. »Kopf hoch! Jede Geburt bringt Schmerzen mit sich. Und wenn du siehst, was geboren werden soll, und dir die Nation betrachtest, die daraus entstehen wird, dann wirst du schließlich begreifen, dass es alle Qualen tausendmal wert ist.« Er drehte sich um, ging an dem Priester vorbei und lief durch die dunkle Kathedrale zum Licht und dem heißen Wind der Oberwelt. Jierna’sid — Palast von Jierna Tal — Sorbold Als Talquist später am Nachmittag über den Handelsberichten und Schiffsmeldungen von der Westküste brütete, wurde sein Blick wieder von der Schuppe angezogen. Er hielt in seiner Arbeit inne, legte die Feder zur Seite, streckte die Hand aus und strich geistesabwesend über die brüchige Oberfläche. Mit den Fingern fuhr er über die eingeritzten Linien und die kleinen Risse im Rand, die entfernt an einen Walknochen erinnerten. Wie schön sie ist, dachte er und erinnerte sich daran, wie er die Schuppe zum ersten Mal gesehen hatte. Sie war nicht mehr als ein purpurner Schimmer im nebligen Sand der Skelettküste gewesen. Von dem Augenblick an, als er sie in seinen blutenden Fingern hielt, die er sich beim Graben in dem vulkanischen Sand aufgerissen hatte, wusste er, dass es etwas Uraltes mit großen magischen Kräften war. Damals hatte es sein Blut geschmeckt, was auch kürzlich wieder geschehen war. Er dachte zurück an die Nacht im letzten Mittsommer, als er die Schuppe mit zitternden Händen auf die Waage von Jierna Tal gelegt hatte, dem gewaltigen Gerät aus der alten Welt, dessen gigantische Säule mit den großen Schalen aus gebranntem Gold auf dem Platz vor dem kaiserlichen Palast stand, in dem die Herrscherin von Sorbold drei Viertel eines Jahrhunderts unangefochten regiert hatte. Bis zu jener Nacht hatte die Dynastie der Dunklen Erde die ganze Nation im Würgegriff gehalten. Er hatte dies geändert, hatte den Würgegriff gesprengt und der Kaiserin den Todesstoß versetzt. Und die violette Schuppe hatte es ihm erlaubt. Die Schuppe hatte auf der einen Waagschale gelegen und ein Totem aus Lebendiger Erde, geschnitzt in Form des Sonnenthrones von Sorbold, auf der anderen. Talquist schaute auf sein Handgelenk, das von einer verblassenden Narbe verunstaltet war. Sie war ein Überbleibsel des letzten Elementes der Austarierung – sieben Tropfen seines Blutes, freiwillig gegeben, sorgsam gezählt, als sie einer nach dem anderen auf die Waagschale fielen. Ein Blutopfer zum Aufrechnen gegen das Lebendige Gestein – seine Lebensessenz auf der einen Seite und die der Erde auf der anderen. Die Waagschalen hatten sich gehoben. Die blutige Schale stieg auf, dann kamen sie ins Gleichgewicht. Das Totem aus Lebendigem Gestein war in einer Rauchwolke zu Asche verbrannt. Und die Macht der Dynastie der Dunklen Erde war in einem metaphysischen Herzschlag aus den Händen der Kaiserin in die seinen übergegangen. Später hatte bei der großen Zeremonie nach dem Tod der Kaiserin jeder der Bewerber um den Thron aus den verschiedenen Gruppierungen Sorbolds die Waage von Jierna Tal bestiegen, um sich gegen den Staatsring, das Symbol der Macht, wiegen zu lassen. Jeder, der vor ihm auf die Waagschale gestiegen war, war für unpassend befunden worden, bis schließlich er an der Reihe gewesen war und gut sichtbar für alle Zuschauer von dem heiligen Gerät, das seit Jahrhunderten die wichtigsten Staatsangelegenheiten entschied, hoch in die Luft gehoben worden war. Die Waage und der Segner hatten ihn als Kaiser ausgerufen, doch Talquist war sich der politischen Unsicherheit bewusst, welche die plötzliche Wendung der Ereignisse mit sich gebracht hatte, und hatte deshalb bescheiden angeboten, befristet für ein Jahr als Herrscher ausgerufen zu werden. Falls ihn die Waage danach noch einmal bestätigte, würde er den Kaiserthron besteigen. Er nutzte die Zeit gut. Die Beschränkungen, die die Kaiserin dem Handel auferlegt hatte, waren verschwunden, und sein Einfluss auf den Seehandel und die abhängigen Arbeitskräfte war sprunghaft gestiegen. Die Arenen und der blutige Kampfsport, der früher von der Krone nur an wenigen Orten geduldet und streng geregelt war, blühten nun im ganzen Land. Sklavenfang auf hoher See und im Süden, in den Niederen Landen, versorgte die Minen und steinigen Bergweinbaugebiete mit dringend benötigten Arbeitern. Die kaiserlichen Schatzkisten waren hübsch gefüllt. Kurz, das Leben war schön. Und das alles verdankte Talquist seiner wunderbaren Entdeckung, der Schuppe des Neubeginns mit den angenagten Rändern. Ein Klopfen an der Tür unterbrach seine Gedanken. »Herein«, rief Talquist, schloss seine Bücher und steckte die Schuppe zwischen die Falten seiner Robe. Der Kammerherr trat ein. Es war ein Mann mit der typischen dunklen Haut und dem kastanienbraunen Haar der Sorbolder, so wie auch Talquist. »Mein Herr, ein Abgesandter der Rabengilde aus Yarim bittet um eine Audienz mit Euch unter dem Zeichen des goldenen Gewichts.« Talquist lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Das goldene Gewicht war ein Losungswort, das nur den Anführern der Gilde bekannt war. »Bitte ihn herein.« Der Kammerherr trat zur Seite und gestattete dem Besucher den Eintritt. Der Mann ging durch die Tür wie ein Schatten und vermied instinktiv die Flecken aus verschwommenem Nachmittagslicht, die durch die staubigen Fenster hereinschienen. Er hielt sich stattdessen an die dunklen Stellen und wurde eins mit ihnen, während er sich bewegte. Er trug die einfache Kleidung eines Reisenden: einen Umhang und eine Hose aus braunem Leinen. Seine dunklen Augen funkelten unter der Kapuze. Während er sich dem Schreibtisch des Herrschers näherte, legte er den Umhang ab und enthüllte ein totengleiches Gesicht, das von ausgedünntem Haar bekränzt wurde. Lange Koteletten verbanden sich mit einem scharf getrimmten Bart, der seine Wangen wie diejenigen Schatten verdunkelte, durch die er schritt. »Ich überbringe Euch Grüße von meinem Vetter in den Bergen, Herr«, sagte er. »Ich bin Dranth, der Kronprinz der Rabengilde von Yarim.« Talquist stand langsam auf, winkte den Mann näher heran und betrachtete ihn eingehend. Die Losung, die er gesprochen hatte, war noch geheimer und wurde nur in den schwersten Zeiten benutzt. »Welchem Umstand verdanke ich die Ehre des Besuchs des Gilden-Kronprinzen persönlich?«, fragte Talquist und deutete auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. »Mein herzliches Beileid zum Tod Eurer Gildenmeisterin.« Er suchte Dranths Gesicht sorgfältig nach einem Anzeichen von Überraschung ab, weil er von Estens Tod wusste, aber der Mann nickte bloß. »Ich habe sie nie persönlich getroffen, und wir haben keine Geschäfte miteinander gemacht, aber ihr Ruf war mir wohl bekannt.« »Zweifellos«, erwiderte Dranth trocken. »Mein Herr.« Er setzte sich langsam auf den Stuhl. »Da Ihr mich unter dem Zeichen des goldenen Gewichts sprechen wolltet, also von Kaufmann zu Kaufmann und von Gildenführer zu Gildenführer, bin ich verpflichtet, Euch auf jede erdenkliche Weise zu helfen, wenn Euer Begehren vernünftig ist. Was wollt Ihr?« »Eigentlich glaube ich, dass das, was ich Euch bringe, für Euch von Nutzen sein kann, Herr«, sagte Dranth ehrerbietig. Er zog ein in Schafsfell gewickeltes Paket aus den Falten seines Umhangs und legte es vor dem zukünftigen Kaiser auf den Tisch. »Bitte schaut es Euch an.« Talquist nickte in Richtung des Pakets. »Öffnet es für mich«, sagte er freundlich. Dranth lächelte. »Gern, auch wenn Ihr von mir keine Fallen oder Gifte zu erwarten habt, Herr. Euer langes Leben und Eure gute Gesundheit sind mir sehr wichtig. Warum, werdet Ihr sogleich sehen.« Er zog aus dem Paket ein Bündel Dokumente, jedes in der spinnenartigen Handschrift des Mörder-Codes, geschmückt mit Zeichnungen von Tunneln, Bunkern und Brustwehren. »Die Gildenmeisterin hatte zum Zeitpunkt ihres Todes Aufklärungsarbeit im Firbolg-Königreich Ylorc geleistet«, erklärte Dranth leise. Talquist bemerkte, dass seine Stimme sowohl süß als auch giftig war, wie der Geruch der Mandeln im Arsen. »Sie hatte das Vertrauen des Bolg-Königs erworben und daher unbeschränkten Zugang zu seinem innersten Heiligtum, seinen Geheimnissen und Plänen. Sie hat viele Informationen nach Hause geschickt, einschließlich der Truppenstärke und Schlachtpläne, Tunnel- und Geländepläne, Munitionslager und vielem anderen wichtigen Material.« Er warf die Dokumente vor Talquist auf den Tisch. »Unter anderem hat sie herausgefunden, dass er plant, gegen Sorbold zu marschieren.« Talquist schnaubte: »Falls dem so ist, gibt es keinerlei Anzeichen dafür. Die Bolg sind mehr damit beschäftigt, Canrif zu verschönern, als zum Krieg aufzurüsten. Mir scheint König Achmed kein landhungriger Knabe zu sein. Er will, dass wir die Ungeheuer, über die er herrscht, als Menschen ansehen. Deswegen sind ihm Handelsabkommen und Warenaustausch wichtiger als Krieg.« Dranth nickte nachdenklich. »Welche Waren stellt er her?« Talquist zuckte die Achseln. »Die Bolg erzeugen eine seltsame, aber bemerkenswerte Mischung von Gütern«, sagte er. »Sie fertigen sehr leichtes, dehnbares Seil, das im Schiffsverkehr beliebt ist. Auch spinnen sie feine Damenhosen, was mich immer sehr amüsiert hat. Eine Holzart aus ihren inneren Wäldern hinter den Bergen hat einen leichten Blaustich in der natürlichen dunklen Färbung und wird besonders in Übersee stark nachgefragt.« »Außerdem stellen sie Waffen her«, bemerkte Dranth. »Außerordentlich wirksame und tödliche Waffen.« »Ja.« »Aber während sie mit Euch Handelsabkommen haben, nach denen Ihr ihre Seile, ihr Holz und ihren Wäschemist kaufen und vermitteln dürft, verkaufen sie Euch ihre Waffen nicht.« Dranth lächelte eisig. »Oder etwa doch?« Talquist schaute den Gildenführer lange an, blickte dann auf seinen Tisch und grinste. »Was für eine Rechnung habt Ihr mit den Bolg zu begleichen?«, fragte er schließlich, während er mit dem Finger über die Holzmaserung fuhr. »Der Tod unserer Meisterin«, antwortete Dranth. »Sonst nichts?« »Nein. Sie suchte Rache wegen einer anderen Angelegenheit, wegen des Diebstahls von Wasser, aber das ist nicht mehr von Bedeutung. Die Rabengilde hat geschworen, ihren Tod zu rächen. Das ziehen wir allem anderen vor und scheuen keine Ausgaben, keine Kosten irgendwelcher Art, bis zum Ende der Zeit, wenn es sein muss.« Talquist kicherte. »Junge, Junge. Das ist wirklich eine bemerkenswerte Haltung.« Er schaute in das ernste Gesicht des Gilden-Kronprinzen, und sein Lächeln verdüsterte sich ein wenig. »Wenn Ihr zu Eurer Rache meine Hilfe haben wollt, hättet Ihr nur unter dem Zeichen des goldenen Gewichts um sie bitten sollen. Es ist gar nicht nötig, dass ich Eurer Blutrache zustimme; wichtig ist nur, dass sie meinen eigenen Interessen nicht zuwiderläuft.« Sein Lächeln wurde ein wenig breiter. »Und das ist nicht der Fall.« Dranth nickte. Die Erleichterung in seinen Augen erreichte nicht sein restliches Gesicht. »Wenn wir unsere Kräfte bündeln, könnt Ihr Eure Rache haben, und meine Pläne wird es auf angenehme Weise vorantreiben.« Er drückte seinen Stuhl zurück, stand auf und ging langsam zu den hohen Fenstern, welche den zentralen Platz der Stadt überblickten, auf dem die Waage stand. Ihr gewaltiger Arm warf einen dunklen, rechteckigen Schatten auf die Straßen. »Ich nehme an, es ist Euch klar, dass dieses Gespräch unter dem heiligen Eid der Gildenmeister steht?« »Natürlich.« »Und dass wir als Brüder der Gilden dazu verpflichtet sind, ehrlich miteinander umzugehen?« Dranth zog die Brauen zusammen. »Die Rabengilde folgt derselben Standesehre wie alle anderen Gilden, Herr. Trotz unseres besonderen Geschäftsbereiches.« »Versteht mich nicht falsch, Kronprinz«, wandte Talquist ein und öffnete die Hände zu einer milden Geste. »Ich achte den Ruf Eurer Gilde und Eure Sachkenntnis. Zu meiner Zeit als Gildenhierarch im westlichen Sorbold habe ich mit vielen Eurer Brudergilden zu tun gehabt. Ich muss aber unbedingt die Wahrheit wissen. Hat die Gildenmeisterin wirklich einen Plan der Bolg aufgedeckt, in Sorbold einzumarschieren, oder ...« »Nein.« »Gut. Ich bitte Euch, mir beim Abendessen Gesellschaft zu leisten. Dabei können wir besprechen, wie wir unser jeweiliges Ziel am besten erreichen.« Dranth nickte, und Talquist läutete nach dem Kammerherrn. Als die Liköre serviert und die letzten Teller abgedeckt wurden, beugte sich Talquist über den Tisch. »Jetzt, da ich die Fähigkeiten Eurer Organisation verstehe, glaube ich einen Weg zu sehen, wie ich Eure Bitte erfüllen kann.« Dranth schlang die Finger ineinander. »Ich höre.« »Alle Erkenntnisse, die Ihr mir mitgeteilt habt, entsprechen der Wahrheit, außer Eurer früheren Behauptung, die Bolg wollten Sorbold angreifen, nicht wahr?« »Ja«, antwortete der Kronprinz der Rabengilde mit düsterer werdendem Blick. »Warum?« Talquist ließ den Likör in seinem Glas sanft kreisen und atmete das Bukett ein. »Was wisst Ihr über das Königreich Golgarn?« Dranth zuckte die Schultern. Golgarn war ein fernes Reich, südöstlich von Ylorc und Sorbold gelegen. Die gefährlichen Pässe in den Zahnfelsen verhinderten den Handel über Land sowie Reisen von Roland und Ylorc nach Golgarn, sodass Informationen nur durch Botenvögel und Waren über das Meer ausgetauscht werden konnten. »Dort gibt es eine Brudergilde. Esten stand in losem Kontakt mit ihr, zu dem es für gewöhnlich kam, wenn ein Schuldner von hier nach dort oder umkehrt fliehen wollte, um seinen Verpflichtungen zu entgehen. Sie hat die Brudergilde als sehr hilfsbereit empfunden und sich dafür immer rasch erkenntlich gezeigt. Golgarn steht in freundschaftlichem Kontakt mit Sorbold, nicht wahr?« »Ja«, stimmte Talquist ihm zu. »Aber der Kontakt ist nicht freundschaftlich genug.« Er nahm einen Schluck der goldenen Flüssigkeit, als Dranth fragend eine Braue hob. »Ihr werdet nach Golgarn gehen und ihre Nachrichtenkanäle unterwandern, die beim König enden. Ihr erzählt ihnen dasselbe Märchen, das Ihr mir erzählt habe, nämlich dass Ihr unanfechtbare Beweise für den Plan des Bolg-Königs habt, sein Heer aufzurüsten und Golgarn zu überfallen.« »Sie werden mir nicht mehr glauben als Ihr«, sagte Dranth düster. »Die Berge schützen sie. Die Bolg-Tunnel enden fünfhundert Meilen vor ihrem Reich.« Talquist grinste. »Ja, Ihr habt Recht. Wenn jemand zu Beliac, ihrem König, ginge und ihm eine solch abenteuerliche Geschichte erzählte, würde er sie sofort durchschauen. Aus diesem Grund müsst Ihr ihn dazu bringen, diese Information selbst herauszufinden.« Er leerte sein Glas und griff nach der Karaffe, um es erneut zu füllen. »Wenn echte, leicht abgeänderte Dokumente beweisen, dass die Bolg-Tunnel nicht fünfhundert, sondern fünf Meilen vor Golgarn enden, und diese bei dem Einbruch in ein Haus von zweifelhaftem Ruf – wie etwa dem Eurer Bruder-Gilde – gefunden würden, wäre Beliac genügend besorgt, um eine Untersuchung einzuleiten.« Auch Dranth goss sich ein weiteres Glas ein. »Und was würde er finden, wenn er fünf Meilen weit in die Berge eindränge?« »Ein Feldlager der Bolg, die sich auf den Krieg vorbereiten«, antwortete Talquist. Dranth hatte das Glas an die Lippen gehoben und hielt in seiner Bewegung inne. »Aber da gibt es keine Bolg.« »Es könnte welche geben. Zumindest genug, um Beliac davon zu überzeugen, dass er an seiner Grenze ein ernstes Problem hat.« »Eine Scharade? Ein vorgespieltes Feldlager?« »Genau.« »Wie? Wie wollt Ihr genug Bolg überreden, einschüchtern oder gefangen nehmen, um eine solche Maskerade durchführen zu können? Sie sind ihrem König und Oberbefehlshaber gegenüber einzigartig loyal, von ihrer Schlichtheit und mangelnden Vertrauenswürdigkeit gar nicht erst zu reden. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, dass sie unter Folter oder in Todesschmerzen eine solche Scharade aufführen würden.« Talquist nahm einen Schluck und öffnete die Lippen gerade weit genug, über die brennende Flüssigkeit hinweg einzuatmen und den Mund mit den alkoholischen Dünsten zu füllen. Dann schluckte er. »Dranth«, sagte er und beugte sich nach vorn, »niemand hat in Golgarn je einen Bolg gesehen. Zumindest nicht seit dem cymrischen Krieg vor tausend Jahren. Ich könnte einen Ochsen oder einen Gorilla in ein rosafarbenes Unterhemd stecken und ihn mit einer schrecklichen Maske und einem Speer in die Berge stellen, und Golgarn würde glauben, dass man es angreift.« Der Gildenführer starrte den Herrscher eine Weile an. Die Andeutung eines Lächelns legte sich über sein ansonsten regloses Gesicht. Er prostete Talquist zu und trank. »Also habt Ihr vor, Golgarn zu vernichten?«, fragte er. »Ihr wollt sie anstiften, die Bolg anzugreifen?« »Golgarn vernichten? Macht Euch nicht lächerlich, Dranth. Golgarn ist ein wichtiger Verbündeter, und Beliac ist mein Freund.« Der Gildenführer schüttelte verwirrt den Kopf. »Dann verstehe ich Eure Beweggründe nicht. Wenn Ihr den König von Golgarn davon überzeugt, dass sich die Bolg gegen ihn sammeln, und er sie daraufhin angreift, werden die Bolg ihn und sein ganzes Königreich buchstäblich auffressen.« »Beliac wird die Bolg nicht angreifen«, sagte Talquist. »Zumindest nicht allein. Er wird sich an mich wenden. Das sorboldische Heer ist zehnmal stärker als Golgarns, das zwar zahlenmäßig auch recht beachtlich, aber schlecht darauf vorbereitet ist, einseitig loszuschlagen. Beliac ist ein Verbündeter, der nicht einmal weiß, dass er mir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Aber bald wird er es wissen.« »Eure Bereitschaft, Eure Freunde so gnadenlos zu manipulieren, ist bewundernswert«, sagte Dranth, trank aus und stellte das Glas auf den Tisch. Es fing das Kaminlicht ein und warf es in einem goldenen Fleck auf den Tisch. »Nicht viele Männer haben diesen Mut.« Talquist zuckte die Schultern. »Ich bin Kaufmann, Dranth. Kennt Ihr das Sprichwort, dass wir unsere eigene Mutter verkaufen würden, wenn es Gewinn verspricht? Nun, das habe ich wirklich getan. Habe einen anständigen Preis für sie bekommen.« »Was habt Ihr davon, wenn der König von Golgarn mit Euch einen Pakt gegen eine angebliche bolgische Invasion eingeht?« »Ein Heer, das meinen Plänen entspricht.« »Und was sind das für Pläne?« Der Herrscher von Sorbold lächelte. »Das sollt Ihr selbst herausfinden«, sagte er freundlich und stand auf, wie um anzudeuten, dass Mahl und Gespräch vorbei waren. »Seid versichert, dass Euer Verlangen, den Bolg-König zur Rechenschaft zu ziehen, mehr als befriedigt werden wird. Von Gildenbruder zu Gildenbruder möchte ich Euch noch ein kleines Geheimnis verraten. Ich brauche überdies einen nördlichen Verbündeten. Der Priester des Hintervold ist ebenfalls mein Freund, und zwar ein sehr enger. Ich verdanke ihm fast meinen gesamten Wohlstand, den ich in meiner Laufbahn als Kaufmann angehäuft habe. Er hat mir sogar einmal das Leben gerettet. Und wenn Ihr sehen werdet, welche grausamen Methoden ich einsetzen werde, um mir seine Ergebenheit zu sichern, werdet Ihr erst begreifen, wie sehr es mir zusteht, ein Bruder Eurer Gilde genannt zu werden.« Talquist setzte die leinene Kapuze seiner Herrscherrobe auf. »Und nun, Dranth, geht mit dem Kammerherrn und ruht Euch ein wenig aus. Morgen früh werden wir Pläne schmieden, doch zuvor muss ich mich noch um andere Dinge kümmern. Ein Monstrositätenkabinett ist in der Stadt, und ich erhalte eine Privatvorstellung. Ich liebe solche Seltsamkeiten. Gute Nacht.« 16 Der Sonnenuntergang färbte den Horizont an seinem östlichen Rand kobalt- und indigoblau, und dort, wo das Licht den Himmel noch im Westen berührte, war er türkisfarben. Talquist sog gierig die Abendbrise ein; die Luft wurde bei Anbruch der Nacht und mit dem Wechsel der Jahreszeiten in den nördlicher gelegenen Ländern immer kühler. In der sorboldischen Wüste bestand der Herbst hauptsächlich aus einem etwas frischeren Wind am Morgen und Abend. Ansonsten brannte die endlose Wüstensonne unablässig weiter und verwandelte das trockene Land allmählich zu Sand. Von seinem Balkon sah er die Lagerfeuer des Zirkus, die Licht und dünne Rauchwölkchen in den Himmel schickten. Es war eine Einladung an ihn – nur an ihn allein. Er seufzte. Es hatte eine Zeit gegeben, als er nichts als ein mächtiger Kaufmann gewesen war und es ihm keine Schwierigkeiten bereitet hatte, seine dunkelsten Phantasien in einem solchen Wanderzirkus auszuleben. Nun aber, da er der Welt als zukünftiger Kaiser von Sorbold bekannt war, durfte er höchstens belustigt zwischen den Wagen umherschlendern, aber keinesfalls an den sündigeren Genüssen teilhaben, die es hier auch gab. Eine Schande, dachte er, als er von dem Fenster zurücktrat und über die Treppe dem wartenden Zirkus entgegenging. Anschauen, aber nicht anfassen. Also gut. Als er am Zirkustor ankam, wartete der Direktor bereits auf ihn. »Eure Exzellenz«, grüßte er und verneigte sich tief. Seine gestreifte Seidenhose dehnte sich dabei grotesk. »Also bitte, Gart, du und ich arbeiten doch schon seit vielen Jahren zusammen«, tadelte Talquist ihn. »Wir hatten gute Zeiten, und manchmal haben wir in lebensgefährlichen Situationen dem anderen den Rücken freigehalten. Es besteht kein Grund, jetzt so formell zu sein, wo ich, nun ja, Kaiser bin. Du darfst mich mit >mein Herr< anreden.« »Ja, mein Herr«, murmelte der Zirkusdirektor und öffnete das Tor. Er folgte dem zukünftigen Kaiser durch dunkle Wege, in Zelte hinein und wieder aus ihnen heraus, während Talquist das seltsame menschliche Inventar bewunderte. In einem Zelt hielten sie vor einer kleinen Frau mit mandelförmigen Augen, die auf einem winzigen Stuhl saß und einen gewaltigen Kragen um den Hals trug. Die Frau erkannte Talquist und erzitterte heftig, worauf die beiden Männer laut lachten. »Ach, die Gwadd! Ich hatte sie völlig vergessen«, sagte Talquist. Er beugte sich vor. Die kleine Frau wich entsetzt zurück. »Kein Grund zur Sorge, kleine Süße«, murmelte er. »Ich fürchte, ich bin inzwischen so wichtig geworden, dass ich nicht mehr mit dir spielen darf.« Er wandte sich an den Zirkusdirektor, während sie weiter durch die Ausstellung liefen. »Wenn du zurück nach Roland gehst, solltest du vorsichtig sein, damit der cymrische Herrscher nicht bemerkt, dass du sie hast. Die Gwadd sind eigentlich keine Missgeburten. Es sind Leute aus der alten Welt – eine uralte Rasse, die mit dem cymrischen Exodus gekommen ist. Deswegen ist sie eigentlich seine Untertanin. Wenn er sie in deinem Zirkus entdeckt, wird er sie befreien und dich ins Gefängnis stecken.« »Wie sollte der hohe Herr Gwydion das erfahren, es sei denn, er bucht eine Vorstellung im Monstrositätenkabinett?«, fragte der Zirkusdirektor verächtlich. »Meine Zuschauer haben keine Einladung zum Essen in Haguefort, bei dem sie ihm meine Geheimnisse verraten könnten.« »Das ist nur allzu wahr«, pflichtete Talquist ihm bei und stellte sich vor einen zerbrechlichen Glastank, in dem eine fließende Masse verschrumpelten menschlichen Fleisches im Wasser schwamm. »Das hier ist neu. Was ist das für eine Missgeburt?« »Wir nennen sie den Wundersamen Fischjungen«, erklärte der Zirkusdirektor und klopfte gegen das Glas, um die Kreatur zu wecken. »Wie Ihr seht, könnte es genauso gut das Erstaunliche Fischmädchen sein. Wir wissen eigentlich nicht, was es ist. Ich habe es zwei schwachsinnigen Fischern aus Avonderre abgekauft.« »Hat es einen Namen?«, fragte Talquist und spähte tiefer in das schlammige grüne Wasser. Der Zirkusdirektor zuckte die Achseln. »Entenfuß-Emmi nennt es Faron«, sagte er. Die Kreatur im Tank erwachte und erkannte den Zirkusdirektor. Sie zischte drohend. Aus den Rändern des gummiartigen, in der Mitte über den weichen, gelben Zähnen zusammengewachsenen Mundes, floss das Wasser in unmissverständlichen Strömen der Wut. »Guter Gott«, rief Talquist aus und kicherte. »Was für ein Grauen!« Das Geschöpf zischte erneut, schwamm herbei und streckte die Klauen nach dem Zirkusdirektor aus. Hass lag in seinen trüben Augen. »Er scheint dich zu mögen«, sagte Talquist belustigt und hob die Hand zum Schutz vor dem Speichel der Kreatur, die sich gegen das Glas drückte und nach dem Zirkusdirektor griff. Im Licht der Zeltlaterne bemerkte er das Aufblitzen von schillerndem Licht. Es war ein rasch vergehendes Glitzern im Bauch der Kreatur, als sie den Zirkusdirektor mit ihren weichen Armen zu packen versuchte. Talquist blinzelte, weil er glaubte, der Wind habe ihm vielleicht nur ein Sandkorn ins Auge getrieben. Dann schaute er sich den Unterkörper des Wesens genauer an. Er musste einige Zeit angestrengt hinsehen, denn die Lagen aus fettlosem Fleisch schaukelten im Wasser, doch schließlich bemerkte er es erneut. Zwischen den Hautfalten stachen Stacheln hervor, als ob sie dort versteckt worden wären. Die Spitzen der ovalen Schuppen sahen so aus wie die violette, die sich in seinem Besitz befand. Talquist spürte, wie kalte Erregung durch seinen Körper strömte. Das Blut floss von seinem rasch arbeitenden Hirn zum Herzen, das noch rascher arbeitete und ihn schwächte und ihm den Schweiß auf die Stirn trieb. Er hüstelte, um seine Erregung zu verbergen. »Wo haben die Fischer dieses ... dieses Ding gefunden?«, wollte er wie beiläufig wissen und versuchte dabei seine Stimme ruhig zu halten. Der Zirkusdirektor zuckte die Schultern. »Das haben sie nicht gesagt. Vielleicht hatte es sich in irgendeinem Netz verfangen. Wenn ich Euch weiter bitten darf, mein Herr, ich möchte Euch unseren neuen Menschenfresser zeigen.« Er ergriff die Klappe des Zeltausgangs. »Warte«, sagte Talquist. Seine Stimme war härter geworden. Er starrte weiterhin auf die Kreatur im Tank. Nun wich sie von der Scheibe zurück, drehte sich um und schaute den Zirkusdirektor böse über die skelettartige Schulter an. Gart ließ die Zeltklappe los und trat wieder neben den Herrscher, in dessen Augen es glitzerte. »Es ist eine wirklich beeindruckende Missgeburt«, sagte er mit ehrlicher Bewunderung im Blick. »Auf all meinen Reisen habe ich nichts derart Groteskes und Scheußliches gesehen, was noch gelebt hätte. Es war ein unverhoffter Glücksfall. Unser Einkommen hat sich gewaltig erhöht, seit ich ihn gekauft habe.« »Ich will ihn haben«, sagte Talquist leidenschaftlich. »Nenn mir seinen Preis.« Diese Worte machten den Zirkusdirektor sprachlos. Er lachte kurz auf, als ob man ihm den Bauch gekitzelt hätte. »Das meinst du nicht ernst«, sagte er und vergaß völlig, dass er mit dem zukünftigen Kaiser sprach. »Ich meine es völlig ernst«, beharrte Talquist. »Ich gebe dir das Zehnfache dessen, was du für ihn bezahlt hast.« Der Zirkusdirektor schüttelte den Kopf. »Meine Entscheidung ist unumstößlich«, sagte er und kniff die Lippen zusammen. »Er steht nicht zum Verkauf, mein Herr.« Talquists Hände wurden schweißnass. »Dann das Zwanzigfache.« Der Zirkusdirektor wandte ihm den Rücken zu und ging wieder auf die Zeltklappe zu. »Dieses Ding verschlingt auf einen Schlag eine ganze Gallone Aale. Es hat mir gerade mal ein Dutzend meiner Zuchtgoldfische übrig gelassen – dank Entenfuß-Emmi, die sogar die Peitsche dafür riskiert. Es ist schwer zu hegen und durch und durch kränklich. Wozu wollt Ihr es haben? Nein, Herr, ich werde es Euch nicht verkaufen, und als Euer Freund kann ich mir nicht vorstellen, warum Ihr es haben wollt. Kommt, ich zeige Euch ein paar neue Missgeburten, die fast genauso beeindruckend sind.« Er schaute nervös über die Schulter. Der Herrscher starrte noch immer verzaubert den Fischjungen an. In seiner Verzweiflung kam Gart ein anderer Gedanke. »Ich habe einen neuen Lustwagen. Ich könnte ein paar Aufsehern befehlen, Wache zu stehen, falls Ihr ein wenig private Unterhaltung haben wollt, so wie früher ...« Talquist drehte sich um und schoss einen Blick auf ihn ab, der wie ein Pfeil in seiner Stirn stecken blieb. »Mein letztes Angebot: das Zwanzigfache dessen, was du für ihn bezahlt hast, und freies Geleit aus meinem Land für dich.« Die Drohung in seiner Stimme war unüberhörbar. Der Zirkusdirektor holte tief Luft und stieß den Atem langsam wieder aus. Innerlich kochte er. »Also gut. Ich habe zweihundert Goldkronen für ihn bezahlt – plus zwei«, fügte er rasch hinzu. Der Gedanke an die überheblichen Fischer schmerzte ihn immer noch. »Du bist ein Lügner«, sagte Talquist verächtlich, »aber es ist mir gleich. Ich schicke meine Soldaten in zwei Stunden her, damit sie ihn abholen. Sie werden dir das Geld bringen, aber ich werde dich in sorboldischen Goldsonnen bezahlen. Unsere Münzen sind das Doppelte der orlandischen Kronen wert.« »Ich vermute, Ihr wollt auch seine Nahrung haben«, meinte der Zirkusdirektor wütend. »Es ist unwahrscheinlich, dass Ihr mitten in der Wüste genügende Mengen an Fisch habt. Das wird teuer für Euch.« »Behalte deine Nahrung, ich brauche sie nicht«, erwiderte der zukünftige Kaiser, ohne den Tank aus den Augen zu lassen. »Geh jetzt. Ich möchte mir meinen Neuerwerb ohne dich anschauen. Es ist offensichtlich, dass er dich nicht besonders mag.« Er starrte weiterhin in das grüne Wasser und beobachtete die bleiche, fischartige Kreatur. Ihr umwölkter Blick folgte dem Zirkusdirektor, der das Zelt verließ und in die Dunkelheit trat. Die Jagd 17 Die grosse Halle im Kessel von Ylorc Achmeds Misstrauen war ein fester Bestandteil der Kultur, die er in Ylorc eingeführt hatte, und manchmal führte es zu ungewöhnlichen Verhaltensweisen, die an den meisten Höfen des Kontinents undenkbar gewesen wären. Wenn er abreiste, war dies meist ein gut gehütetes Geheimnis. Wann immer der König den Berg verließ, geschah es nicht mit dem Pomp und Zeremoniell, das viele Monarchen bevorzugten, sondern im Schutz der Dunkelheit und mit so wenig Aufsehen wie möglich, damit die Zahl der Leute, die von seiner Abwesenheit wussten, klein gehalten wurde. Achmed wich von dieser Angewohnheit nur ab, wenn seine ihm bekannten oder unbekannten Feinde wissen sollten, dass er fort war. Der Sergeant-Major nahm an dieser Scharade bereitwillig teil, da sie Achmeds Verfolgungswahn ein wenig linderte. Er machte sich nicht die Mühe, dem Bolg-König zu erklären, dass jedes schlagende Herz in seinem Reich genau merkte, wenn er wegging, denn alle spürten deutlich, wie dann die Spannung nachließ. Nur wenige Stunden nach Achmeds Abreise fühlte praktisch jeder seiner Untertanen in den Tunneln der Berge vor der Verfluchten Heide die Abwesenheit des Herrschers und konnte deshalb ein wenig freier atmen. Achmed bemerkte allmählich den widersinnigen Umstand, dass das Einzige, was seine Untertanen mehr als seine Abwesenheit fürchteten, seine Anwesenheit war, und wurde daraufhin noch gereizter und besorgter. Insgeheim freute er sich aus anderen Gründen auf Rhapsody, als er Grunthor gegenüber genannt hatte. Ihre natürliche Musik und die Schwingungen, die sie ausstrahlte, beruhigten seine gespannten Nerven und bloßliegenden Adern und besänftigten die angeborene Erregung, in der sich sein seltsamer Körper andauernd befand. Er unternahm diese Reise sowohl, um Leute an ihre Versprechen zu erinnern, als auch zum Eigennutz und fieberte dem Aufbruch entgegen, auf dass er wenigstens ein bisschen körperlichen Frieden fände. Deswegen war er sehr aufgebracht, als er in seinem eigenen Thronsaal aufgehalten wurde. Er hielt eine Tasche in der einen Hand und den Zirkel in der anderen, als Kubila erschien, der Archont des Handels und der Diplomatie, und unruhig am Eingang zur Großen Halle auf die Erlaubnis zum Eintreten wartete. »Was ist los?«, fragte der König gereizt und bedeutete dem jungen Mann, näher zu kommen. Der Archont räusperte sich. »Hier ist ein Botschafter, der Euch sprechen möchte, Herr.« »Ein Botschafter?«, meinte Achmed ungläubig. »Es ist mitten in der Nacht.« »Ja, Herr«, erwiderte Kubila nervös. Wie die anderen Archonten, so hatte auch er keine besondere Angst vor dem König; dazu behandelte Achmed ihn mit zu großem Respekt. Doch er war sich durchaus der Gefährlichkeit der Lage bewusst, was ihm eine Gänsehaut verschaffte. »Narr«, murmelte Achmed und ergriff die Tasche mit der anderen Hand. »Schick ihn fort.« Der Bolg-Diplomat räusperte sich noch einmal. »Herr, dieser Mann kommt von sehr weit her. Es könnte klug sein, seiner Bitte zu entsprechen. Er behauptet, er werde nur einen Augenblick Eurer Zeit in Anspruch nehmen.« »Selbst wenn er von der untergegangenen Insel Serendair käme, wäre es mir egal«, gab Achmed zurück. Er deutete mit dem Kopf auf die Tür hinter dem Thron. Grunthor nickte und ging darauf zu. »Herr, dieser Botschafter kommt von den Nain«, sagte Kublia rasch. Seine Worte verloren sich in dem großen Raum. Achmed erstarrte, drehte sich dann langsam um und sah den zitternden Archonten an. Er holte tief Luft und stieß sie vernehmlich wieder aus. Dann übergab er Grunthor die Tasche. »Ich treffe dich draußen«, sagte er und händigte ihm auch den Zirkel aus. Der Sergeant nickte. Achmed wartete, bis der Riese den Raum verlassen hatte, und wandte sich dann wieder Kubila zu. »Schick ihn herein«, sagte er knapp. Kubila nickte und kehrte zum Haupteingang zurück. Er zog einen der beiden gewaltigen Türflügel auf, die zu Gwylliams Zeiten geschnitzt und mit reinem Gold belegt worden waren, und trat zur Seite. Einen Augenblick später schritt ein Mann in den Raum. Hals und Schultern waren breit, die Brust war wie ein Weinfass geformt, und die Beine waren stramm und stark. Er war einen halben Kopf kleiner als Achmed, doch seine Haltung war so gerade und stolz, dass es wirkte, als sei er genauso groß wie der König. Sein Bart, der ihm bis auf die Brust hing, war am Kinn braun, in der Mitte silbern und an den gekräuselten Spitzen weiß. Die Haut war lohfarben und hatte einen blässlichen Unterton; es war das Anzeichen für ein Leben unter den Bergen, fernab der Sonne, aber nahe der gewaltigen Hitze von Schmiedefeuern. Als er den Raum betrat, fiel das Licht der Wandfackeln auf sein Gesicht, und das Blaugelb in den Augen des Mannes glimmerte in der schwach erleuchteten Halle wie bei einem wilden Tier. »Freut mich, Euch zu sehen, Herr«, grüßte der Mann Achmed stramm. »Ich bin Garson ben Sardonyx, Abgesandter Seiner Majestät Faedryth, des Herrn der Fernen Berge.« »Ich weiß, wer du bist«, sagte Achmed abfällig. »Ich habe deine Gegenwart und die deiner Genossen während meiner Amtseinsetzung und vor vier Jahren auf dem cymrischen Konzil ertragen müssen. Eure Gesandtschaft hat zehnmal mehr als alle anderen zusammen gegessen und getrunken und einen Abfall hinterlassen, der erst vor kurzem vollständig entfernt werden konnte. Was willst du?« Der Anstrich der Höflichkeit verschwand aus den Augen des Nain. Er griff unbewusst an seine Bartspitze und rückte sie wütend zurecht. »Ich sehe, dass Ihr wie immer in einer sehr angenehmen Stimmung seid, Euer Majestät«, sagte er gereizt. »Genau wie ich. Einen mitternächtlichen Besuch in Ylorc zu empfangen, ist sicherlich nur wenig unangenehmer, als einen machen zu müssen. Doch es galt, Euch zu erwischen, bevor Ihr zum Winterkarneval nach Navarne abreist, zudem Ihr meinen Kenntnissen zufolge eingeladen seid. Ich will es kurz machen. Ich habe eine Botschaft von Seiner Majestät, König Faedryth.« »Und wie lautet sie?«, fragte Achmed ungeduldig. Der Botschafter der Nain hielt Achmeds Blick stand. »Er weiß, dass Ihr versucht, die Lichtschmiede wiederherzustellen«, sagte er mit bedeutungsschwerer Stimme. »Er hat mich gebeten, Euch zu sagen, dass Ihr das nicht tun dürft.« Sehr lange schauten sich der Bolg-König und der Botschafter der Nain schweigend an. Dann verengten sich Achmeds verschiedenfarbige Augen hinter den Schleiern. »Du bist den ganzen Weg von deinem Land bis hierher gereist, um mir das zu sagen? Du bist ein tapferer Mann und hast zu viel freie Zeit.« Garson wandte den Blick nicht ab. »Mein König hat es mir befohlen.« »Nun, das verwirrt mich«, sagte Achmed und setzte sich auf den Stuhl aus altem Marmor, durch den sich blaue und goldene Adern zogen. »Ich weiß von keiner Lichtschmiede. Dennoch hat Faedryth es gewagt, meinen Zorn heraufzubeschwören, der, wie du weißt, beachtlich sein kann, indem er dich hergeschickt hat, damit du mitten in der Nacht in meine Gemächer stürzt und mir einen Befehl erteilst? Selbst ich, der ich weniger von Diplomatie und Etikette halte als jeder andere, finde das beleidigend.« »Vielleicht habt Ihr einen anderen Namen dafür«, sagte Garson gelassen, ohne die Einwände des Königs zu beachten. »Aber ich vermute, Ihr wisst, wovon ich spreche. Die Lichtschmiede ist ein Gerät, das die Nain vor elf Jahrhunderten für den Visionär Gwylliam gebaut haben. Dabei handelt es sich um eine Maschine aus Metall und farbigem Glas, die in einen Berggipfel eingelassen wird und das Licht zu verschiedenen Zwecken manipuliert. Sie wurde im Großen Krieg zerstört, was richtig war, denn sie zapfte eine Macht an, die unstabil und unvorhersehbar war. Sie stellt nicht nur für Eure Feinde und Verbündeten, sondern auch für Euer eigenes Königreich eine große Gefahr dar. Ihr versucht etwas zu erbauen, was Ihr nicht vollständig versteht. Eure Dummheit wird Euch und wohl auch diejenigen, die sich in Eurer Nähe befinden, in den Untergang führen. Ihr habt es ja schon gesehen. Das verdorbene Glas aus Eurem ersten Versuch liegt immer noch über das ganze Land verstreut. Das ist eine Narretei von unaussprechlicher Unbesonnenheit. König Faedryth befiehlt Euch, zu Eurem eigenen Nutzen und zu dem des Bündnisses sofort damit aufzuhören.« Der Bolg-König hielt die Hände vor die Lippen und faltete sie nachdenklich. Er schaute den Nain-Diplomaten an, der wie angewurzelt auf dem polierten Marmorboden der Großen Halle stand. Über die untere Hälfte seines verborgenen Gesichts legte sich ein schiefes Lächeln, das sich in seinen Augen widerspiegelte. »Woher weißt du eigentlich das alles?«, fragte er beiläufig. »Euer verstecktes Königreich liegt so weit entfernt, dass selbst die Postkarawanen es nicht erreichen. Für die Welt sind die Nain unsichtbar. Wir könnten nicht stärker voneinander getrennt sein, wenn ein Ozean zwischen uns läge. Woher wisst ihr etwas über meine Unternehmungen?« »König Faedryth hat es sich zur Aufgabe gemacht, Ereignisse zu überwachen, die eine schreckliche Auswirkung auf die Welt haben könnten, Herr«, antwortete Garson überheblich. »Die Informationen finden ihren Weg zu ihm, wann immer es von Bedeutung ist.« Achmeds Belustigung zerstob. Langsam stand er von seinem Thron auf – wie eine Schlange kurz vor dem Zustoßen. »Lügner«, sagte er verächtlich. »Die Nain haben der Welt vor vier Jahrhunderten den Rücken zugekehrt. Ihr habt kein Interesse am alltäglichen Gang der Welt außerhalb eures Reiches und auch keine Möglichkeit, etwas davon zu erfahren, selbst wenn ihr es wolltet. Und dennoch stehst du hier und berichtest mir die Einzelheiten meines geheimsten Projekts auf Befehl eines Königs, der glaubt, er habe das Recht, mir zu befehlen, was ich zu tun habe.« Er durchmaß den Raum, blieb unmittelbar vor dem Botschafter der Nain stehen und schaute ihm in die glühenden Augen. »Ihr habt selbst eins«, sagte Achmed gleichmütig. »Ihr habt euren eigenen Apparat gebaut und benutzt dessen Wahrsagefähigkeiten, um mein Land auszuspionieren. Nur so habt ihr es erfahren können.« Garson starrte ihn in eisigem Schweigen an. Achmed wandte dem Botschafter den Rücken zu und kehrte zu seinem Thron zurück. »Verlass sofort mein Reich«, befahl er und gab Kubila ein Zeichen, der im dunklen hinteren Teil der Großen Halle gewartet hatte. »Kehre zu deinem König zurück und sage ihm von mir, dass ich früher einmal Respekt vor ihm und der Art hatte, wie er sein Reich regiert. Er hat eine genauso geringe Meinung von den Cymrern wie ich und ist ein widerstrebendes Mitglied des Bündnisses – so wie ich. Er bleibt in seinen Bergen wie ich in den meinen. Aber wenn er weiterhin mein Land ausspioniert oder mir Abgesandte schickt, die mir sagen, was ich tun soll, werde ich die Möglichkeiten der von euch so genannten Lichtschmiede ausloten, sobald sie einsatzbereit ist. Ich überlasse es eurer Phantasie, welche das sein könnten.« »Ich bezweifle, dass ich diese Botschaft Faedryth wirklich überbringen soll«, sagte der Abgesandte. »Du solltest nicht zweifeln, Garson. Geh jetzt.« Achmed wartete, bis der Nain-Diplomat aus der Großen Halle geschritten war, und wandte sich dann an Kubila. »Krinsel soll hier auf mich warten, wenn ich zurückkehre.« Grunthor legte gerade den Zirkel zurück in das Lederetui, als Achmed auf dem Gipfel des Berges aus Kies und Asche erschien, der als letztes Hindernis vor dem Grab des Erdenkindes diente. Der Riese sagte nichts, als der Bolg-König auftauchte, doch Achmed sah selbst aus der Ferne die stille Verzweiflung in seinem Blick. Als er schließlich den Katafalk erreicht hatte, auf dem das Kind lag, erkannte er den schattenhaften Umriss dort, wo es früher an diesem dunklen Ort gelegen hatte. Sein Körper war kleiner geworden. »Es schrumpft immer noch«, sagte er laut. Er sprach die Worte aus, um sie greifbar zu machen; vorher hatten sie schwer und schmerzhaft in der Luft über seinem Kopf gehangen. Grunthor nickte nur und schloss den Behälter mit dem Messzirkel. Achmed fuhr mit der behandschuhten Hand sacht über das Haar des Erdenkindes, das nun goldbraun wie der trockene Weizenspreu in der Steppe hinter den Bergen war. Dann folgte er Grunthor durch den Gang zurück zum Kessel. Krinsel wartete in der Großen Halle, wie er befohlen hatte. Sie wirkte ausgemergelt. Ihr dunkles Gesicht war ausdruckslos. Sie war den größten Teil der Nacht auf den Beinen gewesen und hatte seine Rückkehr erwartet. In der Hand hielt sie die Liste der Opfer, die noch immer von der Krankheit gequält wurden. Ihr jeweiliger Zustand war von den einzelnen Heilfrauen und ihren Gehilfinnen sorgfältig verzeichnet worden. »Neue Todesfälle?«, fragte Achmed, als er vor ihr stehen blieb. Die Hebamme schüttelte den Kopf. Der Bolg-König nickte. »Ich glaube, die Sterbewelle hat ein Ende gefunden«, sagte er nachdenklich. »Alle, die diese Pikrinexplosion bis jetzt überlebt haben, werden es wohl schaffen. Der Gurgus ist von allen Resten gesäubert, genau wie die Berge, auf die der Explosionsstaub niedergegangen ist. Jetzt müssen wir es denjenigen, die auf dem Weg der Besserung sind, so angenehm wie möglich machen und rasch wieder zur Normalität zurückkehren. Einverstanden?« Die Hebamme nickte. »Gut. Dann mache ich mich auf den Weg. Ich reise auf einer Route, die parallel zur Karawanenstraße verläuft. Wenn ihr mich braucht, soll Trug einen Falken losschicken.« »Sag Ihrer Durchlaucht ’n Gruß von mir«, meinte Grunthor trocken, als Achmed zur Tür ging, die ihn zu den Ausgangstunneln des Kessels führte. Sie führten durch die Brustwehre und auf die offene Steppe dahinter. »Und vergiss nicht meine gezuckerten Mandeln. Wenn wir schon das Reich gefährden, sollten wir wenigstens was Leckeres zu essen haben. Bring außerdem jeden Lirin mit, den du auf dem Karneval triffst. Besonders die Dunkelhaarigen, die schmecken am besten.« »Ich bin in zwei Wochen zurück«, sagte der Bolg-König. »Bis dahin sollte nichts explodieren, in sich zusammenbrechen oder herunterfallen – es sei denn, es ist der Kopf des Nain-Botschafters.« Die Reise durch die Erde war gleichzeitig Segen und Fluch, fand die Drachin. Nun umgab sie eine Kraft, die in der eisigen Wüste ihres Nestes nicht existiert hatte. Es war eine schwingende Wärme, die sie in der Erdkruste spürte. Die Erde hieß sie willkommen, auch wenn es noch ein kühles Willkommen war. Die Rückkehr ihres Namens hatte ihr nur Bruchstücke von Erinnerungen gebracht. All jene, die an das Element gebunden waren, aus dem die Linie ihrer Mutter stammte, waren noch immer verschüttet. Unter der Erde war das Lied, das auf ihren Ruf geantwortet hatte, gedämpft und schwerer zu vernehmen, auch wenn es noch irgendwo in der Ferne ertönte. Die Drachin war sich seiner Richtung nach wie vor nicht sicher, und in ihrer Zielstrebigkeit hatte sie oft den Eindruck, dass es von allen Seiten kam, was sie sehr verwirrte. Ihr Verstand, der früher einmal so scharf wie eine Messerklinge gewesen war, wurde immer noch schnell durcheinander gebracht, und oft musste sie mit einer an Wut grenzenden Verzweiflung feststellen, dass sie im Kreis gegangen, den Weg verloren oder einen Pfad durch die Dunkelheit genommen hatte, der sie in die Irre führte. Doch das ferne Jammern blieb und leitete sie nach Süden und zurück auf den Pfad, wenn sie vom Weg abgekommen war. Es wird lange dauern, bis ich dort ankomme, dachte sie nach einem besonders enttäuschenden Irrweg. Aber wenn ich es geschafft habe, wird es die Mühen wert sein. Der Blutdurst in ihrem Herzen brannte heller in der Dunkelheit der Erde. 18 Haus des Hauptpriesters neben dem Nachtberg Um Mitternacht klopfte Talquist an Lasarys’ Tür. Es dauerte einige Minuten, bis der Hauptpriester von Terreanfor halb angezogen zur Tür des Hauses gelaufen war und sie unter Ausbrüchen heftigsten Klopfens geöffnet hatte. Sobald sich die Klinke bewegte und die Tür einen Spaltbreit offen stand, drängte der zukünftige Kaiser herein. »M... mein Herr«, keuchte Lasarys und raffte sein Nachtgewand. Die Kerze in seiner alten Hand zitterte so sehr, dass ihm das Wachs auf den Unterarm tropfte. »Was ... was ist los?« »Ist es erledigt?«, wollte Talquist wissen. »Der Soldat – ist er gefällt?« Der Priester ließ den Kopf hängen und seufzte. »Ja«, sagte er niedergedrückt. »Und in Leinen eingewickelt, das mit heiligem Wasser getränkt ist. Aber er ist noch nicht zum Altar gebracht worden.« »Gut. Lass das bleiben und bring ihn stattdessen auf den Marktplatz von Jierna’sid.« »Jetzt sofort?« Der Priester wirkte entsetzt. »Ja, jetzt. Hol deine Diener. Weck sie auf.« »Sie ... sie sind erschöpft, mein Herr. Es war ein sehr ergreifender und schwieriger Tag.« Das Gesicht des zukünftigen Kaisers verhärtete sich im Kerzenschein. »Es wird auch eine schwierige Nacht werden, aber danach können sie sich ausruhen. Hol sie, Lasarys.« »Ja, Herr.« Der Hauptpriester verschwand in der Dunkelheit seines Hauses. Jeder einzelne Diener im Kloster des Tempels war nötig, um den Schlitten mit der riesigen Statue aus Lebendigem Gestein auf den Platz vor dem Palast von Jierna Tal zu ziehen. Talquist hatte seiner Wache, dem Bergregiment, das Jierna Tal und den Kaiser beschützte, befohlen, den Weg zwischen dem Nachtberg und dem Platz der Waage abzusperren und die Bevölkerung fern zu halten. Unter gewissen Mühen hatten sie den abendlichen Frieden aufrechterhalten können. Am Platz der Waage wohnte niemand außer dem Kaiser; daher war es möglich, mitten in der Nacht einen großen Wagen hierher zu ziehen, ohne dass es jemandem auffiel. Lasarys war während der ganzen Unternehmung still und blass gewesen und sah zitternd zu, wie die Diener langsam den Wagen entluden. Zwanzig von ihnen trugen die eingewickelte Statue auf schweren Balken, an denen sich je zwei Männer abmühten. Langsam erkletterten sie die Plattform, auf der die Waage stand. Als die Priester die gewaltige Gestalt auf die östliche der beiden Waagschalen legten, wandte Lasarys sich schließlich an Talquist. In seiner Stimme lag Qual. »Was macht Ihr da bloß, Herr?«, flüsterte er verzweifelt. »Bitte sagt mir, dass diese Entweihung einen Sinn hat, einen höheren Sinn. Ich fühle mich, als hätte ich eine Scheußlichkeit begangen, welche die Mutter Erde mir nie verzeihen wird.« Talquist drehte sich um und beobachtete den leidenden Priester mit Augen, die kurz zuvor noch vor Erregung geleuchtet hatten, nun aber den sanften Glanz des Mitleids zeigten. »Nur Mut, Lasarys. Was wir hier tun, hat nichts mit Zerstörung oder Entweihung zu tun. Es ist eine Wiedergeburt.« Er klopfte beruhigend auf den Arm des Priesters. »Erinnerst du dich, als ich vor vielen Jahren dein Hilfspriester war und du mir die Geschichten von der Entstehung Terreanfors erzähltest? Von dem Glauben, dass die alten Völker die Samen der Blumen und Bäume gepflanzt hätten und das Lebendige Gestein, das noch voller Schöpferkraft war, diese wunderbaren Statuen erschaffen habe, die noch immer die Basilika schmücken? Dass die Tiere und Vögel auf gleiche Weise gebildet worden seien, nämlich von der Erde selbst, indem sie einen Teil der jeweiligen Tiere verwendete?« Lasarys nickte schwach. »Wenn das der Fall ist, Lasarys, was glaubst du, woher die Soldatenstatuen stammen?« Der Hauptpriester erbleichte. »Ich ... ich habe keine Ahnung«, stammelte er. »Wäre es möglich, Lasarys, dass es begrabene Helden der Vorzeit gibt, die in der Wärme der Lebendigen Erde liegen und zu Statuen geworden sind, damit man sie auf diese Weise als große Krieger ehren kann?« »Ja, das wäre möglich, Herr, aber was ... was der Mutter Erde in die Arme gegeben wurde, sollte dort verbleiben«, erwiderte Lasarys zögernd. »Es wäre Narrheit, es zurückzuholen und die Toten wieder zum Leben zu erwecken. Das ist gegen die Natur.« Talquist zog verärgert die Brauen zusammen. »Ich habe nicht vor, die Toten zu erwecken, Lasarys«, sagte er scharf und sah zu, wie die Diener die Balken unter der Statue entfernten, die nun auf der Waagschale lag. »Ich versuche nur, ungenutztes Leben zu erschließen. Ich will es sozusagen übertragen.« Er nickte den Dienern wohlwollend zu, die sich über die Stirn wischten und damit andeuteten, dass ihre Arbeit beendet war. »Gut gemacht. Vielen Dank.« Er wandte sich an den Hauptmann seiner Garde und redete so laut, dass die Diener ihn hören konnten. »Führt diese heiligen Männer in den Palast, wo eine Erfrischung für sie bereitsteht. Nachdem sie gegessen haben, führt ihr sie zu den Wagen und bringt sie zurück zu ihren Betten im Kloster, damit sie sich niederlegen und nach dieser schwierigen Arbeit ausruhen können – alle bis auf zwei.« Die müden Diener des Hauptpriesters verneigten sich und folgten dem Hauptmann der Wache in den Palast. Talquist gab den Soldaten ein Zeichen. Sie brachten zwei Männer, Dominikus und Lester, zu Lasarys. Sie standen vor ihm und tauschten fragende Blicke aus, rührten sich aber nicht. »Bringt den Tank der Kreatur herbei«, befahl der Herrscher. Langsam wurde ein mit Leinwand umwickelter Handkarren aus den kaiserlichen Ställen gerollt. Die Priester schauten zu, wie der Tank ausgewickelt und zerschmettert wurde. Aus dem Schutt wurde ein bleiches Geschöpf von krankhafter Gestalt gezogen, dessen Fleisch schlaff an den Knochen hing und kaum mehr als Knorpel zu sein schien. »Grundgütiger All-Gott, was ist das?«, flüsterte Dominikus Lasarys zu, doch der Hauptpriester hob die Hand und gebot ihm zu schweigen. Die Kreatur im Griff des Soldaten zischte und schlug schwach um sich, doch sie war kein Gegner für die Männer in Rüstung. Sie trugen die kämpfende Masse die Stufen hoch zu der Waage und legten sie auf die leere westliche Schale. Dann streckten sie Farons gebogene Arme aus und drückten sie mit Sandsäcken zu Boden. Als die Kreatur schließlich den Kampf aufgegeben hatte, zogen sich auch die Soldaten zurück und ließen Lasarys, die beiden Diener und Talquist auf dem Platz allein. Ihre Schritte verhallten in der Leere. Einen Moment später hörten sie das ferne Klappern von Karrenrädern, als der Wagen mit den Dienern über das Kopfsteinpflaster der Stadt zum am Berg gelegenen Kloster neben dem Haus des Hauptpriesters fuhr. Stille kehrte wieder ein auf den Straßen von Jierna’sid. Der Herrscher von Sorbold stieg langsam die Stufen zu dem uralten Gerät, dem Ort des Wiegens hoch, an dem die goldenen Schalen seit vielen Jahrtausenden in diesem Land und dem davor Entscheidungen über Leben und Tod, Krieg und Frieden, das Überleben von Nationen und den Untergang von Tyrannen getroffen hatten. »Lasarys«, sagte er sanft, »wickle die Statue aus.« Einen Augenblick blieb der Hauptpriester wie erstarrt stehen, doch dann nickte er zögerlich den beiden Dienern zu. Gemeinsam entfernten die drei heiligen Männer die feuchten Leinentücher, während Talquist gebannt auf die Waagschalen starrte. Unter der Leinenabdeckung war die Statue noch warm vom Herzschlag der Erde im Lebendigen Gestein. Das weiche Lehmfleisch pulste unter einem statischen Summen. Die äußersten Enden, die Biegungen der Schuhe, das grob behauene Schwert in der rechten Hand und die Spitzen des Rüstungshandschuhs an der leeren Linken wurden allmählich hart und leblos, doch ansonsten war es noch feucht, war noch vielfarbener Lehm, der zu einem großen Mann mit schwerem, steinernem Gesicht und irislosen Augen geformt war, die blind in den Nachthimmel starrten. Sobald die Statue entblößt war, stellte sich Talquist still vor die Priester und schaute hinab auf das gewaltige Stück Lebendigen Gesteins. Er fuhr sanft und beinahe liebevoll mit der Hand über die massigen Schultern. Sein Gesicht zeigte eine Erregung, die schon beinahe an heilige Entrückung grenzte. »Stell dir vor, Lasarys«, flüsterte er, »stell dir vor, was alles hier erreicht werden kann. Ich plane dies schon seit der Zeit vor meiner Thronbesteigung. Als ich die Soldaten zum ersten Mal sah, wusste ich, dass in jedem von ihnen die Macht eines ganzen Heeres steckt. Ich bin der Bewahrer der Schuppe des Neubeginns. Verstehst du nicht, Lasarys, dass diese Dinge zusammengefügt werden müssen? Das ist der Schlüssel zu allen Plänen, die ich je geschmiedet habe, seit ich die Macht der violetten Schuppe entdeckte. Was ist, wenn die Waage die Lebensessenz einer nutzlosen Missgeburt, eines kaum lebendigen Stücks Fleisch zu nehmen und sie in diesen Steinsoldaten zu überführen vermag? Könnte er lebendig vor meinem Palast Wache stehen, reglos, aber beseelt, wäre er ein wunderbarer Wächter und eine furchtbare Abschreckung für jeden, der versuchen sollte, mit bösen Absichten in den Palast einzudringen. Und wenn er sich bewegen könnte – wenn er sich bloß bewegen könnte! Er wäre die vollkommene Waffe – ein Steinblock, der völlig unter meinem Befehl steht und vielleicht dieselben einfachen Kommandos begreift wie das Wesen, dessen Leben geopfert wurde, um ihn zu beleben? Stell dir ein ganzes Heer vor – jede Statue von Terreanfor abgeerntet und zum Leben erweckt? Nicht nur die zwanzig in der Kathedrale, sondern die hundert, vielleicht tausend unten in der Stadt der Toten. Stell dir einmal vor ...« »Das ist Ketzerei, Herr«, erwiderte Lasarys flüsternd. »Ich sage Euch, Ihr wisst nicht, was Ihr tut. Die Eigenschaften des Lebendigen Gesteins sind uns fast völlig unbekannt. Er ist ein Geschenk des Schöpfers, ein uranfängliches Element, ein seltener Schatz ...« »Geh mir aus dem Weg, Lasarys«, sagte Talquist ungeduldig, drückte den Hauptpriester beiseite und lief hinüber zu der anderen Waagschale, auf welcher die bleiche, schlaffe Gestalt der Missgeburt ausgestreckt lag, die er heute Abend gekauft hatte. »Guten Abend, Faron«, sagte er freundlich und bemerkte, wie sich Erkennen in den Blick der Kreatur stahl. »Kannst du mich verstehen?« Die von Adern durchzogenen Lider des Fischjungen schlössen sich über den trüben Augäpfeln. Es war, als ob er blinzle, aber eine andere Antwort gab er nicht. Wie ich vermutet habe, dachte Talquist. Nur tierische Intelligenz. Es reagiert wie ein Hund auf seinen Namen und beherrscht vielleicht auch einfache Kommandos. Gut. Er untersuchte die schweren Hautschichten, die sich um den Bauch des Geschöpfes in Falten gelegt hatten. In ihnen steckten drei Spitzen aus hartem, vielfarbigem Material, an dem getrocknetes Blut klebte. »Das muss sehr wehtun«, sagte er besänftigend zu der Missgeburt auf der Waagschale vor ihm, während er sacht mit dem Finger über die Falten fuhr. »Erlaube mir, sie für dich zu entfernen.« Er hob vorsichtig eine Hautfalte und zog die erste Spitze heraus. Wie er erwartet hatte, handelte es sich um eine Schuppe ähnlich seiner eigenen. Sie hatte dieselbe graue Färbung, blitzte aber gelblich auf, als sie aus dem Bauch des Geschöpfs glitt. Faron jammerte gequält, doch Talquist ließ sich nicht ablenken. Er entfernte auch die beiden anderen Schuppen, die alle denselben Ursprung hatten, und schenkte dem Zittern der Kreatur, aus der sie gekommen waren, keine Beachtung. Er hielt sie gegen das Licht der Fackeln auf dem Platz. Die ausgefransten Ovale hatten dieselbe Mischung aus Grau und Farbe wie seine eigene hoch geschätzte Schuppe und waren mit winzigen geometrischen Mustern durchsetzt, sodass sie wie die Haut eines Reptils wirkten. Wenn sie den Feuerschein einfingen, brachen sie das Licht wie ein Prisma; es schien, als wären alle Farben des Spektrums in ihnen enthalten, doch jede hatte eine Hauptfärbung. Die eine war gelb, die andere rot und die dritte blau wie ein Veilchen. Jede trug eine grobe Einritzung; es waren Runen eines Alphabets wie auf seiner eigenen Schuppe, und auch diese konnte er nicht lesen. Vor vielen Jahren hatte er die Schrift auf der violetten Schuppe übersetzt, nachdem er einen Schlüssel zu dieser Sprache, dem Altserenischen, im staubigen Museum von Haguefort gefunden hatte, dem Stammhaus Stephen Navarnes, des cymrischen Historikers. Auch hatte er eine Zeichnung seiner eigenen Schuppe entdeckt, und zwar in dem Fragment eines alten Buches, das den Titel Das Buch allen menschlichen Wissens getragen hatte und aus dem Meer gerettet worden war. Den größten Teil hatte das Salzwasser zerstört, doch in den wenigen übrig gebliebenen Seiten hatte er von einer Art Kartenspiel gelesen, das einer serenischen Seherin namens Sharra gehört hatte. Damals war er zu der Überzeugung gelangt, dass seine Schuppe, wie er sie nannte, Teil dieses Spiels war. Es hieß, dass es in der Hand eines Erstgeborenen, die unmittelbar von den uranfänglichen Elementen abstammten, die Macht hatte, Dinge zu zeigen, die das Auge nicht sehen konnte, Wunden zu heilen, die ansonsten unheilbar waren, und Dinge zu ändern, die ansonsten unwandelbar waren. Unvorstellbare Macht. Das ist das Spiel, dachte er. Seine Hände schwitzten vor Erregung. Diese Schuppen müssen ein Teil von Sharras Spiel sein. Das Geschöpf auf der Waagschale zischte ihn wütend an. »Woher hast du sie, Faron?«, fragte Talquist; es klang, als rede er mit sich selbst. Er griff zwischen die Falten seiner Robe, holte die violette Schuppe hervor und hielt sie mit den anderen gegen das flackernde Licht. Die milchigen Augen der Kreatur weiteten sich. Alle Schuppen passten zusammen. Talquists Hände wurden warm. Zuerst hielt er es für eine Auswirkung seiner Erregung, des Schweißes und des wilden Herzschlags. Doch dann erkannte er, dass diese Hitze aus den Schuppen selbst hervorging, als zapften sie gemeinsam eine verborgene Quelle von Hitze und Feuer an. Sie erkennen einander. »Lasarys«, sagte Talquist leise, »gib mir deinen Zeremonialdolch.« »Aber Herr ...« Der Herrscher streckte gebieterisch den Arm aus und hielt die offene Handfläche nach oben. Lasarys seufzte, zog seinen Dolch aus poliertem Obsidian hervor und legte ihn mit Bedauern in Talquists Hand. »Du kannst jetzt gehen«, sagte der zukünftige Kaiser. Sein Ton ließ keine Widerrede zu. »Geh essen und kehre mit deinen Geistlichen in das Kloster zurück. Du hast mir gut gedient.« Lasarys und die priesterlichen Diener wechselten einen raschen Blick und eilten fort vom Platz des Wiegens. Dominikus und Lester liefen auf die Tür zu, durch welche die übrigen Geistlichen geführt worden waren, doch Lasarys hob die Hand und hielt sie schweigend auf. Er warf einen Blick über die Schulter. Als er bemerkte, dass sie unbeobachtet waren, führte er sie zu einem verborgenen Ort neben der Palastmauer, von wo aus sie den Fortgang der Scheußlichkeiten überblicken konnten. Der Herrscher legte die drei Schuppen auf den Bauch des Geschöpfs und steckte seine eigene zurück zwischen die Falten seiner Robe. Er ergriff das Messer und hielt es hoch, dann senkte er es über Farons Herz. Im Schatten schauten der Hauptpriester und seine Diener entsetzt zu, wie Talquist vorsichtig die Haut der Missgeburt mit der scharfen Klinge ritzte und sie dann in die Linie aus schwarzem Blut tauchte. Sodann ging er zurück zu der Waagschale, auf welcher der Steinsoldat lag, und stellte sich mit dem Messer in der Hand über ihn. Er ließ einen schwarzen Tropfen nach dem anderen auf die Schale fallen und schenkte dem Jammern aus dem grotesken Mund der Kreatur auf der anderen Schale keinerlei Beachtung. Jeder Tropfen fiel mit einem klingelnden Laut herab. In der Dunkelheit leuchteten die Waagschalen auf; die Ketten am Arm des Geräts nahmen das Licht ebenfalls an. Langsam hob sich die Schale mit der schweren Steinstatue und tarierte sich gegen die Schale mit der hilflosen Kreatur aus. Durch Tränenschleier beobachteten die Priester bleich und schweißnass vor Ekel, wie der Soldat aus Lebendigem Gestein und der verdrehte Körper des Geschöpfes schmerzlich hell erglühten. Das Licht wurde mit jeder Sekunde heller und strahlender, bis es unerträglich geworden war. Lasarys, Lester und Dominikus beschirmten sich die Augen, als die missgestaltete Kreatur auf der einen Schale in dunkle Flammen aufging, in ein schwarzes Feuer, das schrecklich stank und schließlich zu Asche verbrannte. Die Schalen tarierten sich weiter aus. Dann schlug die östliche Schale auf den Boden. Die westliche flog nach oben, und die Überreste der Kreatur schössen in einem plötzlichen Blitz in die Luft, wurden vom Nachtwind erfasst und trieben davon. Das Licht verschwand, und der Platz von Jierna’sid wurde wieder in das nur von Fackeln erhellte Dunkel getaucht. Zuerst gab es kein Anzeichen von Leben. Talquist stand wie angewurzelt am Fuß der Waage. Sein Blick glitt von der reglosen Statue auf der östlichen Schale zu der leeren westlichen, in der nun nicht einmal mehr Asche lag. Nach einem Augenblick aber erzitterte der riesige Soldat heftig und stieß den Atem aus. Die pulsierenden Farbstreifen wurden dunkler, als die Statue ihren ersten Atemzug tat, und das Purpur und Zinnoberrot, das Grün und Rostrot nahmen den Glanz des Lebens und Atmens an. Die Augen, die keine Lider hatten, um die steinernen Pupillen zu schließen, blinzelten. »Ehre sei der Erdenmutter«, flüsterte Talquist. Die Glieder der Statue dehnten sich unbeholfen. Langsam bewegte sich der schwertlose Arm; der Soldat hob die leere Hand vor das grob behauene Gesicht. Die Finger drehten sich nach innen und streckten sich dann mühsam. »Steh auf«, befahl Talquist. Die Statue wandte langsam den Kopf dem Herrscher zu. »Ich sagte, steh auf«, wiederholte Talquist mit harscherer Stimme. Ihm kam ein Gedanke, und obwohl er sich dabei dumm vorkam, sprach er den Namen des Geschöpfs aus, dessen Leben der Statue geopfert worden war. »Faron.« Der Soldat drehte ruckartig den Kopf in Talquists Richtung. Der Herrscher seufzte enttäuscht. Da er die Macht der Waage und des Lebendigen Gesteins nicht richtig verstand, hatte er gehofft, das Blut des Geschöpfs werde die steinerne Inkarnation des Kriegers aus dem Volk der Eingeborenen des alten Kontinents erwecken. Stattdessen schien es so zu sein, dass das steinerne Wesen eine Verkörperung der Missgeburt selbst war, die er dem Zirkus abgekauft hatte und die so hirnlos wie ein Fisch war. Doch seine Enttäuschung schwand rasch, als er sah, wie die Statue erneut die Arme reckte. Beim nächsten Mal werde ich einen Menschen mit einem guten und fähigen Hirn opfern, dachte er. Der Anblick des zehn Fuß hohen, aus Lehm geformten, atmenden und sich bewegenden Soldaten erfreute ihn dennoch. Die Statue rollte plötzlich zur Seite und fiel schwer von der Waagschale auf die Planken des Gerüstes, auf dem die Waage stand. Sie rollte sich wie ein Kind im Mutterleib zusammen und schabte mit der Schwerthand über die Bohlen, als wolle sie die steinerne Waffe loswerden. Talquist trat vor, blieb aber sofort stehen, als der gewaltige Soldat mit der rechten Hand heftig gegen die Bretter schlug. Er kratzte mit einer Eindringlichkeit an dem Steinschwert, die Talquist die Kehle zuschnürte. »Nein, Faron, das ist ein Schwert. Es ist in Ordnung. Versuch nicht, dich zu entwaffnen ...« Die gigantische Gestalt schälte mit der rechten Hand das Schwert aus der linken. »Faron ...« Mit einem brutalen Griff riss sich die Statue das Steinschwert aus der Hand und warf es Talquist quer über die Plattform entgegen. Der Herrscher sprang gerade noch rechtzeitig zur Seite. Dann kam der Soldat aus Lebendigem Gestein langsam auf die Knie. Talquist sah mit wachsender Besorgnis zu, wie der Riese aufzustehen versuchte. Er schien zu glauben, dass seine Glieder weich und biegsam wären. Er erinnert sich an seine alte Gestalt, dachte er, als sich die Statue auf die Beine zog. Sie griff nach unten und versuchte unbeholfen die Schalen zu fassen. Mehrfach fielen sie ihr aus der Hand. »Faron, ich befehle dir, damit aufzuhören!«, rief Talquist. Die lebendige Statue hielt kurz inne und starrte mit lidlosen Augen auf die Schuppen in ihrer Hand. Dann taumelte sie schwerfällig auf die Treppe zu. Die drei Schuppen hielt sie fest umschlossen. Talquist hob die Hände und wollte Faron aufhalten, doch als er erkannte, dass der Titan ohne ein Zeichen des Abbremsens auf ihn zuhielt, schoss er gerade noch rechtzeitig aus dem Weg, damit er nicht unter Farons Füßen zertreten wurde. Der Titan taumelte die Treppe hinunter und trampelte über das Kopfsteinpflaster, bis er stolperte und schwer zu Boden ging. Wieder rollte er sich zusammen, als sei er sich seiner Beine unsicher, doch dann stand er langsam auf und warf einen gewaltigen Schatten im schwachen Licht der Fackeln. »Faron!«, rief Talquist erneut, aber nicht mehr so laut. Seit er die Steinmuskulatur gesehen hatte, wurde seine Stimme von Angst erstickt. Aus einer der Seitenstraßen des Platzes drang das Geräusch von Stiefeln auf Stein. Eine Einheit aus vier Soldaten rannte herbei; jeder rief dem anderen etwas zu. Vor dem Schatten der hoch aufragenden Statue blieben sie wie erstarrt stehen. »Nein!«, rief Talquist, doch Faron setzte sich bereits in Bewegung und rannte auf die Soldaten zu. »Geht ihm aus dem Weg!«, kreischte er. Zwei der Soldaten gehorchten blind und hasteten auf die Palastmauern zu. Ein anderer zögerte kurz und warf sich dann hinter einen Wagen. Der vierte stand wie angewurzelt da. Er hob seine Hellebarde mit zitterndem Arm. Der Titan aus Lebendigem Gestein drückte ihn gegen die Mauer des Palastes, als wäre er nichts als ein Haufen Lumpen. Ein schreckliches Knirschen hallte durch die Straßen, als der Körper auf die Wand traf und die Knochen brachen. Die belebte Statue hielt nicht an; sie wurde immer schneller; ihre weiten Schritte gingen in einen raschen Lauf über. Sie eilte durch die Straßen und der Stadtmauer entgegen, verschmolz mit der Dunkelheit und rannte auf die Berge zu, welche die Stadt umgaben. Benommen stand Talquist auf und starrte in die Schatten. Er versuchte ein Anzeichen des Titanen auszumachen, sah aber nichts als Nacht und Fackeln, die bereits stark heruntergebrannt waren. Er stierte in die Ferne, bis sich der Anführer der Einheit vor ihn kniete. Hinter ihm trugen die beiden Überlebenden den zerschmetterten Leichnam des vierten Soldaten. »Herr?« »Ja?«, fragte Talquist kühl. »Was war das?« »Eine schlechte Idee«, murmelte der zukünftige Kaiser und fuhr mit der Stiefelspitze an dem großen irdenen Schwert entlang, das sich die Statue aus der Hand gerissen hatte. Der Lehmrand brach ab und rieselte wie Sand auf das Straßenpflaster. Er starrte weiterhin die leere Straße hinab. »Und eine schreckliche Verschwendung. Die Ernte des Lebendigen Gesteins zerbröckelt nutzlos zu Staub.« Schließlich drehte er sich heftig um, als wolle er Schlaf abschütteln, und schaute auf den Leichnam zu seinen Füßen. Zu den beiden Soldaten, die ihren toten Gefährten trugen, sagte er: »Bringt ihn ins Kloster von Terreanfor. Legt ihn dort auf die Treppe.« Er schaute den Anführer unmittelbar an. »Sind alle heiligen Männer zurück in Kloster und Sakristei?« »Ja, Herr.« »Gut. Sobald ihr den Leichnam abgeladen habt, kehrt ihr in die Kaserne zurück. Die Diener werden sich um die Beerdigung kümmern. Sprich mit niemandem über das, was du gesehen hast; ansonsten wirst du hingerichtet. Sag das auch den anderen. Wenn mir die Sache zu Ohren kommt, weiß ich, woher.« »Ja, Herr.« Der Soldat verneigte sich und beeilte sich, zu den beiden anderen aufzuschließen. Sobald die Soldaten außer Sichtweite waren, ging Talquist zum Tor von Jierna Tal und rief den Hauptmann seiner Leibwache herbei. »Sind Kloster und Sakristei mit Öl und Magnesium vorbereitet worden?« Der Hauptmann nickte schweigend. »Gut. Es sind jetzt drei Soldaten mit dem Leichnam eines vierten dorthin unterwegs. Sobald die Soldaten den Körper auf die Stufen des Klosters gelegt haben, entzündet ihr das Öl.« Der Hauptmann schluckte, zeigte ansonsten aber keine Reaktion. »Was ist, wenn sie irgendwie in die Explosion geraten?« »Treibt sie mit Pfeilfeuer zurück.« Der Hauptmann, der an solche Befehle gewöhnt war, nickte bloß. »Auch die heiligen Männer? Das heißt, falls sie das Feuer überleben sollten.« Talquist schüttelte den Kopf. »Sie sind schon tot. Das Gift aus dem Essen müsste inzwischen wirken. Ich will, dass es keine Zeugen und keine Spuren gibt. Es wird sie nicht geben, denn Magnesium brennt heißer als die Flammen der Unterwelt. Ein tragisches Feuer. Der Seligpreiser wird sicherlich in großer Trauer sein. Vielleicht wird er dafür sorgen, dass seine Gefolgsleute hiernach sicherere Unterkünfte erhalten.« Der Hauptmann der Wache verneigte sich und zog sich zurück. Talquist blieb noch bis zum Morgen auf dem Platz von Jierna’sid stehen. Er suchte mit dem Blick die Berggipfel nach einem Anzeichen des Titanen ab, sah aber nichts als die rosafarbenen Strahlen der Dämmerung, die ihr Licht über die gewaltige Wüste ergossen, und hörte nichts als den Herbstwind, in dessen Jaulen sich keinerlei Worte verbargen. Als der Platz des Wiegens endlich ganz leer war, als das Licht im Herrscherturm von Jierna Tal gelöscht wurde und nur das schwächste Glühen der bis zum Ende des Dochts heruntergebrannten Straßenlaternen übrig geblieben war, krochen der Hauptpriester von Terreanfor und seine beiden überlebenden Hilfspriester aus den Schatten. Sie zitterten noch genauso wie in den letzten Stunden. Sie standen schweigend da und beobachteten, wie die Flammen die fernen Hänge des Nachtberges erleuchteten. Ihr Heim brannte. Schließlich berührte Lester mit bebender Hand den Arm des Hauptpriesters. »Was sollen wir jetzt tun, Vater?«, flüsterte er. Seine Stimme klang viel jünger, als er war. Lasarys starrte auf den Widerschein der Flammen und war in Gedanken verloren. Schließlich traf sein Blick den des jungen Priesters. »Wir müssen nach Sepulvarta in die heilige Stadt gehen«, sagte er leise und vergewisserte sich, dass niemand sie sah. »Dort ist der Seligpreiser. Wir müssen Nielash Mousa finden und ihm berichten, welch schreckliche Dinge wir mit angesehen haben. Aber wir müssen vorsichtig sein. Talquists Spione sind überall.« »Sepulvarta ist einen Wochenritt entfernt«, sagte Dominikus mit tiefer Stimme. »Wie sollen wir es bis dahin schaffen? Wie sollen wir die Wüste ohne Vorräte und Hilfe durchqueren? Wir werden sicherlich sterben oder, schlimmer noch, entdeckt werden.« »Nicht, wenn wir besonnen und vorsichtig sind«, antwortete Lasarys. »Talquist glaubt, wir seien tot. In den Augen der Welt müssen wir es sein – wenigstens bis wir mit dem Segner von Sorbold gesprochen und ihn in Kenntnis darüber gesetzt haben, was in dieser schrecklichen Nacht passiert ist.« Er zog die Kapuze seiner Robe gegen den bitteren Sandwind hoch. Sofort folgten die anderen beiden seinem Beispiel. Dann führte er sie in die dunklen Gassen von Jierna’sid und in die gewaltige Wüste hinter der Stadt. 19 Haguefort — Provinz Navarne Roland — Beim ersten Schnee In jüngeren Jahren hatte Gwydion Navarne den Winterkarneval geliebt. Das Fest war eine Tradition, die sein Großvater begründet und sein Vater fortgesetzt hatte und die einen doppelten Zweck verfolgte. Zum einen wollten die Herrscher einen Festtag mit der Bevölkerung der Provinz begehen, und zum anderen war es ein Tag, an dem sich die Führer der beiden Religionen – der filidischen Naturreligion von Gwynwald und der patriarchalischen von Sepulvarta – trafen, um gemeinsame Riten zur Wintersonnenwende durchzuführen. Der Umstand, dass dieses Fest um Gwydions Geburtstag herum stattfand, hatte es für ihn zu etwas Besonderem gemacht, zumindest in seiner Kindheit. Nach dem Mord an seiner Mutter, als er acht Jahre alt gewesen war, hatte er rasch begriffen, dass selbst ein fröhliches und ausgelassenes Fest eher eine Verpflichtung als eine Freude darstellte, wenigstens was den Gastgeber anging. Stephen Navarne, sein Vater, hatte den Karneval sogar noch mehr geliebt als sein Sohn. Es lag etwas in dem Fallen des ersten Schnees, das Stephens fröhliche Natur noch freudiger gemacht hatte. Gwydion erinnerte sich gern an den Klang der Trompetensalven am Morgen nach den ersten Schneeflocken, die den Beginn des Winters anzeigten. Stephens Aufregung war ansteckend gewesen, selbst für üblicherweise brummige Hausdiener, die ein wenig mehr Schlaf den Hörnerstößen des Hausherrn vorgezogen hätten, welche überdies noch wegen etwas geschmettert wurden, das man sowieso nicht verhindern konnte. Am Morgen des ersten Schnees sah man jedoch jedermann freundlich und mit neuer Kraft herumeilen und sogar bei der Arbeit lachen. Zu Stephens Zeiten war der Winterkarneval das fröhlichste Ereignis im Jahr gewesen, an dem religiöse Zwiste, Grundstücksstreitigkeiten und anderer Zank und Hader zum Wohle von Harmonie, friedlichem Wettstreit und Spaß beiseite gelegt wurden. Am Tag des ersten Schnees wurde der offizielle Wettkampf des Jahres bekannt gegeben. Manchmal war es eine Schatzsuche, manchmal ein Wettbewerb in Eishauerei, ein Dichterstreit oder ein Hindernisrennen. Dazu kamen traditionelle Sportarten, Glücksspiele, Sangeswettstreite, über die Stephen persönlich zu Gericht saß, Komödienaufführungen und Ausdruckstanz sowie Volkstänze, Schlittenrennen, Schneebildnerei und Zauberdarbietungen, und alles wurde gekrönt von einem großen Feuerwerk. Es war ein gewaltiges Vorhaben, ein teures Fest, eine Freude ohnegleichen und eine Quelle der Kraft für die Bevölkerung des Kontinents gewesen. Bis zum Jahr des Blutvergießens. Gwydion stand auf dem Balkon der Bibliothek und schaute über das Land seiner Väter. Er atmete die Luft, die nun winzige Tropfen aus gefrorener Feuchtigkeit barg. Der erste Schnee war in diesem Jahr spät gekommen, einen Tag vor Beginn des Winterkarnevals. Erleichtert sah er zu, wie der Schnee allmählich den Boden mit einem weißen Tuch überzog. Die großen, federigen Flocken wehten im heftigen Wind. Die Karnevalspiele waren eigentlich besser, wenn sich schon einige Wochen lang Schnee angehäuft hatte, der umso geeigneter war, je trockener er war, doch Gwydion befand sich nicht in der Stimmung, diesen Schnee zu bemäkeln. Denn bis er gefallen war, hatte Gwydion überlegt, ob sein Ausbleiben ein Zeichen dafür sein könnte, dass es wieder eine Tragödie gäbe. Seit dem letzten Winterkarneval waren drei Jahre vergangen. Es war das erste Fest innerhalb der hohen Mauer gewesen, welche sein Vater um die Ländereien in der Nähe der Festung errichtet hatte; mit ihnen hatte er seine Untertanen vor der schrecklichen und wahllosen Gewalt schützen wollen, die eine Geißel des ganzen Kontinents geworden war. Die Mauer war eine Gnade für das Volk gewesen, als eine Kohorte berittener Soldaten unter dem dämonischen Bann eines F’dor-Geistes den Karneval und die Feiernden angegriffen hatten, die soeben das letzte Ereignis des Festes gesehen hatten: ein Schlittenrennen, das hinter der Mauer auf dem offenen Feld stattgefunden hatte. Die Abschlachterei, die dem gefolgt war, war entsetzlich gewesen. Bevor Stephen und sein Vetter Tristan Steward, der Herrscher von Roland, die verängstigten Gäste zurück hinter die Mauern hatten treiben können, waren bereits mehr als fünfhundert Menschen gestorben. Gwydion würde niemals den Ausdruck des beherrschten Entsetzens auf dem Gesicht seines Vaters vergessen können, als er Gwydion und Melisande über die Mauer in die Obhut der Verteidiger gegeben hatte, und die Erleichterung in seinen Augen, als sie in Sicherheit gewesen waren, worauf er sich wieder in die Schlacht gestürzt hatte. Warum tun wir das wieder?, fragte sich Gwydion. Diese Frage stellte er sich bereits seit dem Tag vor zwei Monaten, als Rhapsody und Ashe ihm ihr Vorhaben eröffnet hatten, den Karneval wieder zu feiern. Seine Magie ist zerbrochen. Wie kann es einen Winterkarneval ohne meinen Vater geben? Sein Geist war der Winterkarneval. Ashes Hand legte sich auf seine Schulter. Gwydion schaute hoch zu seinem Paten, der nur noch eine Handbreit größer war als er selbst. Die himmelblauen Augen des Herrschers, die als Zeichen von königlichem cymrischen Geblüt galten, waren auf das Spielfeld gerichtet, auf dem Dutzende Handwerker nun Bühnen, Zelte und Tribünen errichteten und Gruben für das Feuerwerk aushoben. Die senkrechten Pupillen in Ashes Augen verengten sich in der Helligkeit der aufgehenden Sonne. »Sieht so aus, als wäre uns das Wetter doch noch wohl gesonnen«, sagte er. »Ich hatte schon befürchtet, wir müssten den Fürbitter Gavin dazu bringen, Schnee herbeizurufen, falls das warme Winterwetter anhält.« Gwydion nickte, sagte aber nichts. Ashes Vater Llauron war der vorige Fürbitter gewesen, der Anführer des filidischen Ordens der Naturpriester, die sich um den heiligen Gwynwald kümmerten. Bei jenem letzten, schrecklichen Karneval hatte Llauron das vom Dämon besessene Heer aufgelöst, indem er Winterwölfe aus dem Schnee erschaffen hatte, welche die Pferde der sorboldischen Kavallerie erschreckt und dadurch der fliehenden Bevölkerung Zeit verschafft hatten, hinter die Tore zu flüchten. Llauron hatte seinen menschlichen Körper gegen die Elementargestalt des Drachen eingetauscht, dessen Blut er von seiner Mutter Anwyn geerbt hatte, der Tochter der Drachin Elynsynos. Nun hielt er Zwiesprache mit den Elementen und schwebte immer in der Nähe, war aber unsichtbar. Ashe sprach selten über seinen Vater. Gwydion hatte seinem Paten einmal gesagt, er verstehe dessen Verlust, doch der Herr der Cymrer hatte weggeschaut und nur geantwortet, dass seine Lage nicht mit der von Gwydion vergleichbar sei. »Seit gestern treffen die Gäste ein«, sagte Gwydion, als der Schnee dichter fiel. »Bisher gibt es keine Schwierigkeiten.« Ashe drehte sich zu ihm um und nahm ihn bei den Schultern. »Es wird keine Schwierigkeiten geben, Gwydion. Ich habe alles unternommen, um sie zu verhindern.« Er drückte tröstend den Arm des jungen Mannes. »Ich weiß, dass du dir Sorgen machst, aber sie sollten diese wichtigen Tage nicht überschatten. Es ist ein besonderer Augenblick für dich und für Navarne. Es gibt gute Gründe, fröhlich zu sein und zu feiern. Mit deiner Amtseinführung ist die Zukunft gesichert.« Er lächelte beruhigend; die Winkel seiner Drachenaugen verzogen sich vor Liebe. »Anstatt dir Sorgen zu machen, solltest du deine Kräfte für das Tauziehen aufsparen. Meine Mannschaft wird die deine gnadenlos durch den Schlamm ziehen, und davon gibt es in diesem Jahr eine Menge. Du solltest darum beten, dass der Boden rasch gefriert.« Endlich legte sich ein Lächeln um die Mundwinkel des jungen Mannes. Ashe bemerkte den Wandel und klopfte seinem Mündel auf die Schulter. »Das ist schon viel besser. Jetzt verstehe ich, warum Gerald Owen es auf sich genommen hat, die Köche zu einer Extraportion Schneezucker nur für dich, Melly und mich zu überreden, sobald genug Schnee gefallen ist, um den kochenden Sirup zu kühlen.« Gwydion lachte halbherzig, drehte sich um und wollte den Balkon verlassen. Bevor er die Tür erreichte, hörte er, wie sein Pate noch einmal leise seinen Namen nannte. »Gwydion?« »Ja?« Ashe wandte sich nicht um, sondern schaute weiterhin über die nun weißen Felder von Navarne, während der Karneval unter ihm langsam zum Leben erwachte. »Ich vermisse ihn auch.« Reich der Sonne — Westliche Wüste von Sorbold Faron begriff überhaupt nicht, was mit ihm geschehen war. Als er auf der Waagschale erwacht war, hatte er mit seinen eingeschränkten Verstandesfähigkeiten zuerst geglaubt, er sei tot. Das blendende Licht und die gewaltige Hitze hatten sein geschrumpftes Fleisch mit qualvoller Reinheit übergössen. Faron waren Schmerzen nicht fremd, doch diese Pein war so überwältigend gewesen, dass er geglaubt hatte, es könne nur der Tod sein, nach dem er sich so gesehnt hatte. Als daher das Licht verschwand und der Himmel über ihm aufklarte, war er verzweifelt. Der Vater, mit dem er sich hatte vereinigen wollen, war nicht da. Er erinnerte sich nicht daran, wie er fortgelaufen war, und begriff nicht die Hindernisse, die sich ihm in den Weg gestellt hatten. Sie hatten seine Flucht nicht aufhalten können. Er war einfach so schnell wie möglich gelaufen, sobald ihm der Gedanke des Laufens gekommen war – weg von den Schmerzen und hinein in die Wärme der Wüste, die er vom Platz des Wiegens aus spürte. Nun durchwanderte er allein die Wüste, schritt über Sand und trockenes Gebüsch hinweg und manchmal durch es hindurch, als sei es Luft. Der Körper aus Lebendigem Gestein, das seinen Geist umschloss, war aus der Erde geboren und wog nichts für ihn, wenn er in Berührung mit dem Boden blieb. Jeder Schritt und jeder Augenblick, in dem er den von der Sonne ausgedörrten Boden unter seinen Füßen spürte, verhalfen ihm zu neuer Stärke. Auch betrachtete er sich nicht mehr unwillkürlich als geschlechtslos. Etwas im Geist des Steinkriegers sagte ihm, dass er männlich war, auch wenn er es nur unbewusst erkannte. Außerdem hatte er Erinnerungen bekommen, Bruchstücke von Bildern, die jenseits seines Begreifens lagen. Da waren Schlachtszenen, endlose Märsche, die mit der Geschwindigkeit halb geformter Gedanken kamen und gingen und ihn verwirrt zurückließen. Auch andere Bilder drangen auf ihn ein, menschliche Erinnerungen und solche Szenen, die eindeutig nicht aus dem Geist eines Menschen stammten, sondern von der Erde selbst. Instinktive Gedanken flüsterten ihm auf der elementarsten Ebene zu. Der Winter kommt, sagten sie. Zeit der Brache. Zeit des Schlafes. Doch jetzt stand die Sonne hoch am Himmel. Die Erde war warm unter seinen Steinfüßen. Und gab ihm Kraft. In der Ferne spürte er die Schuppen so deutlich, wie er sie in seinem schimmernden Teich aus grünem Wasser gespürt hatte. Jede rief ihn mit einer Schwingung, die einzigartig auf der Welt war. Diese Schwingungen waren vor dem Aufwachen ein untrennbarer Teil von ihm gewesen. Er konnte sie noch nicht sehen, doch er spürte die Richtung, aus der sie ihn riefen. Der Gedanke an sie besänftigte seinen gequälten Geist und regte ihn gleichzeitig auf, denn die fehlenden Schwingungen nagten an seinem Bewusstsein. Und da war noch etwas, etwas noch Ferneres. In den Abgründen seines Bewusstseins lag bruchstückhaft und gehüllt in die Dunkelheit der Doppeldeutigkeit die Erinnerung an Feuer. An dunkles Feuer. 20 Versammlungstag — Haguefort — Navarne »Das ist demütigend«, sagte Rhapsody. Ashe seufzte. »Das hast du in der letzten Stunde schon dreimal gesagt«, meinte er nachsichtig und beobachtete, wie seine Frau mit einem dicken Umhang unter einer noch dickeren Decke kämpfte. Sie saß mitten auf der Tribüne in einem großen, ausgepolsterten Sessel mit hoher Lehne; die Füße ruhten auf einem weichen Kissen, und der vorgestreckte Bauch war so groß geworden, dass sie kaum über ihn hinwegsehen konnte. Ashe beugte sich zu ihr, küsste sanft ihre Wange, die rot vom Wind war, und strich ihr eine Strähne des goldenen Haars aus den Augen. »Ich kann stehen«, beharrte sie. »Na, immerhin einer von uns«, fiel Anborn fröhlich ein. Er saß links von ihr und beobachtete die Parade der Festbesucher ebenfalls von der Tribüne aus. »Jetzt weißt du, wie ich mich fühle.« »Sie kann auch nicht stehen«, gab Ashe zurück. »Wenn sie steht, muss sie sich entweder erbrechen, oder ihr wird schwindlig.« »Das passiert mitunter auch, wenn ich sitze«, meinte Rhapsody launenhaft. »Wenn ich mich übergeben muss, wäre es wenigstens schön, zu sehen, auf wen ich mich übergebe.« »O Herrin, bitte zielt keinesfalls auf die Bauern«, sagte Anborn neckisch. »Dreht Euer hübsches Haupt im Uhrzeigersinn auf Euren Gemahl zu. Er ist schließlich verantwortlich für Euer Leid – oder wenigstens glaubt er das.« Rhapsody warf Anborn einen wilden Blick zu, lehnte sich unter der Decke zurück und bemühte sich, ein freundliches und gleichzeitig formelles Gesicht zu machen. Die Menge der Feiernden nahm sie nur verschwommen wahr; es war ein Meer aus wogenden Gesichtern und Kleidern, das unter den Wachen, der Tribüne und den flatternden Bannern aus farbiger Seide hindurchfloss, welche von den Türmen Hagueforts herabhingen. Melisande saß neben ihnen. Ihr Gesicht leuchtete vor Aufregung. Es wurde von einer Pelzkappe eingerahmt, die zum Muff passte, in dem ihre Hände steckten. Die schwarzen Augen schimmerten vom Wind, der Nase und Wangen gerötet hatte. »Sieh dir nur die Puppen an!«, rief sie freudig zu Rhapsody, als eine Gruppe riesiger, fein modellierter Harlekine an der Tribüne vorbeizog. Die Glieder wurden mit langen Stäben von den Spielern bewegt, die hinter ihnen herschritten und neben den Puppen wie Zwerge wirkten. Rhapsody gab ihr Lächeln zurück. »Machst du in diesem Jahr bei dem Schneeschlangenwettbewerb mit?«, fragte sie das junge Mädchen. »Ja, auf alle Fälle«, antwortete Melisande und warf Gwydion einen wissenden Blick zu. »Ich muss schließlich die Familienehre verteidigen, denn beim letzten Mal hat Gwydion in der Endrunde verloren.« »Das stimmt«, murmelte Gwydion zu sich selbst. Er hatte diesen Teil des Karnevals vergessen. Der Gedanke daran öffnete Schleusentore in seinem Kopf, und die Erinnerungen flössen zurück: der fröhliche Wettbewerb, die komischen Wettrennen, in denen Melisande und die anderen kleinen Kinder mit einem um die Hüfte gebundenen Schlitten gegeneinander antraten, auf dem je ein fettes Schaf saß, die Aufregung bei den Schlittenrennen und das fröhliche Abwerfen der siegreichen Mannschaft durch die Verlierer. All diese guten Erinnerungen waren durch das überschattet, was sich später ereignet hatte. Und über allem hörte er Stephens fröhliches Lachen. Ich muss es festhalten, dachte er. Das war der letzte Karneval meines Vaters. Ich muss ihn auf diese Weise im Gedächtnis behalten. Er wandte sich an Anborn, neben dem er saß, und deutete auf einen großen, dunklen und dünnen Mann mit Schnurrbart in der Menge. Er wurde von einem kleinen Gefolge begleitet und bahnte sich einen Weg von der Wagenreihe vor den Mauern Hagueforts zum zentralen Festplatz. »Ist das nicht Trevalt, der Schwertmeister?«, fragte Gwydion. Anborn kräuselte verächtlich die Lippen. »Ich würde ihn nie mit einem solch hochtrabenden Titel anreden, aber es ist in der Tat Trevalt.« Gwydion lehnte sich auf seinem Sitz vor und sprach seinen Paten an. »Cymrer der dritten Generation?« »Der vierten«, berichtigte Ashe ihn. »Aber ein Dämel der ersten Generation«, schnaubte Anborn. »Ein Schwachkopf, der sich in das Gewand eines Gelehrten kleidet, ein Schauspieler, der sich mit den Orden eines Soldaten schmückt, weil er einen Krieg überlebt hat, in dem sogar Kinder und blinde Bettler gekämpft haben.« Gwydion zuckte unter dem beißenden Spott seines Lehrers zusammen und sah Ashe fragend an. Sein Pate gab ihm ein Zeichen; Gwydion stand auf und ging hinüber zu ihm. Ashe beugte sich vor, damit niemand ihn belauschen konnte. »Anborn hasst Trevalt, weil dieser einmal behauptet hat, er sei ein Blutsverwandter, nur um persönlichen Nutzen daraus zu ziehen«, erklärte er leise. Mehr musste er nicht sagen. Das Entsetzen in Gwydions Blick zeigte deutlich an, dass er die Schwere dieser Untat verstand. Blutsverwandte wie Anborn waren Mitglieder einer geheimen Bruderschaft von Kriegern und Meister in der Kunst des Kampfes, die ihr Leben dem Soldatentum verschworen hatten. Aus zwei Gründen wurde man in diese Bruderschaft aufgenommen: unglaubliches soldatisches Geschick, das man sich während eines ganzen Lebens erworben hatte, oder eine selbstlose Tat, zum Beispiel die Rettung eines Unschuldigen unter Einsatz des eigenen Lebens. Ein Blutsverwandter zu sein bedeutete, eine ungeheure Vertrauensstellung zu haben; es war die höchste Ehre, verbunden mit der höchsten Selbstlosigkeit, und die Mitgliedschaft beinhaltete die unausgesprochene Verpflichtung der Geheimhaltung. Jeder, der vorgab, einer zu sein, war daher eindeutig ein Lügner. Außerdem wurde eine solche Behauptung als schier unerträgliche Beleidigung angesehen. Er schaute wieder Anborn an, dessen Gesicht noch immer rot vor Zorn war. Trotz seiner Statur saß er kraftlos in seiner Sänfte; die Beine hingen reglos herab. Gwydion empfand Mitleid mit ihm, doch einen Augenblick später bemerkte er, wie Anborn Rhapsody anschaute, die selbst eine Blutsverwandte war, und der Ärger aus seinem Gesicht wich, als sie ihn anlächelte. Sie seufzten beide und beobachteten wieder die Menschenmenge und die Lustbarkeiten. »An diese Folter musst du dich gewöhnen, Gwydion«, sagte Anborn, als die Reihe der Würdenträger an der Tribüne vorbeimarschierte. »Diese Art von nutzlosem Unsinn stiehlt einem die Zeit, wenn man die Bürde eines Titels trägt.« Rhapsody schlug den Marschall neckisch. »Hör auf damit. Dein Titel hat dich nie davon abgehalten, dich den höfischen Verpflichtungen zu entziehen.« »Du vergisst, dass meine Titel nur militärische sind«, erwiderte Anborn. »Ich war das jüngste von drei Geschwistern. Wie ich mit Erleichterung sagen darf, hatte niemand je die Illusion, in mir einen Titelerben zu sehen.« »Außer der Dritten Flotte, die dich für meinen Titel vorgeschlagen hatte, wie du dich erinnern wirst«, scherzte Ashe. »Wenn du ihn nicht abgelehnt hättest, müsstest du heute noch viel mehr >nutzlosen Unsinn< über dich ergehen lassen.« Anborn schnaubte verächtlich und wandte sich wieder seinem Becher mit heißem Würzmet zu. Trevalt und sein Gefolge hielten vor der Tribüne an, wie es das Protokoll verlangte, und verneigten sich geziert und tief vor dem Herrn und der Herrin der Cymrer. Rhapsodys Hand schoss hervor und legte sich über Anborns Mund, damit er nicht seinen Trunk auf den Schwertmeister spuckte. Sie lächelte Trevalt freundlich an. Er blinzelte verwirrt, gab ein schwaches Lächeln zurück und ging weiter. »Also bitte, Onkel, das ist Gwydions letzter Tag vor seiner Amtseinsetzung«, sagte Ashe und versuchte seine Belustigung im Zaum zu halten. »Wir sollten seinen Aufstieg zum Herzog nicht mit einer Rauferei beginnen, oder?« »Du hast Glück, wenn das alles wäre«, murmelte Anborn in seinen Becher. Rhapsody, Ashe und Gwydion tauschten einen ernsten Blick und richteten ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Eröffnung des Festes. »Ich glaube, ich sehe Tristan Steward ankommen«, sagte Gwydion. »Welche Freude«, meinten Rhapsody und Anborn gleichzeitig im Flüsterton. Gwydion seufzte und kehrte zu seinem Sitz zurück. Es versprach ein langer Tag zu werden. Nachdem die Festlichkeiten des Versammlungstages zu einem Ende gekommen waren und das erste Nachtmahl begann, musste er sich eingestehen, dass er den Karneval trotz allem genoss. Ashe hatte klugerweise die Teilnehmer auf die Einwohner von Navarne und einige eingeladene Würdenträger aus dem cymrischen Bündnis beschränkt, anstatt die Veranstaltung für die ganze Bevölkerung des westlichen Kontinents zu öffnen, wie Stephen es immer getan hatte. Da die Zelte für die geringere Zahl von Zuschauern und Teilnehmern rascher aufgestellt waren, brauchte es statt des ganzen Versammlungstages nur wenige Stunden dazu. Ashe hatte dies vorhergesehen und auf den Nachmittag einige mit Spannung erwartete Darbietungen sowie eine Aufführung des orlandischen Orchesters gelegt, dessen Förderin Rhapsody war. Das Ergebnis war eine fröhliche Bevölkerung in Vorfreude auf die Wettkämpfe und die Musik und ein großer Appetit beim Nachtmahl. Wein und Bier flössen dank Cedric Canderre, dem Herzog der Provinz gleichen Namens, in Strömen. Gwydion war still erstaunt, dass der alte Mann sein Kommen angesagt und eine so großzügige Spende seiner hoch geschätzten Getränke gemacht hatte. Sein einziger, geliebter Sohn Andrew war in der Schlacht beim letzten Winterkarneval als Held gefallen. Als Gwydion mit Ashe sprach, während die gebratenen Ochsen zerteilt und das Bier gereicht wurden, gesellte sich Tristan Steward zu ihnen, der Herr von Roland und sein Vetter, und grüßte sie beide freundlich. Tristans kastanienbraunes Haar glänzte im Licht des offenen Feuers. »Ein wunderbarer Beginn, junger Navarne«, sagte er und prostete ihm mit seinem Glas zu. »Als ich die Einladung Eures Paten zum Karneval erhielt, muss ich gestehen, dass ich das als bestenfalls schlechten Geschmack und schlimmstenfalls närrisch ansah. Aber bisher scheint es sich gut anzulassen.« Gwydion spürte, wie die Luft um ihn herum trocken wurde. Zweifellos wurde der Drache in Ashes Blut angesichts dieser Beleidigung zornig, doch der Herr der Cymrer nahm nur einen weiteren Schluck aus seinem Humpen und sagte nichts. »Und wo ist Rhapsody an diesem Abend?«, fragte der Herr von Roland, der Ashes Verärgerung nicht bemerkte. »Zu Bett gegangen«, erwiderte Ashe. »Die Lustbarkeiten des Tages haben sie ermüdet, wie uns alle. Ich werde mich bald zu ihr gesellen.« Tristans Wangen glühten im Licht der Feuer rot auf. »Schön, das zu hören. Ich habe so etwas wie ein Geschenk für Euch – auch wenn es nur geliehen ist.« Er gab seinem Gefolge ein Zeichen, und drei Frauen traten vor. Sie trugen die Tracht der Hausdienerinnen von Bethania, Tristans Herrschersitz als Regent von Roland. Eine der Frauen war alt, die zweite in mittleren Jahren und die dritte jung, vielleicht zwanzig. Ashe zog die Brauen zusammen. »Ich verstehe nicht.« Tristan lächelte und streckte die Hand nach der ältesten Frau aus, die sofort an seine Seite trat. »Renella war das Kindermädchen meiner Frau und ein sehr geschätztes Mitglied des Haushaltes ihres Vaters Cedric Canderre. Madeleine hat nach ihr geschickt, als unser Sohn Malcolm erwartet wurde, und sie hat auch ihm als Kindermädchen gut gedient. Sie ist eine Gouvernante ohnegleichen und kann wunderbar mit Kindern umgehen. Ich habe sie Euch mitgebracht, damit Ihr ihre Fähigkeiten nutzen könnt, wenn Rhapsody Euer Kind zur Welt bringt.« Er deutete auf die jüngere Frau. »Amitia ist eine Amme, und wie Ihr gesehen habt, ist Malcolm durch ihre Hilfe groß und stark geworden.« Er warf einen Blick über die Schulter auf die jüngste der drei Frauen. »Und Portia ist Stubenmädchen.« Ashe sah die drei Frauen misstrauisch an. »Bitte, meine Damen, esst zu Abend. Der Ochse ist angeschnitten und ihr seid heute lange gereist«, sagte er und entließ sie in das Fest. Sobald sie außer Hörweite waren, wandte er sich wieder an den Herrn von Roland. »Ich danke Euch, Tristan, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir ihre Dienste in Anspruch nehmen werden. Rhapsody will das Kind selbst nähren, vor allem im Hinblick auf die Besonderheit seiner Abstammung. Wir wissen nicht, was wir von einem Drachenkind zu erwarten haben, das von einer lirinischen und menschlichen Mutter geboren wird. Wenn sie Hilfe bei der Pflege braucht, wird sie sicherlich selbst ein Kindermädchen aussuchen wollen. Und wir haben auf Haguefort genug Stubenmädchen.« »Zweifellos«, meinte Tristan träge und sah einem Magier zu, der farbenfrohe Pulver in das gewaltige Feuer schüttete, worauf zur Freude der Menge grelle Explosionen Bilder in die Nachtluft bliesen. »Aber Ihr zieht bald nach Hochanger. Vielleicht war es dumm von mir zu glauben, dass Ihr erfahrene Diener bei dem gewaltigen Umzug von Rhapsodys Hausstand brauchen könntet. Mein Fehler.« Ashe hielt seinen Krug einem der Diener entgegen, der ihn wieder füllte. »Das ist sehr freundlich von Euch«, sagte er unbeholfen. »Ich entschuldige mich, falls ich undankbar gewirkt habe. Ich werde morgen früh mit Rhapsody reden und in Erfahrung bringen, wie sie darüber denkt.« »Kann ich sie nicht in Eurem Haushalt lassen, bis das Kind da ist?«, schlug Tristan vor. »Jetzt ist noch nicht abzusehen, wie anstrengend und anspruchsvoll ein Kind – auch ein königliches Kind – sein kann. Wartet ab, ob Ihr eine oder alle drei brauchen könnt. Wenn nicht, schickt sie mit der bewachten Karawane zurück nach Bethania. Ansonsten könnt Ihr sie so lange behalten, wie es Euch beliebt.« »Vielen Dank«, sagte Ashe, leerte seinen Krug und stellte ihn auf das Tablett des Dieners. »Ich weiß Eure Freundlichkeit zu schätzen. Nun wünsche ich Euch eine gute Nacht. Genießt das Fest.« »Allerdings«, bemerkte Tristan, als der Herr der Cymrer von der Feier fort- und hin zur Bettkammer seiner Frau eilte. »Auch du genießt das Fest.« Entgegen Ashes Vermutung schlief Rhapsody noch nicht. Sie teilte die Bettkammer mit einem anderen Mann. Der junge Herr Cedric Andrew Montmorcery Canderre, in seiner Familie als Bobo bekannt, der dreijährige Enkel Cedric Canderres, stürmte freudig durch ihre Räume, spielte im Ankleidezimmer, zog die Kissen von den Stühlen, versteckte sich zwischen den Bettvorhängen und jagte eifrig die getigerte Katze, wodurch er seine verwitwete junge Mutter Jecelyn Canderre in höchste Verlegenheit und die Herrin der Cymrer zum Lachen brachte. »Es tut mir furchtbar Leid, Herrin«, sagte Jecelyn und versuchte das kleine Kraftbündel zu erwischen. Endlich hatte sie ihn mitten im Lauf eingefangen und warf ihn sich über die Schulter, worauf er ein wütendes Protestgeheul anstimmte. »Er hat den ganzen Weg von Canderre bis hierher im Wagen geschlafen und ist nun so ausgeruht, dass er bis nach Hause laufen könnte. Er wird noch all Eure Gäste in ihren Quartieren aufwecken.« »Ich freue mich, ihn zu sehen«, sagte Rhapsody und streckte die Hand nach dem kämpfenden Bengel aus. »Ich habe ihn furchtbar vermisst. Falls schon viele Gäste schlafen sollten, haben wir ihnen keinen guten Karneval geboten.« Sie griff in eine Schachtel auf dem Nachttisch, als Jecelyn das Kind neben sie auf das Bett legte, holte ein Ingwerplätzchen heraus und hielt es hoch, um zuerst die Einwilligung der Mutter zu erhalten. Jecelyn nickte, und Bobo sprang auf ihren Schoß, griff sich das Plätzchen und verspeiste es schnell, wobei er die Krümel über die Laken verstreute. Rhapsody fuhr mit der Hand über seine schwarzen, glänzenden Locken; er hatte das gleiche Haar wie sein Vater Andrew. Dann sang sie leise ein Beruhigungslied. Er setzte sich auf ihren Schoß und aß ruhiger. Sie klopfte auf das Bett neben ihr und bedeutete Jecelyn, sie möge sich dorthin setzen. Die müde junge Mutter seufzte und sank erleichtert auf die Matratze. »Morgen kannst du viel Spaßiges unternehmen«, sagte Rhapsody zu Bobo. Er nickte und reckte sich nach der Plätzchenschachtel. Die beiden Frauen lachten, und Rhapsody gab sie ihm, während sie ihn festhielt, damit er nicht kopfüber aus dem Bett fiel. »Sie sind wirklich wunderbar«, sagte sie, stibitzte zwei Plätzchen und gab eines Jecelyn. »Sie werden in Tyrian hergestellt. Ingwer ist ein Gewürz gegen Übelkeit. Ich kann morgens nichts anderes essen.« »Ich erinnere mich an diese Zeit«, sagte Jecelyn wehmütig. Ihre Augen verdunkelten sich, und Rhapsody ergriff ihre Hand. Ihr Gemahl Andrew war vor der Geburt seines Sohnes gestorben. Kurz darauf stand Jecelyn auf und ging zum Turmfenster, von wo aus man das gleißende Fackellicht von den beiden Glockentürmen sehen konnte, die vor Hagueforts Vordertor standen. Sie erhellten die dunkle Nacht und den silbrigen Schnee, der nun in sanften Schleiern vor dem Wind hertrieb. »Sind das die Türme, bei denen er gestorben ist?« »Ja«, sagte Rhapsody und fuhr mit den Fingern durch Bobos Haar. »Man hat sie wiedererrichtet.« Jecelyn drehte sich zu ihr um. »Welcher war es?« »Der rechte, glaube ich«, meinte die cymrische Herrin sanft. »Ich bin mir nicht sicher. Ich war während des letzten Karnevals nicht hier.« »Ja, es war der rechte«, sagte Ashe, der soeben den Raum betreten hatte. Er ging zum Bett, beugte sich hinunter und küsste seine Frau auf die Wange. Dann nahm er den schmatzenden Jungen von ihrem Schoß und hob ihn hoch in die Luft. Er hielt ihn mit dem Kopf nach unten, was Freudenschreie bei dem Jungen und besorgte Blicke bei den Frauen hervorrief. Als Nächstes hielt er Bobo bei den Füßen und schwang ihn zwischen die eigenen Beine. Die Locken des Kindes fegten über den Seidenteppich. Dann zog er ihn wieder zurück und ging mit ihm zu Jecelyn. »Ich war damals auch nicht hier, aber ich habe die Berichte sorgfältig gelesen. Er und Dunstin Baldasarre sahen den Angriff kommen – sie waren hinter dem Tor – und liefen jeder auf einen Turm zu, denn wenn sie die Glocken läuten konnten, wären Stephen und die anderen auf dem Feld gewarnt. Dunstin nahm den linken Turm, Andrew den rechten. Dunstins Turm wurde durch Katapultfeuer zum Einsturz gebracht, gerade als er ihn erreicht hatte, doch Andrew war schneller und konnte Alarm schellen, bevor ... bevor auch dieser Turm in sich zusammenfiel.« Ashe ergriff Jecelyns Hand und sah ihr in die Augen. Er verstand, warum sie eine Antwort auf diese und andere Fragen haben musste. Es waren Teile eines Mosaiks, die erst zusammen ein Ganzes ergaben. Jecelyn nickte und nahm ihren Sohn in die Arme. »Vielen Dank«, sagte sie. »Es hilft mir, es ein wenig zu verstehen. Nun haben wir Euren Abend genug gestört. Vielen Dank, Rhapsody, für die Plätzchen und die Geduld. Wir sehen uns morgen früh.« »Gute Nacht, Jecelyn. Gute Nacht, Bobo«, rief Rhapsody, als sie im Korridor verschwanden. Bobos Protestjammern hallte von den rosigen Steinwänden Hagueforts wider. Als das Gekreisch in der Ferne erstarb, brachen die beiden Herrscher in Gelächter aus. »Siehst du, was uns erwartet?«, meinte Rhapsody, als Ashe kichernd sein Hemd öffnete. »Ein freudiger Lärm«, erwiderte er, schlüpfte aus seinen Kleidern und in das Bett neben Rhapsody. »Es ist gut, heute einen solchen Krach hier zu haben. Dieser Ort ist erfüllt von der Art von Musik, die Stephen gemocht hat: Lachen, Freudengeheul und fröhliche Auseinandersetzungen. Ich weiß, dass er uns beobachtet, wo immer er jetzt sein mag. Ich hoffe, die Zeremonie morgen erfüllt ihn mit Stolz.« »Er war immer stolz auf Gwydion und Melisande, Sam«, sagte Rhapsody, öffnete die Arme und hieß ihn in der Wärme der Laken willkommen. Sie fuhr mit den Händen über seine Schulter und entspannte so die Muskeln. »Ich hoffe, morgen wird auch Gwydion stolz auf sich sein.« »Er sollte es. Die Zeremonie wird würdig, bescheiden und vor allem kurz sein, was gut für ihn und auch für uns ist. Und dann werden wir uns wieder in die Feierlichkeiten stürzen.« Ashe löschte die Kerze und zog die Laken um sich und Rhapsody. Er machte es sich in der Dunkelheit bequem und atmete tief ein, als er seine Frau in die Arme nahm. Für eine Weile gab es nur noch das Geräusch raschelnder Laken in der Finsternis. Dann erfolgte ein Zittern und Seufzen, das sogar durch den Wind und den Festlärm von unten hörbar war. »Was ist?«, fragte Rhapsody. Aus den Tiefen der Laken drang ein einziges Wort. »Plätzchenkrümel.« Das Feuer im Kamin des Gästezimmers knisterte und flackerte im Einklang mit dem Jaulen des Winterwindes vor den großen Fenstern, die den Festplatz überblickten, auf dem die Feiern dem Schlaf gewichen waren. Nur die Hartnäckigsten feierten noch leise weiter. Tristan Steward hörte, wie die Tür behutsam geöffnet wurde. Er lächelte und nahm noch einen Schluck aus dem schweren Kristallglas voll ausgezeichnetem canderianischem Branntwein. »Es wurde Zeit, dass du kommst«, sagte er, ohne hinter sich zu schauen. »Ich habe mich schon gefragt, wie lange du dein sittsames Benehmen aufrechterhalten kannst.« »Ich glaube, ich weiß nicht, was du meinst.« In der Stimme der Frau hinter ihm lag ein kehliges Kichern. Wenn Tristan dieses Kichern hörte, durchfuhr ihn immer wieder eine Welle der Wärme. Er stellte das Glas auf den Tisch vor ihm, drehte sich langsam um und ließ sich vom Feuer den Rücken wärmen. Die Gestalt der Frau wurde von hinten durch das Fackellicht im Korridor erhellt und warf daher einen langen Schatten in seine Richtung. Sie drehte sich um und schloss die Tür des Gästezimmers, dann schlenderte sie zu dem Herrn von Roland und blieb vor ihm stehen. Sie lächelte ihn anmaßend an. »Gefallen dir die Festlichkeiten, Portia?«, fragte Tristan und streichelte die Porzellanwange des Stubenmädchens. Die junge Frau zuckte die Schultern. »Es ist ganz anders, als ich erwartet hatte.« »Ach? Wieso?« Die dunkelbraunen Augen der jungen Frau funkelten böse. »Deiner Beschreibung nach hatte ich Trunkenheit und öffentliche Ausschweifungen erwartet. Es ist aber viel zahmer, als ich gehofft hatte.« »Es ist noch früh«, sagte Tristan, zog ihr das weiße Stubenmädchentuch vom Kopf und warf es auf den Boden. »Das ist erst die erste Nacht. Früher war sie dazu da, sich hier häuslich einzurichten. Die wahren Feiern beginnen morgen. Aber du hast Recht. Über diesem Fest liegt ein Schatten, wohl wegen des Grauens, das sich hier beim letzten Mal vor ein paar Jahren ereignet hat. Der Herr der Cymrer hat den Umfang des Festes zurückgeschraubt. Ich fürchte, wir müssen die Ausschweifungen im Privaten feiern.« Portias liebliches Gesicht verzog sich zu einer spöttischen Schnute. »Wo bleibt denn da der Spaß?«, fragte sie heiter. »Wenn das alles ist, hätten wir auch in Bethania bleiben können.« »Nein, das weißt du«, sagte Tristan und zog die Schlaufen ihres Mieders sowie ihrer Schürze auf. »Es gibt viel für dich zu tun, wenn ich abgereist bin, und es ist sehr wichtig für mich, dass du deine Arbeit gut machst.« Portia drückte seine Hände von ihren Brüsten weg. »Mache ich das nicht immer?«, fragte sie mit blitzender Belustigung in den Augen. »Mein Herr und Gebieter?« Tristan holte tief Luft. Was er an Portia am meisten mochte, waren ihre Unverschämtheit und die Fähigkeit, in der Öffentlichkeit so sittsam und schicklich wie jedes bäuerliche Stubenmädchen in seinem Haushalt zu wirken, während sie hinter verschlossenen Türen herrschsüchtig und frech wurde. Zweifellos hätte ein Mann von geringerer Geburt ihre feurige Natur nicht schätzen können, doch Tristan hatte eine Schwäche für starke Frauen. Ihre groben Neckereien und ihr Hang zur sexuellen Dominanz erinnerten ihn an eine alte, schon seit langem tote Freundin, die er zu ihren Lebzeiten mehr geliebt hatte, als ihm klar gewesen war. Prudentia und er waren am selben Tag im Abstand von nur wenigen Minuten im selben Schloss geboren worden. Er war der älteste Sohn von Malcolm Steward und sie die Tochter der Favoritin und Dienerin seines Vaters. Sie waren unzertrennliche Freunde gewesen; sie war seine erste Geliebte und unermüdliche Vertraute geworden, die ihm oft sein schlechtes Benehmen und seine Fehler vorgehalten, ihn aber blind geliebt hatte. Ihr Tod hatte ihn vernichtet, doch er hatte weiter gelebt und sich durch eine lieblose Ehe mit Madeleine, dem Biest von Canderre, und zahllose Liebschaften mit Dienerinnen gekämpft. Und durch eine unerwiderte Leidenschaft zur Frau seines Kindheitsfreundes Gwydion von Manosse, dem Herrn der Cymrer. Schon seit einer Weile war Portia seine bevorzugte Bettgenossin. Ihr wilder Geist und ihre Bereitschaft, zu jeder Zeit mit ihm zu schlafen, sogar an öffentlichen Orten, wo die Gefahr, entdeckt zu werden, ihrer Leidenschaft zusätzliche Nahrung gab, hatte die Leere der letzten Jahre in ihm ein wenig zurückgedrängt. Es war jedoch bestenfalls erregende und zugleich gefühllose geschlechtliche Befriedigung. Schlechtestenfalls war es besser als nichts. Und alles war besser als Madeleines kalte und formelle Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten. »Beweg dich nicht«, befahl er und drehte sie herum. Portias Brauen hoben sich in Verwunderung, doch sie erlaubte es dem Herrscher von Roland, sie wieder an sich zu ziehen. »Nun sage mir, wie du die Aufgabe, die ich dir gegeben habe, erfüllen willst«, meinte er und löste die Bänder am Rücken ihres Kleids. Er zog sie ungeduldig ab, und in seinen Augen lag ein Glühen, das vorher noch nicht da gewesen war. Portia zuckte, als seine Hände wieder über ihre Brüste fuhren, die nun nicht mehr verdeckt waren, und sie von den letzten Resten ihrer Kleidung befreiten. »Genauso, wie ich es gemacht habe, als du der Preis warst«, sagte sie überheblich, auch wenn das unerwartete Feuer in der Stimme ihres Herrn sie allmählich erregte. »Man muss zuerst einen unaufdringlichen und besonders nützlichen Diener finden, damit man nicht die Aufmerksamkeit oder gar den Zorn der Hausherrin auf sich zieht. Danach ist es nur noch eine Frage der Zeit. Und wenn die Frau einen dicken Kindbauch hat, ist es noch einfacher.« »Du hast seine Frau noch nicht gesehen«, sagte Tristan Steward. Seine Hände fuhren tiefer. »Sogar an ihren schlechtesten Tagen ist sie hundertmal hübscher, als du an deinen besten Tagen je sein könntest. Um sie webt eine unbeschreibliche Magie. Ich frage mich, wie du dich mit ihr messen willst.« Portia drehte sich plötzlich um. In ihren Augen blitzte es. »Wonach riecht sie?«, fragte sie rau. Sie hatte versucht, ihren Zorn aus der Stimme herauszuhalten, und war gescheitert. Tristan dachte nach. Er sah die schimmernde nackte Frau vor ihm nicht mehr. »Nach Vanille und Gewürzseife«, sagte er schließlich. »Ein ganz sanfter Geruch von Blumen. Und der scharfe Duft von Sandelholzrauch.« Portia lächelte. Sie schmiegte sich an den Herrn von Roland, drückte ihre Lippen auf seine und schlang die Arme um seinen Nacken. Plötzlich war seine Nase erfüllt vom Duft von Vanille und reinen, süßen Gewürzen mit einer Unterströmung von Feuer. Es war zwar nicht genau Rhapsodys Geruch, doch er war ihm so ähnlich, dass Tristans Hände erzitterten. Er drückte Portia überrascht weg. »Wie ... wie hast du das gemacht?« Die schwarzen Augen tanzten vor Freude. »Es gibt einiges, was du nicht über mich weißt, mein Herr«, sagte sie. In ihrer seidigen Stimme lag ein bedrohlicher Unterton. »Ich habe sie noch nicht gesehen. Denk an meine Worte: Ich werde dich nicht enttäuschen.« Sie drückte ihn zurück und öffnete seine Hose, während er reglos dastand. »Habe ich das je getan?« Benommen schüttelte Tristan den Kopf. Unvermittelt hatte Portia etwas Entsetzliches an sich, etwas Grausames und Dunkles und Abgründigeres, das er noch nie an ihr wahrgenommen hatte. Zuerst erkannte er es nicht, weil er so erregt war, doch später, als er allein in seinem Bett lag, begriff er, dass es Angst gewesen war, was er in der Gegenwart dieser Frau und Dienerin gespürt hatte, die ihm unzählige Male zu Willen gewesen war. Sie warf ihn zu Boden, bedeckte zuerst seinen Mund, dann seinen ganzen Körper mit ihrem. Er war völlig angezogen, sie völlig nackt. Sie nahm ihn in sich auf und ritt ihn erbarmungslos. Er erbebte und fragte sich, was er da in Gang gesetzt hatte. Und als die großen Fenster den schaukelnden Tanz ihrer Körper widerspiegelten, die ineinander verschlungen auf dem Boden des Gästezimmers lagen, erkannte er, dass er es nicht mehr aufhalten konnte, obwohl er der Herr und sie die Dienerin war. Die Drachin wurde ungeduldig. Die Erde in ihrer Umgebung kühlte sich ab, fiel in Winterschlaf, ruhte kalt unter einem Laken aus Schnee, den die Drachin selbst im Süden, durch den sie reiste, über sich spürte. Als die Welt in Schlummer fiel, wurde der Boden fester und war schwerer zu durchqueren. Er erstickte den Klang ihres Namens, dem sie folgte. Lass mich durch, dachte sie wütend und kämpfte sich durch die Erdkruste. Halt mich nicht auf. Der Herzschlag der Erde verlangsamte sich. Er flackerte unter ihrem Zorn wieder auf, fiel dann abermals ab. Sie spürte die Antwort in ihren Gedanken oder glaubte es zumindest. Dieser Zyklus ist älter als du, schien die Erde zu sagen. Lass dir Zeit; es ist endlos. Nein, beharrte die Drachin und schlug mit dem Schweif gegen Lehm und Felsbrocken. Hilf mir. Doch die Erde schwieg wieder, wurde noch fester und undurchdringlicher. In der Dunkelheit der Erdenkruste verengten sich die glimmernden blauen Augen der Drachin und leuchteten wie Laternen in der Schwärze. Man kann mich bremsen, dachte sie mit langsam wachsender Wut, aber man kann mich nicht aufhalten. Und wenn ich schließlich mein Ziel erreiche, wird selbst die Erde leiden. 21 Haguefort — Navarne Als Rhapsody im grauen Licht der Dämmerung den Garten von Haguefort betrat, um sich auf ihre Aubade vorzubreiten, glaubte sie am Rande ihres Gesichtsfelds einen dünnen Schatten zu sehen. Sie wirbelte so rasch herum, wie es ihr möglich war, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, sah aber nichts außer dem grauen Nebel, der allmählich unter der aufgehenden Sonne zerschmolz. Dann spürte sie es erneut. Es war eine Schwingung, die sie kannte, und sie lächelte breit. »Achmed! Wo bist du?« »Hier«, sagte eine Stimme hinter ihr, die ihr näher war als ihr eigener Schatten. »Wie ich es dir prophezeit habe.« Sie drehte sich um, schlang die Arme um den Bolg-König und lachte vor Freude. »Ich bin so glücklich, dass du hier bist«, sagte sie und umarmte ihren ältesten Freund aufgeregt. »Wo bist du gewesen?« »Ich bin heute Morgen angekommen«, erklärte Achmed, nachdem er sich durch eine schnelle Drehung aus ihrer Umarmung befreit hatte. Er drückte sie sanft von sich und achtete dabei besonders auf ihren gewölbten Bauch. »Du hast doch nicht wirklich erwartet, dass ich zur Ersten Nacht komme und all den Unsinn und die Protzerei ertrage, die damit einhergeht, oder?« »Wohl kaum«, lachte Rhapsody. Sie ergriff seinen Arm und spazierte mit ihm durch die Gärten. »Aber ich habe so lange auf dich gewartet, dass ich einfach gehofft hatte, du würdest früher eintreffen. Egal, jetzt bist du hier. Wie geht es dir? Wie geht es Grunthor und allen anderen im Bolgland?« »Grunthor geht es gut, aber das Bolgland muss leiden«, sagte der König offen heraus. »Wenn du wirklich Mitleid mit uns hast, kannst du uns eine große Hilfe erweisen.« »Selbstverständlich«, meinte Rhapsody zögernd. Ihre gute Laune wich wie Wasser in einer Gosse, und die Übelkeit kehrte zurück. »Was ist los? Warum leidet das Bolgland?« »Darüber werden wir später ausführlich reden«, entgegnete Achmed hastig und beobachtete den Farbwechsel am Horizont. »Ich glaube, du hast dein Morgenlied noch nicht gesungen.« »Stimmt«, gestand Rhapsody. »Ich hatte gerade den Garten betreten, als ich deine Gegenwart gespürt habe.« »Ich möchte dich nicht stören. Ich muss mit Gwydion sprechen, bevor er zu sehr von den Vorbereitungen zu seiner Amtseinsetzung in Anspruch genommen wird. Welches Fenster ist seines?« »Das da«, sagte Rhapsody und deutete auf einen Balkon über der Großen Halle. »Spar dir die Kletterei und anschließende Gefangennahme. Ashe geht kein Risiko ein. Überall stehen Wachen, und Soldaten patrouillieren an den Provinzgrenzen.« »Das habe ich bemerkt«, sagte Achmed trocken. »Gut für ihn, er hat etwas gelernt. Vielleicht hatte deine Entführung doch einen Sinn.« »Gwydion befindet sich möglicherweise auf dem Friedhof«, sagte Rhapsody kühl und schenkte der Beleidigung keine Beachtung. »Dort beginnt er für gewöhnlich seinen Tag. Ich vermute, er ist jetzt schon da. Lass ihn bitte kurz allein, bevor du ihn aufsuchst.« Achmed nickte. »Ich komme danach zu dir zurück; dann können wir reden. Ich brauche deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Stell dich also darauf ein, jeden wegzuschicken, der mit dir über Unwesentlichkeiten plaudern will.« »Gern«, meinte Rhapsody, während er ihr den Arm entzog. Er war soeben aus ihrem verschwommenen Blickfeld verschwunden, als sie jemand anderen spürte. Es war eine andere Schwingung, ein älterer, musikalischerer Klang. »Guten Morgen, Jal’asee«, sagte sie, ohne sich umzudrehen. »Guten Morgen, Herrin.« Die wohltönende Stimme trieb ihr leicht wie Äther auf dem warmen Wind entgegen. Einen Augenblick später schien der Meeresmagier aus dem Morgenlicht zu wachsen, doch Rhapsody war sich sicher, dass er die ganze Zeit knapp außerhalb ihres Gesichtsfelds gestanden hatte. Rhapsody holte tief Luft. Der Meeresmagier und sein Gefolge hatten Haguefort am Morgen nach Ashes Ankündigung, Gwydion zum Herzog zu machen, verlassen und mit Vizekönig Rial das lirinische Königreich Tyrian besucht. Rhapsody hatte gehofft, er werde früher zurückkehren, damit er sie in der Wissenschaft der Magie unterweisen konnte, wie er versprochen hatte, doch seine Abwesenheit hatte ihr klar gemacht, dass die Riten der Insel Gaematria immer noch geheim waren. Sicherlich hatte er einen guten Grund dafür, gerade jetzt wieder aufzutauchen. Er lächelte entwaffnend, beschirmte die Augen und schaute in den Himmel. »Habt Ihr schon den Tagesstern begrüßt?« »Noch nicht«, antwortete Rhapsody. Sie wandte sich gen Osten, wo der Stern nun unterging. Eine dünne, rosafarbene Linie hatte das graue Gewölbe des Horizonts durchbrochen und pulsierte im nahenden Licht. »Es tut mir Leid, dass ich so spät komme. Ich weiß, dass ich Euch eine Unterweisung in jene Geheimnisse versprochen habe, die Ihr noch nicht kennt. Wenn es Euch beliebt, meine Herrin, würde ich Euch gern die Elegie auf den Seren beibringen. Es ist ein Lied, das die Alten komponiert haben, als sie die alte Welt verließen. Dabei handelt es sich um einen Lobgesang an den Schöpfer für das Wunder dieses Sterns. Wir sind der Meinung, dass das Lied uns hilft, miteinander die Verbindung aufrechtzuerhalten, die wir hatten, als wir unsere Hymnen unter seinem Licht in Serendair gesungen haben.« Rhapsody dachte kurz nach. »Ich fühle mich geehrt«, sagte sie schließlich. Der große, goldbraune Mann lächelte, nahm ihre Hand in seine und schloss die Augen. Sie folgte seinem Beispiel und spürte einen Augenblick später einen Lufthauch über sich hinwegwispern. Er war im Einklang mit ela, ihrem Namenston, der Schwingung auf der Tonleiter, auf die sie eingestimmt war. Hinter den geschlossenen Lidern sah oder fühlte sie ein schimmerndes Licht in der Dunkelheit des Universums singen. Der Stern, den sie schon seit so langer Zeit mit ihrer Musik willkommen geheißen hatte, gab das Lob zurück, das Jal’asee ihm sang, doch es war eine andere Antwort, als Rhapsody sie gewohnt war. Sie schien nicht auf der anderen Seite der Welt zu ertönen, sondern geradezu gegenwärtig zu sein. Unabsichtlich öffnete sie die Augen und blinzelte vor Schreck. Ihr Morgensang kam zu einem plötzlichen Ende, während sie Jal’asees Hand fallen ließ. Ein ätherisches Licht drang unmittelbar aus dem Kopf des Meeresmagiers; es strahlte grell aus seinen Augen. Er beendete das Lied und wandte sich an sie. »Wer mit ätherischem Licht getauft ist, trägt es in sich, wo immer er ist«, erklärte er. »Es ist für mich nicht nötig, auf den Abend oder den Morgen zu warten, um sein Loblied zu singen, denn sein Licht ist immer in mir.« »Vielen Dank für die Unterweisung«, sagte Rhapsody und folgte den Vorbereitungen zum Fest mit wachsamem Blick. »Ist denn der Bolg-König schon eingetroffen?«, fragte Jal’asee höflich. Rhapsody entdeckte einen Anflug von Ungeduld in seinem Blick, doch ansonsten machte der Botschafter eine völlig unbeteiligte Miene. »Das ist er in der Tat«, sagte Rhapsody und beobachtete besorgt, wie ein Schwärm Köche durch den Schnee stapfte; jeder trug ein Tablett mit Süßigkeiten, Winterfrüchten und Kuchen. »Er sollte jeden Augenblick zurück sein. Ich hatte bisher nicht die Gelegenheit, ihm zu sagen, dass Ihr ihn sprechen wollt.« »Das ist schon in Ordnung«, sagte Jal’asee sanft. »Ich überlasse Euch Euren Vorbereitungen und mache einen Spaziergang im Schnee. Gaematria liegt in den Tropen; daher haben wir keinen Schnee, es sei denn, wir machen ihn selbst.« Die Herrin der Cymrer schüttelte den Kopf. »Ich hoffe, dass ich eines fernen Tages eine Einladung auf Eure Insel erhalte, Jal’asee«, sagte sie und legte sich die Hand auf den Bauch, als das Kind wild ausschlug und ihr starke Übelkeit verursachte. »Sie scheint ein bemerkenswerter Ort zu sein.« »Ihr müsst sie besuchen, wenn Ihr die Wissenschaft der Magie erlernen wollt, Herrin«, sagte Jal’asee milde. »Sie gleicht der Lehre des Benennens, verlangt aber weitere Fachkenntnisse und hat einen Schwerpunkt auf allem, was das Meer betrifft. Als Wissenschaftler bin ich der festen Überzeugung, dass man den besten Lehrer, Arzt oder Mentor, den man bekommen kann, suchen und sich ganz in seine Hand begeben soll. Diese Leute kennen wenigstens die Irrwege und alles, was auf ihrem Fachgebiet schief gehen kann, denn vermutlich haben sie bereits ihre eigenen schlechten Erfahrungen gemacht.« Rhapsody lächelte. »Ich hatte einen ganz ähnlichen Gedanken, Jal’asee. Wenn bloß mein Mann zustimmen würde!« Achmed war zwar Herzog Stephen Navarne freundschaftlich zugetan gewesen, hatte aber noch nie an dessen Grab gestanden. Solche Besuche lagen nicht in seiner Natur. Er hatte in seiner Laufbahn als Mörder und König so oft den Tod gebracht, dass er dessen Endgültigkeit begriff und um die Trennung der Seele von der irdischen Substanz wusste. Deshalb kümmerte er sich nicht um Jahrestage oder die Pflege von Gräbern. Wenn er die Notwendigkeit der Erinnerung spürte, durchkämmte er den Wind und seine eigene Erinnerung, anstatt Blumen auf einem Grab zu pflanzen. Er brauchte nur wenige Augenblicke, bis er Gwydion Navarne in dem stillen, von Immergrün und Schmiedeeisen eingefassten Garten hinter Haguefort gefunden hatte. Er hatte vermutet, dass eines der größeren Monumente, die in unterschiedlichen Schattierungen alten Marmors erstrahlten, den Ruheplatz von Hagueforts geliebtem Herrn und Verwalter markierte, denn niemand hatte sich mehr um die Renovierung und Erhaltung der rosig-braunen Festung verdient gemacht als Stephen; er hatte auch innerhalb der Festungsmauern das cymrische Museum errichtet. Dabei handelte es sich um ein flaches Marmorgebäude, das die Überreste des aufgeklärten Zeitalters beherbergte, welches begonnen, seinen Höhepunkt gehabt und sein Ende gefunden hatte, während Achmed, Grunthor und Rhapsody durch die Erde gereist waren. Wenn jemand einen der närrisch geschmückten Grabsteine verdiente, die an diesem Ort in den Winterhimmel ragten, dann war es Stephen. Zu Achmeds Freude war Stephen jedoch nicht in einem Mausoleum mit einem steinernen Obelisken beigesetzt worden, sondern ruhte in der schneebedeckten Erde unter zwei schlanken Bäumen gemeinsam mit seiner Gemahlin Lydia. Eine einfache Bank und eine kleine Marmortafel mit einer Inschrift waren alles, was diesen Ort hervorhob. Achmed hätte ihn nicht bemerkt, wenn da nicht Stephens Sohn gewesen wäre, der still und nachdenklich auf der Bank saß. Er trug eine silberblaue höfische Robe und machte ein ernstes Gesicht. »Deine Großmutter hatte denselben Gesichtsausdruck in der Nacht, bevor die Lirin sie als Königin eingesetzt haben«, sagte Achmed. Der junge Mann drehte sich um und lächelte schwach. »Na, dann bin ich ja in guter Gesellschaft.« Er stand auf und streckte die Hand aus. »Willkommen, Majestät. Ich habe Euch gestern nicht gesehen. Seid Ihr gerade erst angekommen?« »Ja«, antwortete der Bolg-König und schüttelte Gwydions Hand mit seiner behandschuhten Rechten, was er nur sehr selten tat. »Ich habe dir etwas mitgebracht.« »Ach?« Achmed holte unter seiner Robe einen in Öltuch gewickelten Gegenstand hervor und übergab ihn Gwydion. Der zukünftige Herzog nahm ihn mit fragendem Blick entgegen, und als Achmed nichts dazu sagte, löste er langsam die Bänder und wickelte das Öltuch aus. Als er die letzte Schicht entfernte, fuhr ihm plötzlich eine heftige Brise durch das Haar und zauste es. Sie war kalt und stechend und schien aus dem Päckchen selbst zu kommen. Inmitten des Tuchs lag ein Schwertgriff aus poliertem schwarzem Metall, wie er es noch nie gesehen hatte. Es war mit verschlungenen Schriftzeichen geschmückt und das Querstück in entgegengesetzte Richtungen gebogen. Eine Klinge gab es nicht. »Das ist eine uralte Waffe – das Elementarschwert der Luft, das unter dem Namen Tysterisk bekannt ist«, erklärte Achmed ruhig. »Auch wenn du den Schaft und die Klinge nicht erkennen kannst, solltest du dir doch darüber im Klaren sein, dass beides da ist. Sie besteht aus reinem und unnachgiebigem Wind. Sie ist so scharf wie eine aus Stahl geschmiedete Klinge, aber weitaus tödlicher. Ihre Kraft strömt durch den Besitzer des Schwertes. Bis vor kurzem befand es sich in den Händen einer Kreatur, die Rhapsody entführt hatte. Sie war teils Mensch, teils Dämon und ist jetzt tot. Zumindest scheint es so. Das Schwert war vom schwarzen Feuer der F’dor befleckt, doch es wurde in dem Wind gereinigt, der den Griwen umtost, den höchsten Berg der Zahnfelsen. Ich habe es nach dem Kampf, der seinen früheren Besitzer das Leben gekostet hat, für mich beansprucht, doch nur, weil ich es dir übergeben wollte. Ashe und ich sind der Ansicht, du solltest es haben. Wenn man es recht bedenkt, ist das vermutlich das einzige Mal, dass wir einer Meinung waren.« Gwydion starrte den Schwertgriff an. Er entdeckte in den Wirbeln der Gravuren Bewegungen, doch sie waren allzu flüchtig. Er blinzelte und versuchte ihnen zu folgen, verlor sie aber aus dem Blick. Ein Zittern der Erregung, gemischt mit Ehrfurcht und Schrecken, stieg in ihm auf. Der Schwertgriff war schwer und summte vor Macht. »Ich ... ich weiß nicht, ob ich für ein solch gewichtiges Geschenk schon bereit bin«, sagte er zögernd. Seine Hände erbebten sowohl unter den Schwingungen als auch unter seiner eigenen Erregung. »Ich habe nichts vorzuweisen, das mich einer solchen Waffe würdig macht.« Achmed schnaubte. »Das ist ein Trugschluss, der von selbstverliebten Narren verbreitet wurde«, sagte er verächtlich. »Man kann sich einer Waffe erst als >würdig< erweisen, wenn man sie benutzt. Nur darin zeigt sich, ob du sie zu Recht führst. Das ist ein Elementarschwert, und niemand ist seiner wirklich würdig.« »Wollt ... wollt Ihr es nicht haben?«, fragte Gwydion nervös. In seinen Augen schimmerte es. Achmed schüttelte den Kopf. »Nein. Abgesehen von dem, was ich vorhin über die Würdigkeit gesagt habe, wählen sich Waffen von solch alter Macht in Wahrheit ihre Träger selbst. Ich ziehe es jedoch vor, mir meine Waffen selbst auszusuchen.« »Wie Eure Cwellan?« Der Bolg-König nickte. »Sie ist meine eigene Erfindung«, sagte er und zuckte leicht die Achseln, um das wie eine asymmetrische Armbrust geformte, mit einem gebogenen Lauf versehene Gerät hinter seinem Rücken hervorschauen zu lassen. »Ich habe sie erfunden, um meine Kraft noch zu verstärken und meine Schwächen auszugleichen, doch in der Hauptsache ist sie an die Art von Beute angepasst, die ich früher gejagt habe.« Er deutete auf eine Haspel, an der hauchdünne Scheiben hingen. »Sie schießt drei gleichzeitig ab, wobei jede die vorangehende tiefer ins Fleisch treibt. Und ich kann sie meinen Bedürfnissen anpassen. Diese hier habe ich entwickelt, um die Haut eines Drachen zu durchdringen.« Er warf einen Blick über die Schulter auf die Tribüne. »Zweifellos ist Ashe in der Nähe. Vielleicht kann ich sie bald einsetzen.« Gwydion kicherte. »Wie habt Ihr sie für die Drachenjagd ausgelegt?« »Sie hat einen besonders schweren Rückstoß«, erklärte Achmed. »Drachenhaut ist so dick wie Stein. Auch die Scheiben sind anders. Sie bestehen aus Rysin-Stahl, das in erhitztem Zustand besonders gut formbar ist und sich beim Abkühlen zusammenzieht. Sobald sie im Körper stecken und seiner Wärme ausgesetzt sind, dehnen sie sich stark aus und vergrößern die Wunde noch einmal um ein Vielfaches.« Er drehte die Cwellan liebevoll in der Hand. »Viele meiner Ideen stammen von einer Waffe, an der Gwylliam vor seinem Tod arbeitete. Ich vermute, er hatte einige Schwierigkeiten mit der Drachin, die seine Ehefrau war. Die Eigenschaften von Feuer und Erde führen dazu, dass sich die Scheiben ausdehnen, und daraus bestehen Drachen in der Hauptsache – trotz aller anderen elementaren Eigenschaften, die sie besitzen.« »Ihr wisst, dass es bei Ashe nicht funktioniert«, meinte Gwydion scherzhaft und versuchte, den summenden Schwertgriff in seiner Hand nicht zu beachten, was ihm jedoch nicht gelang. »Er besteht hauptsächlich aus Wasser.« Achmed schaute die Waffe in seinen Händen an. »Hmm«, machte er schließlich. »Zurück zum Zeichenbrett.« Gwydion lachte. »Ihr braucht es sowieso nicht für Ashe«, sagte er. »Auch wenn Ihr es vielleicht anders seht, so seid Ihr doch Verbündete. Aber ich habe Eure Waffe im Einsatz gesehen. Es war diese Cewllan, die Anwyn in der Schlacht am Gerichtshof aus der Luft geholt hat, nicht wahr?« Achmed schulterte die Cwellan wieder. »Ich habe sie getroffen und ihr eine oder zwei Klauen abgeschossen, aber der Ruhm, sie getötet zu haben, gebührt allein Rhapsody«, sagte er und sicherte die Waffe unter seiner Robe. »Sie befand sich im Griff der Drachin und konnte sich mithilfe der Tagessternfanfare befreien. Sobald sie frei war, hat sie das Sternenfeuer auf Anwyn herabgerufen und sie dann in ihrem Grab eingesperrt. Man könnte vielleicht sagen, dass ich ihr beigestanden habe – wie Anborn, den es den Gebrauch seiner Beine gekostet hat.« Er schaute über die Schulter, als die Trompeten plötzlich und laut in der Ferne schmetterten. Der Bolg-König zuckte zusammen. »Ich vermute, das ist die unaufdringliche Art deines Paten, dir mitzuteilen, dass deine Anwesenheit vonnöten ist.« Gwydion nickte. »Was soll ich damit machen?«, fragte er und deutete auf Tysterisk. Achmed zuckte die Schultern. »Es liegt nun an dir, es zu gebrauchen, zu tragen und mit ihm zu leben«, sagte er gleichgültig. »Es sollte bei deiner Amtseinsetzung dabei sein, vorausgesetzt du willst es haben. Wenn du die Verantwortung annimmst, ein solches Schwert zu besitzen, musst du es gebrauchen, wenn es nötig ist, auch wenn es dich dein Herzogtum kosten sollte. Aber irgendwie bezweifle ich, dass du damit Schwierigkeiten bekommen wirst. Wende dich an Anborn, damit er dich im Gebrauch von Tysterisk unterweist.« Er drehte sich um und wollte gehen, hielt jedoch inne und warf einen Blick zurück auf den nervösen jungen Mann. »Es ist gut, bereit zu sein. Ich bin hergekommen, um dir das zu sagen. Deswegen wollte ich dir das Schwert eigenhändig übergeben. Die Welt, in der du nun deinen Platz beanspruchen wirst, ist ein unsicherer Ort, doch eines lässt sich ohne jeden Zweifel vorhersagen: Früher oder später wirst du kämpfen müssen. Und dann solltest du die bestmögliche Klinge in der Hand haben. Bedenke, dass du die Waffe führst. Lass nicht zu, dass sie dich führt.« Gwydion nickte und schaute noch einmal hinunter auf den Schwertgriff. Er glaubte die blauschwarzen Umrisse der Klinge vor dem braunen Öltuch zu erkennen; sie glomm matt, und kleine Windböen wirbelten ziellos in ihr umher. Er betrachtete sie gebannt, bis die Trompeten wieder erschallten. Dann schüttelte er die Träumerei ab und schaute auf. »Vielen Dank ...«, sagte er, doch Achmed war schon weg. Während Faron westwärts ging, holte ihn der Winter ein. Tag für Tag gewöhnten sich Körper und Geist mehr aneinander. Hände und Füße, die anfangs völlig fremd und unbiegsam gewesen waren, dienten ihm nun so wie jedem anderen Menschen. Sein Verstand war noch umwölkt und schwamm in einem Meer verworrener Gedanken und Erinnerungen an einen alten Soldaten, einen noch älteren dämonischen Vater und das geschlechtslose Wesen, das er selbst einmal gewesen war. Die unwirtliche Wüste war inzwischen Steppe und trockenem Grasland gewichen, durch das gelegentlich Nomaden und Karawanen zogen. Faron hatte sich versteckt, wann immer er den einen oder anderen begegnete. Seine Augen waren die Sonne nicht gewöhnt, wurden aber allmählich stärker, und inzwischen konnte er mit ihnen den Horizont nach allem Beweglichen absuchen. Während er dem Lauf der Sonne folgte, stellte er fest, dass der Winter die Gegend, in die er nun kam, bereits im Griff hatte. Er erinnerte sich vage an seine Zeit als Soldat des Schnees, der in seine erdgeformten Beine stach, doch ansonsten störte er Faron nicht. Der Schnee behinderte ihn nur wenig, allerdings machte er es ihm schwieriger, sich zu verstecken. Er zog über die frostgebleichten Ebenen des oberen Sorbold bis in die südliche Provinz Navarne, immer tiefer in das Reich des Winters hinein. Sein gebrochener Verstand kochte und verlangte nach Zerstörung. 22 Winterkarneval Als Achmed von dem Gespräch mit Gwydion Navarne zurückkehrte, begab er sich sofort in den Garten, wo er Rhapsody allein zurückgelassen hatte. Wie der Zufall es wollte, befand sie sich jedoch bereits in der Speisekammer und bereitete sich auf das Fest vor. Also war er allein, als der Botschafter der Meeresmagier auf ihn zukam. Er blieb stehen und starrte JaFasee über den Rand seiner Schleier an. Seine verschiedenfarbigen Augen nahmen den Mann ins Visier, als ziele er mit seiner Cwellan auf ihn. »Ihr lebt«, sagte er anklagend. JaFasee seufzte und steckte die Hände in seinen Umhang. »Ja«, erwiderte er. »Es tut mir Leid.« Achmed sah sich im Garten nach Rhapsody um. »Wenigstens sind wir einmal einer Meinung, JaFasee«, sagte er knapp. Er drehte sich um und wollte fortgehen, hielt jedoch inne, als der Meeresmagier die Hand hob. »Ich warte schon beinahe drei Monate auf Euch, Euer Majestät«, sagte er mit seiner bemerkenswerten Stimme. »Ich bitte Euch, mir für einige Augenblicke die Ehre Eurer Aufmerksamkeit zu erweisen; dann werde ich mich zurückziehen und Euch den Freuden des Festes überlassen.« Achmed schnaubte. »Kommt zur Sache.« JaFasees Gesicht verlor den Ausdruck der Heiterkeit. »Glaubt mir, Euer Majestät, was ich Euch zu sagen habe, ist sehr ernst.« »Dann fangt an. Ich habe noch viel Wichtiges zu erledigen. Zum Beispiel muss ich Rhapsody sagen, dass ich ihr beinahe fertig gestelltes Haus niederbrennen werde, falls sie uns noch einmal zum selben Fest einlädt.« »Habe ich da etwa gehört, wie mein Name ohne die rechte Ehrerbietung ausgesprochen wurde?«, fragte die Herrin der Cymrer scherzhaft, als sie wieder in den Garten kam. »Offenbar ist Achmed zurückgekehrt.« »Wenn ich gewusst hätte, dass du mich mit diesem Wissenschaftler überraschen wolltest, wäre ich nach meinem Gespräch mit Gwydion Navarne sofort nach Hause abgereist«, sagte Achmed mit unmissverständlicher Feindseligkeit in der Stimme. »Es gibt drei Arten von Leuten, die ich verachte, Rhapsody: Cymrer, Priester und Wissenschaftler. Das solltest du inzwischen wissen.« »Ich sehe keinen Grund, grob zu dem Botschafter eines freien Landes zu sein, der gleichzeitig mein Gast ist«, sagte die cymrische Herrscherin scharf. »Vielleicht kannst du den Herrn wenigstens anhören, Achmed.« »Ihr habt es nicht nötig, meine Ehre zu verteidigen, Herrin«, warf JaFasee mit einem Augenzwinkern ein. »Ich ertrage die Beleidigungen des Bolg-Königs schon seit einem Jahrtausend.« Er trat ein paar Schritte näher, steckte die Hände in die Ärmel und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wir haben erfahren, dass Ihr den Apparat im Gipfel des Gurgus wiederherzustellen versucht«, sagte er ernst. Achmed seufzte. »Vielleicht hätte ich eine königliche Verlautbarung in jedem Hafen, jedem Gerichtsgebäude und jedem Bordell von hier bis Argaut anbringen lassen sollen«, sagte er wütend. »Tut Euch den Gefallen, eine weise Wahl zu treffen, Jal’asee. Ich habe Euch darüber nicht in Kenntnis gesetzt, weil ich Eure Gedanken dazu nicht hören wollte. Tut mir also bitte den Gefallen, sie nicht mit mir zu teilen.« »In dieser Angelegenheit bleibt mir nichts anderes übrig, Euer Majestät«, gab Jal’asee zurück. »Genau das ist der Grund, warum ich von Gaematria hierher geschickt wurde. Der Oberste Rat der Regierung bittet Euch mit allem Respekt, Eure Arbeiten an diesem Projekt einzustellen, bis ...« »Natürlich werde ich das auf alle Fälle tun«, höhnte der Bolg-König. »Ihre Meinung ist für mich erbaulicher als Eure.« Plötzlich schien Jal’asee die Geduld zu verlieren. »Ihr müsst diesen Rat befolgen, Euer Majestät.« »Warum?« Der Botschafter schaute sich kurz im Garten um. »Soll ich gehen?«, fragte Rhapsody und deutete auf das Tor. »Es macht mir wirklich nichts aus.« Beide Männer schüttelten gleichzeitig den Kopf. »Ich bin wirklich nicht befugt, Einzelheiten zu erläutern, Euer Majestät, aber ich glaube, Ihr kennt den Grund, oder wenigstens solltet Ihr in der Lage sein, ihn zu erraten.« Achmed trat auf den Botschafter zu und schaute ihm in die goldenen Augen. »Sagt mir, warum, oder verschwindet.« Jal’asee schaute ernst auf ihn herab. »Denkt an die größten Gaben, die die Erde bereithält, Herr.« Schweigen zog in den Garten ein. Dann drehte sich Achmed um und ging an Rhapsody vorbei. »Wenn Ihr Zeit habt, mich unter vier Augen zu sprechen, kommt zu mir«, sagte er und lief auf das Gartentor zu. Jal’asee hüstelte höflich. »Es ist wirklich eine Schande, dass Ihr das Studium der Heilkunst gegen eine andere Betätigung eingetauscht habt. Euer Lehrer hatte großes Vertrauen in Eure Fähigkeiten. Ihr wäret eine Zierde für die Stille Festung gewesen, vielleicht einer ihrer besten Schüler.« Achmed drehte sich wütend auf dem Absatz um. »Dann wäre ich jetzt genauso tot wie all die anderen Unschuldigen, die ihr an diesen Ort gelockt habt«, sagte er harsch. »Euer Verständnis von Schande deckt sich nicht mit meinem.« Er stapfte aus dem Garten und warf Rhapsody einen letzten Blick zu. Sie sah ihm nach, als das Tor zufiel. »Könnt Ihr mir sagen, worum es ging?«, fragte sie Jal’asee ungläubig. Seit sie Achmed kannte, hatte sie ihn noch nie so erregt in einem Gespräch erlebt, das angeblich für ihn von keinerlei Bedeutung war. Achmed war gut darin, Menschen, Gespräche und Dinge zu übersehen, die ihn nicht interessierten. Der Meeresmagier seufzte. »Vor vielen Jahren, als er noch ein recht junger Mann war, ereignete sich eine schreckliche Tragödie in der Stillen Festung, dem Hort des Wissens, den ich Euch gegenüber schon vor einigen Monaten erwähnt habe und an dem ich als Lehrer beschäftigt war«, sagte er ernst. »Jemand, für den er viel übrig hatte – vielleicht waren es auch mehrere Personen –, hat das Unglück nicht überlebt. Anscheinend hat er mir das nie vergeben.« »Offenbar«, sagte Rhapsody. »Das tut mir Leid.« »Nicht nötig, Herrin«, erwiderte JaFasee. »Wenn jemand grob und unvernünftig ist, heißt das noch lange nicht, dass er im Unrecht ist.« Gerald Owen rührte den kochenden Sirup in dem großen, schwarzen Eisenkessel um und beachtete nicht den Lärm der Kinder und einiger aufgeregter Erwachsener, die gierig auf die nächste Portion Schneekonfekt warteten. Er war schon seit vielen Jahren taub gegen solchen Lärm. Stephen Navarnes Vater hatte den Brauch eingeführt, heißen Flüssigzucker auf reinen Schnee zu träufeln, der auf großen Tabletts gesammelt worden war, und so den Karamellsirup zu knusprigen, harten Brocken abzukühlen, die zum Wahrzeichen des Winterkarnevals geworden waren. Stephen hatte die zusätzliche Sünde eingeführt, das harte Konfekt in Schokoladen- und Mandelcreme zu tauchen. Gerald Owen war der traditionelle Zuckerbäcker des Festes und überdies der Wächter über die Geheimrezepte. Der alte Kammerherr von Haguefort gab schließlich das Zeichen, dass der Sirup ausgegossen werden konnte. Er trat aus dem Weg und ermöglichte es so den Hilfsköchen, den Topf genau auszurichten, während die Schneebretter herbeigebracht wurden. Er wischte sich die zuckrigen Hände an der schweren Leinenschürze ab, verschränkte die Arme und erlaubte sich ein kleines, befriedigtes Grinsen. Das Fest der Sonnenwende schien sich trotz der bösen Vorahnungen gut anzulassen. Owen diente der Familie schon seit zwei Generationen, und es bereitete ihm große Genugtuung zu sehen, wie die Traditionen, die Stephen so geliebt hatte, von seinem Sohn weitergeführt wurden, um den sich Owen seit dessen Geburt gekümmert hatte. Insgeheim war er froh, dass Gwydion nun seinen rechtmäßigen Titel annehmen würde. Die Gegenwart des cymrischen Herrscherpaares war nach dem Verlust des Herzogs sehr beruhigend und tröstlich gewesen, doch allmählich stellte sie sich in der kleinen Festung Haguefort als unbequem dar. Die Häupter des Bündnisses gehörten in ein angemesseneres Haus. Soweit er gehört hatte, war Hochanger wenigstens zentral gelegen, wenn auch nicht sehr prunkvoll. Doch Haguefort war ursprünglich als Festung für die Familien erbaut worden, die zu Beginn des cymrischen Zeitalters in der Wildnis Navarnes gesiedelt hatten. Es war nie ein Palast oder auch nur eine Burg, sondern immer nur eine bescheidene Festung gewesen. Wenn es anstelle der Heimstatt des Herrscherpaares bald nur noch der Sitz eines Herzogs war, würde das Leben hier wieder zur Normalität zurückkehren. Er setzte sich müde und erschöpft auf ein mit Laken bedecktes Fass und beobachtete die wilde Balgerei der Kinder, die um die zerbrechlichen Süßigkeiten wetteiferten. Gerald Owen war wie der Herzog, dem er diente, von cymrischem Geblüt, auch wenn es recht verwässert war, und war längst viel älter als die menschlichen Freunde, mit denen er aufgewachsen und zur Schule gegangen war. Er hatte viele der Eltern und Großeltern der Kinder, die sich nun um die Süßigkeiten balgten, das Gleiche bei lange zurückliegenden Festen tun sehen. Über allem lag eine zyklische Harmonie. Das Gefühl, dass das Leben für die anderen schneller ablief als für ihn, machte ihn gelegentlich melancholisch. Ein Griff an seiner Schulter riss ihn aus seinen Gedanken. Er schaute auf, blinzelte im Sonnenlicht und sah das lächelnde Gesicht von Hagueforts zukünftigem Herrn. »Ist es bald so weit, Gerald?«, fragte Gwydion Navarne. Owen erhob sich rasch; in seine Bewegungen war der Schwung zurückgekehrt. »Ja, Herr, falls Ihr auch so weit seid.« »Das bin ich, sobald du einen Blick auf mich geworfen und sichergestellt hast, dass ich nichts vergessen habe. Sobald du mich gemustert hast, fühle ich mich bereit.« Gerald Owen nahm den jungen Herzog am Arm und führte ihn zurück in die Große Halle, in der ein Tisch mit den nötigen Werkzeugen für die letzten Vorbereitungen stand. »Keine Sorge, junger Herr«, sagte er mit großer Zuneigung. »Wir werden Euch auf eine Art und Weise ausstatten, die Euch und alle, die Euch lieben, mit Stolz erfüllen wird.« Ashe hielt Wort. Die Zeremonie, mit der Gwydion in seine Rechte eingeführt wurde, war kurz und elegant. Rhapsody sah zu, wie sich der Junge, den sie vor vier Jahren als ihren ersten Enkel ehrenhalber angenommen hatte, vor ihren Füßen verneigte und den Blick hob, in dem sich neue Weisheit spiegelte. Es war die Weisheit eines jungen Mannes, der nun den Mantel seines rechtmäßigen Erbes fest auf den Schultern trug. Das Herz ging ihr auf bei dem Anblick seiner ruhigen Miene und den klugen und ehrerbietigen Worten, mit denen er sein Amt annahm. Nachdem Ashe ihm die Schlüssel zu Haguefort und Stephens wertvollen Siegelring mit dem Wappen des Herzogtums Navarne übergeben hatte, drehte sich Gwydion um und dankte den Versammelten, dann bat er sie, zum Fest zurückzukehren, wobei er besonders das Schlittenrennen erwähnte, das bald begann. Als die Menge zu den Zelten und dem Turnierplatz zurückkehrte, verspürte Rhapsody plötzlich eine feste, knochige Hand an ihrem Ellbogen. »Hast du jetzt Zeit?«, fragte Achmeds sandige Stimme leise an ihrem Ohr. »Wir müssen etwas Wichtiges besprechen.« Ohne sich umzudrehen, nickte Rhapsody und gestattete Achmed, sie aus der Menge erregter Festteilnehmer heraus und in einen stillen Bereich innerhalb der Festung zu führen. »Worum geht es?«, fragte sie angespannt, sobald sie außer Hörweite der Dienerschaft waren. »Sag mir, warum du dich unbedingt einem unserer vornehmsten Gäste gegenüber so sagenhaft schlecht benehmen musstest.« »Es war nötig, weil ich nicht anders kann«, gab Achmed gereizt zurück. »Das solltet ihr alle doch inzwischen wissen. Er ist ein Mistkerl, und mit Mistkerlen habe ich nur sehr wenig Geduld. Jetzt geht es darum, wie du dem Bolgland helfen kannst und was ich von dir haben will. Erinnerst du dich an das hier?« Er überreichte ihr ein kleines, geschlossenes Stahlkästchen, das mit Bienenwachs versiegelt war. Rhapsody zog die Brauen zusammen. »Ja. Befinden sich darin nicht die alten Pläne Gwylliams?« »Richtig. Ich brauche eine vollständige und genaue Übersetzung davon.« »Ich glaube, ich habe schon einmal eine für dich angefertigt«, meinte Rhapsody mit wachsendem Groll. Sie öffnete das Kästchen, entfernte das oberste Dokument, das in Altcymrisch abgefasst war, von den darunter liegenden, noch älteren Papieren, die sorgfältig in Musikschrift verfasst waren. »O ja, ich erinnere mich wieder an dieses Gedicht: Sieben Gaben des Schöpfers, Sieben Farben des Lichts, Sieben Meere auf der weiten Welt, Sieben Tage in einer Woche, Sieben Monate Brache, Sieben Kontinente durchwandert, webe Sieben Zeitalter der Geschichte Im Auge Gottes.« Achmed nickte ungeduldig. »Ich verstehe das Gedicht«, sagte er. »Ich brauche eine sorgfältige Übersetzung der Pläne und aller dazugehörenden Dokumente.« »Bis wann?« Der Bolg-König dachte nach. »Was machst du bis zum Abendessen?« »Eigentlich hatte ich vor, mir die Schlittenrennen anzusehen«, erwiderte Rhapsody schelmisch. »Und danach würde ich gern am Rest der Feier teilnehmen. Was glaubst du wohl, wie lange so etwas braucht, Achmed? Ich kann dir versichern, dass es eine Arbeit von Tagen, wenn nicht gar von Wochen ist. Es ist nicht nur eine Musikschrift. Man muss die Komposition auch spielen und mit späteren Teilen des Stücks vergleichen. Das ist nicht etwas, das ich einfach so nach dem Mittagessen tun kann.« »Na gut, ich bin bereit, bis zum Tee zu warten«, meinte Achmed trocken. »Du musst bist zum Tee im nächsten Jahr warten«, antwortete Rhapsody. »Habe ich dir außerdem nicht beim letzten Mal gesagt, dass ich mir Sorgen wegen deiner unbesonnenen Versuche mit altem Wissen mache?« »Das hast du, und aus diesem Grund habe ich mich entschieden, keine Experimente anzustellen, sondern vorher eine genaue und sorgfältige Übersetzung zu bekommen, damit ich danach entscheiden kann, was ich mit den Informationen anfange. Dagegen hast du doch wohl nichts, oder?« Sie dachte kurz nach. »Ich glaube nicht.« »Gut. Vielleicht kannst du deine ganze Aufmerksamkeit auf diese Papiere richten, wenn der Mummenschanz endlich vorbei ist. Wie ich schon gesagt habe, könnte es genau das sein, was wir zur Verteidigung der Bolg-Lande und daher auch des Bündnisses brauchen, wenn es so funktioniert, wie ich es in der alten Welt gesehen habe. Das sind dir dein Mündel, das Schlafende Kind, deine Bolg-Enkel und das ganze Volk von Ylorc doch wert, oder?« »Natürlich«, antwortete Rhapsody unsicher. »Falls du noch immer der Meinung sein solltest, ich sei schlecht beraten, will ich dir etwas sagen: Während ich deinen hübschen Hintern aus einer Meeresgrotte gezogen habe, wurde mein Königreich von der Meisterin der yarimesischen Mördergilde unterwandert. Sie stammt aus demselben Volk, dem ich und meine Bolg nach deiner Anweisung helfen mussten, eine neue Quelle für die Entudenin zu bohren, wofür wir übrigens noch immer keine vollständige Bezahlung erhalten haben. Besagte Gildenmeisterin hat nicht nur den Gipfel des Gurgus zerstört, sondern auch einen großen Teil des Königreiches mit Pikrinsäure vergiftet.« »O Götter!«, rief Rhapsody entsetzt aus. Achmed dachte nach. »Nein, diese hat sie nicht erwischt, was aber möglicherweise ein reiner Zufall war. Es reicht schon, dass mindestens tausend Bolg gestorben oder sehr krank geworden sind. Sie haben Ruhr, bluten aus den Augen, verbluten innerlich ...« »Gut, es reicht«, sagte Rhapsody. Sie kämpfte gegen die Übelkeit an und verlor. Sie rannte zur nächsten Topfpflanze und übergab sich in den Kübel. Achmed wartete selbstgefällig, bis sie zurückkehrte. »Ich gehe davon aus, dass ich auf deine Hilfe in dieser Angelegenheit zählen kann?« Rhapsody seufzte. Sie war noch immer blass und fühlte sich benommen. »Ich werde mein Möglichstes tun, Achmed, aber ich kann dir nicht versprechen, dass ich dir die Informationen beschaffen kann, die du brauchst«, sagte sie und lehnte sich gegen die Mauer. »Wenn es dich beruhigt, kann ich dir sagen, dass ich vermutlich schon sehr bald daran arbeiten werde.« »Ach?« »Ja. Ich muss zuerst mit Ashe sprechen, ob er damit einverstanden ist, aber ich hoffe, bald einige Zeit bei Elynsynos zu verbringen.« Achmeds Augen weiteten sich. »Du willst in schwangerem Zustand in ein Drachennest gehen?« »In der Tat. Sie ist die Einzige, die wirklich weiß, wie es ist, ein Drachenkind auszutragen. Ich mache dir ein Angebot. Wenn Ashe zustimmt, nehme ich die Manuskripte mit und arbeite daran, so weit es meine Übelkeit erlaubt. Ich werde tun, was ich kann, aber es ist mir wieder einmal nicht möglich, dir eine Garantie zu geben. Dafür bringst du zur Tauwetterzeit Krinsel zu mir, damit sie bei der Geburt meines Kindes bei mir ist.« Sie wusste, dass der Bolg-König hinter seinen Schleiern lächelte. »Du würdest dich einer Bolg-Hebamme anvertrauen, obwohl es so viele prahlerische Heiler in Roland gibt?« »Sofort. Abgemacht?« »Ja«, antwortete Achmed. »Wenn du deinen Teil der Abmachung einhältst.« Faron schaute schweigend auf die Feierlichkeiten unter ihm. Sein Verstand wusste nicht, was ein Feiertag war. Da er fast sein ganzes Leben im dunklen Keller des Gerichtsgebäudes von Argaut verbracht hatte, brachte ihn der Lärm des Festes durcheinander, das am Fuß des Hügels stattfand, auf dem er stand. 23 Jehveld — Südlich von Jeremias’ Landung — Avonderre »Frohe Sonnenwend, Bächlin.« Der stämmige Fischer grinste so breit, dass seine Zahnlücken sichtbar wurden, hörte aber nicht mit dem Netzknüpfen auf. »Freut mich, dass es dir besser geht, Kail. Auch dir frohe Sonnenwend«, sagte er und sah dem Schnee zu, den der Wind peitschte, der auch das Wasser bei den Docks aufwühlte. Die Wärme des Ozeans hielt hier an der Spitze des Landungsstegs südlich des Ortes die Luft rein. Bächlin verknotete die letzten Seile miteinander und zog sich dann den Hut bis über die roten Ohren. »Willst du mir und Stark beim Einholen der Fallen helfen?« Kail wischte sich mit dem Ärmel seines Kammgarnhemdes den Rotz von der roten Nasenspitze und trocknete dann seine gleichermaßen roten Augen. »Die Hummer können noch einen Tag warten«, murmelte er mürrisch, als Stark, ein weiterer Hafengenosse, herbeikam und die Fangkörbe hinter sich herzog. »Braut sich ’n Sturm zusammen; man kann am Himmel erkennen, dass es ein echter Kracher wird.« Stark spuckte ins Meer und schüttelte den Kopf. »Ist schon zwei Tage seit dem Auslegen her«, sagte er mit einer Stimme, die von Wind und mangelndem Gebrauch kratzig war. Stark redete selten. Wenn Bächlin mit ihm und Kail draußen auf dem Meer war, vergaß er manchmal, dass Stark bei ihnen im Boot saß. »Und ’n ganzes Dorf wartet heut Abend darauf, sie zu verspeisen.« »Er hat Recht«, sagte Bächlin zu Kail »Geh nach Hause und mach dir ’nen Grog. Wir holen die Körbe ein.« »Ihr seid verrückt, wenn ihr jetzt rausfahrt; die Sonne ist schon fast untergegangen.« Kail steckte die Hände in die Ärmel, als wären sie ein Damenmuff. »Will die Feiertage nicht damit verbringen, eure Witwen zu trösten.« Stark runzelte die Stirn und kletterte in das Boot. »Geh wieder ins Bett«, sagte er. »Komm, Bächlin. Mein Abendessen wartet.« Bächlin sah von Kail zu Stark und dann wieder zu Kail. »Er hat Recht«, sagte er schließlich. »Ruh dich etwas aus. Stark und ich werden den Fang mit dir teilen. Du hast ja schließlich die Köder mit ausgelegt. Wir feiern morgen, dann können wir am nächsten Tag wieder ’nen schönen Fang einholen. Ich bring dir auf dem Heimweg ein paar Hummer für deinen Kessel vorbei.« Kail nickte düster. Bächlin entzündete die Laterne, die den Bug erhellte, und fuhr mit Stark hinaus. Lange stand Kail da und beobachtete das tanzende Licht auf den Wellen, während seine Freunde die Fallen mit ihrem Fang leerten. Der Wind peitschte die See und stach in die Haut. Sand und Salz flogen ihm in die Augen. Als schließlich das Boot so weit draußen war, dass er es nicht mehr erkennen konnte, richtete er seine Aufmerksamkeit nach Norden auf die flackernden Kerzen, die in den Fenstern von Jeremias’ Landung brannten, und die Feuer, die den Dorfplatz als Vorzeichen der Sonnenwendfeier erhellten. Fröhliche Musik drang auf dem eisigen Wind zu ihm. Gemeinsam mit ihr trieben Kails bittere Gedanken über den verlorenen Gewinn davon, und seine Laune besserte sich angesichts der bevorstehenden Feierlichkeiten. Er war noch zu weit entfernt, um den Duft der Kochtöpfe zu riechen, doch wenn er sich beeilte, konnte er früh genug dort sein, um jedes Gericht im Dorfwettbewerb einmal zu probieren. Außerdem gab es wie zu jeder Sonnenwende Brot, Bier und Gesang und das Versprechen weiterer fleischlicher Gelüste später in der Nacht, in warmen Bordellen oder kalten Stallungen. Die Erregung stieg ihm zusammen mit dem kühlen, salzigen Wind in die Nase und vertrieb seine Trübsal. Er nahm seine Laterne, entfernte sich von den Docks und schritt über die salzigen Marschdünen am Rande der Bucht, wo es in der Winternacht pechschwarz war. Heute Nacht scheinen die Dünen höher zu sein, dachte er. Die schwachen Lichtstrahlen der fernen Kerzen verschwanden, als er in eine Senke trat. Er zog den Hutrand enger über den Kopf, um die Augen vor dem Wind zu schützen, und legte die Hände um seine verbeulte Laterne, damit der Wind sie nicht ausblies. Vor ihm in der Dunkelheit schien sich der frostbleiche Boden zu heben und bald bis in den Himmel zu ragen. Nachtblind blieb Kail stehen. Seine Lunge war plötzlich voll und schwer, als ob die Erkältung, die er vor einigen Tagen gehabt hatte, zurückgekommen sei und ihm den Atem raube. Zitternd hielt er die Laterne hoch. Die Düne vor ihm bewegte sich erneut. Sand und Marschgras regneten wie ein Wasserfall von ihr herab. Das schwache Licht seiner Lampe beschien etwas, das wie eine gigantische Statue wirkte. Es war ein primitiv aussehender Mann in einer Rüstung, beinahe doppelt so groß wie er; der Sand fiel in langen, dünnen Rinnsalen von ihm herab. Die blinden Augen schienen auf Kail gerichtet zu sein. »Verdammt und zugenäht«, flüsterte er. »Was ist das?« Die Statue im Sand regte sich nicht. Kail schluckte schwer. Sein Hals brannte und war plötzlich vollkommen trocken. Sein Verstand war benebelt von Entsetzen, Krankheit und der Vorfreude auf die Lüste des Abends. Er konnte sich einfach nicht erklären, wie diese Statue an den Strand gespült worden war, ohne dass man etwas gehört hatte. Jeremias’ Landung war ein kleiner Ort, in dem die Familien seit vielen Generationen vom Meer lebten und ihre Fänge in den Städten der Umgebung verkauften. Alle waren voneinander abhängig. Jedes noch so unwichtige Ereignis wurde sofort von Hütte zu Hütte mitgeteilt. Kail begriff nicht, wie er diese Neuigkeit hatte überhören können. Er schüttelte den Kopf, wandte sich nach Norden und machte einen Schritt auf das Dorf zu. Der Kopf der Statue bewegte sich im Einklang mit ihm. Kail keuchte auf. Die Laterne in seiner Hand zitterte heftig. Er hielt sie höher in den Wind. Es lag etwas Bösartiges in der Haltung der Statue, als ob der Künstler seinen ganzen brodelnden Zorn in sie hineingearbeitet hätte. Kail wusste nicht, wieso er auf diesen Gedanken kam, doch Anspannung und Wut waren deutlich spürbar. Er beugte sich vor und starrte der Gestalt in die Augen. Und prallte vor Entsetzen zurück, als diese Augen ihn ebenfalls anstarrten. Hinter milchigen Wirbeln glühten sie vor Hass. Die Laterne fiel ihm aus der Hand, schlug in den Marschsand und erlosch. Schwärze schluckte Kail. In dieser Schwärze spürte er, dass die titanische Gestalt vor ihm atmete. Und sich bewegte. Blind wirbelte Kail herum und schoss nach links. Wie von Dämonen gehetzt, rannte er auf die Lichter des Dorfes zu. Er war ein halbes Dutzend Schritte weit gekommen, als er mit einer Kraft, die ihm den Atem nahm, vom schlüpfrigen Boden in die Luft gehoben wurde. Ein widerliches Knacken drang in seine Ohren. Benommen bemerkte Kail, dass sein Becken unter dem zerschmetternden Gewicht brach, das ihn zusammendrückte. Er versuchte zu schreien, aber keine Luft kam in seine Lunge. Er konnte nur den Mund schweigend und voller Entsetzen öffnen und schließen, während er weiter hochgehoben wurde, bis er nur noch um Haaresbreite von den schrecklichen Augen entfernt war, die ihn schwarz und mit einem milchigen Überzug aus der Dunkelheit anstarrten. Kails Verstand, der nie der hellste der Welt gewesen war, löste sich von seinem Körper. Die Unwirklichkeit der Ereignisse war zu viel für ihn. Er kam zu dem Schluss, dass er sich noch im Griff des Fiebers befand, das ihn zusammen mit der Erkältung überfallen hatte. Ich liege im Bett und habe Albträume, dachte er, als ihn der Titan auf den Rücken drehte und sich die Steinfinger in seinen Bauch gruben und an seinen Eingeweiden zerrten. Dann trafen ihn Schmerzen und Luftmangel gleichzeitig, und er erbebte. Es war die einzige körperliche Regung, zu der er noch fähig war. Die Statue schlitzte ihm den Bauch auf, wühlte im Gedärm herum, zog dann die blutigen Finger aus dem Fleisch und drückte die Falten von Kails Gewand zur Seite. Sie ergriff die abgewetzte Scheibe, die Kail in seinem Hemd getragen hatte, und ließ den Fischer fallen, während sie die Schuppe gegen den Mond hielt, dessen Licht in Regenbogenfarben von den Rändern tropfte. Als die Finsternis näher rückte, sah Kail noch einmal das riesige Wesen über ihm. Es hatte einen Ausdruck von beinahe mitleidiger Freude im grob behauenen Gesicht, während es den Fuß hob und ihm auf den Kopf trat. Sein Schädel platzte wie die Schale eines weichen Krebses. Seine Überreste fanden am nächsten Morgen zuerst die Schneehühner und Möwen und dann Bächlin, der den Sand mit allen Flüssigkeiten befleckte, die sein Körper bei diesem Anblick von sich geben konnte. Zum ersten Mal, seit sich sein umwölkter Verstand erinnern konnte, empfand Faron Freude. Er war nicht länger eine formlose Kreatur innerhalb einer Statue, sondern spürte, wie die verschiedenen Teile seines Selbst zueinander fanden. Nun war er ein Mann, ein Titan aus lebendiger Erde und Feuer, der Sohn eines Dämons, gesegnet und geschlagen mit den Erinnerungen an uralte Schlachten und Eroberungszüge, die er nicht begriff. Die grüne Schuppe summte in seiner Hand. Das Licht des Mondes tropfte von ihren Rändern wie Meerwasser über den Rand der Welt. Ehrerbietig drückte er seinen Schatz gegen das Gesicht und spürte wieder die Schwingung, die er so lange in sich vernommen hatte. Er hatte ihren Verlust betrauert und war immer schwächer geworden, doch nun kam die Geistesstärke zurück und entzündete sich in ihm. Er steckte die Schuppe zu den anderen drei und bildete einen schimmernden Fächer in seiner Steinhand. Die Wärme, die aus ihnen strömte, erfüllte ihn mit etwas wie Glückseligkeit. Doch noch immer fehlte etwas. Von fern hörte er das Brüllen des Meeres. Es war ein Geräusch, das große Angst in Faron hervorrief, seit sein Väter ihn aus der stillen Dunkelheit der höhlenartigen Tunnel genommen hatte, in denen er gelegen hatte, und mit ihm durch die Welt bis zu diesem Ort gesegelt war. Sein Vater hatte eine Frau gejagt – eine Frau, deren Haar er aufbewahrt und bei sich getragen hatte; es war durch ein verrottendes Band zusammengehalten gewesen. Faron hatte sie mithilfe der Schuppen gesucht und gefunden. Sie waren zu diesem neuen, erschreckenden Land gekommen. Sein Vater war hier gestorben und ihr Schiff im Ozean versunken. Er starrte nun auf diesen Ozean und krümmte sich unter dessen Gewalt. Langsam ging er zum Strand, wo die schäumenden Wellen über den Sand stürmten. Mit der glitzernden grünen Schuppe stand er da, bis die Wellen seine bloßen Steinfüße berührten. Das Gefühl bereitete ihm Übelkeit und erfüllte ihn mit Angst. Er wich zurück zum trockenen Land, wo er wieder die Wärme der Erde spürte. Nun, da sein Schatz zu ihm zurückgekehrt war, drehte er sich im Dunkel der Nacht langsam um und ging fort von der stampfenden See. Den Lärm, der aus dem Dorf und von der Sonnenwendfeier zu ihm drang, ließ er hinter sich. 24 Das Abschlussbankett des Winterkarnevals begann fröhlich und endete noch fröhlicher. Nach den letzten Rennen, der Vergabe der letzten Preise und der Schlussrunde des Choralsingens, das so große Begeisterung ausgelöst hatte, dass die weißen Felder von Navarne von den Liedern widerhallten, hatten sich das cymrische Herrscherpaar, die beiden Navarne-Kinder, Anborn und die Hausbediensteten müde zu einem späten Abendessen niedergesetzt. Sie besprachen die Ereignisse und kamen zu dem Ergebnis, dass das Fest ein Erfolg gewesen war. »Zwei Betrunkene, die in eine Schlägerei verwickelt waren, aber ansonsten ein sehr friedliches Fest, möchte ich sagen«, meinte Ashe und fuhr mit dem Daumen über die Hand seiner Frau. Rhapsody lächelte und stimmte ihm zu. »Und Navarne hat nun einen neuen Herzog, der für Roland am Konzil teilnehmen kann, was gut für die Provinz ist. Ich glaube, wir dürfen bei aller Vorsicht diesen Karneval als Erfolg bezeichnen.« Gerald Owen, der letzte der Diener, der den Tisch verließ, lächelte müde und nickte. Er sammelte die Teller ein und zog sich aus dem Zimmer zurück, gefolgt von Melisande, die sich auf den Weg ins Bett machte. Anborn rülpste vernehmlich und erstickte damit alle anderen Geräusche im Raum. »In der Tat. Jedes Fest, bei dem niemand von Bedeutung umgebracht wird, kann man ein gutes Fest nennen«, sagte er. »Ich möchte der Herrscherin meinen Dank für ihre Gastfreundschaft aussprechen und ankündigen, dass ich bald abreisen werde.« Die Tischgenossen nickten zustimmend. Eine solche Ankündigung kam nie unerwartet, denn Anborn blieb an keinem Ort lange. »Diesmal möchte ich jedoch eine Einladung an den neuen Herzog von Navarne aussprechen, mich bei meiner Reise zu begleiten.« »Wohin gehst du?«, fragte Ashe und nahm einen Schluck gewürzten Cidre. Der Marschall wartete mit der Antwort, bis sich die Tür hinter Gerald Owen geschlossen hatte. »Nach Sorbold. Ich mache mir Sorgen über einige Dinge, die der Wind mir von dort berichtet hat. Ich nehme an, sie sind eine Untersuchung wert.« Ashe nickte zustimmend. »Ich bin mir sicher, dass alle Informationen, die du dort erhältst, wertvoll sind, Onkel. Ich mache mir schon seit einiger Zeit Sorgen über die Berichte des dortigen Schiffshandels. Wir beobachten die Handlungen des neuen Herrschers seit seiner Erwählung durch die Waage, doch bisher scheint er angemessen und vernünftig zu regieren. Einige Leute, denen ich vertraue, haben jedoch Zweifel über ihn geäußert, sodass alles, was du herausfindest, für uns wertvoll ist.« »Nur, wenn du das tust, was ich dir sage, Gwydion«, meinte Anborn dunkel. »Ich warne dich schon seit einiger Zeit, dass ein Krieg bevorsteht. In Anbetracht der Tatsache, dass du einige meiner Vorschläge umgesetzt hast, sähe ich gern, wenn du Infanterie und Marine verstärkst.« »Ich habe diese Woche ein Dutzend neue Kriegsschiffe in Auftrag gegeben, die in Manosse gebaut und in Gaematria ausgestattet werden, Onkel«, antwortete Ashe milde. »Und neue Pferde für die Kavallerie des Bündnisses sind aus Marincaer eingetroffen; sie werden bald ausgebildet. Ich nehme ernst, was du sagst und was ich gesehen habe, dessen kannst du dir sicher sein.« Er drückte wieder Rhapsodys Hand. Ihre Entführung hatte ihm gezeigt, dass er Anborns Warnungen nicht abtun durfte. »Also gehen wir spionieren?«, fragte Gwydion, der seine Erregung kaum unterdrücken konnte. »Gwydion, ein Herzog spioniert keine unabhängige Nation aus«, tadelte Rhapsody ihn. »Nein, wirklich nicht«, pflichtete Anborn ihr bei. »Er macht einen Staatsbesuch, ohne allerdings jemandem davon zu erzählen, und beobachtet von Orten aus, an denen er nicht gesehen werden kann.« »Vergebt mir«, meinte Gwydion grinsend. »Ist es denn in Ordnung, Ashe? Darf ich Anborn begleiten?« »Das musst du selbst entscheiden«, meinte Ashe und trank seinen Krug leer. »Du bist voll und ganz in dein Amt eingeführt und musst deine Entscheidungen allein treffen. Es ist vermutlich eine gute Idee, gleich zu Beginn deiner Herrschaft einen offiziellen Staatsbesuch zu machen, aber ich glaube, dazu solltest du Tyrian oder die Neutrale Zone besuchen, die ein sicherer Hafen für dich sind, und Sorbold nur als Durchreiseland ansehen.« Er schenkte Anborns vernichtendem Blick keinerlei Beachtung. »Ich möchte dir auch davon abraten, allzu lange von Navarne wegzubleiben. Als Herzog musst du für deine Provinz sorgen.« Er sah das lange Gesicht des jungen Mannes und beeilte sich, seinen Gedanken zu Ende zu bringen. »Aber du hast ein Elementarschwert geerbt und musst mit ihm reisen und seine Beherrschung erlernen. Es gibt keinen besseren Lehrer als Anborn. Ich glaube, auf diese Weise verbringst du deine ersten Wochen als Herzog sehr sinnvoll – und ich werde mich während deiner Abwesenheit um Navarne kümmern. Wenn du zurückkehrst, kannst du deine Pflichten aufnehmen.« Er wandte sich an seine Frau. »Was sagst du dazu, Liebste?« Rhapsody faltete die Hände. »Wenn du das Wagnis eingehen willst, so gibt es Gründe dafür – offizielle und inoffizielle –, und du bist in guter Gesellschaft«, sagte sie. »Da wir gerade darüber sprechen, möchte ich ankündigen, dass auch ich Navarne vorerst verlassen will.« Die drei Männer am Tisch sahen sie erstaunt an. »Ich fühle mich schon seit einer ganzen Weile krank und schwach, und das stört mich sehr«, fuhr sie fort. Die starren Blicke der anderen trieben ihr die Röte ins Gesicht. »Etwas, das Jal’asee gesagt hat, bevor Achmed gegangen ist, erscheint mir sehr sinnvoll. Meine Lage ist einzigartig und nicht ganz ungefährlich, weswegen ich einige Zeit bei Elynsynos verbringen will. Vielleicht kann ich von ihr etwas über Drachenschwangerschaften erfahren. Auf alle Fälle möchte ich sie gern besuchen. Es hat etwas Beruhigendes und Einschläferndes, bei ihr in der Höhle zu sein, und ich habe sie lange nicht mehr gesehen.« »Wie lange soll deine Reise dauern, Aria?«, fragte Ashe und bemühte sich, seine Gefühle nicht zu zeigen. Rhapsody zuckte die Achseln. »Ich weiß es wirklich nicht. Vermutlich hängt es davon ab, wie ich mich fühle. Ich habe keine Ahnung, wie lange meine Schwangerschaft dauern wird. Deine Mutter jedenfalls hat dich fast drei Jahre ausgetragen. Ich glaube, ich werde mindestens bis zum Tauwetter dort bleiben. In Haguefort bin ich zu kaum etwas nütze. Ich kann mich nicht einmal richtig um Melly kümmern, weil ich so oft krank bin. Ich suche nach einer Möglichkeit, mich zu erholen, und glaube, dass der Weg dazu durch die Höhle der Drachin führt.« Sie wandte sich von den anderen ab und richtete ihre Aufmerksamkeit auf Ashe. »Wir haben ja schon darüber gesprochen. Wie lautet deine Entscheidung, Sam? Hast du etwas dagegen?« Ashe schluckte seinen Ärger hinunter. Nein, flüsterte der Drache in seinem Blut. Mein Schatz. Bleib. »Wenn du es willst, Aria. Wenn du glaubst, dass du bei Elynsynos in Sicherheit bist oder es dir dort besser geht, werde ich dich gern hinbringen.« »Vielen Dank«, sagte Rhapsody. Ihre grünen Augen leuchteten. »Du kannst mich ja von Zeit zu Zeit besuchen kommen.« Sie sah Anborn an, dessen Miene seine Ablehnung verriet, und fügte rasch hinzu: »Marschall, wenn dir in Sorbold etwas zustoßen sollte und du meine Hilfe brauchst, so kennst du den Ruf der Blutsverwandten. Ich bin sicher, dass ich ihn auch in der Drachenhöhle hören werde, und werde dir sofort zu Hilfe kommen, falls der Wind bereit ist, mich wie die anderen Blutsverwandten zu tragen.« Anborn musste unwillkürlich kichern. »Was für eine nette Vorstellung. Von den drei bekannten Blutsverwandten auf dem Kontinent ist der eine lahm, die zweite schwanger und fühlt sich hundeelend, und der dritte – nun ja, der ist ein Bolg.« »In der Tat«, meinte Gwydion Navarne. »Aber wenn ich je Hilfe brauchte, wäre mir jeder dieser drei Blutsverwandten, wie behindert er auch sein mag, ein großer Trost.« »Das stimmt«, sagte Ashe, stand vom Tisch auf und half Rhapsody vom Stuhl. »Und so lange ihr drei wirklich nach Hilfe ruft, wenn die Notwendigkeit dazu besteht, so beruhigt mich das bei eurer Abwesenheit doch wenigstens ein bisschen.« Als am Morgen des zweiten Tages nach dem Fest die letzten Nachzügler Haguefort verlassen, sich auf den Heimweg gemacht hatten und auch die letzten Abfälle fortgeräumt worden waren, sattelten Anborn und Gwydion Navarne ihre Reittiere und brachen zu ihrer gemeinsamen Mission auf. Während des ganzen Morgens hatte Rhapsody gegen die Tränen gekämpft. Sie hatte Ashe geholfen, Gwydions Reisegepäck zu überprüfen, und hatte mit ihm und Melisande gefrühstückt, die keinen Grund sah, die Tränen zurückzuhalten. Sie rollten ihr über die Porzellanwangen und fielen in ihre Schlagsahne. »Ich glaube, ich verstehe endlich, was du jedes Mal mitgemacht hast, wenn diejenigen, die du geliebt hast, fortgegangen sind. Sie haben dich allein zu Hause zurückgelassen, um angeblich wichtige Dinge zu erledigen, und dir versprochen zurückzukommen«, sagte sie zu ihrem Adoptivenkel, nachdem Melisande den Tisch verlassen hatte. »Man will unbedingt glauben, dass sie Recht haben, aber aus lauter Angst kann man es nicht. Außerdem darf man seine Sorgen nicht laut aussprechen, damit es nicht heißt, man habe kein Vertrauen oder bringe mit seinen Zweifeln Unglück. Also setzt man ein tapferes Lächeln auf und sagt seinen Lieben, sie sollen gesund wieder nach Hause kommen, während man den Augenblick fürchtet, wenn sie gehen.« »Genau so ist es«, sagte Gwydion mitfühlend. »Es tut mir Leid, dass du jetzt diese Erfahrung machen musst.« »Dazu besteht kein Grund«, erwiderte die Herrscherin der Cymrer. »Tu, was du tun musst, und komm gesund wieder nach Hause. Ich weiß, dass Anborn dich mit seinem Leben beschützen wird.« »Und ich ihn mit dem meinen.« Rhapsody widerstand dem Drang zu lächeln. »Das weiß ich ebenfalls«, sagte sie. Ein knallendes Geräusch schreckte sie auf. Der junge Herzog erhob sich, als sich die Türen öffneten und die Sänftenträger eintraten, die den cymrischen Helden trugen, der soeben Jal’asee anknurrte, während sie gemeinsam durch die Tür kamen. »Nein, ich habe diese verdammte Höllenmaschine nicht ausprobiert«, sagte Anborn und deutete verächtlich auf den alten Seren. »Wie ich Euch schon so oft gesagt habe, werde ich dieses Ding erst gebrauchen, wenn es Waffen schärfen oder Bier brauen kann. Ich brauche weder das verdammte Mitleid meines Bruders noch seine Freigebigkeit. Ihr könnt ihm mitteilen, dass ich vorhabe, es einem Bordell zu schenken. Vielleicht finden einige Gäste es sehr reizvoll.« Jal’asee warf einen Blick auf die Antworten und zog eine Karte aus dem Stapel. »Hmm, Bordell, Bordell, Bordell ... Aha, hier! >Dann wüsste ich wenigstens, dass es irgendwie benutzt wird.<« »Bist du schon fertig?«, fragte Anborn Gwydion Navarne und warf gleichzeitig Blickpfeile auf den Meeresmagier. »Nur noch einen Augenblick, Marschall«, sagte der neue Herzog, beugte sich zu Rhapsody hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Ich muss noch Gerald Owen und Melly Lebewohl sagen, dann bin ich abreisebereit.« »Beeil dich«, meinte Anborn mürrisch. Gwydion nickte und ging. Der Marschall gab seinen Trägern ein Zeichen. »Zieht euch an den Rand des Raumes zurück. Ich möchte mit der cymrischen Herrin unter vier Augen sprechen.« Die Diener verneigten sich und gingen weg. »Und Ihr, Jal’asee, könnt meinem scheußlichen Bruder sagen, er soll mir beim nächsten Mal nicht etwas schenken, das ihn platt drücken könnte, wenn er mich besuchen kommt.« »Ich werde diese Botschaft überbringen«, sagte der Meeresmagier trocken. »Gut. Geht jetzt.« Rhapsody und der serenische Botschafter tauschten einen mitfühlenden Blick aus. Jal’asee verneigte sich knapp und zog sich aus dem Zimmer zurück. »Eigentlich ist es schade, dass du Soldat geworden bist«, sagte Rhapsody. In ihrer Stimme mischten sich Belustigung und Bitterkeit. »Du hättest einen ausgezeichneten Diplomaten abgegeben.« »Der beste Diplomat ist derjenige, der deutlich ausspricht, was seine Ziele und Beweggründe sind, und der seinen Standpunkt klar macht. Ich glaube, niemand kann mir ernsthaft vorwerfen, ich wäre wankelmütig in meinen Ansichten oder würde meine Aussagen absichtlich verdunkeln.« »In diesem Punkt kann ich dir gewiss nicht widersprechen.« In Anborns azurfarbenen Augen blitzte es. »Planst du immer noch deine schlecht durchdachte Reise zu Elynsynos’ Nest?« »Ja«, antwortete Rhapsody verblüfft. »Warum sollte ich meinen Vorsatz geändert haben?« Anborn zuckte die Achseln. »Es gibt keinen Grund, warum du plötzlich gesunden Menschenverstand entwickelt haben solltest; du hattest ihn schließlich bisher noch nie. Ich hatte bloß wider besseres Wissen darauf gehofft.« »Was hast du gegen meine Pläne?«, erwiderte Rhapsody. »Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, warum du in einer Höhle bei einer faden Bestie sitzen willst, die dich in Flammen setzen könnte, falls sie plötzlich eine Erkältung bekommt. Ist die Gesellschaft meines verfluchten Neffen etwa noch langweiliger, als ich dachte?« »Du hast Elynsynos noch nie gesehen«, sagte Rhapsody scharf. Zorn brodelte in ihr. »Ich mag es nicht, wenn du oder Ashe so über sie sprecht.« Der General kicherte. »Elynsynos ist meine Großmutter.« »Dann solltest du dir vielleicht die Zeit nehmen, sie kennen zu lernen. Sie ist beeindruckend.« Anborn zuckte die Schultern. »Vielleicht. Vielleicht besuche ich sie eines Tages, wenn ich nichts Besseres zu tun habe. Mir scheint, dass mir meine Zeit kostbarer ist als dir die deine«, sagte er mit einem scherzhaften Ton in der Stimme, doch mit ernsten Blick. »Bleib hier, Rhapsody, wo Gwydion sich um dich kümmern kann. Diese Schwangerschaft ist unklug. Mach sie nicht noch gefährlicher, indem du dich in einer Drachenhöhle versteckst, wo niemand dich finden und dir helfen kann, wenn du in Not bist. In Haguefort hast du wenigstens Zugang zu den besten Heilern von Roland.« Rhapsody schüttelte den Kopf. »Meines Wissens hat keiner dieser Heiler je das Kind einer lirinischen Mutter und eines Drachenvaters zur Welt gebracht«, sagte sie leichtherzig. »Das ist eine besondere Erfahrung. Es gibt nur wenige auf der Welt, die etwas über eine solche Schwangerschaft wissen, und Elynsynos ist eine davon. Sie hat Manwyn, Rhonwyn und deine Mutter geboren, als sie noch menschliche Gestalt hatte, und konnte nicht in ihre Drachengestalt wechseln, bis die Kinder auf der Welt waren. Daher weiß sie, wie es ist, Kinds von verschiedenem Geblüt im Bauch zu tragen und sie zu gebären. Ich hoffe, viel von ihr zu lernen und dadurch eine bessere Niederkunft zu haben.« »Was kann sie dir schon beibringen? Sie ist eine Schlangenbestie aus einer uralten Rasse, eine Eierlegerin, die die Gestalt einer Seren angenommen, sich mit einem männlichen Seren eingelassen und Drillinge in einem Körper ausgetragen hat, der ihr selbst fremd war. Deine Lage ist eine völlig andere.« »Ja, das stimmt«, gab Rhapsody zu. »Aber soweit ich weiß, gibt es nur eine einzige andere Person, deren Lage sich eher mit meiner vergleichen lässt, weil sie eine menschliche Gestalt hatte: deine Mutter.« Sie seufzte tief. »Ich wünschte, die Dinge hätten sich anders entwickelt, und ich wäre in der Lage gewesen, von meiner Schwiegergroßmutter zu lernen. Ich wünschte, sie hätte ihren Enkel sehen können. Wenn ich nicht ihren Zorn erregt hätte ...« Sie verstummte mitten im Satz. Anborns Gesicht war bleich geworden, und seine azurfarbenen Augen schimmerten eindringlich und wild. »Sag so etwas nie wieder«, keuchte er mit rauer Stimme. »Du bist eine Benennerin. Möge der All-Gott es verhindern, dass dein Wunsch je in Erfüllung geht, weil du dumm genug warst, deine Macht zu missbrauchen.« Rhapsody starrte den Marschall verblüfft an. Er war aufgebrachter, als sie es je bei ihm bemerkt hatte. Selbst in der Hitze der Schlacht hatte sie ihn nicht so erregt gesehen. »Anborn ...« Seine Hand schoss hervor und bedeckte grob ihren Mund. »Still. Kein einziges Wort mehr.« Er schaute zuerst hinter sich, dann nach oben, als ob er auf etwas im Wind lausche. »Du weißt nicht, was du sagst.« Seine Stimme wurde so leise, dass sie kaum mehr als ein Flüstern war. »Wenn es etwas in deinem Leben gibt, für das du dankbar sein solltest, dann ist es die Tatsache, dass diese Ausgeburt der Hölle tot, in ihrem Aschengrab verrottet und weder dein Kind sehen noch wissen wird, dass du überhaupt eins hast. Sie war das letzte Wesen auf dieser Welt, von dem du mütterlichen Rat hättest empfangen können, glaube mir das.« Seine Hand zitterte, während sie über ihren Lippen lag. In Rhapsodys smaragdgrünen Augen blitzte es überrascht auf. Dann wurde ihr Ausdruck ruhiger. Sie legte ihre Hand über seine und drückte sie gegen ihre Lippen, dann zog sie sie sanft aus ihrem Gesicht. »In Ordnung, Anborn«, sagte sie ruhig. »Ich glaube dir.« Sie schaute ihn an und versuchte den Grund für seine Besorgnis zu erkennen. Sie wusste, dass Anborn im cymrischen Krieg die Heere seines Vaters gegen die seiner Mutter geführt hatte, was ihm zweifellos die Gelegenheit verschafft hatte, Anwyns Grausamkeiten aus der Nähe zu betrachten. Doch der Krieg lag schon mehr als vierhundert Jahre zurück; der General schien mit den anderen alten Widersachern seinen Frieden geschlossen und alle alten Feindschaften begraben zu haben. Die Heftigkeit seiner Reaktion verwirrte sie. Auch nachdem sie sich eine Weile angestarrt hatten, war Rhapsody noch nichts Greifbares aufgefallen. Sie lächelte ihn an und hoffte so, seine dunkle Stimmung zu zerstreuen. Die Wildheit in den Augen des Generals schien sich aufzulösen, und er schaute sie mit frischem, klar gewordenem Blick an. »Ich sollte aufbrechen«, sagte er schließlich, griff nach den Krücken neben seinem Stuhl und legte sie sich in den Schoß. »Bestimmt wartet der junge Gwydion schon und zerrt an den Zügeln.« Er schaute Rhapsody eine Zeit lang an und beugte sich vor. »Es gibt noch etwas, das ich dir sagen möchte«, meinte er mit fester, aber ruhiger Stimme. »Nur für den Fall, dass ich nicht zurückkehren sollte.« Rhapsody wurde blass. »Denk nicht einmal daran und sprich es bloß nicht aus«, sagte sie. Anborn lächelte schwach. »Es ist eine Möglichkeit, die immer existiert, wenn der eine den anderen verlässt. Hast du nicht etwas Ähnliches gesagt?« »Ja. Aber ich mag die Art nicht, wie es aus deinem Munde klingt. Als ich es gesagt habe, wollte ich den Leuten damit klar machen, wie sehr ich sie mag. So wie du es sagst, kommt es mir wie ein endgültiger Abschied vor.« »Es ist keines von beiden. Ich möchte nur der einzigen lirinischen Benennerin, die ich kenne, eine geschichtliche Tatsache mitteilen, die ich nie zuvor jemandem verraten habe. Meine beiden Eltern waren selbstsüchtige, in die Irre geleitete Herrscher, die wegen einer unwesentlichen Meinungsverschiedenheit und ihrem eigenen Machthunger einen ganzen Kontinent in den Krieg geschickt und die Zivilisation zerstört haben, die ihr Volk aus dem Nichts errichtet hatte. Darin liegt etwas so Habsüchtiges und Selbstgefälliges, das man nur als zutiefst böse bezeichnen kann – bei beiden.« Er beugte sich noch weiter vor, sodass seine sanften Worte deutlich zu hören waren. »Es mag Leute geben, die meine Aussage als voreingenommen oder eigensüchtig bezeichnen, doch ich schwöre dir, Rhapsody, dass mein Vater Gwylliam ein Mann war, den seine Eigensucht böse gemacht hat, meine Mutter aber war von Anfang an durch und durch böse und übel wollend, und zwar auf eine viel tiefer gehende Weise. Falls Llauron aus dem Äther oder einem anderen Element, in dem er inzwischen lebt, hier erscheinen würde, wäre er vielleicht anderer Meinung, weil er immer Partei für sie ergriffen hat. Doch was mein Bruder auch sagen mag, ich kann dir aus persönlicher Anschauung berichten, dass meine Mutter das personifizierte Böse war. Sie war seelenlos; sie war mit der Fähigkeit geschlagen, immer nur in die Vergangenheit zu sehen und andauernd an all das Unrecht, die Hintergehungen und Kränkungen erinnert zu werden, die gute Männer und Frauen irgendwann hinter sich lassen und begraben, damit sie weiterleben und in die Zukunft sehen können. Vielleicht wird jemand, der ein solches Schicksal hat, einfach böse. Aber Anwyn zeigte eine Unbarmherzigkeit, die aus tieferen Ursachen herrührte. Niemand bezweifelt, dass sie es war, die dem Dämon, den du und deine Freunde besiegt haben, zu seiner Stärke verhalf und ihn Jahrhunderte lang vor der Welt verbarg, damit er seine zerstörerischen Pläne schmieden konnte. Aber ich weiß noch mehr – viel mehr. Und ich sage dir, dass meiner Erfahrung nach nichts dem Blick in die Gruft der Unterwelt näher kommt als ein Blick in die Augen meiner Mutter. Möge sie in dieser Gruft auf ewig verwesen.« Er gab den Sänftenträgern ein Zeichen und wurde aus dem Zimmer getragen. Rhapsody schaute ihm in verblüfftem Schweigen hinterher. 25 Die Höhle im Verborgenen Meer — Gwynwald Elynsynos’ Höhle war noch genau so, wie Rhapsody sie in Erinnerung behalten hatte. Die Reise mit Ashe war viel einfacher als die erste gewesen, die sie gemeinsam zu diesem Ort unternommen hatten. Damals hatten sie einander noch nicht vertraut; das Land war erfüllt gewesen von verborgenem Bösen und hatte sich im Griff eines unsichtbaren F’dor befunden. Selbst Verbündete waren misstrauisch gegeneinander gewesen. Als sie nun verliebt und als zukünftige Eltern zu der verborgenen Höhle zurückkehrten, die bei einem Tal nahe einem kleinen Waldsee lag, erkannten der Herr und die Herrin der Cymrer, dass ihnen alle angenehmen Erinnerungen der ersten Reise im Gedächtnis geblieben waren, während Misstrauen und Bitterkeit verflogen waren. Der See am Fuß des Berges war zugefroren; das kristallene Eis spiegelte die Bäume am Ufer wider. Aus den Tiefen der Höhle drang eine Stimme, während sie näher kamen. Es war Sopran, Alt, Tenor und Bass gleichzeitig. Hallo, meine Schöne. Du hast deinen Mann und dein Kind mitgebracht. Wie nett. Rhapsody kicherte. »Hallo, Elynsynos. Dürfen wir eintreten?« Ja, natürlich. Kommt herein. Gemeinsam folgten Ashe und Rhapsody dem gewundenen Pfad in die Höhle der Drachin. Die große Drachin, Matriarchin aller auf dem Kontinent lebenden Artgenossen, wartete inmitten ihres Hortes aus glitzernden Münzen, ihren Schatzkisten, Juwelen und Artefakten, welche die eifersüchtige See hergegeben hatte: Dreizacke, Masten, Galionsfiguren von untergegangenen Schiffen, Ruder und Räder, gestaltet zu Kerzenleuchtern mit tausend kerzenlosen Flammen. Wie immer kämpfte Rhapsody darum, nicht von Elynsynos’ Augen hypnotisiert zu werden. Es waren Prismen aus Farben und verzauberndem Licht, die dieselben senkrechten Pupillen hatten wie Ashes Augen. Sie tanzten im Licht der Erregung. Die große Bestie hob sich aus dem salzigen Wasser des Sees, der den Boden ihres Hortes bedeckte. Ihre gleißenden Schuppen und der gewaltige, schlangenartige Körper flössen wie ein Windstoß dahin. Elynsynos hatte schon vor langer Zeit ihre körperliche Gestalt aufgegeben und existierte in einem rein elementaren Zustand, wie auch ihr Enkel Llauron, Ashes Vater, ihn aus eigenem Willen angenommen hatte. Kommst du mich besuchen, wie du versprochen hast, meine Schöne?, fragte die Drachin und ließ sich wieder auf dem Höhlenboden nieder. »Allerdings«, antwortete Rhapsody. »Ich hoffe, von dir zu erfahren, wie man ein Drachenkind austrägt und sich dabei nicht allzu schlecht fühlt.« Wie fühlst du dich jetzt?, fragte die große Bestie. Rhapsody dachte nach. Die Übelkeit war in dem Augenblick verschwunden, als sie die Höhle betreten hatte und vom rhythmischen Plätschern des kleinen Salzsees eingehüllt worden war. Während die Dunkelheit und Enge des Ortes sie an die Wurzel des Weltenbaumes erinnerten, lag hier Liebe in der Luft, die Rhapsodys Angst, welche sie manchmal an unterirdischen Orten befiel, im Zaum hielt. Die Meeresschätze waren ein Zeichen für die Liebe der Drachin zu ihrem verstorbenen serenischen Seemann Merithyn dem Eroberer, der diesen Ort vor tausend Jahren entdeckt und unwissentlich eine Dynastie geschaffen hatte, welche den Kontinent gegründet und wieder zerstört hatte. Und ihn nun wieder neu gründete. »Besser«, sagte sie. »Beinahe gut.« Die Drachin betrachtete sie mit einer Mischung aus Besorgnis und Zärtlichkeit. »Kümmerst du dich an meiner statt eine Weile um meine Frau, Urgroßmutter?«, fragte Ashe und half Rhapsody in einen Liegestuhl, der mit einem in den Stein der Höhle gerammten Dreifuß an der Wand befestigt war. Natürlich, sagte die Drachin, indem sie den Wind als Stimme benutzte. Habt ihr schon einen Namen für das Kind ausgesucht? Die werdenden Eltern schauten einander an. »Wir haben uns einen überlegt, aber wir wollen abwarten, wie das Kind aussieht und sich verhält«, erklärte Rhapsody. Sehr gut, meinte Elynsynos. Ihr wisst aber sicherlich, dass das Kind einen Namen braucht, um überhaupt geboren werden zu können. »Äh, nein, das wusste ich nicht«, gestand Rhapsody. Ein Drache schlüpft in elementarem Zustand aus dem Ei, belehrte Elynsynos sie. Da Drachen hauptsächlich das Erbe der Erde besitzen, aber auch das aller anderen Elemente, bestimmt der Name wesentlich, wie das Kind sein wird. Wählt ihn also weise aus. Viele Drachinnen sind nach dem Eierlegen reizbar, und die Namen, die sie ihren Abkömmlingen geben, wenn sie diese ausbrüten, führen oft zu noch reizbareren Drachen. »Wird das bei unserem Kind genauso sein?«, fragte Ashe, während er sich neben einen gewaltigen Haufen aus Münzen setzte, die aus einem blauen, aus den Tiefen der Berge stammenden Metall bestanden. »Er oder sie wird kein voll entwickeltes Drachenkind sein. Ich hoffe, dass es wegen des stark verdünnten Blutes sogar wenig drachenhaft ist.« Die große Bestie zuckte die Schultern; es war eine Geste, die Rhapsody zum Kichern brachte. Jeder Drache ist anders, sagte Elynsynos. Man kann nie wissen, was die Kombination verschiedener Blutarten hervorbringen wird. Schließlich gibt es nur wenige Drachen auf der Welt, und alle, die ich kenne, sind mit mir verwandt. Meine drei Töchter Manwyn, Rhonwyn und Anwyn sind Drachinnen der ersten Generation, und von ihnen hat sich nur Anwyn fortgepflanzt. Die einzigen anderen lebenden Drachen, die ich kenne, sind Anwyns drei Söhne Edwyn, Llauron und Anborn und natürlich du, Gemahl meiner Schönen. Ihr alle seid unterschiedlich, auch wenn es eine gewisse Familienähnlichkeit gibt. Wer kann da sagen, wie euer Kind sein wird? Der Junge oder das Mädchen wird halt so sein, wie er oder sie ist. Ashe lächelte seine Urgroßmutter an. »Weise Worte. Wir werden unser Kind lieb haben, wie es auch sein mag. Ich hoffe, du hilfst uns dabei, es in den Überlieferungen der Drachen zu unterrichten. Bei mir hat das niemand getan. Ich glaube, es hätte mir geholfen, meine zweite Natur, diese nichtmenschliche Seite, besser zu verstehen.« Die große Bestie schnaubte. Die Drachennatur ist geradeheraus, Gemahl meiner Schönen, sagte sie ein wenig beleidigt. Es ist das menschliche Blut, das die Drachennatur widersprüchlich macht. Die Drachen beschützen ihr Land, weil es ihre Pflicht ist. Wir sind die letzten Wächter der uranfänglichen Erde; sie lebt in uns wie in keiner anderen Kreatur. Wir allein begreifen das Risiko des Todes, die Endgültigkeit des Endes, weil wir im Gegensatz zu anderen Geschöpfen keine Seele haben. Kein Drache würde je einen anderen Drachen töten, wie sehr er ihn auch hassen mag, denn wir wissen, dass unsere Rasse bestehen bleiben muss. Das ist eine Weisheit, die älter ist als ich – die älter als wir alle ist. Ich weiß nicht, ob die Abkömmlinge der Drachen es ebenfalls wissen. Ich vermute, dass es bei Anwyns Söhnen der Fall war. Sie haben nie versucht, einander oder ihre Mutter umzubringen, auch wenn es ihnen möglich war – besonders Llauron. Aber was Anwyn angeht, so weiß ich nicht, ob sie sich an die Drachenart halten würde, wenn es ihren Zielen nicht diente. Die Drachin beäugte Ashe, wobei prismatisch gebrochene Lichtblitze über die Münzen tanzten, die verstreut in der Höhle herumlagen. Über dich sind noch keine Geschichtsbücher geschrieben. Wir müssen abwarten, ob du den Drachengesetzen treu bleibst oder ob dich dein Mischblut auf andere Wege führt. »Es stimmt, an meinen Händen klebt Blut«, sagte Ashe mit melancholischer Stimme. »Soweit ich weiß, habe ich nie jemanden meiner eigenen Art getötet. Aber ich hatte die Gelegenheit, meine Großmutter aus der Luft zu holen, als sie das cymrische Konzil im Tiefflug angegriffen und meine Frau in die Luft entführt hat, und ich hätte ihr ohne Zögern das Herz herausgerissen. Doch glücklicherweise hat Rhapsody das für mich getan, und ich kann nicht behaupten, über ihren Tod traurig zu sein. Sie war eine verbitterte, blutrünstige, bösartige Frau, und ihr Tod war für alle ein Segen.« Unzeitiger Tod ist nie ein Segen, sagte die Drachin traurig. Das sagst du, weil du es nicht besser weißt. Ich hatte es auch nicht besser gewusst, bis Merithyn starb. Vorher hatte ich den Tod nie gespürt, sein böses Brennen nie zwischen den Zähnen gefühlt. Die Geschöpfe, die ich verzehrt habe – Hirsche, Rehe und dergleichen –, haben den Tod in meinen Fängen erlitten, doch mit ihrem Vergehen war das Leben gekommen; daher hatte es nicht denselben bitteren Geschmack. Merithyns Tod hingegen war ein so vollständiges Ende, dass er einen Teil meines Lebens mit in den Abgrund gerissen hat. Auf der Liege streckte Rhapsody die Hand aus und streichelte die gewaltige Schulter der Drachin. »Merithyn hat sein Leben für die Rettung seines Schiffes und eines großen Teils der Ersten Flotte hingegeben. Auch aus seinem Tod ist Leben erwachsen, Elynsynos. Es war ein großes Opfer, für ihn und für dich, doch es hat einer ganzen Nation das Leben geschenkt. Vielleicht war es eines der größten Opfer in der Geschichte.« Die Drachin schüttelte heftig das Haupt. Nein, meine Schöne. Ich will dir sagen, was das größte Opfer war. Es ist wichtig, dass ihr beide es wisst, weil es sich um das Erbe eures Kindes und seines Drachenblutes handelt. Ich will euch vom Ende erzählen. Ihr kennt die Geschichten aus der Vor-Zeit von den großen Kämpfen zwischen den fünf erstgeborenen Rassen, als die Kinder der Luft, der Erde, des Wassers und des Äthers, die Kith, die Drachen, die Mythlin und die Seren sich zusammenschlössen und die zerstörerische fünfte Rasse, die Feuerdämonen der F’dor, in das Innere der Welt verbannten, wo sie der Erde keinen Schaden mehr zufügen konnten. Und ihr wisst zweifellos auch, dass die Rolle, welche die Drachen dabei spielten, in der Hingabe des Lebendigen Gesteins bestand, damit die Gruft der F’dor damit versiegelt werden konnte, ja? »Ja«, sagte Ashe. Aber was du nicht weißt, mein Urenkel und Gemahl meiner Schönen, ist der Umstand, dass die Gruft trotz der großen Menge an Lebendigem Gestein die F’dor nicht vollkommen einkerkern konnte. Der Stammvater aller Drachen, der Erste unserer Rasse, erkannte, dass der Käfig aus Lebendigem Gestein sie auf Dauer nicht zu halten vermochte. Also machte er das größte Opfer der ganzen Geschichte. Dieses Opfer ist allen Drachen als Das Ende bekannt. Bei der Entscheidung eines Drachens, sein Leben aufzugeben, muss man bedenken, dass wir kein Nachleben haben – zumindest kein bewusstes. Meistens wird diese Entscheidung am Ende eines sehr langen Lebens getroffen. Dann ist der Drache zu müde, um weiterzuleben, er leidet Schmerzen und ist erschöpft und versucht daher nicht länger, am Leben zu bleiben. Also beendet er es. Diese Art des Endes lässt etwas von ihm zurück: Das Blut, das in seinen Adern floss, wird zu Gold. Und etwas von dem, was der Drache zu Lebzeiten war, bleibt darin enthalten: Geiz und Besitzanspruch. Warum sind die Menschen so hungrig nach einem weichen, gelben Metall, das ihnen doch gar nichts nützt? Sie können ihren Hunger nicht damit stillen oder sich damit heilen, wenn sie krank oder verletzt sind. Sie können es nicht einmal zu Waffen schmieden. Dennoch führen sie Kriege darum, begehen dafür alle Arten von Verbrechen und verlieren sogar ihre Seele daran. So würde es auch ein Drache tun. »Darüber habe ich noch nie nachgedacht«, gestand Rhapsody und machte sich Notizen in ihrem kleinen Buch. Der Stammvater erkannte also, dass die F’dor irgendwann aus der Gruft entkommen würden. Nach all dem Sterben, all der Zerstörung und allem, was im Kampf um ihre Einkerkerung geopfert wurde, begriff er den unermesslichen Preis dafür. In dem Augenblick, da das Schloss der Gruft von innen gesprengt wurde, wand der Stammvater seinen unvorstellbar großen Körper um die Gruft und versiegelte sie auf diese Weise. Er hatte sich im ätherischen Zustand befunden. Sobald er die Gruft mit seinem eigenen Selbst umschlossen hatte, erledigte er sich nach und nach seiner elementaren Eigenschaften – des Äthers, der Erde, des Wassers, der Luft und des Feuers. Sein Körper vertrocknete und verhärtete sich zu einer gewaltigen Hülle, welche die Gruft umgab und die F’dor am Entkommen hinderte. Er führte sein eigenes Ende herbei. Das ist sein Vermächtnis – und es ist gleichzeitig das Vermächtnis eures Kindes. Jeder Drache hat die Macht, das Ende herbeizuführen, aber meines Wissens hat es seitdem niemand mehr getan, denn es ist die vollständigste und endgültigste Form des Todes. Dabei bleibt von einem nicht einmal etwas in Gold und Edelstein zurück, das eines Tages die hohlen Köpfe der Könige oder die Brüste eitler Damen schmücken könnte. Drachen haben eine stärkere Beziehung zur Erde als alle anderen Wesen, weil wir ihr zu ihrem Schutze mehr als alle anderen geopfert haben. Der Herr und die Herrin der Cymrer sahen einander schweigend an. Das ist also die Geschichte, schloss Elynsynos mit einem leichteren Ton in ihrer vielfarbigen Stimme. Nun, Gemahl meiner Schönen, solltest du etwas essen, damit du gestärkt für die Heimreise bist, und du darfst uns oft besuchen kommen. Ein Tablett mit Würstchen und Schalen mit Schinken erschienen auf dem Höhlenboden. Ashe lachte. »In Ordnung, ich habe den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. Also gut, Urgroßmutter, ich werde essen und mich auf den Weg machen, damit du den Besuch meiner Frau endlich genießen kannst. Ich weiß, wenn ich unerwünscht bin, und ich habe keine Lust, deinen Atem zu spüren, also werde ich mich fügen.« Mach dich nicht lächerlich, sagte die Drachin. Ein Drache muss einen guten Grund haben, wenn er jemanden mit seinem Atem versengen will. Ich habe keinen. Und jetzt nimm etwas Schinken! Dann machst du dich auf den Weg. Nachdem Ashe gegangen war, schaute Rhapsody die Dokumente durch, die Achmed ihr gegeben hatte, wie sie es ihm versprochen hatte. »Ich habe vergessen, dir etwas Wichtiges zu sagen, Elynsynos«, meinte sie, während sie vorsichtig die Papiere durchblätterte und den Musik-Code übertrug, in dem das Manuskript abgefasst war. »Zur Tauperiode habe ich meinen Freund Achmed gebeten herzukommen.« Die Drachin atmete langsam ein. Hast du ihm gesagt, wo ich zu finden bin? »Nein«, entgegnete Rhapsody rasch. »So etwas würde ich nie ohne deine Erlaubnis tun. Ich habe ihm gesagt, er soll zum Tarafel gehen, und ich würde ihn von dort aus mit meinem Gesang zu dem Ort leiten, an dem ich ihn treffen möchte. Er kann dem Klang seines Namensliedes überallhin folgen. Ich will dich nur darauf vorbereiten, dass Achmed und ich zuweilen heftig miteinander streiten. Das ist kein Anzeichen dafür, dass er mir etwas zu Leide tun will, sondern ganz normal unter uns. Bitte misch dich nicht ein, falls wir uns streiten sollten. Ich möchte nicht zusehen müssen, wie er an einem Spieß über seinem eigenen Lagerfeuer geröstet wird.« Also gut, meinte die Drachin, auch wenn sie nicht begeistert klang. Von nun an genossen sie die Gegenwart des anderen. Die Drachin erfreute sich an ihrer Freundin, und die cymrische Herrscherin übersetzte die Dokumente, bis sie erzitterte, als sie begriff, was sie bedeuteten. Mit bebenden Händen legte sie das Manuskript zurück in die Metallkassette und schloss sie rasch. Ein Brechreiz überkam sie, doch er rührte nicht von ihrer Schwangerschaft her. »O heiliger All-Gott!«, flüsterte sie. 26 Gwynwald — Südlich des Flusses Tar’afel Als Ashe sich dem gegenüberliegenden Ufer des kristallartigen Sees näherte, hinter dem sich das Nest der Drachin Elynsynos befand, spürte er ein unerwünschtes Prickeln im Rückgrat, das über die Haut bis in die Fingerspitzen ausstrahlte. Einen Herzschlag später war es verschwunden. Er hielt im verharschten Schnee an und drehte sich wütend um. Er hatte die Schwingungen erkannt und suchte nach ihrer Quelle, doch in dem alten Wald war nichts zu sehen. Die tiefe, üppige Farbe der immergrünen Zweige hob sich scharf gegen die bloßen Stämme und Äste der Laubbäume ab, die silbern und kahl dastanden oder bedeckt waren von toten, roten und rostbraunen Blättern, die im starken Winterwind bald fortgeweht würden. Die Brise, die nun durch die Lichtung blies, war scharf und kalt. »Wo bist du, Llauron?«, fragte der Herr der Cymrer in die Luft. Nichts als der Wind und die Kräuselungen an der Oberfläche des Sees antworteten ihm. Wütend packte Ashe den Griff seines Schwertes und zog es rasch aus der Scheide. Kirsdarke, die Klinge aus elementarem Wasser, wurde in seiner Hand lebendig und war wie die schäumenden Wellen des Meeres; ihr schimmernder, flüssiger Zorn glich dem von Ashe. Er hielt sie gegen die Augen und schaute hindurch. Die Welt hinter den Kräuselungen erschien matt und stumpf wie ein alter Grabstein, dessen Inschrift mit der Zeit immer blasser geworden war. Wie wenn Wasser auf einen solchen Stein rinnt und die Vertiefungen der Schrift wieder sichtbar macht, so wurde durch die Klinge hinter dem Rand der Lichtung eine elementare Gestalt sichtbar, die dem menschlichen Auge üblicherweise verborgen blieb. Ein großer Drache glitt durch die Luft über dem Boden; er war grau und silbern wie die Zweige der Ahornbäume. »Ich sehe dich, Vater«, sagte Ashe verärgert. »Du kannst dich ruhig zeigen.« Ein Seufzer der Enttäuschung pfiff wie eine Brise durch den Wald. »Mit dir konnte man nie Verstecken spielen«, sagte ein leichter, wohltönender Bariton. »Schon als Kind war dein Drachensinn scharf. Wenn du mehr als ein paar Atemzüge brauchtest, um mich zu finden, wussten wir beide, dass du mir nur schmeicheln wolltest.« »Ich bin aus dem Spielealter heraus«, sagte Ashe verbittert und steckte Kirsdarke mit einer wilden Bewegung zurück in die Scheide. »Vor drei Jahren habe ich dir gesagt, du sollst dich von mir und meiner Familie fern halten. Obwohl du überall im Äther herumlungern und mit den Elementen reden könntest, was du dem Beisammensein mit deiner Familie vorgezogen hast, bist du hier draußen vor Elynsynos’ Nest. Welch ein Zufall! Was willst du?« »Nichts Böses, das kann ich dir versichern«, sagte die Stimme mit gereiztem Unterton. »Es ist nicht nötig, so grob zu sein. Ich bin dein Vater, Gwydion, oder wenigstens war ich das zu meinen Lebzeiten als Mensch.« »Was du freudig für eine hohle Unsterblichkeit geopfert hast«, sagte Ashe und zupfte an seinen Lammfellhandschuhen. »Und zum Nachteil des Seelenfriedens meiner Frau. Sie hat manchmal immer noch Albträume, in denen sie dich auf deinem falschen Scheiterhaufen mit einem Sternenlichtblitz aus ihrem Elementarschwert in Brand gesetzt hat, weil du es so wolltest. Ich habe es dir damals gesagt, und ich sage es dir jetzt wieder: Halte dich von Rhapsody fern. Sie hat für deine elementare Drachenschaft einen hohen Preis bezahlt, und ich will sicherstellen, dass so etwas nie wieder vorkommt.« »Deine Frau hat mir schon vor langer Zeit vergeben, Gwydion«, sagte die Stimme. Die Luft zwischen den Bäumen bewegte sich, nahm Umriss und Gestalt an und verdichtete sich, bis sie zu einer gewaltigen, dunstigen Schlange mit schimmernden, aschfarbenen Schuppen wurde, auf denen es abwechselnd golden und silbern aufblitzte. Die gewaltigen Schwingen waren gefaltet, und nur der schlangenartige Körper war sichtbar, der von den Nüstern bis zur Schwanzspitze mehr als hundert Fuß maß. »Es ist schade, dass du nicht ihrem Beispiel gefolgt bist.« »Ich kümmere mich mehr um ihr Wohlergehen als sie selbst«, gab Ashe angespannt zurück und starrte dem gewaltigen ätherischen Drachen in das facettenartige Auge, in dem eine längsgeschlitzte Pupille steckte. Diesen Blick hielten nur wenige Menschen aus, ohne sich dem Willen der Bestie auszuliefern, doch Ashe blinzelte nicht einmal, so stark war sein Drachenblut. »Und deshalb will ich allen Ärger, jede Belästigung und Beeinflussung von ihr fern halten – all das hast du ihr schon angetan. Scher dich fort. Du hast hier nichts verloren.« Der Wind rauschte durch die verschneite Lichtung, hob das körnige Tuch aus Schnee und trieb die Kristalle in flatternden, tanzenden und zuckenden Bändern vor sich her; dann fiel er wieder zu Boden und rutschte über die Erde. Schließlich sprach der Drache mit einer Stimme, die tief wie das Meer war und in der unmissverständliche Traurigkeit schwang: »Du möchtest mich von meinem eigenen Enkel fern halten?« Ashe stieß scharf die Luft aus. »Das ist es also, nicht wahr? Du hältst nach dem Kind Ausschau. Warum? Was willst du mit einem Kind anfangen? Du hattest einmal eines, wenn ich mich recht erinnere, und es war kaum mehr für dich als ein Werkzeug, mit dem du deine Ziele erreichen wolltest. Welche Ziele hast du jetzt noch, Llauron? Ich hatte geglaubt, solche Dinge fielen mit der Asche des sterblichen menschlichen Körpers ab, den du im Kohlenbett deines Scheiterhaufens zurückgelassen hast, nachdem du meine Frau überzeugt hattest, dich ohne ihr Wissen in dein elementares Selbst zu verwandeln. Hast du nichts Besseres zu tun, jetzt, da du der Wind, das Feuer, die Erde, das Wasser und der Äther und sicherlich auch die schiere Galle bist?« »Mir scheint, du glaubst, ich sei immer das Letztere gewesen«, sagte Llauron, entfaltete seine dünnen Schwingen und streckte sie träge. Sie fuhren wie Nebel ohne Widerstand durch die Äste und Farne des Waldes. »Ich fürchte, das kann ich nicht bestreiten. Aber fällt dir die Vorstellung wirklich so schwer, Gwydion, dass ich in meinem hohen Alter dieselben Freuden erfahren will wie jeder andere werdende Großvater, der sich an seinen Nachkommen ergötzt?« Der hässliche Laut, der aus Ashes Kehle kam, war sowohl ein Gurgeln als auch ein Husten. »Ja, das ist es«, sagte er nur. »Du willst Großvater sein?« »Allerdings.« Die Bestie schlug mit den Luftflügeln und fegte damit viele trockene Blätter von den Zweigen. »Enkel sind eine zweite Gelegenheit, das Glück zu erfahren, das uns beim ersten Mal möglicherweise entgangen ist, Gwydion. Stelle nicht mein Verlangen infrage, die Abkömmlinge meines Blutes kennen zu lernen. Wenn du etwas über unsere Rasse weißt, dann, dass es – falls überhaupt – nur wenig gibt, was einem Drachen wichtiger ist als Nachkommenschaft.« »Ja, das ist mir durchaus bewusst«, sagte Ashe. Er ging näher an die ätherische Bestie heran und stellte sich zwischen sie und den Weg zu Elynsynos’ Höhle. »Und da mir meine eigene Nachkommenschaft wichtiger ist als jegliches andere, werde ich alles Nötige tun, damit sie nicht das Vergnügen haben muss, so lange von einem Mitglied der Familie beeinflusst zu werden, bis sie sich nutzlos, sinnlos oder gar verdammt fühlt. Das sind Gefühle, die ich dank meiner zärtlichen Erziehung sehr gut kenne. Ich will nicht, dass mein Sohn oder meine Tochter sie je empfinden muss. Niemals. Und ich weiß, dass Rhapsody derselben Meinung ist. Halt dich also von diesem Ort fern. Ich glaube nicht, dass deine Einwände ehrlich gemeint sind. Ich bin mir sicher, dass auch hier ein anderer Beweggrund die Hauptrolle spielt, ein versteckter Grund, der dir zum Nutzen und allen anderen zum Schaden reicht. Aber da die anderen meine Frau und mein Kind sind, werde ich es nicht erlauben. Gerade weil ich zum Teil ein Drache bin, ist nichts anderes mir wichtig. Geh fort.« Der Ausdruck der Trauer verschwand in den prismatischen Augen der Bestie und machte etwas Strengerem Platz. Es war ein Ausdruck, den Ashe erkannte, auch wenn er ihn bisher nur in dem menschlichen Gesicht seines Vaters gesehen hatte. Llauron schaltete vom Gefühlvollen und der Zurschaustellung von Schwäche um zum Logischen, worin seine Stärke lag. »Du willst mich also zum Besten des Kindes von ihm fern halten?« Der Kopfschmerz hinter Ashes Augen stach heftig zu. Er rieb sich die Augen mit den Knöcheln und versuchte ihn zu bekämpfen. »Und zu Rhapsodys Bestem«, sagte er und zuckte zusammen. Der Drache nickte nachdenklich. »Und deiner Ansicht nach ist es besser für dein Kind, wenn es aufwächst, ohne seinen Großvater zu kennen?« »Traurigerweise ja.« »Wie kurzsichtig zu bist.« Der große graue Drache streckte die Flügel ein wenig aus und peitschte dadurch die Eiskristalle auf der Oberfläche des Schnees; die leichte Brise trieb sie Ashe in die Augen. »Ist dir schon der Gedanke gekommen, dass dein Kind, das gezeugt wurde, als dein Drachenblut auf dem Höhepunkt seiner Kraft war, noch drachenartiger sein könnte als du? Es wird nur wenige Lehrmeister haben, die wie es selbst sind; Drachen sind schon selten genug. Doch jene, die mit dem Kind eng verbunden sind, sind noch seltener und weit voneinander entfernt...« »Er oder sie kann von Elynsynos lernen«, sagte Ashe knapp. Es ärgerte ihn, dass das Gespräch noch immer nicht beendet war. »Sie ist seine Ururgroßmutter, eine reine Drachin, kein bloßes Wesen mit Drachenblutanteil wie du und ich. Niemand weiß so gut wie sie, wie es ist, Drache zu sein. Ich bin sicher, dass sie meinem Kind gern die Drachenart und Drachenweisheit beibringen wird. Außerdem hat sie Rhapsody und mich noch nie betrogen. Also vielen Dank für dein großzügiges Angebot, aber ich glaube, die Erziehung des Kindes ist geregelt.« »Meine Großmutter ist nicht als menschliches Wesen durch die Welt gegangen«, sagte Llauron sanft. Die silbernen Schuppen glitzerten im staubigen Schimmer der Lichtung auf. »Sie hat nur menschliche Gestalt angenommen – oder genauer serenische –, um die Aufmerksamkeit Merithyns auf sich zu lenken. Sie mag die alten Zeiten kennen, wie es bei mir nicht der Fall war, so lange ich eine menschliche Gestalt hatte, doch da ich nun mit den Elementen vereint bin, kenne ich diese Geschichten ebenfalls, Gwydion. Und ich habe viel mitzuteilen. Sicherlich willst du nicht alles verwerfen, was ich dich über die Welt gelehrt habe.« Ashe sog heftig die Luft ein und füllte die Lungen mit der frierenden Luft des Waldes. Sie wog schwer in ihm. Die Worte seiner Frau, ausgesprochen als Benennerin auf dem Konzil, das sie und Ashe zu Herrschern über das cymrische Volk bestimmt hatte, klangen ihm in den Ohren. Wenn ich eine Botschaft für euch habe, dann diese: Die Vergangenheit ist vorbei. Lernt aus ihr und lasst sie los. Wir müssen einander vergeben. Wir müssen uns selbst vergeben. Nur dann werden wir wahren Frieden finden. Er betrachtete das Gesicht der ätherischen Bestie, das vor ihm in der Luft hing. Die Augen des Wesens blitzten vor Verständnis, doch es lag noch mehr darin. Ashe wusste nicht, was es war, aber für einen Augenblick wirkte es wie Verlangen oder etwas Ähnliches. Unwillkürlich dachte er an seine Kindheit zurück, an die früheste Zeit, an die er sich erinnern konnte, bevor ihm ein Stück des Seren in die Brust eingesetzt worden war, bevor seine Drachennatur sich gezeigt hatte, damals, in den Tagen der Unschuld, als er bloß ein Junge war, fast allein auf der Welt, nur mit seinem Vater, der es liebte, mit ihm durch die Wälder zu wandern, und der ihm alle Arten von Bäumen und Pflanzen zeigte, der ihm Seemannslieder und alte Volksweisen vorsang, der ihn Segeln und Schwimmen in jenem Ozean lehrte, welcher später ein Teil von ihm wurde. Zu seinem Entsetzen waren diese guten Erinnerungen noch immer da; sie waren nicht, wie er geglaubt hatte, getilgt worden durch Llaurons spätere Selbstsucht und seine Bereitschaft, seinen Sohn und – schlimmer noch – Rhapsody für seine Ziele einzusetzen, wie hehr auch immer sie gewesen sein mochten. »Ich glaube, dass du wirklich Teil des Lebens und der Erziehung deines Enkels oder deiner Enkelin sein willst, Vater«, sagte er schließlich und zuckte unter der Hoffnung zusammen, die er in den grau-blauen Augen des Drachen aufkeimen sah. »Deine Geschichtslektionen mögen wertvoll sein, doch anderes, das du zu lehren pflegst, ist viel gefährlicher und schmerzhafter. Ich wünschte, es wäre nicht so. Es tut mir Leid.« Er drehte sich rasch um, ging in den Wald und ließ Llaurons neblige Gestalt zurück. Die Bestie schaute ihm nach. Llaurons Drachensinn folgte ihm mehr als fünf Meilen und bemerkte den schnellen Schritt seines Sohnes, den Kloß in seinem Hals und das gerötete Gesicht. Als Ashe schließlich jenseits der Reichweite seiner Sinne war, verschmolz Llauron langsam mit dem Wind und verschwand. Er hinterließ auf den trockenen Blättern des Waldes nur eine feine Spur aus Gold, die man dort entdecken kann, wo die Tränen eines Drachen auf die Erde gefallen sind. Das Gemetzel 27 Der Heilige Stadtstaat Sepulvarta Der äußere Ring der Stadt war ein Labyrinth aus weißen und grauen Marmorgebäuden, die in jene Hänge eingelassen waren, welche sich schließlich zum schützenden Gebirge von Sorbold im Süden erhoben. Diese Gebäude – Wohnhäuser, Versammlungshallen und Museen – schimmerten in weiter Ferne im Licht des Morgens und erweckten den Eindruck, als leuchte die ganze Stadt. Als ob dies nicht genug wäre, um der Gegend eine heilige, beinahe magische Patina zu verleihen, erhob sich in der Mitte der Stadt ein gewaltiges Gebilde, das als »der Turm« bekannt war. Es handelte sich dabei um den Turm von Lianta’ar, der großen Basilika des Sterns, der heiligsten aller Elementarbasiliken. Sie war ein Meisterwerk der Architektur, dessen Fundament einen ganzen Häuserblock umspannte und das sich tausend Fuß hoch in die Luft erhob und von einem goldenen Stern gekrönt wurde. Diese leuchtende Spitze enthielt den Legenden nach ein Stück Äther aus dem Stern Melita, der in der cymrischen Überlieferung auch als »das Schlafende Kind« bekannt und im Ersten Zeitalter auf die Erde gefallen war. Sein Einschlag hatte die Insel zur Hälfte versenkt. Der brennende Stern hatte vier Jahrtausende lang unter den Wellen begraben gelegen und den Ozean über sich zum Kochen gebracht, bis er sich schließlich erhoben und auch den Rest der Insel beansprucht hatte. Doch ein Stück von ihm war mit den cymrischen Auswanderern gereist, so hieß es beharrlich in den Legenden, und erhellte nun die Turmspitze, die Tag und Nacht leuchtete und noch aus einer Entfernung von hundert Meilen sichtbar war. Lasarys und die zwei Diener, die dem Gemetzel auf dem Platz von Jierna Tal entkommen waren, waren diesem Licht wie einem Leuchtfeuer gefolgt. Wenn sie auf der Flucht erkannt worden wären, hätte man sie zu Talquist zurückgeschickt, der sie tot glaubte und die Wirklichkeit seinem Glauben angepasst hätte. Daher waren sie langsam und umsichtig gereist und hatten sich einer Karawane aus Pilgern angeschlossen, die in die heilige Stadt zog. Die Pilger hatten sie freundlich aufgenommen – es befanden sich bereits weitere unbekannte Reisende in ihren Reihen – und ihnen erlaubt mitzugehen, bis der Turm in Sichtweite war. Dann trennten sich die früheren Priester von ihnen und suchten nach Nielash Mousa, dem Segner von Sorbold und Seligpreiser ihrer Nation, da sie ihm alles berichten wollten, was sie gesehen hatten. Nun standen sie vor dem Stadttor; der hoch aufragende Turm warf einen tiefen Schatten auf sie. Die in Pilgerroben gekleideten Priester badeten schweigend in der Großartigkeit ihrer heiligen Stadt und deren Turm, während Eiskristalle sie auf dem Wind umtanzten. Der Turm wurde als unmittelbare Verbindung des Patriarchen zum Schöpfer angesehen; daher war ein Blick auf dieses Bauwerk gleichzeitig ein Blick auf die Schwelle des Nachlebens. Lester war der Erste, der die Sprache wieder fand. »Wie können wir den Segner finden, Vater?«, fragte er Lasarys unruhig, während er den Strom menschlichen Verkehrs beobachtete, der in der Hauptsache aus Dienern und Priestern der patriarchalischen Religion bestand, die zusammen mit Kaufleuten, Händlern und Bettlern durch das Stadttor strömten. »Keiner von uns ist jemals hier gewesen. Wenn wir nach dem Weg fragen, wird man uns zweifellos erkennen, denn alle anderen hier scheinen von orlandischem Geblüt zu sein.« Der alte Hauptpriester schüttelte den Kopf. »Haltet den Blick auf den Boden gerichtet und betet, der All-Gott möge uns helfen.« Dominikus steckte nervös die Hände in die Ärmel seiner Robe und trottete mit Lester hinter Lasarys her. Gemeinsam näherten sich die drei Männer dem Stadttor. »Was wollt ihr hier?«, fragte der Wächter mechanisch. Lasarys verneigte sich ehrerbietig. »Wir sind Leinenweber aus Sorbold, Herr«, sagte er sanft. »Wir sind hier, um die Roben Seiner Heiligkeit zu säubern und die Fäden für seine neuen Kleider zu spinnen.« Der Wächter schnaubte und trat zur Seite. Sein Blick war glasig vor Langeweile. Rasch eilten die drei Priester durch die bevölkerten Straßen und machten sich auf den Weg zu dem Haus, in dem der Patriarch lebte. Es war nicht schwierig zu finden. Das Pfarrhaus war ein auffallend schönes Marmorgebäude mit gewaltigen, messingbeschlagenen Türen, das gegenüber dem Turm an die Basilika angebaut war, aber dennoch im Licht der Sternenspitze lag. Es wurde von zwei Soldaten mit Speeren bewacht. »Was wollt ihr?«, fragte die erste Wache, als sich die drei Männer der Tür näherten. »Wir sind Priester aus Sorbold und möchten mit Nielash Mousa sprechen«, sagte Lasarys mit tiefer Stimme und wandte dabei bescheiden den Blick ab. »Wir bitten um eine sofortige Audienz; es ist sehr wichtig.« Der erste Soldat betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen und murmelte dann seinem Gefährten einige Worte zu, worauf dieser nickte. Der Wächter öffnete einen der großen, messingbeschlagenen Türflügel und verschwand im Haus. Einige Zeit später erschien er wieder und grinste selbstgefällig. »Der Seligpreiser ist leider nicht mehr hier«, sagte er. »Er ist nach Sorbold zurückgekehrt. Ihr könnt gehen.« Die drei Priester starrten einander voller Entsetzen an, dann wandten sie sich rasch ab, denn sie wollten die Neugier der Wachen nicht wecken. »Was jetzt?«, fragte Lester verzweifelt. »Vielleicht sollten wir mit dem Patriarchen reden«, schlug Dominikus vor. Lasarys unterdrückte ein bitteres Lachen. »Der Patriarch empfängt jemanden wie uns nicht; das ist gar nicht vorgesehen«, sagte er, während er eine gefrorene Gosse übersprang, in der sich das Wasser von der Straße gestaut und eine Eisfläche geschaffen hatte, die wie frostige Finger in das Pflaster griff. »Wenn er sich nicht mit Staatsoberhäuptern oder Hohepriestern und Segnern bespricht, empfängt er unsere Gebete zum All-Gott und bringt sie ihm dar.« Die beiden Hilfspriester nickten. Jeder Anhänger des patrizianischen Glaubens kannte die Lehre, nach der die einfachen Leute die Gebete ihren Priestern darbrachten; diese wiederum gaben sie an den Hohepriester weiter, der sie dem Segner überantwortete und dieser dem Patriarchen, der sie an den All-Gott richtete. Der Patriarch allein hatte die Möglichkeit, unmittelbar mit dem Schöpfer zu reden; alle anderen konnten es nur mittelbar. »Was sollen wir also tun?«, beharrte Lester. Lasarys seufzte entmutigt. »Wir sollten Lianta’ar besuchen und dort unsere Gebete darbringen«, sagte er. »Vielleicht säubert der heilige Äther im Turm über uns ein wenig von den Schrecken, deren Zeugen wir waren. Vielleicht überkommt uns dann die Weisheit.« Die Priester umrundeten das gewaltige Gebäude und suchten nach dem Eingang. Sie fanden ihn schließlich an der Ostseite des Tempels, der aufgehenden Sonne zugewandt. Die Tore waren aus schimmerndem Messing geschmiedet, in das ein silberner, achtzackiger Stern eingelegt war. Die hoch aufragenden Mauern aus poliertem Marmor und die Kuppel waren höher als alles andere in der bekannten Welt. Für den Hauptpriester und seine beiden Gehilfen, die zwar einen großen Teil ihres Lebens mit dem Dienst an den Gläubigen verbracht hatten, aber bisher noch nie in Sepulvarta oder Lianta’ar gewesen waren, stellte der Schritt über die Schwelle der Basilika beinahe so etwas wie der unmittelbare Eingang in das Nachleben dar. Die Architektur der Basilika war unübertroffen, was ihre Länge, Breite, Höhe und Schönheit anging. Zahllose farbige Mosaike bedeckten Boden und Gewölbe, ausgezeichnete Vergoldungen schmückten die Fresken an den Wänden und die Fenster aus farbigem Glas. Die Männer blieben stehen, denn sie konnten nicht all das in sich aufnehmen und gleichzeitig weiterschreiten. So erging es vielen hundert Gläubigen, die kurz vor ihnen durch die Tür getreten und dahinter in Ehrfurcht erstarrt waren. Nach einigen entrückten Augenblicken schüttelte der Hauptpriester seine Verzückung ab und zupfte an Lesters Ärmel. Rasch bahnten sie sich einen Weg durch die Masse der Gläubigen, die mit offenem Mund die Decke anglotzten, gingen am Lektorenkreis vorbei, wo heilige Texte laut vorgelesen wurden, und begaben sich in eine der Bänke, die den zentralen Altar auf allen Seiten umgaben. Der Altar selbst stand auf einer zylindrischen Erhebung, zu der einige Stufen hochführten. Er war aus einfachem Stein gehauen, aber in Platin eingefasst und konnte von überall aus eingesehen werden. An diesen Altar wurden jede Woche besondere Anliegen, Gebete und Gesuche um Weisheit oder Heilung gerichtet, die die fünf Segner des Glaubens gesammelt und dem Patriarchen zur Darbringung an den All-Gott übergeben hatten. Lasarys betrachtete nun den Altar und legte seine gedankliche Bitte durch die Vermittlung des Patriarchen schweigend dem Schöpfer zu Füßen, auch wenn er dazu gar nicht berechtigt war. O heiliger Vater des Universums, Herr des Lebens, erhöre mein Gebet, denn ich fürchte um diese Welt. Er neigte den Kopf und zwang sich, ruhig zu bleiben. Die Stille in der Basilika, die nur durch den gelegentlichen Widerhall von Schritten und Geflüster durchbrochen wurde, legte sich ihm auf die Schultern, aber keine Worte drangen in seinen Geist. Nach beinahe einer Stunde Meditation hob Lasarys den Kopf und schaute die beiden Hilfspriester an. Dominikus war noch im Gebet versunken; er hatte die Hände vor die Augen gelegt. Lester starrte blicklos den Altar an; auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck stiller Panik. »Irgendetwas?«, fragte er sie leise. Die beiden Priester in der Ausbildung schüttelten den Kopf. Lasarys seufzte. Er erhob sich steif und spürte sein Alter in Knochen und Gelenken. »Also gut, meine Kinder. Wir sollten diesen Ort verlassen und uns in der Stadt umsehen. Vielleicht finden wir jemand aus unserem Orden, bei dem wir Verpflegung erhalten können. Aber nennt niemandem euren Namen, damit er nicht den Weg zurück zu Talquist findet.« Die Diener nickten erneut und folgten dem Hauptpriester aus der Basilika. Als sie in die blendende Wintersonne traten, stach ihnen ein noch hellerer Lichtblitz in die Augen. Er kam von einer Speerspitze, die um Haaresbreite vor Lasarys’ Gesicht zum Stillstand kam. »Bist du der Hauptpriester von Terreanfor?«, wollte der Wächter wissen. »Hast du diese Stadt unter falschen Angaben betreten?« Lasarys, der schon immer ein scheuer Bücherwurm gewesen war, sah dem Mann ins Auge und nickte leicht. »Kommt mit«, sagte der Wächter barsch. Als sich vier weitere Wächter um sie gesellten, funkelten die Augen der Priester, aber sie sagten nichts. Sie neigten die Köpfe unter den Kapuzen ihrer Umhänge und folgten dem Anführer fort von der Basilika. Als sich die Erde unter dem herannahenden Winter verhärtete, verhärtete sich in ähnlicher Weise auch Farons Wille. Jeder neue Tag trieb ihn weiter hinaus auf die frostüberzogenen Felder und durch den jungfräulichen Schnee des inneren Kontinents. Sein einfacher Verstand hatte die Notwendigkeit begriffen, sich zu verstecken und in bevölkerten Gegenden nicht gesehen zu werden, doch jetzt, als er das Land südöstlich von Navarne durchstreifte, in dem es kaum etwas anderes als weite Felder, endlose Straßen und Wälder gab, verlor er seine Angst, gesehen zu werden, und wurde kühn, ja beinahe unbesonnen. Die Kälte der Erde gefiel ihm nicht; er fühlte sich wie ein Kind, das vom Schoß der Mutter heruntergeschoben worden war. Er spürte noch den Herzschlag der Erde und ihre Wärme unter dem dicken Schneetuch, doch das Gefühl der Geborgenheit, das er aus dem Boden unter seinen Steinfüßen im Herzen des Wüstensandes gezogen hatte, war abhanden gekommen und durch wachsende Wut und Unruhe ersetzt worden. Und durch Hass. Er musste weder schlafen noch essen; die Erde nährte ihn durch das Lebendige Gestein, aus dem sein Körper bestand. Die ganze Zeit hindurch buk das dunkle Feuer, das Erbe seines dämonischen Vaters, das Innerste seines Selbst, trocknete den Stein aus, machte ihn hart wie die frostige Erde. Wie seinen Willen. Unter der Kruste derselben kalten Erde hörte die Drachin, wie sich das Echo ihres Namens veränderte. Aaaaaannnnnnnwwwyyyyyyyyyyyyyyynnnnnnn.Til In der Dunkelheit öffnete die Bestie die Augen weit. Der Klang, dem sie seit so langer Zeit folgte, drang durch alle Erdschichten und tönte nun klar und hoch über ihr. Offensichtlich befand sie sich nun genau unter dem Ort, wo ihr Name ausgesprochen worden war. Er schwang wellenartig, als ob sie ihn durch Wasser hörte. Die Bestie sammelte sich und entschied nach einem Augenblick, dass sie tatsächlich ein wässeriges Echo aus einem von einer Quelle gespeisten, dunklen und kalten See über ihr empfing. Trotz aller Verzerrungen war eine Klarheit in ihm, die man nicht leugnen konnte. Ihr Herz raste vor Erregung, die durch grausame Rachegefühle verdunkelt wurde. Mit aller Kraft ihrer titanischen Muskeln bohrte sich die Bestie durch die Gesteinsschichten, kroch mit ungeheurer Stärke voran, gewann an Geschwindigkeit, an Wut und kam der Oberfläche immer näher. Und der bevorstehenden, lieblichen Zerstörung. 28 Immernur — Neutrale Zone Unter dem Ruf des Hauptfahrers hielt die königliche Karawane langsam an. Gwydion Navarne wartete, bis sein Wagen stand, zog den schweren Vorhang zur Seite und schaute hinaus. Salzgischt sprühte in den Wagen und trieb Eiskristalle herbei, die auf der Haut stachen. Er ließ den Vorhang wieder sinken und blickte den Marschall fragend an, der unbequem ihm gegenüber auf der samtbezogenen Bank saß. Der Staatsbesuch in Tyrian, dem lirinischen Waldreich, dessen Titularkönigin Rhapsody war, war recht gut verlaufen. Anborn war größtenteils außer Sichtweite geblieben, denn die Lirin hegten aus der Zeit des cymrischen Krieges noch einen Groll gegen ihn, den sie auf Drängen der Herrscherin erst allmählich überwanden. Deswegen hatte Gwydion seinen ersten offiziellen Staatsbesuch ganz allein unter der Führung von Rial durchstehen müssen, dem Vizekönig Rhapsodys. Beeindruckt war er durch die Waldstraßen der Stadt Tyrian geschritten, die tief innerhalb des Forstes lag, und hatte die Verteidigungsanlagen und erhöhten Wege betrachtet, die von den Baumkronen herabhingen. Er hatte ein Staunen verspürt, das er lange nicht mehr empfunden hatte, als er den Verkehr beobachtet hatte, in dem die Menschen und Waldtiere friedlich dieselben Straßen nahmen. Sein Vater hatte die Lirin immer sehr gemocht und freundschaftliche Beziehungen zu ihnen unterhalten. Gwydion hatte es gut getan zu wissen, dass diese Zuneigung durch das lirinische Volk erwidert wurde. Die schlanken, dunkeläugigen Waldbewohner hatten ihre Häuser und Verteidigungsanlagen sowie ihre Paläste und Wintergärten für ihn geöffnet, als sie ihn gebührend begrüßt hatten. Der Abschied war ihm schwer gefallen, aber sobald seine offiziellen Pflichten erledigt und seine Reise abgeschlossen waren, hatte er Rial und den lirinischen Würdenträgern Lebewohl gesagt und ihnen auf Anborns Anraten mitgeteilt, seine nächsten Ziele seien Minsyth und Immernur in dem von keinem Land beanspruchten Gebiet, das allgemein als Neutrale Zone bekannt war. Er hatte die Staatsgeschenke freudig in Empfang genommen und sich mit ausgezeichnetem canderianischem Branntwein und Kristall aus seiner eigenen Provinz bedankt, wozu Rhapsody ihm geraten hatte, und dann den Marschall abgeholt, damit sie dorthin aufbrechen konnten, wo seiner Meinung nach die wahren Ziele der Reise lagen. Es folgten zwölf Reisetage, der größte Teil davon in Schweigen verbracht, während Anborn aus dem Wagenfenster schaute und alles mit seinen azurblauen Augen in sich aufnahm, die viel von der blutigen Geschichte dieses Landes gesehen hatten. Gwydion respektierte das Schweigen. »Sind wir jetzt endlich in Immernur?«, fragte er schließlich unsicher. Anborn nickte knapp. Gwydion zog den Vorhang wieder zurück, vorsichtiger diesmal. In der Ferne brandete das Meer gegen das windgepeitschte Ufer und schlug mit eisigen Brechern gegen schwimmende Docks. Er sah etwa ein Dutzend Schiffe unterschiedlicher Größen, viele von ihnen meeresmüde und alt und an einem Pier festgemacht, der aus genauso altem, dunklem Holz bestand. Von den Docks führte ein holperiger Weg zu einem kleinen Hafenort, dessen Häuser und Läden aus Holz und Ziegel schon bessere Tage gesehen hatten. Nach unangenehm langem Schweigen hüstelte Gwydion höflich. »Äh, Marschall, warum sind wir hier? Ich hatte geglaubt, Ihr wollt Euch auf Sorbold konzentrieren.« Anborn richtete seinen durchdringenden Blick auf Gwydion. »Wir sind hier, weil Immernur berühmt für seine Bordelle ist«, sagte er. »Das ist ein wichtiger Teil der Erziehung eines jeden jungen Mannes.« Schweißperlen traten auf Gwydions Stirn. »Ich ... ich wusste nicht, dass das Euer Ziel ist«, stammelte er nervös. »Gibt es so etwas nicht auch in Roland?« »In der Tat«, antwortete Anborn matt und schaute wieder aus dem Fenster. »Wenn ich mit deiner Unterrichtung fertig bin, kennst du jedes Hurenhaus von hier bis zum mittleren Kontinent.« Er bemerkte das bleiche Gesicht des jungen Herzogs und blinzelte erstaunt. »Nicht als Kunde, du junger Narr, obwohl nichts dagegen einzuwenden wäre, sobald du etwas älter bist. Bordelle sind ausgezeichnete Orte der Informationen und des Schutzes. Ich habe mich in meinem Leben öfter in Bordellen als in Bunkern versteckt.« »Warum also sind wir hier? Sucht Ihr in den Bordellen von Immernur nach Informationen über Sorbold?« Anborn blickte finster drein, zog den Vorhang zurück und rief dem Hauptmann der berittenen Ehrengarde zu: »Roust! Bring zwei reiterlose Pferde her. Der junge Herzog und ich möchten auf eigene Faust Weiterreisen. Sobald wir weg sind, dürft ihr schichtweise den Hafen besuchen.« Der Hauptmann drehte die Augen nach oben, doch dann schlich sich ein Grinsen in sein Gesicht. »Ja, Herr.« Anborn zwang sich zu einem Lächeln. »Haltet euren Dolch bloß nicht in verdächtiges Lampenöl«, sagte er fröhlich. »Alle Legenden, die ihr über die Bordelle von Immernur gehört hat, sind wahr. Am besten reibt ihr euch danach mit Harz ab, ansonsten werdet ihr dieselben Läuse wie alle Seeleute bekommen, die auf dem weiten Meer unterwegs sind. Verstanden?« »Ja, Herr.« »Gut. Wir werden in etwa einer Woche zurück sein.« Anborn zog den Vorhang wieder vor das Fenster. Er griff unter seinen Sitz und zerrte ein Bündel Kleider hervor, das er Gwydion zuwarf. »Wir sollten unter den besseren Bürgern von Immernur nicht allzu sehr auffallen«, erklärte er und deutete auf das Wappen an Gwydions Brust. »Man stelle sich den Skandal vor.« Er griff um seine nutzlosen Beine, holte ein weiteres Bündel hervor und kleidete sich ebenfalls um. Nach kurzer Zeit waren zwei Pferde gesattelt und ausgerüstet. Gwydion sah zu, wie die Gardisten Anborn beim Aufsteigen auf das eine Tier halfen, dann kletterte er unsicher auf das andere. Anborn zerrte an den Zügeln und ritt auf die Hafenstadt zu. Gwydion folgte ihm. Er hatte keine Ahnung, was sie beim Absteigen erwarten mochte. Sobald sie den Berg in Richtung Immernur überquert hatten, warf Anborn einen Blick zurück über die Schulter; dann wandte er sich nach Osten und ritt einen Handelspfad entlang. Gwydion kämpfte darum, nicht abgehängt zu werden. »Wir ... wir reiten nicht nach ... Immernur?«, keuchte er, während er sein Reittier in dem nutzlosen Versuch antrieb, Anborn einzuholen. »Tut mir Leid, wenn ich deine Lenden in die Irre geführt habe. Nein, wir sind nach Ghant unterwegs«, rief Anborn zurück. »Wenn sie glauben, dass wir bei den Huren sind, breiten sie den Mantel des Schweigens über unsere Abwesenheit.« »Aha«, meinte Gwydion. Seine Stimme signalisierte Enttäuschung, aber in Wirklichkeit war seine Erleichterung gewaltig. Die Aussicht auf gewisse Lektionen in einer Hurenstadt am Meer hatte seinen Magen in Brei verwandelt, besonders im Hinblick auf Anborns Ruf als Hurenbock und auf einige seiner Neigungen. An der windumtosten Küste ritten sie schweigend nach Osten, durch frostgebleichtes Gras und über steinige Pfade, die von langem Nichtgebrauch beinahe zugewachsen waren. Die meisten Seehandelsschiffe der Neutralen Zone gingen in dem westlich gelegenen Minsyth vor Anker, denn Tyrian war für sie ein angenehmerer Nachbar, als es Sorbold für Immernur war. Anborns Behinderung setzte den einzelnen Reiseabschnitten enge Grenzen, doch Gwydion war jedes Mal froh, wenn der cymrische Held eine Pause ankündigte. Gwydion stellte fest, dass er wund geritten war, als er Anborn aus dem Sattel half. Nach einigen Ruhestunden bei einem hastig errichteten Lagerfeuer und einer weiteren Stunde Unterricht im Gebrauch Tysterisks saßen sie wieder auf und ritten weiter. Sie wollten die Grenze ungesehen überqueren. Jedes Mal, wenn Gwydion die beinahe unsichtbare Klinge aus der Scheide zog, spürte er, wie der Wind um ihn erstarb, als ob sogar die Luft auf seinen Befehl lauschte. Anborn schien sein Unbehagen zu spüren, beachtete es aber nicht. Schon zu Beginn der Ausbildung hatte er dem jungen Herzog die Augen verbunden, damit dieser die Schwere der Waffe spüren konnte und nicht von der scheinbaren Abwesenheit der Klinge getäuscht wurde. Gwydion spürte, wie seine Angst Tag für Tag wich. Achmeds Worte hallten ihm im Kopf wider, und Anborns Ermahnungen klangen ihm in den Ohren: Bedenke, dass du die Waffe führst. Lass nicht zu, dass sie dich führt. Sorbold war eine Nation von gewaltiger Ausdehnung, ihre Grenzen waren lang und nur teilweise bewacht, obwohl Anborn mehr als einmal bemerkte, die Anzahl der Truppen und Vorposten sei seit dem Tod der Kaiserinwitwe wesentlich erhöht worden. Als sie schließlich an die Grenze kamen, benötigten sie fast einen ganzen Tag, bis sie eine Stelle gefunden hatten, wo zwei Reiter unbemerkt passieren konnten. Als sich Anborn in jener Nacht vergewissert hatte, dass sie außer Sichtweite der Patrouillen waren, schlugen sie ihr Lager im Windschatten einer alten Taverne auf, die früher einmal eine Station auf der transsorboldischen Straße gewesen war. Anborn hielt ein Feuer für unklug; also deckten die beiden Männer die Pferde zu und setzten sich mit ihren verbliebenen Decken zwischen die Tiere, damit sie deren Körperwärme für sich nutzen konnten. In der mondhellen Dunkelheit zog sich Gwydion die Handschuhe enger um die Finger und beobachtete eingehend den Mann, den er mehr als alle anderen verehrte – mit Ausnahme seines Paten. In Gwydions Gegenwart war Anborn im Allgemeinen recht fröhlich, doch heute Abend wirkte er melancholisch, als er die grobe Pferdedecke glatt strich, unter der sie beide hockten. »Sie hat Dorndreher gehört«, murmelte der Marschall, während er mit der schwieligen Hand über sie strich. Gwydion schwieg. Dorndreher war einer der Soldaten gewesen, dem Anborn vertraut hatte; vielleicht war er sogar der beste Freund des Marschalls gewesen. Im Gegensatz zu ihm war Dorndreher ein uralter Cymrer der Ersten Generation gewesen, ein mürrischer, knorriger Mann, den Gwydion nur schwer hatte verstehen können. Er wartete ab, ob der General ihm noch mehr erzählen wollte; er würde dies nur tun, wenn er nicht dazu aufgefordert wurde. Gwydions Geduld wurde einen Augenblick später belohnt. Anborn schaute durch die löcherige Decke der Taverne und suchte den klaren, kalten Himmel nach Sternen ab. »Das ewige Leben ist der ewigen Jugend nicht ganz unähnlich«, sagte er schließlich. »Als Dorndreher die Insel verließ, war er schon ein recht alter Mann. Welches verfluchte Wesen auch immer den Cymrern die verlängerte Lebenszeit verliehen hat, muss einen kranken Sinn für Humor gehabt haben, weil es so viele zu langem Alter verdammt hat.« Gwydion nickte und schwieg weiter. Der General hatte nicht mehr über Dorndreher gesprochen, seit dieser vor einigen Monaten in einem Hinterhalt getötet und Rhapsody dabei entführt worden war. Anborns Augen leuchteten in der Dunkelheit. »Ich habe ihm immer erlaubt, Feuer zu machen, weil ihm oft so kalt war. Seeleute ...«, schnaubte er mürrisch, aber mit einem Unterton der Belustigung. »Dürre, drahtige Seeratten, die einem Sturm trotzen können, der ihnen die Haut von den Knochen fegt, und einer Kälte, gegen die dieser ungemütliche Ort ein tropisches Paradies ist, so lange sie sich auf ihrem verdammten Wasser befinden. Wenn man sie aber an Land bringt, bibbern sie wie die Kinder.« Gwydion kicherte verstohlen. »Euer Bruder Llauron war doch auch für eine Weile Seemann, nicht wahr? Er schien sich an Land recht wohl zu fühlen, sogar wenn es kalt war.« Er versuchte die Erinnerungen auszublenden, die sich bei seinen eigenen Worten erhoben: Das Bild des Fürbitters auf dem blutigen Winterkarneval, wie er bei dem Angriff inmitten des Winterwindes stand und den Wölfen gebot, sich aus dem Schnee zu erheben und die Reittiere der Feinde zu zerfleischen. Anborn kniff die Augen zusammen. »Llauron hatte schon immer mehr von einem Drachen an sich als Edwyn oder ich. Die Vielfalt der Elementargaben kommt ihm zupass, auch wenn sie all jene verletzt, die um ihn herum sind, besonders meinen nichtsnutzigen Neffen, deinen Paten. Es ist gut, dass er seine menschliche Gestalt aufgegeben hat und als Drache mit seinen Elementen Zwiesprache hält. Soll er auf ewig zufrieden im Äther bleiben!« Gwydion lauschte weiter, aber Anborn sagte nichts mehr. Schließlich schlief der junge Herzog in der Wärme der geteilten Decken und im Schutz vor der Kälte des Winterwindes ein. Im grauen Licht des Morgens erhoben sie sich und setzten ihren Weg fort. 29 Ein großer Mann mit dünnem Körper und noch dünnerem weißen Haarkranz, der die Robe eines Hauptpriesters trug, empfing die drei Priester aus Sorbold an der Schwelle des Patriarchenhauses, zu dem die Wachen sie gebracht hatten. In offensichtlichem Missfallen winkte er sie in das Innere des Marmorgebäudes, entließ die Wachen und schloss die schwere Tür hinter sich. Lasarys erkannte in ihm Gregor, den Hauptpriester von Lianta’ar. In Lasarys’ Orden, den Aufsehern der Elementartempel, war er der höchstrangige Priester. Von ihm hatte Lasarys seine Ausbildung in der tiefen Stille von Terreanfor erhalten, als er dort zum Hauptpriester geweiht worden war. Gregor hatte die Reise bereitwillig unternommen und sich gefreut, die Geheimnisse der Aufsicht über einen derart heiligen Tempel mit einem anderen der fünf Männer zu teilen, die ihr Leben dieser Aufgabe geweiht hatten; doch seit dem Augenblick seiner Ankunft war er sichtlich beunruhigt gewesen und hatte so schnell wie möglich zu seiner eigenen geliebten Basilika zurückkehren wollen. Lasarys verstand genau, was der Mann fühlte. Gregors kleine Augen glühten vor Wut. »Du ekelhafter Idiot«, zischte er Lasarys an, wobei ihm vor Aufregung der Speichel aus dem Mund flog. »Wie kannst du es wagen, die Kette der Gebete zu durchbrechen? Und wenn du schon so keck bist und die Ordnung zerstörst, indem du unmittelbar den Schöpfer anbetest, wie kannst du die Kühnheit besitzen, das ausgerechnet in der Basilika des Patriarchen zu tun? Ist dir nicht der Gedanke gekommen, dass er es spüren könnte und deine Durchbrechung die täglichen Bittgebete zerstört?« »Es ... es tut mir Leid, Vater«, flüsterte Lasarys, als ihm die Schwere seines Verbrechens dämmerte. »Ich ... ich war verzweifelt und konnte nicht mehr klar denken.« »Der Hauptpriester einer Elementarbasilika darf sich einer solchen Verfehlung nicht schuldig machen«, gab Gregor zornig zurück. »Du kannst dir die Auswirkungen auf den gesamten patriarchalischen Glauben gar nicht vorstellen. Was machst du überhaupt hier? Der Hauptpriester einer Elementarbasilika darf diese nicht verlassen.« Er beugte sich vor, um einen tödlichen Streich in der Form von Worten loszulassen. »Hoffentlich war deine Selbstgefälligkeit den Verlust deines Postens wert. Ich bin sicher, dein neuer Herrscher wird nicht begeistert sein, vor seiner eigenen Amtseinsetzung einen neuen Hauptpriester weihen zu müssen.« Lasarys schluckte, und die beiden Diener wurden bleich. »Werde ich meines Amtes entkleidet?«, fragte er zitternd. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Bitte, Vater, wir können nicht zurückgehen«, platzte Lester heraus. Gregor hob die Hand und erstickte so seinen Einwand. »Seine Heiligkeit hat befohlen, euch in Haft zu nehmen, bis er euren ungeheuerlichen Fehler so weit wie möglich berichtigt hat«, sagte der Hauptpriester von Lianta’ar hochnäsig. »Folgt mir. Ihr wartet im Hospiz, wo ihr mit euren Abtrünnigengebeten keinen weiteren Schaden anrichten könnt.« Die drei Priester folgten ihm niedergedrückt durch die dunklen, fensterlosen Korridore des Marmorhauses, an Wänden mit Gobelins und schweren Räucherpfannen aus Messing vorbei, aus denen dünne Fäden wohlriechenden Rauchs aufstiegen. Sie wurden tief in das Gebäude hineingeführt, durch endlose Flure und an zahlreichen gleichartigen Türen entlang, bis schließlich der Hauptpriester vor einer schweren Mahagonitür stehen blieb und sie mit einer Geste der Verachtung öffnete. Hinter der Tür befand sich eine kleine Kapelle mit einem einfachen Altar und harten, lehnenlosen Bänken. Über dem Altar hing eine Skulptur, die den silbernen Stern des Patriarchats darstellte; darüber hinaus gab es keinen weiteren Schmuck. »Wartet hier«, befahl Gregor. Er verharrte, bis die Priester den Raum betreten hatten; dann schloss er die Tür heftig hinter ihnen. Eine scheinbare Ewigkeit hockten die Sorbolder auf den harten Holzbänken und dachten schweigend über ihre Zukunft nach. Der fensterlose Raum ermöglichte es ihnen nicht, zu beobachten, wie der Morgen dem Nachmittag wich, doch sie spürten die Bewegung der Sonne an dem wechselnden Leuchten des silbernen Sterns über dem Altar. Schließlich wurde die Tür wieder geöffnet, und Gregor kehrte mit düsterem Blick zurück. Einen Herzschlag später schritt ein weiterer Mann durch die Tür. Er überragte Gregor um Haupteslänge und war in ein silbernes Gewand mit eingesticktem Stern gekleidet. An seiner Hand glänzte ein einfacher Platinring, in den ein durchsichtiger, ovaler Stein eingelassen war. Sein Haar war vor Alter grau und silbern geworden, auch wenn es noch weiß-blonde Strähnen gab, sodass man erkennen konnte, wie es in seiner Jugend ausgesehen haben musste. Sein Bart war lang und an den Enden leicht gekräuselt, und die Augen waren klar und blau wie ein wolkenloser Sommerhimmel. Sofort warfen die drei Priester sich ihm vor die Füße. Der Patriarch bedeutete Gregor, die Tür zu schließen, und zeigte dann mit einer gewissen Ungeduld auf die am Boden liegenden heiligen Männer. »Steht auf«, sagte er mit barscher, befehlender Stimme. »Ich mag es nicht, wenn meine Priester auf dem Boden herumkriechen.« Die beiden Diener halfen Lasarys aufzustehen. Der alte Hauptpriester zitterte, und sein Gesicht war weiß vor Furcht. Vor langer Zeit hatte er das Privileg gehabt, den vorigen Patriarchen, den man nur sehr selten sah, bei der Amtseinsetzung Nielash Mousas zu beobachten, der nun als Segner von Sorbold wirkte. Der Patriarch war ein gebrechlicher Mann mit dem gleichen dünnen Haarkranz gewesen, der auch Gregors ansonsten kahles Haupt zierte, und dessen altersschwache Gestalt sich unter dem Gewicht seiner Robe gebeugt hatte. Constantin, der neue Patriarch, der erst vor wenigen Jahren in sein Amt eingeführt worden war, war ein völlig anderer Mann. Obwohl er offensichtlich schon lange lebte, hielt er sich wie ein ehemaliger Athlet oder Soldat. Seine Schultern waren breit und ungebeugt, und seiner Haltung haftete etwas Königliches, ja beinahe Anmaßendes an, obwohl sein Gesicht keine Spur von Überheblichkeit zeigte. In seiner Eigenschaft als Hauptpriester hatte Lasarys seinem Segner Nielash Mousa bei den zwei Staatsbesuchen des Patriarchen geholfen. Der erste hatte anlässlich seiner Amtseinsetzung stattgefunden, bei der er als Namenloser aus der Menge auf dem Platz von Jierna’sid hervorgetreten war und sich präsentiert hatte, als die Waage alle anderen Bewerber um das Amt, das er nun bekleidete, abgelehnt hatte. Er war bestätigt worden; die Waagschale hatte ihn hoch in die strahlend blaue Himmelskuppel gehoben. Es war ein Anblick gewesen, den Lasarys nie vergessen würde. Kurz bevor dieselbe Waage Talquist als neuen Herrscher bestätigt hatte, war der Patriarch noch einmal nach Jierna’sid gekommen, um die Kaiserinwitwe und ihren Sohn, den Kronprinzen Vyshla, zu begraben. Die beiden waren in derselben Nacht im Abstand von wenigen Augenblicken verstorben. Der Patriarch hob segnend die Hand, und die Priester verneigten sich ehrerbietig und machten das vorgeschriebene Zeichen. Dann zeigte der Patriarch auf die Bänke; zögerlich gingen die Priester darauf zu und setzten sich. »Ich muss gestehen, dass ich erstaunt bin, euch lebend zu sehen. Vor wenigen Tagen kam die Nachricht aus Sorbold, dass alle priesterlichen Diener sowie der Hauptpriester von Terreanfor bei einem schrecklichen Feuer im Haus am Nachtberg ums Leben gekommen seien. Der Segner von Sorbold hat unsere Zusammenkunft verlassen und ist sofort nach Hause zurückgekehrt, aber da ihr offenbar die Feuersbrunst überlebt habt, frage ich mich, warum ihr nicht in Jierna’sid seid und bei den Begräbnisvorbereitungen helft. Sag mir, Lasarys, warum du hergekommen bist und auf diese Weise gebetet hast.« Langsam erhob sich der Hauptpriester, ging hinüber zum Patriarchen und kniete sich ihm zu Füßen. »Der Schöpfer möge mich in Asche verwandeln, falls meine Zunge etwas anderes als die Wahrheit sagt«, erklärte er zögernd. »Euer Gnaden, diese beiden Männer können das bezeugen, was ich Euch zu berichten habe. Talquist, der Herrscher über Sorbold, plündert und besudelt absichtlich die heiligsten Orte unseres Heimatlandes, besonders die heilige Basilika von Terreanfor.« Der Patriarch kniff die Augen zusammen und runzelte die Stirn. »Wie plündert er sie?«, wollte er wissen. Die Röte schoss in Lasarys’ gerunzelte Wangen. »Er befiehlt mir, und ich helfe ihm unfreiwillig.« Der Patriarch holte tief Luft. Seine blauen Augen brannten vor kaltem Feuer, doch er sagte nichts, sondern wartete darauf, dass der Hauptpriester fortfuhr. »Vor vielen Jahren war Talquist ein Diener unter meinem Befehl«, sagte Lasarys. Er stand nun aufrecht da, aber seine Stimme zitterte. »Er war ein wankelmütiger junger Mann, der Priester werden wollte, nicht weil er eine Berufung des All-Gottes verspürte, sondern weil er Erkenntnisse im Zusammenhang mit einem Rätsel suchte, das ihn unablässig bedrängte. Er hatte im Sand der Skelettküste einen Gegenstand gefunden, eine Muschel oder Schuppe oder etwas Ähnliches, die an den Rändern ausgefranst und von violetter Farbe ist. Auf der Oberfläche trägt sie das eingeritzte Bild eines Thrones und Runen, die ich nicht lesen kann. Er hat sie zusammen mit mir in der Hoffnung untersucht, dass in den Tiefen unserer heiligen Schriften oder in den Praktiken unseres Glaubens ein Hinweis auf diesen Gegenstand existiere. Als er erkannte, dass seine Studien nichts brachten, verließ er den Tempel und kehrte erst Jahrzehnte später zurück, um als Herrscher bestätigt zu werden.« Der Patriarch machte ein noch gespannteres Gesicht. »Ich hatte geglaubt; Talquist sei nur widerstrebend Herrscher geworden und die Waage habe ihn als Kaufmann dem Heer und der Adelsschicht vorgezogen. Sie erwählte ihn vor einer großen Menge von Zeugen, zu denen sowohl Sorbolder als auch auf Staatsbesuch weilende ausländische Herrscher gehörten.« Der Hauptpriester schluckte schwer. »So sollte es erscheinen, Euer Gnaden«, sagte er nervös, »weil Talquist es so wollte. Er war nur wenige Tage vor dem Tod der Kaiserwitwe und des Kronprinzen nach Terreanfor zurückgekehrt und wollte ein kleines Stück Lebendiges Gestein aus der Basilika haben.« Er zuckte zusammen, als er das Entsetzen im Gesicht des Patriarchen sah. »Er drohte mir, wenn ich nicht ein solch kleines Stück Stein aberntete, so werde er die ganze Basilika einnehmen und sie ohne Rücksicht auf ihre Bedürfnisse ausbeuten. Als er mein Lehrling war, hatte er die Basilika eingehend untersucht und wusste daher, dass es einen geheimen Eingang gibt. Wenn er die Basilika besetzen wollte, könnten seine Wachen ein Heer lange genug fern halten, bis er sie ganz zerstört hätte.« Lasarys’ Mund wurde plötzlich trocken; es war eine Anklage gegen sein Schweigen und die Schuld in seinem Herzen, die aus dunkleren Gründen herrührte, welche er bei seiner Erklärung nicht anführte. »Also habe ich zugestimmt, obwohl es mir das Herz gebrochen hat. Ich fand einen Ort, wo der Stein nicht die Gestalt von Pflanzen oder Tieren angenommen hatte, und nach einem Gebet um Vergebung habe ich ihn geerntet und Talquist gegeben.« »Was hat er damit gemacht?«, fragte der Patriarch. Seine Stimme war plötzlich sanft geworden. »Ich vermute, er hat ihn benutzt, um das Wiegen zu beeinflussen. Ich war nicht dabei, als er es getan hat«, sagte Lasarys traurig. »Aber das war nicht die größte Häresie, Euer Gnaden.« Der Patriarch riss die Augen noch weiter auf, schwieg aber. Lasarys warf einen Blick über die Schulter auf die beiden jungen Priester. Die Männer waren so weiß wie Milch; ihre Gesichter wirkten versteinert. »Sobald er als Herrscher eingesetzt war, gab er mir den Befehl, die Diener sollten eine der riesigen Krieger-Steinstatuen aus der Basilika ernten.« »Aus dem Zeremonialgewölbe?« »Ja. Er bestand darauf, dass es eine ganze Statue sein müsse, die am Fuß abzuschneiden und auf den Platz der Waage in Jierna Tal zu bringen sei. Dieses Opfer hat den Geist der Basilika ganz schrecklich verletzt. Ich habe ihr Leiden gespürt, als die Statue ...« Der Priester brach überwältigt zusammen und weinte. »Erzähl mir auch den Rest«, befahl der Patriarch. »Die Statue, die wegen ihrer Masse an elementarer Erde ausgewählt worden war, wurde auf eine der Waagschalen gelegt. Eine bemitleidenswerte Kreatur, die aussah, als bestehe sie teils aus menschlichem Fleisch und teils aus blasser Qualle, wurde auf die andere Schale gesetzt. Mithilfe des violetten Gegenstandes entstand ein schrecklicher Lichtblitz, und das Geschöpf löste sich auf. Dann erhob sich die Statue aus Lebendigem Gestein. Das war der furchtbarste Anblick, den ich je erlebt habe.« »Wo ist sie jetzt?«, fragte Constantin. Seine Stimme war ruhig, doch die Hand mit dem Ring zitterte nun. Lasarys schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht, Euer Gnaden. Die Statue war zu unbeholfenem Gehen in der Lage. Sie stolperte auf die Wüste zu und zerstörte alles, was ihr im Weg stand. Sie riss sich das Schwert aus der Hand, das ein Teil der ursprünglichen Statue gewesen war, und es zerbröckelte zu trockenem Staub, was vielleicht auch mit der Statue selbst geschehen ist. Wir haben kein Zeichen von ihr mehr gesehen, als wir in die Wüste gegangen sind, um zu Euch zu gelangen. Talquist hatte seinen Truppen befohlen, alle Priester zu töten, die Zeugen seines Verrats geworden waren. Das Feuer, von dem Ihr gehört habt, ist absichtlich gelegt worden. Dann hat er die Soldaten, die ihm bei diesem furchtbaren Unternehmen geholfen haben, ebenfalls töten lassen – außer dem Hauptmann der Wache, dem er vertraut. Wenn wir uns nicht versteckt hätten, wären wir zweifellos auch tot. Wir sind so rasch wie möglich zu Euch gekommen, haben hier unseren Segner und dessen Weisheit gesucht, doch Eure Wachen sagten uns, er sei schon nach Sorbold zurückgekehrt.« Der Patriarch nickte. »Als er die Nachricht von Talquists Boten überbracht bekam, hat er seine Gebete gesprochen und ist sofort nach Jierna’sid zurückgekehrt. Er sollte heute oder spätestens morgen dort eintreffen.« Verzweiflung kroch in Lasarys’ Augen. »Er läuft in eine Falle. Wir können ihn jetzt nicht mehr aufhalten, und da er sich bereits innerhalb der Grenzen Sorbolds befindet, würde jede Nachricht, die wir ihm schicken, von Talquist abgefangen.« Schweiß strömte ihm über die Stirn. »Ich fürchte, er ist ein toter Mann.« Constantin schüttelte den Kopf. »Heute Morgen jedenfalls noch nicht«, sagte er, wandte sich von den Priestern ab und betrachtete den Altar, über dem der silberne Stern hing. »Ich habe die Gebete gespürt, die er im Auftrag seiner Kongregation dargebracht hat. Sorbold ist eine riesige Nation mit vielen Gläubigen. Wenn er seinen Platz in der Gebetskette nicht mehr einnehmen könnte, wäre das sofort bemerkt worden.« »Es ist nur eine Frage der Zeit, Euer Gnaden«, meinte der Hauptpriester traurig. »Talquist mag besessen sein, aber er ist auch berechnend. Der Gegenstand, den er an der Skelettküste gefunden hat, verschafft ihm nicht nur das Gefühl der Macht, sondern auch das der Unverwundbarkeit. Er hat Pläne, große und dunkle Pläne, die mein Begreifen übersteigen, und deswegen spielt er den widerstrebenden Kaufmann, der von der Waage zur Führerschaft berufen wurde. Ich schwöre Euch, dass er diesen Vorsatz schon vor Jahren gefasst hatte.« Der Patriarch wandte sich weder Lasarys zu, noch erwiderte er dessen Blick. »Damit hast du Recht«, sagte er mit einer Stimme, die wie aus weiter Ferne klang. Er stand still und nachdenklich da und hielt den Blick auf den silbernen Stern über dem Altar gerichtet. Schließlich wandte er sich an den Hauptpriester von Lianta’ar. »Nimm diese Männer in deine Obhut, Gregor«, sagte er. »Ich gewähre ihnen hier Asyl. Bring sie im Priorat unter, aber nenne niemandem gegenüber ihre Namen. Morgen werden wir eine Umbenennungs-Zeremonie veranstalten, damit man sie nicht mehr aufspüren kann.« Er richtete seine durchdringenden blauen Augen auf die Priester aus Sorbold. »Welche Wege ihr auch in eurem bisherigen Leben gewandelt sein mögt, welche Andrücke ihr im Sand zwischen diesem Ort und jenem hinterlassen habt, von dem ihr gekommen seid, nun wird alles ausgelöscht. Talquist ist ein Ungeheuer; das weiß ich schon länger als ein ganzes Leben. Ich befehle dies nicht nur zu eurer eigenen Sicherheit. Euer Leben ist zweitrangig. Denn wenn er erfährt, dass ihr hier seid, gerät die heilige Stadt selbst in Gefahr, seinen Zorn zu spüren.« Lasarys erbebte, genau wie Gregor. »Er wird doch wohl nicht Sepulvarta angreifen?«, fragte der Hauptpriester von Lianta’ar. Seine barsche Stimme hatte jeden Schneid verloren und klang wie die eines verängstigten Kindes. Eine solche Schändung war unvorstellbar. Die Stimme des Patriarchen wurde hart und bekam einen drohenden, beinahe öligen Unterton. »Ich kann dir versichern, Gregor, dass er es nicht nur will, sondern sogar schon plant. Die Anwesenheit dieser Männer ist nicht der Grund dafür, sondern unsere Lage zwischen Sorbold und Roland. Er wird auf dem Weg zum inneren Kontinent nur kurz hier anhalten und seine Füße an der Matte von Sepulvarta abwischen.« »Aber ...«, keuchte Gregor. »Euer Gnaden, das ist... das ist unvorstellbar. Eine heilige Stadt anzugreifen und zu zerstören ...« »Man erachtet etwas nur dann für heilig, wenn man um seine Seele fürchtet«, erklärte der Patriarch. »Talquist aber hat keine Seele. Bevor er fertig ist, liegt die Welt in Stücke gerissen da. Und wir werden die Ersten sein, die er unter seinen Stiefeln zertritt. Es ist schon viel zu spät, um ihn aufzuhalten.« Die Priester konnten sich nicht mehr bewegen, als der Patriarch die Tür öffnete und die Kapelle verließ. Er nahm alle Wärme, die in dem Raum gewesen war, mit sich. Constantin wartete unbemerkt, bis die letzte der Türen in der Basilika von Lianta’ar zur Nacht verschlossen und verriegelt war, bevor er sich aus der Sakristei schlich und langsam zu der Erhebung aus kreisförmigen Stufen ging, die zum Altar führten. Das Licht des Sterns schien durch die Fenster in der Decke der Basilika und badete den Altar und den größten Teil des inneren Heiligtums in silbernem Licht. Constantin hatte das traumgleiche Gefühl, als ob er einem Schaft aus Mondlicht in den Himmel folgte. Dieser heilige Ort, diese Zitadelle eines toten Sterns, der in einem anderen Zeitalter herabgefallen war, war einer der wenigen Plätze auf der Welt, an denen er je Frieden verspürt hatte. Etwas an dem ätherischen Glimmen erinnerte ihn an einen anderen Ort, an ein Reich zwischen den Welten, zwischen Leben und Tod, wo sein altes Leben geendet und sein neues begonnen hatte. Er war das Kind einer unbekannten cymrischen Mutter, an deren Gesicht er sich noch erinnern konnte, auch wenn sie nur einen Atemzug lang zusammen gewesen waren, und eines Dämons, und sein früheres Dasein war von geliebter Gewalt und kunstvollem Blutvergießen geprägt. Constantin war in der Zeitrechnung der materiellen Welt noch vor wenigen Jahren Gladiator in den Arenen von Sorbold gewesen, eine gnadenlose Tötungsmaschine, bis er gerettet und in das Reich gebracht worden war, an das er sich nun erinnerte, an einen Ort der Träume, der als die Herrschaft des Fürsten und der Fürstin Rowan bekannt war, ein Ort hinter dem Schleier des Hoen, was auf Altcymrisch Freude bedeutete. Diese Wesen, eine Verkörperung heilender Träume und friedvollen Todes, hatten ihn viel gelehrt. In ihrem Reich war die Zeit der materiellen Welt nur ein Augenblick. Er war nur wenige Monate fort gewesen und doch um eine ganze Lebensspanne gealtert. Er war weise geworden, hatte gelernt und erkannt, dass die Schande seiner Geburt kein Makel, sondern ein Ehrenzeichen war. Er hatte sich gerade damit angefreundet, als die Waage ihn auserwählt und zum Patriarchen gemacht hatte. Die Ironie seiner Lebensgeschichte wühlte nun in seinen Eingeweiden. Er dachte an die Worte, die er zu dem cymrischen Herrscher und dem König der Firbolg gesprochen hatte, als er von Talquists Einsetzung als Herrscher erfahren hatte. Ihr hättet mir keine schlechteren Nachrichten bringen können. Warum?, hatte der König der Bolg wissen wollen. Sagt uns, warum. Seine Antwort hallte in den dunkelsten Abgründen seiner Erinnerung wider. »Kaufmann« ist eine sehr freundliche Umschreibung für das, was Talquist ist. Er ist ein Sklavenhändler der grausamsten Sorte und der geheime Anführer einer Flotte von Piratenschiffen, die mit menschlicher Beute handeln. Die Kräftigen verkaufen sie an die Minen oder, schlimmer noch, an die Arenen, und den Rest benutzen sie als Rohmaterial für andere Güter. Aus dem Fleisch der Alten machen sie Kerzen und Knochenmehl aus den sehr Jungen. Tausende sind in den Arenen von Sorbold getötet worden. Ich kann nicht einmal abschätzen, wie viele weitere den Tod in den Minen und Salzpfannen oder auf dem Meeresgrund gefunden haben. Er ist ein Ungeheuer mit dem Lächeln eines Ehrenmannes und dem Anschein des Normalen, aber er ist und bleibt ein Ungeheuer. Die Waage hat ihn aber bestätigt, hatte der Herrscher der Cymrer gesagt. Ich habe es selbst gesehen. Als Constantin die oberste Stufe erreicht hatte, dachte er an die Ungläubigkeit in den Augen des Bolg-Königs, eines Mannes, in dessen früherem Leben es zweifellos ähnliche Erfahrungen wie in seinem eigenen gegeben hatte. Warum habt Ihr vor Eurer Abreise nichts gesagt?, hatte König Achmed wissen wollen. Wenn Ihr wusstet, dass dies ein möglicher Ausgang des Auswahlverfahrens war, hättet Ihr doch dazwischentreten können. Die Bänder aus Platin, die den Altar einfassten, glitzerten hell. Die Antwort hallte in seinem Kopf wider und verschaffte ihm Übelkeit. Es steht mir nicht zu, die Waage in Verruf zu bringen. Ich habe ihr meine Position zu verdanken. Wie könnte ich ihre Weisheit infrage stellen, ohne dabei einen inneren Widerspruch heraufzubeschwören? Und wenn ich meine Vergangenheit in der Arena zugeben würde, stünde das Reich der Rowans plötzlich im Mittelpunkt des Interesses, was ihnen gar nicht willkommen wäre. Und schließlich war er nicht der einzige Mann im Rennen, der Blut an den Händen hatte. Wenn ich jeden herabsetzen wollte, den ich des Kaiserthrons für unwürdig erachte, würde Sorbold weiterhin ein führerloser Staat bleiben. Ich bin ein Feigling, dachte er nun. Ich wollte mir nicht vorstellen, was geschehen würde, obwohl ich es wusste. Er verneigte sich vor dem Steintisch und kniete nieder. Die Einfachheit des Steins und die Reinheit des Platins führten dazu, dass die durch diesen Altar ihm dargebrachten Gebete ungehindert in seine Gedanken einfließen und durch den Turm bis vor die Füße des Schöpfers dringen konnten. Diese Einfachheit, diese Reinheit ließen die Gedanken nun in seinem Kopf erklingen. In der Stille erinnerte er sich an die letzten Worte, die er zu dem Bolg-König gesprochen hatte. Ich bete darum, dass auch Talquist einen Herzenswandel erfahren wird, so wie es mir hinter dem Schleier des Hoen erging. Vielleicht ist die Tatsache, dass er nicht sofort zum Kaiser gekrönt werden wollte, schon ein Anzeichen dafür. Achmeds Blick hatte sich mit dem seinen gekreuzt und ihm gezeigt, dass sie beide das Gleiche glaubten. Das bezweifle ich. Nach meiner Erfahrung werden Männer, die nach Blut und Macht dürsten, nur noch durstiger, wenn sie das bekommen, was sie haben wollen. Ihr seid die einzige Ausnahme von dieser Regel. Constantins Hände zitterten, als er den Altar berührte. Es war schwer für ihn, sich nicht zu verfluchen und die Gedanken zurückzudrängen, die seinen Geist überfielen. Sie weigerten sich, verbannt zu werden, und drängten unbarmherzig voran in sein Bewusstsein. Du Narr. Wenn du damals bloß etwas unternommen und begriffen hättest, dass die Waage manipuliert war, hättest du möglicherweise den Tod der halben Welt verhindern können, der nun unweigerlich folgen wird. Nun kommt dieses Blut zu dem anderen, das schon an deinen Händen klebt. Er dachte an Terreanfor, einen der letzten Horte des Lebendigen Gesteins in der bekannten Welt, und an die gewaltige Macht, die dort existierte. Von allen Elementen hatte allein die Erde die Eigenschaft, eine solche Macht aufrechtzuerhalten; die anderen waren zu flüchtig, zu vergänglich, um sie in großen Mengen zu binden. Der Wind war zu flüchtig, das Meer zu aufgewühlt, das Sternenlicht zu fern und das Feuer zu zerstörerisch und unvorhersehbar. Doch die Erde war unerschütterlich, unveränderlich und durchlief ihre Zyklen mit geduldiger, beinahe ehrerbietiger Gleichmäßigkeit, was der Grund dafür war, dass so viel von der Macht der Welt in der Erde und auf dem Land lag. Und als er an die kühle, dunkle Kathedrale tief im Nachtberg dachte, wohin das Licht nie kam, dachte er an die Geschichte, die ihm die Priester über das Fällen der Soldatenstatue aus Lebendigem Gestein erzählt hatten. Und er dachte an all die anderen Statuen, Menschen und Tiere, Bäume und an den Altar aus Lebendigem Gestein, die auf die Ernte warteten. Konzentriere dich, zwang er sich. Leise sang er nun die Riten, durch die er die täglichen Gebete aller Gläubigen empfing. Dabei schwang sein Körper leicht hin und her und wurde zum Kanal für die Bitten an den Schöpfer. Es war immer ein erniedrigendes Gefühl, von den Gebeten, Träumen, Ängsten und Freuden unzähliger Seelen durchströmt zu werden. Sein Körper leuchtete für einen Augenblick auf und nahm dasselbe ätherische Glänzen an wie der Stern auf dem Minarett tausend Fuß über ihm. Von allen Ecken des Kontinents, aus dem südwestlichen Bereich der Neutralen Zone, aus Bethe Corbair im Osten, aus Navarne und Avonderre im Westen, aus Canderre und Yarim im Norden, aus Bethania, der Zentralprovinz von Roland und schließlich auch aus Sorbold im Süden schickte ein Segner nach dem anderen die Gebete der Gläubigen durch den Steinaltar. Die Lobgebete klangen in seinem Kopf wie ein Wechselgesang in verschiedenen Tonlagen. Er wusste nicht, um was gebetet oder was als Opfer dargebracht wurde oder wie viele Leute ihm ihre Gebete anvertrauten; er wusste nur, dass alle zusammen eine wunderbare Sinfonie des Lobpreises und Bittgesangs zu Ehren des All-Gottes ergaben. Vorher vermochte er nie zu sagen, wie lange die Übermittlung der Gebete dauern würde; in Anwesenheit der großen elementaren Kraft verlor die Zeit jede Gewalt über ihn. Als endlich die Stimmen der einzelnen Segner nacheinander verblassten, hielt er die letzte fest und nährte sie mit seinem eigenen Gesang. Die letzten vier Lobgesänge endeten; die Segner hatten ihre Abendpflicht in der Gebetskette erfüllt und bemerkten nicht, dass der Patriarch noch lauschte. Als nur noch der einzelne Gesang des Segners von Sorbold in der widerhallenden Basilika zu vernehmen war, sprach der Patriarch. Nielash Mousa, flüsterte er. Warte. So etwas hatte er noch nie getan; er war entlang der Gebetskette zu einem untergeordneten Beter zurückgegangen, doch nun war er verzweifelt. Der Altar erbebte unter seinen Händen. Er wartete lange, bis endlich eine sehr überraschte Stimme durch Lianta’ar hallte. Ich höre Euch, Euer Gnaden. Ein unangenehmes Gefühl durchströmte ihn. Die strahlenden Schwingungen von Lobpreis und Bitte verwandelten sich in schmerzhafte Disharmonie. Constantin packte den Altar und kämpfte darum, nicht zusammenzubrechen. Ihm war, als läge das Gewicht der ganzen Welt nun auf seinen Schultern und presste ihm die Luft aus der Lunge. Alle Leichtigkeit, die er bei seinen täglichen Gebeten empfand, hatte sich ins Gegenteil verwandelt. Nun rang er nach Luft und kämpfte darum, dem unerträglichen Druck standzuhalten. Die Zeit dehnte sich um ihn. Während seine täglichen Gebete wie im Flug vergingen, war nun jeder Herzschlag, jeder Atemzug anstrengend und bis ans Ende von Zeit und Raum gedehnt. Konzentriere dich, dachte er erneut, während ihm der Schweiß von der Stirn troff. Er öffnete den Mund und wollte sprechen, doch es verursachte ihm große Schmerzen. Die Gelenke seines Kiefers knirschten unter dem Druck, und aller Speichel verschwand von seinen gesprungenen Lippen, als er Worte zu formen versuchte. Constantins Hände zitterten; er schloss die Augen und flüsterte zwei Worte, was ihm mehr Schmerzen verursachte, als er je verspürt hatte. Er wusste, wie wichtig diese Botschaft war, und legte alle ihm verbliebene Stärke hinein. Schütze ... Terreanfor. Die Worte hatten gerade seine Lippen verlassen, als die Welt um ihn dunkel wurde. Er bemerkte undeutlich, wie er gegen den Altar stieß, und war schon bewusstlos, als sein Blut den Boden der Basilika befleckte. Constantin lag bäuchlings im silbernen Licht des Sterns auf dem Turm von Sepulvarta und steckte so tief in dem grauen Nebel zwischen Wachen und Schlaf, dass er die Antwort des Segners nicht mehr hörte. Ich verstehe. 30 Der innere Hafen von Ghant — Sorbold Obwohl er nicht so groß war wie Avonderres Port Fallon, der gewaltigste Hafen an der Westküste, war der innere Hafen von Ghant doch einer der größten der Welt, in dem täglich Tonnen von Waren gelöscht wurden. Hunderte Kaufmannsschiffe segelten mit jeder Flut hinein und kamen dabei an dem äußeren Hafen vorbei, in dem die Flotte von Sorbold vor Anker lag. Jedes Schiff wurde untersucht, jedes Ladedokument vom Hafenmeister durchgesehen, der die Einfahrt in das seichte Wasser der riesigen Lagune, welche den inneren Hafen bildete, entweder erlaubte oder verbot. Damals hatte Anborn beide Häfen oft gesehen. Ghant war einer der ersten Orte gewesen, die er im cymrischen Krieg vor tausend Jahren besetzt hatte. Von hier aus hatten seine Landstreitkräfte den Versorgungsweg ins Landesinnere sichern und die Kriegsschiffe Angriffe gegen den lirinischen Hafen Tallono im Nordwesten führen können. Tallono war ein geschützter Hafen, den die Gorllewinolo-Lirin mithilfe seiner Großmutter, der Drachin Elynsynos, errichtet hatten, doch als Anborn in Ghant eingefallen war, war in seinem Herzen kein Platz für Empfindsamkeiten gewesen, sondern nur für Mord und Rache. Mit äußerster Gründlichkeit hatte er Tallono fast völlig niedergebrannt, so wie er es auch mit den kleineren Häfen Minsyth und Immernur gehalten hatte, und hatte auf diese Weise die Küste bis hoch nach Port Fallon gesichert, als der Krieg schließlich geendet hatte. Ein Jahrtausend hatte nicht ausgereicht, um die Erinnerungen zu löschen, die ihn immer noch heimsuchten; sie quälten ihn in wachen Augenblicken und plagten ihn im Traum. Nun schwebten die Geister jener Schlachten nicht mehr über dem Land, wie es bisher immer gewesen war, wenn Anborn Ghant besucht hatte. Als er und Gwydion die Hügel überquert hatten und von der sorboldischen Straße dem Hauptverkehrsweg, auf dem die Güter nach Norden und Osten gebracht wurden – auf den inneren Hafen schauten, bemerkte er sogar aus dieser großen Entfernung, dass die Stadt geschäftiger war denn je. Er zog eine Grimasse, als er sein Pferd zügelte und sich daran erinnerte, dass seine eigenen Soldaten diese Straße gebaut hatten. Gwydion Navarnes Gedanken wurden nicht von der Vergangenheit heimgesucht, über die er nur wenig wusste. Er starrte verwundert auf den Hafen hinunter. »Die Geschäfte hier laufen gut, nicht wahr?«, meinte er und beobachtete die Dutzende von Schiffen, die an den Kais des inneren Hafens lagen und geschäftig von kleinen Gestalten entladen wurden, die eher Ameisen als Heuerleuten glichen. Der Marschall nickte grimmig. »Aber was sind das für Geschäfte?«, fragte er, schaute weit auf das Meer hinaus, an der inneren Schleuse vorbei auf den äußeren Hafen, und holte tief und vernehmlich Luft. »Guter All-Gott«, murmelte er. Gwydion Navarne drehte sich im Sattel um. Nach so vielen Tagen des Reitens durch die Ödnis der südlichen Steppe hatte er den Geschmack der fernen Meeresbrise und die Geschäftigkeit des Hafens unter ihm genossen und entsetzte sich nun über den Gesichtsausdruck des cymrischen Helden, der so hart war wie nie zuvor. »Was ist los, Marschall?«, fragte er und spürte Kälte von der See hereinströmen. Anborn lenkte sein Pferd nach rechts, um besser sehen zu können. Er starrte lange hinunter auf den Hafen, der vor Geschäftigkeit brummte, und warf dann einen Blick zurück auf die Berge, aus denen sie gekommen waren. »Zu Zeiten des cymrischen Krieges war das hier ein wichtiger militärischer Stützpunkt und der zentrale Hafen meiner Marineoffensive«, sagte er schließlich. »Unsere Flotte war damals verantwortlich für die Zerstörung eines großen Teils des westlichen Tyrian und die Verwüstung der Küstengebiete von Avonderre bis hoch zum Gwynwald. Ich habe das Heer meines Vaters gegen die Streitkräfte meiner Mutter mit großem Erfolg geführt, weil wir zahlenmäßig überlegen und bestens ausgerüstet waren. Aber bis Llauron Anwyn verließ und aufs Meer flüchtete, war er zu Wasser ein beachtlicher Feind, der unüberwindlich gewesen wäre und meine ganze Flotte zerstört hätte, wenn wir nicht Ghant kontrolliert und unsere gesamte Armada hier stationiert hätten.« Der Marschall schirmte die Augen vor der Sonne ab, die nun aus dem Himmel stach. »Aber selbst damals waren weniger Schiffe hier als heute.« Gwydion schluckte, sagte aber nichts darauf. Der Geschmack der Wüstenluft in seinem Mund war plötzlich noch trockener geworden, sie steckte erstickend in seinem Hals und brannte wie feuriger Sand. Anborn reckte sich im Sattel und versuchte hinter sich zu blicken. »Wenn ich mich recht erinnere, war irgendwo da oben ein Unterschlupf«, sagte er und schaute über die Schulter zu einer Karawane aus Pferdewagen, die von Soldaten in den deutlich erkennbaren Lederrüstungen der Bergtruppen begleitet wurden. Es handelte sich um Einheiten des sorboldischen Heeres, welche die Gebirgspässe vor der einige hundert Meilen entfernten Hauptstadt Jierna’sid schützten. Die Karawane kam über die alte Straße auf sie zu. »Ich glaube, wir sollten Schutz suchen, damit wir nicht entdeckt werden. Ich kann mir vorstellen, dass wir hier nicht willkommen sind.« Die beiden trieben ihre Pferde zu einem Galopp über die felsigen Vorsprünge an, ritten tief in das zerklüftete Gebiet hinein und verbargen sich hinter den Felsen. Als die Pferde außer Sicht waren, machte Anborn eine ungeduldige Geste und sagte zu Gwydion: »Hilf mir aus diesem verdammten Sattel.« Dabei löste er die Schlaufen. Gwydion stieg rasch ab, eilte an die Seite des Generals und half ihm vom Pferd. Sobald er unten war, drückte Anborn ihn weg und senkte seinen Körper mithilfe von Armen und Brust auf den Boden; dann kroch er bis zum Rand des Vorsprungs. Er gab Gwydion ein Zeichen. Der junge Herzog kauerte sich hin und legte sich neben ihn auf die windumspielte Klippe. Schweigend schauten sie hinunter und waren von dem Anblick so gefangen genommen, dass sie die Zeit vergaßen. In einer guten Stunde sahen sie mehr als zwei Dutzend Schiffe auf den äußeren Hafen Kurs nehmen. Es waren Handelsschiffe auf dem Weg in den inneren Hafen, die sich an den Kriegsschiffen vorbeischlängeln mussten. Sie wurden angehalten, untersucht und mit militärischer Präzision weitergeschickt. Sobald sie im eigentlichen Hafen waren, wurden sie sofort entladen und alle Güter auf Wagen geschafft. In Port Fallon in Avonderre hingegen wurden die Güter nach Handelsgilden getrennt und dann von den Hafenarbeitern der einzelnen Kaufleute ausgeladen. »Was schließt du daraus?«, fragte der Marschall leise in demselben Tonfall, mit dem er dem jungen Herzog wichtige Dinge zu erklären pflegte. Gwydion schaute hinunter auf die Fässer und Kisten, die systematisch in eine Reihe wartender Wagen verladen wurden. »Entweder gehen all diese Waren an denselben Ort, oder sie gehören derselben Person«, mutmaßte er. Anborn nickte. »Zweifellos der Krone. In gewisser Hinsicht ist das nicht sehr erstaunlich. Talquist, der neue Herrscher, war vor seiner Besteigung des Sonnenthrones das Oberhaupt der Gilden, die diese westlichen Schifffahrtslinien kontrollieren. Aber es ist nicht der Bestimmungsort dieser Waren, der mir Sorgen macht.« »Was dann?« Anborn deutete auf die Straße hinter den Felsvorsprüngen. »Es sind die Waren selbst. Sieh nur.« Gwydion schaute an Anborns ausgestrecktem Finger entlang von der Steuerbordseite des nächsten Schiffes am Kai, aus dem gerade Fässer und Kisten in Wagen geladen wurden, zur Hafenseite desselben Schiffes. Er sah zwei Reihen von Leuten das Schiff verlassen, die so fern waren, dass sie beinahe ununterscheidbar von der Masse der übrigen Hafenarbeiter waren. Die erste Reihe schritt auf einer höher gelegenen Planke. Es waren nur wenige, und sie verließen langsam das Schiff und mischten sich unter die Menge auf dem Pier. Gwydion nahm an, dass es sich um Passagiere handelte. Die zweite Reihe benutzte eine tiefer gelegene Planke und kam unmittelbar aus dem Rumpf des Schiffes. Zuerst glaubte er, es sei die Besatzung, doch als er genauer hinschaute, bemerkte er, dass die Leute zu einer Reihe von Wagen ähnlich den Güterwagen gebracht wurden und sofort in sie einstiegen. Gwydion zählte mehr als hundert aus einem einzigen Schiff, die sich die Augen beschirmten und in die grelle Morgensonne hinaustorkelten. Er schüttelte den Kopf, als wollte er ihn klar bekommen oder einer summenden Hornisse ausweichen, als die schreckliche Erkenntnis über ihn kam. Er konnte sie nicht verdrängen, und so fiel ihm das Wort aus dem Mund. »Sklaven«, murmelte er. »Er handelt mit Sklaven.« Anborn nickte. Er deutete langsam und nachdrücklich auf jedes einzelne der zwei Dutzend Schiffe, die während ihres Zuschauens angelegt hatten und allesamt menschliche Fracht an der Steuerbordseite ausluden. Die Gefangenen wurden in Wagen gebracht, die auf der transsorboldischen Straße in verschiedene Richtungen davonfuhren. »Sklaverei ist nichts Neues in Sorbold«, sagte er mit leiser Stimme. »Leitha war ein Dreivierteljahrhundert lang Kaiserin. Für eine Nicht-Cymrerin war sie von erstaunlicher Langlebigkeit. Zu ihren Zeiten wurde die Sklaverei stillschweigend geduldet. Es traf hauptsächlich Verbrecher, Schuldner und Kriegsgefangene, die in die Gladiatorarenen geschickt wurden. Der Sklavenstand war erblich. Eine Sklavenfamilie blieb gefangen, bis ihr ein männliches Mitglied die Freiheit erkaufen konnte, meist durch Tapferkeit als Gladiator. All das wurde als schäbiges und schlecht verhohlenes Geheimnis angesehen. Es gab nicht in jedem Stadtstaat eine Arena; insgesamt waren es weniger als zwei Dutzend.« Er warf einen raschen Blick über die Schulter zu den Pferden und schaute dann wieder hinunter zur Hafenstadt. »In der letzten Stunde haben wir genügend menschliche Ware gesehen, um alle Arenen zu versorgen. Vor dem inneren Hafen liegen aber immer noch hunderte Schiffe und warten auf ihre Passage. Und das an einem einzigen Tag.« »Könnte der Gladiatorenkampf seit der Thronbesteigung Talquists so sehr zugenommen haben?«, fragte Gwydion angeekelt. Anborn kniff die Augen zusammen und betrachtete weiterhin das Geschehen unter ihm. »Möglicherweise. Es heißt, Talquist habe eine Schwäche für diesen blutigen Sport. Ich wage aber zu behaupten, dass nur ein sehr kleiner Teil dieser Ladung für die Arena bestimmt ist. Vermutlich befinden sich die Sklaven auf dem Weg in die Salzminen von Nicosi oder in die Olivenhaine von Remaldfaer. Die wichtigere Frage lautet aber nicht, wohin diese armen Leute unterwegs sind, sondern woher sie kommen. Wenn nur die Hälfte der Schiffe die gleiche Anzahl an Gefangenen beherbergt, die wir schon gesehen haben, könnte man eine ganze Stadt mit ihnen bevölkern.« »Gütiger All-Gott«, flüsterte Gwydion. »Allerdings«, stimmte Anborn ihm zu. »Ihn anzurufen ist vermutlich das Einzige, was noch helfen kann. Wenn das schon so ist, seit Talquist den Thron bestiegen hat, steht deinem Paten ein Albtraum bevor.« »Könntet Ihr das bitte näher ausführen?«, fragte Gwydion. Seine Hände wurden kalt und begannen zu zittern. Anborn drehte sich ihm zu und befahl dem jungen Herzog zu schweigen. Von unten war ein Rumpeln zu hören, als eine weitere Wagenkarawane den felsigen Weg hochfuhr. Die beiden Männer sahen zu, wie sie vorüberrollte; eine Kohorte sorboldischer Soldaten bildete die Vor- und Nachhut. Gwydion zuckte beim Anblick der Gefangenen zusammen. Es war eine Schar abgerissener Männer, verloren wirkender Frauen und dürrer, schweigender Kinder, die wie Vieh auf dem Weg zum Schlachthof in die Karren gepfercht waren. Er zählte elf Wagen und vermutete, dass jeder mehr als zwei Dutzend Sklaven enthielt. Während sich in seiner Kehle ein immer festerer Knoten zusammenzog, sah er dem Zug nach, bis der Staub sich wieder gelegt hatte und alle Geräusche erstorben waren. Er lehnte sich über den Rand des Vorsprungs und sah, wie ähnliche Karawanen mit ähnlicher Fracht in andere Richtungen unterwegs waren: in die Berge und die Küste entlang. »Sagt mir, was dieser Albtraum bedeutet«, bat er schließlich Anborn. Der General seufzte und beobachtete weiterhin den Hafen. »Wenn ein Gildenmeister, der sich sein ganzes Leben hindurch als ausgezeichneter Kaufmann erwiesen hat, einen Thron besteigt, ist mit einem gewissen Anstieg des Handels zu rechnen«, sagte er gelassen und sah dabei Gwydion nicht an. »Aber das ist es nicht, was wir hier sehen. Diese Sklaven dienen nicht dem Vergnügen in den Arenen; sie sind zur Warenproduktion bestimmt. Wir beobachten Kriegsvorbereitungen, was ebenfalls nicht erstaunlich ist, obwohl Talquist sich hinter einer Maske des Friedens und Wohlstands versteckt hat. Was so erschreckend ist, ist das Ausmaß. Wir sind an einem ganz gewöhnlichen Tag hergekommen, ohne entdeckt worden zu sein, und haben daher die Aktivitäten eines ganz gewöhnlichen Tages beobachtet. Wenn das also für Talquist ein ganz gewöhnlicher Tag ist, wenn Ghant wieder zu einem Militärhafen geworden ist und Güter umschlägt, die vollkommen der Krone gehören, dann ist das Ausmaß dessen, was er plant, einfach unvorstellbar. Es stellt sogar die Vorbereitungen zum cymrischen Krieg in den Schatten – und dieser Krieg hätte beinahe den gesamten Kontinent vernichtet.« »Gibt es noch eine andere mögliche Erklärung?«, fragte Gwydion, obwohl er die Antwort bereits kannte. »Nein«, sagte Anborn nur. »Dann müssen wir sofort nach Navarne zurückkehren und Ashe warnen«, meinte Gwydion. »Genau das musst du tun.« Der junge Herzog blinzelte Anborn an. »Ich? Ihr kommt nicht mit?« »Nein. Da ich schon einmal hier bin, sollte ich die Gelegenheit ergreifen. Ich werde ostwärts nach Jier-na’sid reiten und auf dem Weg so viele Häfen, Minen, Felder und Arenen wie möglich ausspähen. Sobald ich in der Hauptstadt angekommen bin, werde ich möglichst viele Informationen einholen; dann komme ich zurück und helfe deinem Paten bei den Vorbereitungen zu dem Krieg, vor dem ich ihn schon seit langem gewarnt habe.« Gwydion bekämpfte seine Panik, die bereits in seiner Kehle hochgestiegen war und ihn nun zu ersticken drohte. »Allein?« Der cymrische Held streckte die Hand aus und packte den jungen Mann an der Schulter. »Du kannst das, habe keine Angst. Die Ehrengarde ist in der Lage, den Wagen zu verteidigen, falls du angegriffen wirst, und dein Schwert ist ein entschiedener Vorteil gegen alle Räuber, denen du begegnen solltest, und auch gegen Soldaten. Aber dazu wird es nicht kommen, denn Talquist wird sich mit dem Angriff auf einen Adligen des cymrischen Bündnisses nicht die Hände schmutzig machen wollen – zumindest jetzt noch nicht. Du brauchst nur den Weg zurückzufahren, auf dem wir hergekommen sind, Gwydion. Sobald du Sorbold verlassen hast, kannst du an jeder Herberge entlang des Weges anhalten und um Hilfe bitten. Du bist jetzt der Herzog; sie werden dir geben, was du haben willst, einschließlich Vorräten und einem frischen Pferd, und dich zurück nach Navarne eskortieren. Behalte nur alles in Erinnerung, was ich dir beigebracht habe.« »Ich meinte, Ihr allein«, stammelte Gwydion. »Wie wollt Ihr es durch die sorboldische Wüste schaffen ...?« Die Stirn des Marschalls wurde zu einem düster drohenden Gewitter. Er stützte sich auf den Ellbogen ab und schlug auf den Boden, was Gwydion den Sand in die Augen trieb. »Ich habe diesen Kontinent schon allein bereist, als dein Vater noch ein bloßes Jucken in der Hose deines Großvaters war«, brummte er. Dann zog er sich über die Felsen zu der Stelle, wo die Pferde warteten. Schmerzhaft langsam kletterte er an der Flanke seines Reittieres hoch, bis er den Steigbügel erreicht hatte. Gwydion eilte hinüber zu ihm, doch der alte Held drückte ihn fort und zog sich mit großer Anstrengung in eine aufrechte Position, wobei seine nutzlosen Beine unter ihm baumelten. Gwydion blieb nichts anderes übrig als dazustehen und schweigend zu leiden, während er Anborn beim Besteigen des Sattels zuschaute. Als dieser schließlich auf dem Pferd saß, blickte er mit einer Mischung aus Triumph und Erschöpfung auf den jungen Herzog herunter. »Steig auf«, sagte er mit der dröhnenden Stimme eines Generals. »Ich bringe dich zur Ehrengarde nach Immernur und von da aus nach Jakar zurück. Ich will sehen, was dort in der Arena vor sich geht. Danach bist du auf dich allein gestellt, aber die Grenze zu Tyrian ist dann nicht mehr weit. Ich empfehle dir, die Waldstraße zu nehmen; die Stellung deiner >Großmutter< als lirinische Königin wird für deine Sicherheit garantieren. Sag meinem Neffen, dass ich zurückkomme, sobald ich genau weiß, was in diesem gottverdammten Sandkasten vor sich geht, aber in der Zwischenzeit sollte er Roland und das gesamte cymrische Bündnis aufrüsten. Vielleicht ist es sogar schon zu spät.« Für den Rest des Heimweges spürte Gwydion seinen eigenen Puls als Trommeln in den Ohren. Das Trommeln wurde lauter, als er Anborn schließlich auf der Kreuzung nach Nikkid’saar verabschiedete, der Spielerstadt im westlichen Stadtstaat Jakar. Vom Wagenfenster der Kutsche aus beobachtete er den alten Helden, seinen Lehrer und Freund, wie er zwischen den endlosen Reihen von Reitern und Fußgängern verschwand, die die Straßen der Stadt verstopften, und hoffte, dass dies nicht das Letzte war, was er je von ihm sehen würde. Dann befahl er der Garde, nach Tyrian im Westen zu reiten und den Rückweg zu seinem Heimatland und der Verantwortung anzutreten, die ihn dort erwartete. Unablässig dachte er über die Worte nach, mit denen er seinem Paten die Nachricht überbringen würde, dass der Krieg, den Anborn schon seit langem vorhergesehen hatte, nun bevorstand. Er drängte die Ehrengarde, mit doppelter Geschwindigkeit zu reiten, und ließ den Wagen an einer Station kurz hinter der Grenze nach Roland zurück; den Rest des Heimwegs legte er zu Pferd zurück. Während sie über den Boden flogen, dachte er an lauter Belanglosigkeiten, zum Beispiel daran, wie weit vor der Festung er anhalten müsste, um sein Äußeres zu richten, wie er Gerald Owen mitteilen könnte, dass er Ashe sofort sehen wolle, ohne seinen Schrecken dem Bediensteten zu offenbaren, oder wie er die Nachricht überbringen sollte, ohne dabei kindisch und verängstigt zu wirken. Als er Haguefort endlich erreicht hatte, war Ashe schon fort. 31 Haguefort — Navarne Vor dem Fenster der riesigen Bibliothek trieben die Schneeflocken träge im warmen Wind und schmolzen, bevor sie den Erdboden erreichten. Ashe schaute geistesabwesend aus dem Fenster; das Handelsabkommen über Getreide, das er gerade überarbeitete, langweilte ihn. Sein Drachensinn hatte die Schneeflocken bei ihrem Fallen beobachtet. Die Tauzeit war da, doch der Winter würde bald mit aller Gewalt zurückkehren und das Reisen noch schwieriger machen. Er kicherte in sich hinein, denn er suchte nach Gründen für den Aufbruch. Es war schon mehr als einen Monat her, dass er Elynsynos’ Höhle besucht, seine Frau in den Armen gehalten und seinem Kind unter dem wohlwollenden Blick der fürsorglichen Drachin etwas vorgesungen hatte. Obwohl er sie so sehr vermisste, wie ein Drache den Verlust seines Schatzes vermisste, war er doch zu der Erkenntnis gelangt, dass Rhapsodys Besuch bei der Drachin eine kluge Entscheidung gewesen war. Unter Elynsynos’ magischer und freundlicher Pflege wirkte sie so gesund und im Gleichgewicht wie schon lange nicht mehr. Leise wurde die Tür zur Bibliothek geöffnet. Wenn er aufgrund seiner Natur nicht alles bemerken würde, was in einem Umkreis von fünf Meilen vor sich ging, hätte er Portia nicht eintreten gehört. Er musste widerstrebend eingestehen, dass Tristan Recht gehabt hatte, was ihren Wert und den der übrigen Diener anging, die er Ashe und Rhapsody zur Verfügung gestellt hatte. Die beiden anderen Frauen sahen ihrem vollen Einsatz noch entgegen, doch Portia war rasch zu einem wichtigen Mitglied des Haushalts geworden. Sie war ruhig und bescheiden und störte nie, wenn sie einen Raum betrat oder eine Botschaft überbrachte. Oft ging sie, ohne auch nur die geringste Spur zurückzulassen. Nun hüstelte sie leise. Ashe hatte gelernt, dass dies ein unaufdringliches Zeichen für das aufgetragene Mittagessen war, das allmählich kalt zu werden drohte. Dann ergriff sie wieder die Türklinke. Gerade als Portia sie herunterdrückte, erhaschte der Drache in Ashes Blut einen flüchtigen Geruch in der Luft, eine Spur von Zimt mit einem Tropfen Vanille, gemischt mit dem berauschenden Duft von Waldblumen. Dieser Geruch grub sich ihm ins Gehirn und in so tiefe Erinnerungsschichten, dass er nicht einmal sein Bewusstsein bemühen musste. Es war Rhapsodys Duft. Er schüttelte ganz leicht den Kopf, und der Duft verschwand. Aus den Augenwinkeln sah er etwas Goldenes aufblitzen, wie die fallende Bewegung von Haar. Er schaute rasch auf und sah Portias hohe, dunkle Gestalt über die Schwelle treten. Nirgendwo eine Spur goldener Haare. Er fuhr sich mit der Hand durch das metallisch-rote Haar, und als die Dienerin gerade die Tür hinter sich schließen wollte, rief er: »Portia?« Das Stubenmädchen drehte sich um; ihre dunklen Augen standen vor Überraschung weit offen. »Ja, Herr?« Als sie ihn verwirrt anstarrte, vergaß Ashe all seine Fragen und war sprachlos. Er machte eine unbeholfene Handbewegung und versuchte eine Frage zu formulieren, die nicht völlig unsinnig klang, doch ihm fehlten die Worte. Wie wollte er ihr erklären, dass ihre Gegenwart ihn plötzlich und flüchtig auf eine primitive, sinnliche Art an seine Frau erinnert hatte ...? Er lächelte schräg, schüttelte den Kopf und rieb sich den Nacken. »Tut mir Leid«, sagte er. »Ich ... ich weiß nicht mehr, was ich dich fragen wollte.« Portia machte einen Knicks. »Schellt nach mir, wenn Ihr Euch erinnert, Herr«, sagte sie freundlich. »Guten Abend.« Während der nächsten Tage geschah es mehrfach. Zuerst vermutete Ashe eine Gaunerei; seine Herkunft und Natur erlaubten ihm kein einfaches Vertrauen, und so beobachtete er Portia eingehend. Er merkte sich mit seinem angeborenen Drachensinn ihre Bewegungen, behielt sie auch aus den Augenwinkeln im Blick und bekam immer mit, wenn sie das Zimmer verließ. Nachher verspürte er jedes Mal den Stachel der Scham. Die menschliche Seite seiner Natur hatte ihm den Gleichmut und die Gelassenheit seines Vaters verschafft, und nach etwa einer Woche der Beobachtung suchte er nach anderen Erklärungen für seine Gefühle. Die neue Dienerin war verschwiegen, bescheiden und zurückgezogen. Sie stand früh auf, hielt ihr Quartier sauber, arbeitete hart, kam sofort, wenn sie gerufen wurde, mied Treffen mit anderen Bediensteten nach der Arbeitszeit und wies die Gunstbezeugungen eines jungen Mannes zurück, der Vorräte aus der Käserei in Avonderre geliefert hatte. Sie war groß, breitschultrig und dunkel, hatte tiefbraune Augen und einen olivfarbenen Teint, war also äußerlich das genaue Gegenteil von Rhapsody mit ihrer zarten lirinischen Gestalt, der rosigen Haut, dem blonden Haar und den grünen Augen. Ihr Verhalten schien über jeden Tadel erhaben. Da Ashe keine Gedanken lesen und den anderen Menschen nicht ins Herz schauen konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als anzunehmen, dass sie für seine seltsamen Neigungen keine Verantwortung trug. Als er Portia nicht mehr verdächtigte, fragte er sich beinahe traurig, warum er Züge seiner Frau in einer Bediensteten sah. Sicherlich vermisste er sie. Er vermisste sie immer, wenn sie nicht bei ihm war, und war beinahe wahnsinnig geworden, als sie im letzten Sommer von einem alten Feind entführt und in einer Höhle am Meer versteckt worden war. Eigentlich hatte er die Gewalt über das Wasser, doch er hatte nicht verhindern können, dass sie gegen die Höhlenwände geschleudert und vor seinen Sinnen verborgen worden war. Diese Entführung hatte wilden Zorn und eine Verzweiflung in ihm entfesselt, die unangenehm nahe an den Wahnsinn des Drachenblutes herangekommen war, den er bei einigen seiner Verwandten bereits hatte feststellen müssen. Bestenfalls bin ich verwirrt, schlimmstenfalls werde ich verrückt, dachte er düster und löschte die Tinte auf dem neuen Entwurf des Hafengesetzes, den er gerade schrieb. Wenn sie es wüsste, würde sie nach Hause kommen. Dieser Gedanke entzündete in seiner zweiten Natur ein Verlangen, das er erst nach einiger Zeit bezwingen konnte. Beinahe genauso stark, wie der Mann in ihm nach ihrer Gesellschaft verlangte, sehnte sich auch der Drache in ihm nach ihr, aber aus anderen Gründen. Rhapsody hatte juwelenähnliche Qualitäten – ihre Augen waren klare Smaragde, ihr Haar wie goldenes Flachs –, die ihr sowohl durch die Natur als auch durch ihre lebensverändernden Erfahrungen beim Gang durch das Feuer im Mittelpunkt der Erde zuteil geworden waren. Es war, als sei ihr jeder körperliche Makel ausgebrannt worden, und Vollkommenheit war etwas, das die Habsucht in der Natur eines jeden Drachen anstachelte. Zum Glück waren es gerade die Makel, die der Mann in ihm schätzte: die Halsstarrigkeit, die gelegentliche Unfähigkeit, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, die wilde Wut, die sich manchmal zu nichtigen Anlässen zeigte – all diese Elemente genoss er an seiner Frau, und so blieb die Zweiheit seiner Natur im Gleichgewicht, auch wenn beide Seiten oft im Streit miteinander lagen. Doch nun, da sich die körperlichen Eigenschaften seiner Frau ohne Grund manifestierten, schien dies einen tieferen Grund zu haben. Als Ashe darüber nachdachte, wurde ihm kalt. Es könnte ein Anzeichen dafür sein, dass der Drache in ihm allmählich die Oberhand gewann. Sein Verlangen nach ihrer Rückkehr wurde immer stärker. Er kämpfte dagegen an, indem er leise vor sich hinsang und sich sagte, dass sie in der Höhle der Drachin glücklicher und auch sicherer war als in Haguefort; doch diese Methode war nur kurze Zeit erfolgreich. Dann sah er Portia vorübergehen, wie sie Leintücher oder ein Tablett in die Küche trug; sie verneigte sich oder lächelte ihn an und verschwand, nicht ohne ein Aufblitzen goldenen Haars und rosiger Wangen oder den Geruch von Seife und Vanille zurückzulassen. Er träumte unablässig von seiner Frau; es waren fiebrige Träume, die ihn weckten. Entweder schwitzte er vor unerfüllter Leidenschaft, oder er fror vor Angst. In einigen Nächten kam sie im Traum zu ihm, zog die Laken beiseite und schmiegte sich in seine Arme. Aus diesen Träumen erwachte er mit einem Gefühl der Verlorenheit und Krankheit, und in seinem Kopf pochte es, als würde er gleich platzen. Nach einem der schlimmsten Albträume hatte Portia sein Zimmer betreten, wie sie es oft tat, und ein reines Becken sowie frisches, warmes Wasser für die Morgenrasur bereitgestellt. Sie verneigte sich und verschwand und hinterließ in Ashes Verstand ein so starkes Bild von Rhapsody, dass er sich die Laken über den Kopf zog und so laut heulte, dass er die Katze in der Zimmerecke zu Tode erschreckte. Der letzte Schlag gegen seinen Seelenfrieden wurde in einer besonders kalten Nacht geführt. Ashe saß wieder vor dem Feuer und wärmte sich an den Flammen sowie an den Gedanken an seine Frau, als die Dienstmagd den Raum betrat und ihm das Abendessen auf einem Tablett brachte. Sie stellte es auf den Tisch vor ihm, hob die Abdeckung vom Teller, drehte sich um und wollte gehen. Ashe erhaschte den Duft von Gewürzen, von Vanille und eine schwache Spur von Sommerblumen in den Falten ihrer raschelnden Röcke. Anstatt ihn zu verlassen, trat sie langsam hinter ihn. Die Hitze ihres Körpers war weitaus größer als die des Feuers in seinem Rücken. Mit unendlich leichter Geste legte sie ihm die Hände auf die Schultern und fuhr dann über seinen Kragen, als wollte sie ihn glätten. Ihre Hände umspannten sanft die schweren Muskeln an seiner Schulter, die Daumen drückten zart gegen die festen Sehnen um seinen Hals, während sie ihm die Verspannungen wegmassierte. So wie Rhapsody es immer getan hatte. Sie hatte Magie in ihren Händen – Magie, die seine Anspannung löste und Wärme bis in die verborgensten Stellen schickte. Ashe schloss gegen seinen Willen die Augen und gab sich einige Herzschläge lang den segensreichen Berührungen ihrer Hände hin. Dann wurde ihm angesichts dessen, was da mit ihm geschah, kalt vor Wut. Zorn quoll in seinem Bauch auf, Ärger über die Freiheiten, die sich diese Dienerin mit ihm erlaubte. Doch noch mehr zürnte er sich selbst, weil er ihr diese Freiheiten gestattete. Und sie genoss. Er versuchte zu verhindern, dass sein schwelender Zorn sich allzu rasch entzündete, und erinnerte sich daran, dass es in anderen Festungen und Schlössern für die Dienerschaft üblich war, sich auch um die körperlichen und sexuellen Bedürfnisse ihrer Herrschaft zu kümmern. Zu seiner Jugendzeit hatte sein Vater, ein ehrsamer Mann, den Ashes Geburt zum Witwer gemacht hatte, ein Gefolge von Huren gehabt, von denen jede die Erlaubnis besessen hatte, die Geheimtür zu Llaurons Büro zu öffnen. Also hielt er sich so ruhig wie möglich, obwohl er das Verlangen verspürte, das Mädchen durch den Raum zu schleudern. Er biss die Zähne zusammen und sagte dann mit so ruhiger Stimme wie möglich: »Portia, du hast wirklich wundervolle Hände. Weich wie Milch und so sanft. Es wäre eine Schande, wenn ich sie dir abschlagen müsste, was ich tun werde, wenn du sie nicht sofort von mir nimmst.« Von der Tür kam ein entsetztes Keuchen. Ashe wirbelte auf seinem Stuhl herum. Das Dienstmädchen stand auf der Schwelle und hatte den Deckel des Tabletts noch in der Hand. Sie zitterte verwirrt, und Tränen standen in ihren großen, braunen Augen. Ashe warf wilde Blicke durch den Raum. Sein Mahl stand unberührt auf dem Tisch vor ihm. Der Flor des Seidenteppichs zeigte zwei Paar Fußabdrücke, und seine Drachensinne erkannten die fehlende Hitze in ihnen. Das bedeutete, dass sie nicht im Raum verweilt hatte, sondern sofort zur Tür gegangen war. Sein Magen krampfte sich zusammen. »Vergib mir«, stammelte er. »Ich ... ich dachte ...« Die junge Frau brach in Tränen aus. Ashe schob das Tablett fort und stand auf. Portia erstarrte; ihr Körper war steif vor Entsetzen. »Ich möchte mich noch einmal entschuldigen«, sagte der Herr der Cymrer unbeholfen. »Du kannst gehen.« Portia machte einen raschen Knicks, huschte durch die Tür und schloss sie hinter sich. Sie wartete, bis sie den weiten Weg zu ihrem Schlafzimmer zurückgelegt hatte, dann warf sie sich auf das Bett und zog das Laken über ihr Gesicht, bevor sie sich das Vergnügen eines Grinsens erlaubte. Inzwischen dachte der Herr der Cymrer schon nicht mehr an sie und achtete auf nichts, was ihm sein Drachensinn über sie erzählen wollte. Er war die Treppe hoch gelaufen, hatte immer zwei Stufen gleichzeitig genommen und oben die Vorräte für seine Reise zum stillen See im Gwynwald zusammengesucht. Er wartete mit der Abreise nicht einmal bis zum Morgen. 32 Die Drachenhöhle Die Stille des Waldes wurde hin und wieder durch das Gezwitscher der Wintervögel unterbrochen. Achmed hielt nur so lange an, wie nötig war, um die Bolg-Hebamme Krinsel vor einer Wurzel zu warnen, bevor er selbst über einen verrotteten Baumstamm sprang. Er wartete, bis die Frau genickt und diese natürliche Falle umrundet hatte; dann drehte er sich wieder um und lief tiefer in den Wald hinein. Sie waren einige Zeit lang einem Nebenfluss des Tar’afel gefolgt, denn sie wussten, dass dieser Bach sich schließlich in einen stillen See nahe der Drachenhöhle ergoss. Achmed lauschte angestrengt und beachtete die glitzernden weißen Bäume nicht, von deren Zweigen in der warmen Morgensonne der Schnee tropfte. Er folgte einem Laut, der sowohl in seinen Ohren als auch in seinem Blut widerhallte. Es war das Namenslied, mit dem Rhapsody ihn rief. Es schwang durch seine Seele und gegen sein Trommelfell, durch das empfindliche Netz der Adern und Nerven, die sein Hautgewebe bildeten, bis in die Fingerspitzen hinein. Achmed die Schlange, komm zu mir. Es war einerseits ein willkommenes, andererseits ein schreckliches Gefühl, auf diese Weise von einem Benenner gerufen zu werden. Während sich die Melodie aus der Ferne in völligem Gleichklang mit seinem Gehirn und den Schwingungen befand, die er beim Atemholen ausstieß, lag dennoch etwas zutiefst Verwirrendes darin, seinen Namen im Wind zu hören, auch wenn keine andere lebende Seele ihn hören konnte. Achmed war sein ganzes Leben lang ein einsames und verschlossenes Geschöpf gewesen. Manche Gewohnheiten waren schwer auszumerzen und manche natürlichen Antriebe beinahe unmöglich zu überwinden. Achmed, komm zu mir. Der Winter war für die Dauer eines Mondes verblasst, wie immer auf dem Kontinent in der Mitte der Tauperiode. Der Boden um die Stämme der Bäume war sichtbar; totes oder neu sprießendes Gras in Blassgrün und Gold trocknete im Morgenwind. Die während des Winters meist harte und gefrorene Schneedecke war zu einer dünnen, wässerigen Schicht geworden, und die Luft war warm, trug aber noch nicht den Duft des Frühlings in sich, weil dieses Tauwetter falsch war. In wenigen Wochen würde die Kälte mit Macht zurückkehren und alle frühen Sprosse ersticken, die anlässlich der grausamen Einladung der Erde während der Tauperiode hervorgekommen waren. Bis zum Wechsel der Jahreszeit würden sie unter einem kräftigen Tuch aus hartem, weißem Eis begraben sein. Er musste zugeben, dass es angenehm war, Rhapsodys Stimme wieder zu hören. Sie war nun schon seit so vielen Jahren weg von Ylorc, dass er sich beinahe daran gewöhnt hatte, nicht mehr die morgendlichen Botschaften zu hören, die sie täglich durch die Echokammer des Felsrings gerufen hatte, der sich über ihrem unterirdischen Heim in der Grotte von Elysian erhob, einem unterirdischen See auf den Ländereien Achmeds. Auch wenn Rhapsody es gemocht hatte, allein zu leben, nachdem sie, Grunthor und Achmed nach Ylorc gekommen waren, und lieber Abstand zu den Firbolg gehalten hatte, die sie als Nahrungsquelle angesehen und hungrig beobachtet hatten, war sie doch in täglicher Verbindung mit ihren Freunden geblieben. Als sie Ashe geheiratet hatte und nach Navarne gezogen war, hatte Achmed zu seinem Entsetzen festgestellt, dass er ihre lirinischen Morgenlieder und Abendgesänge vermisste. Es waren die Liebeslieder ihres Volkes an den Himmel und die Sterne, unter denen sie geboren worden waren. Diese Zeremonien hatte sie während der ganzen Zeit eingehalten, in der er mit ihr zusammen gewesen war. Sie hatte sogar ihre Gebete gesungen, als sie durch die Erde entlang der Axis Mundi gereist und so weit wie möglich von den Sternen entfernt gewesen waren. Daher hatten sie sich in sein Hirn eingegraben, und es war ihm inzwischen unangenehmer, sie zu missen, als sie andauernd mit anhören zu müssen. Daher war es in gewisser Weise tröstlich für ihn, ihre Stimme nun wieder zu vernehmen, die in den Tiefen seines Bewusstseins seinen Namen sang. Es war beinahe genauso tröstlich wie beunruhigend. Er atmete tief ein. Die Waldluft kreiste durch seine Nüstern. Dann zog er eine Grimasse. In der Luft lag ein Geschmack von Salz. Achmed rollte ihn im Mund herum und spuckte ihn dann auf den Boden. Sie befanden sich recht weit vom Meer entfernt, und der Wind blies aus Osten, nicht aus Westen, sodass dies nur eines bedeuten konnte. Ashe befand sich irgendwo in der Nähe. Die Salzwassertröpfchen schienen noch etwas weiter weg zu sein; er hatte vermutlich ungefähr einen halben Tag Vorsprung vor Rhapsodys Gemahl. Achmed bedeutete Krinsel, sich zu beeilen. Er wollte mit der cymrischen Herrin allein reden, bevor Ashe aufkreuzte und sie völlig ablenkte, wie er es immer getan hatte, seit er sich vor vier Jahren in ihr Leben gedrängt hatte. Achmed. Achmed zuckte zusammen und schüttelte den Kopf. Die Stimme war nun anders, härter, wie er fand, doch als er kurz darüber nachdachte, erkannte er, dass diese Beschreibung nicht ganz stimmte. Wird sie ungeduldig?, fragte er sich, während er seinen Schritt beschleunigte und dem Leuchtfeuer ihrer Aura folgte. Ist sie es leid, Monate oder gar Jahre lang in einer Drachenhöhle eingesperrt zu sein, bis die Schwangerschaft vorbei und ihr Balg geboren ist? Schließlich kamen er und Krinsel zum Ufer eines schönen Waldsees, der sich gegen eine Bergflanke schmiegte. Das Kristallwasser war vollkommen ruhig; auf seiner Oberfläche spiegelten sich die Bäume, die es umstanden. Zerbrochene Eisstücke flössen träge in der schwachen Strömung, die in einen kleinen Bach mündete. Der Beschreibung zufolge, die Rhapsody ihm vom Nest der Drachin gegeben hatte, musste dies der spiegelnde Teich sein, der aus der Tiefe gespeist wurde. In dem Hain, in dem sich der Teich befand, herrschte Stille, die nur durch ein gelegentliches Zwitschern unterbrochen wurde, das mit jedem Schritt in Richtung der Drachenhöhle schwächer wurde. Er bedeutete Krinsel, ihm um den stillen See zu folgen. Das einzige Geräusch war nun das Gurgeln des Baches. Inzwischen wurde sein Namenslied lauter. Als er das gegenüberliegende Ufer erreichte, erkannte er, dass das Lied aus der Höhle drang, deren Eingang im steilsten Hang des Berges hinter Bäumen und Felsen verborgen war. Aus dem Mund der Höhle floss ein kleiner Bach, der sich still in das glasige Wasser des spiegelnden Teiches ergoss. Achmed deutete wortlos auf den Höhleneingang, und Krinsel nickte erneut. Kein Pfad war sichtbar; es schien Achmed, als seien die Bäume, die vom See bis zum Eingang standen, absichtlich gepflanzt oder zumindest so gebogen worden, dass sie den Weg verbargen und als lebendige Mauer den Ort schützten. Als Rhapsody ihm den lächerlichen Spitznamen Achmed die Schlange gegeben hatte, hatte sie ihn auch mit anderen Namen bedacht: Firbolg, Dhrakier, Erstgeborener, Mörder, unfehlbarer Fährtenleser, Pfadfinder. Diese Worte, ausgesprochen in den reinen Flammen des Feuers im Mittelpunkt der Erde, hatten ihm die ihnen innewohnenden Fähigkeiten verliehen, von denen er einige schon sein ganzes Leben gehabt hatte, andere aber für ihn neu waren. Die Fähigkeit, Wege zu finden, war eine nützliche Ergänzung seiner Gaben, die er nun einsetzte. Plötzlich lag der Weg durch das Baumlabyrinth klar vor ihm. Er hatte gerade den Pfad betreten, der ihn zum Eingang führte, als die Waldstille plötzlich von einer Stimme zerschmettert wurde, die über den Waldboden rollte und gleichzeitig Sopran, Alt, Tenor und Bass war. Halt. Achmed erstarrte unwillkürlich. Die seltsame Stimme klang sowohl verärgert als auch belustigt. Man geht nicht uneingeladen in die Höhle eines Drachen, es sei denn, man ist ein großer Narr. Ich schlage vor, du klopfst erst oder kündigst dich wenigstens an. Die Worte hallten durch den Tunnel hinter dem Höhleneingang. Sie rollten unangenehm über seine empfindliche Haut und unterbrachen die schönen Schwingungen seines Namensliedes, das hier in der Luft getanzt hatte, störten es und bereiteten ihm pochende Kopfschmerzen. Außerdem lag in ihnen eine Macht von elementarem Ursprung, die eindeutig bedrohlich war. Er warf einen Blick zurück zu der Bolg-Hebamme, die so gelassen wie immer wirkte, deren Augen jedoch vor Angst funkelten. »Du kannst hier warten«, sagte er. Die Frau nickte schwach und mit deutlich erkennbarer Erleichterung, obwohl sich ihr Gesichtsausdruck nicht veränderte. Achmed begab sich zum Höhleneingang. An der äußeren Wand erkannte er einige eingekratzte Runen, die durch eine Schicht aus Frost und Flechten halb verdeckt waren. Als er genauer hinsah, erkannte er sie und atmete tief durch. Die Worte stammten aus der alten Schiffersprache, die aus dem Altcymrischen und allen anderen bekannten Sprachen der Welt vor zwei Jahrtausenden zusammengesetzt worden war. Cyme we inne frið, fram the grip of deaþ to lif inne ðis smylte land Unter der Ironie dieser Worte prickelte seine Haut. Dies war der Geburtsort des cymrischen Volkes – der Ort, wo der Eroberer Merithyn die Worte eingeritzt hatte, die ihm von seinem König übermittelt worden waren und mit denen er jeden in der neuen Welt grüßen sollte. Wir kommen in friedlicher Absicht, den Klauen des Todes entronnen, um in diesem schönen Land zu leben. Die Drachin, die auf dem Grund dieser Höhle lebte, war von dem Eroberer verzaubert gewesen und hatte sich in ihn verliebt. Sie hatte ihn eingeladen, in seine Heimat zurückzukehren und sein dem Untergang geweihtes Volk in die Sicherheit und den Schutz ihres Landes zu verbringen. Und dieser Verrückte hatte es getan und alle Arten von selbstsüchtigen, verdorbenen Menschen mitgebracht, die dabei so etwas wie Unsterblichkeit oder zumindest extreme Langlebigkeit erlangt hatten. Obwohl Merithyn bei der Rückreise auf See gestorben war, hatten die Cymrer, wie die Flüchtlinge aus Serendair genannt wurden, das Drachenland und die Länder dahinter erobert. Sie hatten unangefochten geherrscht und die eingeborenen Völker unterworfen, welche Eroberern mit solch unirdischen Kräften und Lebensspannen nichts entgegenzusetzen gehabt hatten. Doch dann hatten sie alles in ihrem großen, dummen Krieg vernichtet. Und hier hatte alles begonnen. Als der daran dachte, bekam er Zahnschmerzen. »Rhapsody!«, rief er ungeduldig in die Höhlenöffnung. Das Namenslied brach sofort ab und riss das angenehme Gefühl aus seiner Haut, sodass sie leicht summte und stach. Für einen Augenblick herrschte Stille. Dann sprach die vieltonige Stimme wieder, in der nun deutliches Missfallen lag und die Belustigung ersetzte, die vorher noch in ihr zu spüren gewesen war. Du kannst eintreten, Bolg-König, aber vergiss deine Manieren nicht. »Hurra«, murmelte Achmed. Er bedeutete Krinsel, sie solle vor der Höhle ein Lager aufschlagen; dann betrat er den dunklen Tunnel. Einige Fuß hinter der Öffnung weitete sich die Höhle und erstreckte sich als gewaltiger, dunkler Tunnel in den Berg, der weiter hinten in pulsierendem Licht erglühte. Im Eingang hatten sternartige Flechten die Wände bedeckt und erstreckten sich bis ans Tageslicht, doch im Innern des Tunnels dünnten sie aus und verschwanden schließlich. Die Wände verzweigten sich, während der Weg nach unten führte. Achmed hörte von weiter hinten ein Tröpfeln herdringen und bemerkte den eindeutigen Gestank von Schwefel aus den Tiefen des Schachtes. Der Hauch der Drachin, dachte er. Der beißende Geruch reizte seine Atemwege. Er kniff in der Dunkelheit die Augen zusammen und folgte dem Leuchten. Nun watete er durch einen seichten Strom, der immer tiefer wurde, je weiter Achmed kam. Vor einigen Jahren hatte ihm Rhapsody die Höhle beschrieben und gesagt, die Drachin lebe am Ufer eines unterirdisehen Sees. Dampf stieg aus dem Wasser auf, als er es durchquerte. Während seiner Reise durch den Tunnel verlor er jedes Zeitgefühl, wie damals, als er, Grunthor und Rhapsody entlang der Wurzel gewandert waren. Dieses Gefühl überraschte ihn; er war erstaunt, dass Rhapsody überhaupt in dieser Höhle leben konnte, denn sie erinnerte stark an den Bauch der Erde. Da sie eine Lirin und ein Kind des Himmels war, litt sie, wann immer sie sich nicht im Freien befand. Die Reise entlang der Axis Mundi war eine Qual für sie gewesen. Und sie hatte monatelang in der Erde gesteckt. Die widerliche Luft umstrich ihn wieder in Wellen aus verderbter Hitze, und vor sich hörte er Krallen über den Steinboden der Höhle kratzen, gefolgt von einem Platschen, als sich die Bestie aus dem Wasser zog. Achmed umrundete eine Biegung, blieb stehen und sah auf. Vor ihm türmte sich die Drachin auf. Sie füllte die Höhle vom Boden bis zur Decke aus. Ihr gewaltiger Körper war zwar luftartig, besaß dennoch eine erstaunliche Masse. Die riesige Drachin war in ihrem ätherischen Zustand mindestens hundert Fuß lang, vielleicht sogar länger, und die kupfernen Schuppen auf ihrer Haut glitzerten im warmen Licht der Fackeln, die den Boden der Höhle erhellten und deren Licht sich wie Millionen rot funkelnder Sterne auf den Schuppen brach. Die Augen der Drachin waren wie Prismen, in die senkrechte, schmale silberne Pupillen eingelassen waren, und glühten wie Laternen in der Finsternis. Und in diesen Augen lag ein unmissverständlicher Ausdruck der Verärgerung. »Reg meine Schöne bloß nicht auf«, warnte die Bestie ihn. Ihre vieltonige Stimme hallte durch die Höhle. Die farbenprächtigen Augen verengten sich, um die Worte zu betonen, die aus der Luft selbst gekommen zu sein schienen. Achmed nickte knapp. »Wo ist sie?« Die Drachin betrachtete ihn noch eine Weile misstrauisch, dann drehte sie sich zur Seite und erlaubte ihm, an ihrem durchscheinenden Körper vorbeizugehen und tiefer in die Höhle einzudringen. Inmitten all der Meeresschätze saß Rhapsody auf einer Hängematte aus Leinwand, die zwischen den Höhlenwänden gespannt war. Achmed verlangsamte seine Schritte, blieb stehen und sah sie eingehend an. Er erkannte sie kaum wieder. Seit dem Fest hatte sie sich körperlich verändert, doch zunächst fiel es Achmed schwer, diese Veränderung zu benennen. Ihre Gesichtszüge schienen schärfer geworden zu sein und die Sanftheit der Linien verloren zu haben, die das menschliche Blut ihres Vaters ihrem ansonsten lirinischen Antlitz hinzugefügt hatte. Nun wirkte sie kälter, ernster. Die Wärme des elementaren Feuers, das sie bei der Reise durch die Erdmitte in sich aufgenommen hatte, war schwächer geworden, wodurch ihre Haut blasser und wie aus Alabaster wirkte und zumindest weitaus weniger rosig als üblich. Sie schien entrückt; sicherlich hatte sie ihn kommen gehört, aber sie schenkte ihm nicht einmal einen Blick. Es war etwas beinahe Drachenhaftes an ihr. Achmed schluckte wütend; bei ihrem Anblick stieg ihm die Galle hoch. »Trägst du dieses Kind aus, oder trägt es dich aus?«, fragte er. Rhapsody drehte sich um und sah ihn an. Achmed schnürte es die Kehle zusammen. Ihre klaren grünen Augen, die im Fackelschein wie Smaragde waren, hatten dieselben senkrechten Pupillen wie die ihres Mannes und die der Drachin. »Beides«, sagte sie. In ihrer Stimme hallte etwas wider, das an die Vielstimmigkeit eines Drachen erinnerte, auch wenn es noch nicht so deutlich hervortrat. »Sei auch du mir gegrüßt.« Achmed atmete gemessen und bemühte sich, das in ihm aufsteigende Gefühl der Pein zu unterdrücken. Rhapsody glitt aus der Hängematte und kam ihm entgegen, Sie nickte Elynsynos zu, die noch einen bösen Blick auf Achmed warf und sich dann durch einen Berg aus glitzernden Silbermünzen tiefer in den Berg zurückzog. »Es war zu erwarten, dass die Mischung so mächtigen Blutes einen Einfluss auf Mutter und Kind haben würde«, sagte Rhapsody ruhig, doch sie war eindeutig über Achmeds Reaktion verwirrt. »Es ist vorübergehend.« »Hat Ashe dich schon so gesehen?«, wollte Achmed wissen. Rhapsody runzelte die Stirn. »Ja. Hast du Krinsel mitgebracht, wie ich es dir befohlen habe?« »Sie wartet draußen. Hast du die Übersetzung beendet?« »Ja«, sagte Rhapsody. »Wo ist sie?«, fragte Achmed. Seine Nackenhaare sträubten sich wegen der aufgeladenen Luft in der Höhle und der verwirrenden Veränderung, die mit Rhapsody vorgegangen war. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Das ist unwichtig«, sagte sie. »Ich werde sie dir nicht geben, Achmed.« Plötzlich schien die Luft in der feuchten Höhle auf einen Schlag staubtrocken zu werden. Die beiden Freunde starrten einander durchdringend an. Als Achmed schließlich sprach, war seine Stimme zwar ruhig, aber sie hatte einen tödlichen Unterton. »Ich glaube, ich habe dich falsch verstanden.« »Das hast du nicht«, sagte Rhapsody offen. »Du kannst diese Überlieferungen nicht bekommen, Achmed – sie dürfen niemals verwendet werden. Nicht jetzt und nicht später. Aus keinem Grund. Du musst deine Pläne aufgeben, den Lichtfänger neu zu bauen, und einen anderen Weg finden, um die Sicherheit Ylorcs und des Erdenkindes zu garantieren. Der Lichtfänger würde alles nur noch schlimmer machen.« Die Pupillen in Achmeds unterschiedlichen Augen zogen sich zusammen, als tränke er blendendes Licht. Er atmete gemessener, flacher, aber ansonsten deutete nichts die aufschießende Wut in ihm an. Beide wussten, was nun kam. Schließlich sagte er: »Seit ich dich kenne, Rhapsody, hast du mir viele Gründe und noch mehr Gelegenheiten gegeben, dich zu töten. Du tust es immer so unbekümmert, dass dir jedes Mal die schiere Unwissenheit das Leben rettet, weil es schwer ist, die Existenz von jemandem zu beenden, der so offensichtlich nichts begreift.« Seine Augen verengten sich sichtbar. »Diesmal aber bist du dir so wenig des dünnen Eises bewusst, auf dem du dich befindest, dass es mir wahrhaft den Atem raubt.« Rhapsody stieß die Luft aus, blinzelte aber nicht einmal. »Tu, was du tun zu müssen glaubst, Achmed«, sagte sie gelassen, doch mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme. »Wenn mein Tod der Preis ist, den du für dein dummes Unternehmen zahlen musst, dann war es meine Weigerung wert.« Achmed zuckte zusammen. Sie benutzte das Wahrsprechen des Benenners. In ihrer Stimme lagen weder Sarkasmus noch Scherz. »Warum?«, spuckte er aus. »Sag mir, was dich so beunruhigt, dass du dafür unsere Freundschaft aufs Spiel setzt, ja sogar opfern willst, und dein eigenes Leben dazu, wo du doch weißt, wie sehr ich diese Informationen brauche. Hast du den Verstand verloren oder die Beziehung zum Erdenkind und dessen Sicherheit?« »Weder noch.« Die Pupillen in Rhapsodys Augen vergrößerten sich, wie Achmeds es getan hatten, und spiegelten die Bemühungen wider, mit denen er seine Wut zu unterdrücken versuchte. »Ich habe mein Gelöbnis nicht vergessen, das Erdenkind und das ganze Volk zu schützen, in dessen Verantwortung ich stehe. Genau deshalb muss ich meinem liebsten Freund das verweigern, was er entgegen aller Vernunft haben möchte. Egal, wie hoch der Preis dafür ist, ich will ihn bezahlen, weil ich im Gegensatz zu dir genau weiß, was hier auf dem Spiel steht.« »Ich weiß durchaus, was auf dem Spiel steht«, sagte Achmed sanft, wobei die Drohung aus jedem seiner Worte tropfte. »Es steht das Leben und das Nachleben auf dem Spiel. Wenn die F’dor das Erdenkind finden, werden sie ihm eine Rippe aus Lebendigem Gestein aus der Brust reißen und damit die Gruft der Unterwelt aufschließen, in der der Rest ihrer Art eingekerkert ist. Sind diese Dämonen erst losgelassen, werden sie alles Leben auf der Erde vernichten, denn danach gieren sie; doch da ihre Existenz nicht auf die materielle Welt beschränkt ist, werden sie, genährt mit der Macht dieser Vernichtung, auch das Leben zerstören, das hinter diesem liegt. Selbst ich, gottloser Mann, der ich bin, empfinde das als ein Schicksal, das ich verhindern muss, solange noch Atem in mir ist. Es erstaunt mich vollkommen, wieso du nicht erkennen kannst, dass du mir helfen musst, wo du dich doch als Retterin der Welt siehst und dich um jeden Taugenichts, jedes Kind und jedes Getier kümmerst.« Sie atmete tief durch und schaute dann hinüber zu der Wand aus Silber, hinter der die Drachin verschwunden war. »Schon seit unglaublich langer Zeit besitzt du Grunthors Treue, die ohne Grenzen ist und bis in den Tod und darüber hinaus reicht. Dennoch hat es Zeiten während eurer Freundschaft gegeben, in denen er sich dir widersetzt hat, oder etwa nicht?« »Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Grunthor und dir«, sagte Achmed mit einer Spur Hohn in der Stimme. »Ich vertraue auf sein Urteil. Er ist in vieler Hinsicht weiser als ich. Wenn er daher meine Entscheidungen infrage stellt, höre ich ihm zu, weil er und ich dieselben grundsätzlichen Ziele haben, und er ist nie rechthaberisch. Deine moralischen Grundsätze sind zwar beständig, aber dumm, und deine Treue ist schlecht verteilt. Oft widersetzt du dich mir oder meinen Plänen aus Gründen, die niemand einsehen kann, der mit dem Kopf denkt und nicht mit den Körperteilen, die deine Entscheidungen beherrschen.« Er wartete auf die verletzte Reaktion, die seinen schmerzenden Worten sicherlich folgen würde, doch sie kam nicht. Seine Wortpfeile prallten unbemerkt an ihr ab. »Unterstützt Grunthor deine Entscheidung, den Lichtfänger wieder aufzubauen?« Die Augen des Bolg-Königs verengten sich. »Die Zweifel, die er möglicherweise gehabt hat, sind sowohl durch seine Kenntnisse über die Geschichte des Apparats als auch durch das Wissen besänftigt, was auf dem Spiel steht.« »Lügner«, meinte Rhapsody verächtlich. Die Luft zwischen ihnen knisterte vor plötzlicher Trockenheit. »Ich bin mir sicher, dass er dir seine Bedenken mitgeteilt hat. Und das ängstigt mich mehr als alles andere, Achmed. Es überrascht und ärgert mich nicht, wenn du meine Sorgen beiseite wischst, denn wir beide wissen, dass du nichts von ihnen hältst. Du hast dich den Bitten des Meeresmagiers widersetzt, weil du ihn verachtest und ihn für einige Verluste in der Vergangenheit verantwortlich machst. Der König der Nain, des Volkes, das den Lichtfänger und das Bergreich errichtet hat, über das du nun herrschst, hat dir einen Botschafter geschickt, um dich vor der Wiederherstellung dieses Apparats zu warnen, oder? Aus diesem Grund ist er zu dir gekommen, auch wenn du das mir gegenüber nicht zugegeben hast, als du mir beim Winterkarneval von seinem Besuch erzählt hast.« Achmed gab keine Antwort darauf. »All diese Leute, die deine Freunde oder wenigstens deine Verbündeten sind, haben dich gebeten, es nicht zu tun, doch ihre Bitten stoßen auf taube Ohren. Das überrascht mich nicht. Aber dann sagt dir dein eigener Erz-Archont Grunthor, dein militärischer Oberbefehlshaber, dein bester Freund, der dir seit mehr als einem Jahrtausend mit der bedingungslosen Loyalität eines geborenen Soldaten folgt, um von der Reise durch die Eingeweide der Erde erst gar nicht zu reden, dass er die Klugheit deines Vorhabens anzweifelt, und selbst darauf gibst du nichts? Du solltest dich fragen, wessen Urteil in diesem Fall wirklich beeinträchtigt und wessen Seele von irrationalen Vorstellungen und Zielen besessen ist.« Sie legte eine Hand auf ihren Bauch und atmete tief durch. »Ich werde dir verraten, was du hinsichtlich dieser Übersetzung wirklich wissen musst, Achmed. Ich habe dir von Anfang an gesagt, es handelt sich um uralte Überlieferungen, um die Gesetze der Macht, mit denen die Magie beeinflusst werden kann. Es sind die zum Beginn der Zeit gehörenden Karten, die Noten zum Lied der Elemente und die Anweisungen, wie ihre Schwingungen das Gewebe der Welt bilden. Kannst du die Bedeutung dessen erkennen? In diesem Manuskript befinden sich die Schlüssel zur Welt. Jeder Mensch, der noch eine Spur Demut hat, würde bei dem Gedanken erbeben, über diese Überlieferungen zu reden, geschweige denn die Magie anzuwenden, es sei denn, er hat sie jahrelang studiert. Aber deine Überheblichkeit kennt keine Grenzen, und du bist blind dafür, wie gefährlich diese Informationen auch in der Hand eines Menschen mit guten Vorsätzen sein können.« Ihre Augen glühten hell in der Dunkelheit der Höhle. »Da du in dieser Sache meine Weisheit oder die des Meeresmagiers oder des Nain-Königs oder gar deines besten Freundes nicht annehmen willst, werde ich versuchen, mit Worten zu dir zu sprechen, die du begreifen kannst. Macht kommt nicht aus dem Nichts, Achmed. Sie ist eine elementare Schwingung, die sich aus etwas anderem speist – sie ist eine Übertragung von Lebensessenz. Ob das Gerät, das du gebaut hast und wieder neu errichten willst, zum Heilen oder Verbergen, zur Wahrheitsfindung oder zur Vernichtung dienen soll, es braucht in jedem Fall eine Kraftquelle. Und da du die reine Energie des Lichtspektrums benutzt, dessen Farben wie die Musik im Einklang mit den Schwingungen der Elemente stehen, musst du wissen, woraus du die Kraft ziehst. Es handelt sich hier um uranfängliche Magie, die von der Geburt der Welt übrig geblieben ist. Diese Magie ist eine auf dem Feuer basierende Kraft aus dem Herzen der Erde, aus demselben elementaren Inferno, durch das du, Grunthor und ich gegangen sind, um hierher zu kommen. Die Magie, welche auf das Wasser gegründet ist, zieht ihre Kraft aus der Quelle des Lebendigen Meeres, dem Ort, an dem dieses Element geboren wurde. Die Luftmagie kommt aus dem Schloss der verknoteten Stürme, die Äthermagie von dem Stern Seren und den Bruchstücken der anderen Sterne, die auf die Erde gefallen und hier immer noch lebendig sind. Doch die meiste Magie des Lichtfängers oder der Lichtschmiede, wie die Nain ihn genannt haben, stammt aus der Erde, da in ihr als dem letztgeborenen Element die Spuren aller anderen zu finden sind.« Rhapsodys Worte wurden gleichmäßiger, als sie bemerkte, dass der Bolg-König allmählich verstand. Damit dieser Augenblick nicht ungenutzt vorüberging, beugte sie sich vor und flüsterte die letzten Worte, die wie ein tödlicher Streich waren. »Der Apparat, den du gebaut hast und wieder bauen willst, zieht seine Kraft aus der Erde selbst, Achmed, und mehr noch: Er nagt ihren ältesten Teil an, der schlafend in ihr liegt, seit die Welt erschaffen wurde. Seine Macht trägt den Makel des Feuers, denn er ist verseucht von den F’dor. Diese Maschine, die du als schützendes Bollwerk für das Erdenkind ansiehst, zieht Kraft aus ebendem Gewürm, das nun schlafend im Bauch der Erde liegt. Sie ist Teil dieses Bauchs, ein großer Teil sogar. Du hast dieses Gewürm mit eigenen Augen gesehen. Jedes Mal, wenn du den Lichtfänger benutzt, gehst du die Gefahr ein, es aufzuwecken.« 33 Für lange Zeit war das einzige Geräusch in der Höhle das Gurgeln des Wassers, das aus der unterirdischen Lagune in den stillen See jenseits des Berges strömte. Die beiden alten Freunde schauten einander an. Keiner sprach, ihr Atem ging im Gleichklang. Schließlich brach Achmed das Schweigen. »Gib mir die Übersetzung.« Rhapsody kniff die Augen zusammen. »Hast du nichts von dem verstanden, was ich dir gesagt habe?« »Jedes Wort. Gib sie mir trotzdem.« Die Herrin der Cymrer legte wütend die Hand auf ihren geschwollenen Bauch. »Ich will, dass du jetzt gehst, Achmed«, sagte sie. »Mit Vergnügen, sobald du mir die Übersetzung gibst. Ich habe gelernt, mit Reptilien geduldig zu sein. Treib es also nicht zu weit.« Rhapsody wandte sich verärgert ab. »Und was dann? Willst mich dann töten? Wenn dich das davon abhält, diese Maschine zu vollenden und einzusetzen, nur zu. Ich habe dir schon gesagt, dass es mir das wert ist.« Der Bolg-König seufzte. »Wer ist jetzt der Narr? Zuerst will ich dir noch einmal sagen: Der Lichtfänger wird gebaut, und er wird benutzt werden, ob mit oder ohne Übersetzung. Das kannst du nicht verhindern. Ich suche in dem Text nach etwas, mit dem ich den andauernden Wechsel von Versuch und Fehlschlag vermeiden kann. Dabei könntest du hilfreich sein, doch du bleibst lieber blind. Vielleicht liegt das an deinen verkleinerten Augen, weil du den Balg deines Mannes austrägst. Wann habe ich zum letzten Mal jemanden getötet, ohne dass es sich um Selbstverteidigung oder um deine Verteidigung gehandelt hat, meine Liebe? Da verlasse ich mein Königreich und reise durch einen ganzen Kontinent, um deinen Hintern aus dem Meer zu ziehen und vor dem Zugriff durch einen verlotterten Verrückten zu bewahren, und du klagst mich an, ich wolle dich töten? Das ist nicht nur lächerlich, das ist schon beleidigend. Nur weil ich weiß, wie man schnell und leicht tötet, bedeutet das nicht, dass ich es unablässig oder ohne Grund tue. Es gibt eine ganze Menge Leute, die dich liebend gern tot sähen – und viele davon sind mit dir verwandt. Behandle mich nicht wie ein Kind. Uranfängliche Magie? Natürlich handelt es sich um uranfängliche Magie! Wir gehen mit Kräften um, die aus dem ersten Zeitalter herrühren. Keine Kraftquelle, die später entstanden ist, kann gegen diese Kräfte etwas ausrichten.« Rhapsody drehte sich ihm wieder zu. Nun war sie blass. »Aber du hast nicht das Recht, sie zu benutzen«, sagte sie zögernd. »Hier geht es nicht darum, eine Anleitung zu lesen und dann nach ihr etwas zu bauen. Die großen Benenner mussten jahrhundertelang studieren, bevor sie Zugang zu diesen Überlieferungen erhielten. Selbst ich, die ich diese Dinge untersucht habe, bin schrecklich unvorbereitet und begreife nicht alles, was hier niedergeschrieben steht. Ich habe mir das Meiste selbst beigebracht, Achmed. Vergiss nicht, dass viele meiner Studien in Abwesenheit meines Lehrers stattfanden. Trotz all der Zeit, in der ich die Wissenschaft des Benennens angewendet habe, würde ich nicht einmal im Traum daran denken, uranfängliche Magie zu benutzen.« Achmed deutete auf ihren Bauch. »Was glaubst du denn, wie man die Zeugung eines Drachenbalgs sonst nennen sollte?«, fragte er, unfähig, seinen Abscheu zu verbergen. »Wenn das keine Nutzung uranfänglicher Magie ist, was ist es dann? Du gibst zu, dass du nicht die leiseste Ahnung hast, was aus dieser Schwangerschaft herauskommt. Du, ein Gefäß elementaren Feuers und Äthers, die Trägerin eines Schwertes, das zweifellos deine Seele mit ihren eigenen Kräften geformt hat, Lirin und Mensch und Cymrerin, für immer in der Zeit erstarrt und alterslos – du vermischst dein Blut mit diesem verdorbenen Mischmasch, aus dem Ashes Blut besteht? Was daraus erwächst, könnte sogar das Ende der Welt sein. Behaupte bloß nicht, das sei ausschließlich deine eigene Idee gewesen. Ich weiß genug über Drachen. Mir ist klar, dass dein geliebter Gatte mit deinem Leben spielt, ob er es zugibt oder nicht. All diese Vorwände der Besorgnis über die Gefahren des Lichtfängers! Du solltest dir besser Sorgen über die Gefahren machen, die mit deinem Kind in die Welt kommen – nicht nur für dein eigenes Leben, sondern für die gesamte Zukunft.« Er sah, wie Rhapsody zusammenzuckte, und verspürte sowohl Befriedigung als auch Schuld. Rasch sagte er: »Hör jetzt auf, mir Predigten über die Gefährlichkeit von unverständlicher Magie zu halten, und gib mir die Übersetzung. Ich versichere dir, dass ich weitaus verantwortungsbewusster mit meinen Angelegenheiten umgehe als du mit deinen.« »Ich ... ich kann nicht ...« »Natürlich kannst du! Glaubst du, es ist besser, wenn du mir genaue Anweisungen gibst, oder aber wenn ich mit Gwylliams Bibliothek in Ylorc experimentiere und eine große Zahl Bolg dabei beschäftige? Du könntest auch all das aufgeben« – er machte eine verächtliche Handbewegung in die mit Schätzen und Flechten angefüllte Höhle – »und mit mir nach Ylorc zurückgehen. Du würdest das Projekt überwachen, dann wüsstest du wenigstens, wie die alten Überlieferungen eingesetzt werden.« »Nein.« Wütend packte er ihr Handgelenk. Sofort wollte sie die Hand zurückziehen, hielt aber inne, als sie die Kraft seines Griffs bemerkte. »Begreifst du, dass du gerade deinen Stand als Benennerin aufs Spiel setzt?«, meinte Achmed leise und starrte direkt in die senkrecht geschlitzten Pupillen ihrer Augen. »Als ich dir und diesem unwürdigen Herzog in Yarim geholfen habe, hast du versprochen, mir bei dieser Sache beizustehen. Wenn du dich jetzt weigerst, war das damals eine Lüge. Du musst dich an deinen Worten messen lassen. Du wirst dein Wahrheitsgelübde brechen und dann ist deine Gabe des Benennens verwirkt.« Rhapsodys Gesicht verhärtete sich, und sie versuchte wieder, sich aus seinem Griff zu befreien. »Dann ist es eben so«, keuchte sie unter dem zwecklosen Versuch, seinen Griff um ihr Handgelenk zu lockern. »Ich wollte sterben, um dich vom Missbrauch der Überlieferungen abzuhalten, was bedeutet da schon die Opferung einer Berufung?« Achmed ließ ihren Arm mit einer heftigen Bewegung los. »Ich wiederhole, dass du mich von nichts abhalten kannst«, sagte er harsch. »Du verpasst nur die Gelegenheit, den Prozess nicht dem Zufall zu überlassen. Darüber solltest du nachdenken.« Er drehte sich um und machte sich auf den Weg zum Höhlenausgang. Rhapsody riss entsetzt die Augen auf, deren Smaragdgrün wie Frühlingsgras leuchtete. Achmed bemerkte die Veränderung aus den Augenwinkeln. Er kannte diesen Blick, der sich immer dann in Rhapsodys Augen stahl, wenn sie Angst hatte. Er blieb im Tunnel stehen und öffnete den Mund, weil er sie fragen wollte, was sie mehr fürchtete: seine Taten oder ihre Tatenlosigkeit. Dann schloss er den Mund rasch wieder, als er sah, dass blutiges Wasser aus ihr strömte und sich unheilvoll zwischen ihren Füßen auf dem Höhlenboden sammelte. Innerhalb eines einzigen Herzschlages schien sich die gesamte Welt zu verändern. Rhapsody betastete ihren Bauch, und ihr Gesicht verzog sich, während sie sich zusammenkrümmte. Sie stieß ein Keuchen aus und stützte sich mit zitternder Hand an der Höhlenwand ab. Achmed verspürte eine plötzliche Kälte; die Hitze im Tunnel ließ nach und löste sich auf. Sein Zorn schmolz; benommen ergriff er Rhapsodys Arm und stellte fest, dass ihr Körper so kalt war, als ob das elementare Feuer in ihr ausgelöscht worden wäre. Die Luft im Tunnel knisterte. Die Drachin erschien und glitt wie ein flüssiger Blitz über den Haufen aus Silber. Ihre vieltonige Stimme hallte vom Wasser und den Höhlenwänden wider. »Meine Schöne?« Rhapsody bemühte sich, stehen zu bleiben, doch ihre Beine gaben nach, und sie fiel zu Boden. Sie öffnete den Mund und wollte etwas sagen, aber ihr Gesicht verzerrte sich vor Schmerzen, und sie keuchte erneut auf. »Dein Gemahl kommt«, sagte die Drachin. Ihre Stimme war so fest und bestimmt wie die Ewigkeit, doch Achmed bemerkte, dass in den Augen der Bestie Bestürzung aufleuchtete. »Ich fühle ihn am Rande des Flusses, kaum eine Meile entfernt.« Rhapsodys Blick begegnete Achmeds. »Krinsel«, flüsterte sie. »Bitte.« Achmed kämpfte gegen die Galle in seiner Kehle an. Er fuhr mit der Hand an Rhapsodys Arm entlang und drückte ihr die Hand, dann ließ er sie wieder los, bückte sich und tauchte den Saum seiner Robe in ihr Blut. Sofort rannte er den Tunnel hinunter. Er traf die Hebamme am Höhleneingang an. Den Befehl, Rhapsody zu Hilfe zu eilen, gab er auf Bolgisch, denn es war eine knappe und gutturale Sprache, die wenig Anstrengung kostete. Als die Frau in die glimmernde Finsternis huschte, atmete Achmed tief durch, dann trat er aus der Höhle und hielt den Saum seines Gewandes in den Wind. Er wartete ungeduldig, bis der Wind den Geruch des Blutes aufnahm, dann drehte er sich um und eilte zurück in den dunklen Bauch des Drachennestes. Zwei Meilen entfernt hörte Ashe am Nebenfluss des Tarafel auf zu trinken und erhob sich. Er ließ die Tropfen in seiner Hand auf den schneebedeckten Boden fallen, wo sie sofort zu Eiskristallen erstarrten, und fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht, um Nase und Augen abzuwischen. Sein Drachensinn dehnte sich aus und erwachte aus seinem Schlaf. Die kleinsten Einzelheiten in seiner Umgebung wurden riesig. Er bemerkte die winzigsten Lichtfäden und Klangstränge aller Dinge unter der Sonne und im Wind, der wie ein Tuch über der Erde lag. Jeder gefrorene Grashalm auf jedem getauten Fleck unter jedem blattlosen Baum, jede Feder jedes Wintervogels über ihm, jeder eisbedeckte Zweig eines jeden Busches war ihm oder zumindest der uralten Bestie in seinem Blut überdeutlich. Im Wind konnte er die Blutstropfen mit größerer Gewissheit zählen, als er seinen eigenen Namen kannte. Mehr noch – in ihr Blut war anderes gemischt, das ein Widerhall seines eigenen war. In diesem Augenblick drehte sich Ashe um und überblickte das Land zwischen der Stelle, wo er stand, und der Drachenhöhle. Zwei Meilen im Rabenflug, dachte er und bezwang die Angst, die nun in ihm aufstieg wie die Drachensinne kurz zuvor. Mindestens zehn Meilen, wenn er den Fluss an einer genügend seichten Stelle durchqueren und die undurchdringlichsten Stelen des jungfräulichen Waldes umgehen wollte, in den noch nie ein Pfad geschlagen worden war und wo der Schnee hoch lag. Für den Bruchteil einer Sekunde schien der Wald um ihn mit Hindernissen durchsetzt zu sein, die ihn von seinem Schatz trennten: schneebedeckte, lauernde Wurzeln und weiße Hügel, Kuppen und andere Erhebungen, die den Wald mit dickem Frost schützten, der auch beim Einsetzen der Tauperiode nicht geschmolzen war. Doch dann rückten plötzlich alle Hindernisse fort, als sein Drachensinn in eine neue Dimension vorstieß. Die Drachennatur übernahm die Führung; sie erhob sich in ihm, gewann den Kampf und schwang sich über ihn und die Natur in seiner Umgebung auf. Ein Pfad strahlte in seinem Kopf wie ein Leuchtfeuer, ein ätherischer Führer zu Elynsynos’ Höhle. Und als seine Drachennatur die Oberherrschaft gewann, spürte Ashe, wie sich die Fesseln seiner Beherrschung lösten, die er fest in seinem Innern geknüpft hatte; es war eine Antwort auf die Macht der Elemente um ihn. Sein Körper blieb zunächst noch menschlich, auch wenn sein Geist nun der eines Drachen war. Er rannte los, geradewegs in die Baummauer hinein, die ihm von dem fern hielt, was der Drache in seiner Seele als sein Schatz ansah. Seine Frau und sein ungeborenes Kind. Beuge dich mir, lass mich durch, befahl die vieltonige Stimme in seiner Seele. Und die Erde gehorchte. Bäume zuckten im Wind, ihre Stämme beugten sich in beinahe unmöglichen Winkeln und gaben den Weg frei. Erhebungen aus schneebedecktem Gebüsch teilten sich; der schlammige Boden wurde vor ihm hart; alles ordnete sich der Erdenmacht unter, aus der seine Vorfahren hervorgegangen waren. Der plötzlich verstummte Wald schien den Atem anzuhalten, als der Mann, der durch ihn stürmte, aus der Luft um ihn Kraft saugte und durch das Gehölz brach, als wäre es nicht mehr als Wind. Einen Augenblick später war es trocken und knisterte, als ob Ashes Gegenwart ihm das Leben ausgesogen hätte. Während er lief, verließen alle Gedanken Ashes Bewusstsein und sanken tiefer in die Drachennatur in seinem Blut, bis ein einziger Gedanke – zu Rhapsody zu kommen – ihn völlig beherrschte. Dieser Vorrang verhalf ihm zu noch größerer Geschwindigkeit, und bevor er es bemerkte, stand er schon vor dem Eingang zu Elynsynos’ Höhle. Er keuchte vor Erschöpfung und schwitzte vor Schrecken. Vor dem Höhleneingang wurde sein Drachensinn plötzlich von einer größeren Macht unterdrückt, die an diesem Ort herrschte. Ashe blinzelte und lauschte. Aus den Tiefen der Höhle hörte er ein scharfes Jammern, ein Schluchzen der Verzweiflung und des Schmerzes, eine Stimme, die er nur allzu gut kannte. Das Blut gefror ihm bei diesen Lauten der Qual; Schweiß prickelte auf seiner Haut, und Übelkeit drohte ihn zu verschlingen. Vor ihm im Höhleneingang stand eine Bolg-Frau, eine dunkle Hebamme mit ernstem Gesicht. Er erinnerte sich schwach, dass Rhapsody sie ihm vor vielen Jahren einmal vorgestellt hatte. In der bolgischen Kultur wurden Hebammen als besonders mächtig angesehen; die Bolg glaubten, man müsse den Kindern das Beste geben, was ihre groben medizinischen Fähigkeiten zu bieten hatten, weil sie die Zukunft verkörperten und wichtiger waren als die besten Krieger, die man an ihren Wunden sterben ließ. Die Hebammen waren eine stahlharte Gruppe und stellten auch in Achmeds neuer Gesellschaftsordnung eine wichtige politische Kraft dar. Diese stillen, sturen Frauen zeigten nur sehr selten Gefühle oder Schmerz. Daher war es für Ashe noch beängstigender, den Ausdruck tiefster Angst in den Augen der Frau vor ihm zu sehen. Er kämpfte um Worte. »Meine Frau?«, fragte er. »Mein Kind?« Die Bolg-Frau atmete langsam aus und sprach drei Worte in der gemeinsamen Sprache des Kontinents. »Es tut mir Leid«, sagte sie. 34 Die Krevensfelder — Roland Die Tage des endlosen Schnees flössen eintönig ineinander. Weil es nichts weiter zu verstehen gab, verengte sich Farons Geist immer weiter. Er hatte alle Erinnerungen bis auf eine verloren, hatte sich an seinen neuen Körper und seine neue Wirklichkeit gewöhnt und richtete all seine Aufmerksamkeit nur auf ein einziges Ziel. Meile für Meile folgte er dem Winterpfad durch weites Bauernland entlang der gefrorenen transorlandischen Straße, welche den Kontinent teilte. Hier herrschte nur wenig Verkehr. Die Tauperiode war gekommen und die Leute in den Städten und Dörfern von Roland waren damit beschäftigt, Dinge instand zu setzen, Torf zu stechen und Holz und Dung als Brennmaterial zu horten, denn sie warteten auf die Rückkehr des Winters. Die Macht der Erde war stark in Faron und hatte ihn gelehrt, mit der Landschaft zu verschmelzen. Entweder deshalb oder weil niemand da war, der ihn hätte sehen können, ging er unbemerkt seines Weges. Nun folgte er einem Laut, einem fernen Ruf mit einer Schwingung, die er sein ganzes Leben hindurch gekannt hatte. Es war das alte, uranfängliche Lied der Schuppen, die er verloren hatte. Wenn es ihm möglich gewesen wäre, diese Melodie zu vergessen, hätten die Schuppen, die noch in seinem Besitz waren, ihn wieder daran erinnert, denn ihre summende Macht durchdrang seinen Steinkörper. Oft führte der Lärm des Tages dazu, dass der Ruf unterdrückt wurde, und wenn das geschah, wurde Faron über alle Maßen wütend. Der Ruf eines Wintervogels oder der Formationsflug von Gänsen über ihm brachte ihn dazu, auf seinem Schneeweg anzuhalten und stille Flüche in einer seit langem toten Sprache zu murmeln, die tief in seinem Hirn vergraben lag. Ihn verlangte nach der Stille der Welt, denn in dieser Stille konnte er den Ruf deutlich hören. Sobald er ihn erkannte, folgte er ihm unablässig. Bis er eines Nachts fand, wonach er gesucht hatte. Er war zur Spitze einer kleinen Erhebung über einem schmalen Tal gekommen und stand nun auf einem der welligen Hügel des orlandischen Plateaus in der weiten Ebene der Krevensfelder, und da lag es unter ihm. Der Vollmond schien so hell wie die Sonne. Sein Licht fiel auf die schneebedeckten Felder, die silbrigblau erstrahlten. Sogar in der Dunkelheit war das Mondlicht so grell, dass er die farbenfrohen Wagen und die purpurnen und zinnoberroten Flaggen erkennen konnte, die tagsüber von den Pferden gezogen wurden. Die Tiere waren nun zusammen untergebracht und für die Nacht zugedeckt worden. Sie allein bemerkten die Bewegung in der Erde und wieherten in aufkommender Panik. Im Lager des Zirkus brannten Fackeln und sandten Funken himmelwärts, die mit dem strahlenden Mondlicht tanzten. Um die Feuer saßen einige Männer, die als Wächter und Handlanger dienten, und tranken abgestandenes Bier und erzählten noch abgestandenere Witze. Der bucklige Kartenabreißer hatte mehr getrunken, als er vertrug, und wurde nun als menschlicher Ball in einem grotesken Spiel hin und her geworfen, wogegen er anscheinend nichts einzuwenden hatte, denn er kicherte laut. Das Lachen hallte von der leeren Welt der Hänge und Hügel um sie herum wider und verflog in der Nacht. Es verhüllte den Ruf der Schuppen. Malik hielt den zerbeulten Krug gegen die Lippen, blies den schmutzigen Schaum ab und verschüttete Bier in seinen Bart, während er lachte. Er hatte in dem Versuch, sich zu wärmen, die Beine an die Brust gezogen und nahm nun am Rande seines Blickfeldes eine Bewegung wahr. Er schaute hin, spähte in die Finsternis, doch was immer es gewesen sein mochte, es war wieder verschwunden. Bloß ’n Schneeteufel, entschied er und nahm noch einen Schluck. Wird ’nen verteufelten Wind geben heut Nacht. Der Wagen, der ihrem Feuer am nächsten stand, hob sich plötzlich mit den Hinterrädern vom Boden, wurde wieder auf die Erde geschleudert und brach entzwei. Für den Bruchteil eines Augenblicks war auf der weiten Ebene nichts anderes zu hören als das Splittern von Holz. Dann setzte das Kreischen ein. Die Missgeburten, die den ersten Angriff im Wagen überlebt hatten, schrien los; ihre harten, fremdartigen Stimmen erhoben sich zu einem dissonanten Jammern, das durch den Winterwind und das Knistern des Feuers schnitt und sich mit dem angstvollen Wiehern der Pferde mischte. Malik und die anderen, die um das Feuer saßen, warfen sich zunächst zu Boden, bedeckten das Gesicht und kamen dann entsetzt wieder auf die Beine. Der Mund des Aufsehers bebte und bildete zwei Worte: »Was zum ...« Da rutschte der nächste Wagen seitwärts auf sie zu, als wäre er mit Schwung von hinten geschleudert worden. Er prallte gegen den ersten; die Schreie verdoppelten sich, und die Nachtluft wurde erfüllt von scheußlichem Knirschen und Reißen. Nun wurde auch der zweite Wagen in die dunkle Luft gehoben und genauso geworfen wie der Bucklige noch kurz zuvor – mitten zwischen die Männer. Malik hatte das Glück, eine gute Position und schnelle Reflexe zu haben. Er warf sich in den Schnee und rollte nach links, scheuerte sich zwar vom Gesicht bis zu den Knien auf, wurde aber nicht zerschmettert wie die drei anderen Männer, mit denen er eben noch getrunken hatte. Während die Kakophonie um ihn herum anschwoll und ihm das Blut wie verrückt in den Ohren rauschte, versuchte Malik zu begreifen, was hier geschah und warum ein angenehmer nächtlicher Umtrunk plötzlich zu einem Nachtmahr geworden war. Ihm kam lediglich der Gedanke, ein schrecklicher Wintersturm habe sich wohl aus dem Nichts erhoben, die Wagen ergriffen und sie durch die Luft gewirbelt. Er kämpfte gegen Schwindel und Galle an, die ihm in die Kehle stieg, und glaubte einen Schatten zwischen dem Feld der Verwüstung und dem dritten Wagen zu sehen, aus dem weitere Missgeburten des Zirkus strömten und vor Verwirrung und Furcht winselten. Im schwachen Licht des sterbenden Feuers, um das die Männer gesessen hatten, schien ein menschlicher Schatten zu lauern, den die zuckenden Flammen zum Riesen machten. Das Dach des nächsten Wagens brach auseinander, während der Chor der Verwirrung sich zu Schreien des Grauens wandelte. Diesmal schaute Malik rechtzeitig über den Wagen und erkannte die Umrisse von zwei riesigen Armen und einem Oberkörper, der wütend niederfuhr. Der Schatten packte den Wagen und schüttelte ihn heftig, sodass alle Geschöpfe, die sich noch darin befunden und herauszukommen versucht hatten, auf den schneebedeckten Boden geworfen wurden, wo sie sich mit himmelwärts gerichtetem Blick zusammenkauerten, während das Wesen den Wagen mit einem schrecklichen Lärm auf sie warf. Im dämmrigen Licht des Lagerfeuers glaubte Malik nun den gesamten Umriss zu erkennen. Kurz hatte er geglaubt, eine der Missgeburten laufe umher, um blindwütig zu töten. So etwas war schon früher passiert, und viele der Ausstellungsgeschöpfe waren sehr stark. Doch als der ungeheuerliche Schatten durch den Schnee zum Wagen des Zirkusdirektors schlurfte, erkannte er, dass der Angreifer keine Missgeburt und auch kein Geschöpf war, das er je zuvor gesehen hatte. Er war schon fast bei der Unterkunft des Zirkusdirektors angekommen. »Feuer frei!«, rief er krächzend den Männern zu, die Wache gestanden hatten, während er und die anderen mit dem Buckligen gezecht hatten. Die Männer zielten zitternd mit ihren Armbrüsten. Sie hatten nun freien Blick, und ihr vor Entsetzen erstarrter Gesichtsausdruck verriet, dass sie etwas Schlimmeres sahen, als Malik sich je vorstellen konnte. Sein Ruf schien sie wachzurütteln. Gleichzeitig feuerten sie. Einer der Pfeile flog an dem Koloss vorbei, aber die anderen drei fanden das Ziel, das kaum zu verfehlen war, obwohl es sich bewegte. Die Pfeile prallten ab oder zerbrachen, als ob man sie auf eine Steinwand abgefeuert hätte. »Noch einmal!«, kreischte Malik, doch zwei der Schützen hatten schon ihre Waffe fallen gelassen und rannten fort, während der dritte reglos dastand. Nur einer der Wächter besaß die Geistesgegenwart, erneut zu schießen, als die herannahende Erde in Menschengestalt mit der geballten Faust auf den reglosen Schützen einschlug. Zwischen dem Blutgegurgel und Knochenbrechen war ein leises metallisches Klirr zu hören. Die Statue richtete sich wieder auf, griff sich neben das Ohr und war für einen Augenblick gelähmt. Malik erkannte die Gelegenheit. »Lauft!«, rief er jedem zu, der noch erstarrt in der Nähe stand. Er wedelte wild mit den Armen und sah sich um. »Emmi? Emmi, Liebes, wo bist du?« »Hier, Malik«, antwortete eine dünne, erschrockene Stimme hinter ihm, als Entenfuß-Emmi auf der Trittleiter eines der ineinander geschobenen Wagen erschien und ihn zu verlassen versuchte. Beim Klang ihrer Stimme hielt der Riese inne und richtete die blicklosen Augen auf sie, die im Schein der Fackeln an den verbliebenen Wagen blau und milchig aussahen. Dann schlenderte er in ihre Richtung, wobei er ihrer Stimme folgte. Malik stellte sich zwischen die beiden und begriff, was die Statue vorhatte. »Lauf, Emmi!«, brüllte er, während er einen zerbrochenen Zeltpfosten ergriff. »Er ist hinter dir her! Lauf!« Der Riese wischte ihn weg wie ein Blatt im Wind, brach ihm die Knochen und warf ihn in mehreren getrennten Teilen auf den Schnee. Entenfuß-Emmi und die Missgeburten in ihrer Nähe kreischten auf. Dieses Geräusch schien den herannahenden Titan noch wütender zu machen. Er wurde schneller und noch bedrohlicher. Eine Sekunde lang rüttelte etwas am Portal des Wagens, dann packte die Missgeburt, die als Menschlicher Bär bekannt war, Emmi von hinten und warf sie über die Veranda vor die Füße der Statue. Sie kreischte, als sie zu Boden fiel, schaute auf und erkannte zwei unirdische, sie eindringlich anstarrende Augen, deren Pupillen aus Stein bestanden; doch die Iris war blau und von milchigen Wirbeln überzogen. Entsetzen und Tränen erstickten sie beinahe. Entenfuß-Emmi schlitterte ein wenig nach hinten, doch die vielen raschelnden Röcke und Schürzen behinderten sie. Stumm murmelte sie Gebete, an die sie sich aus der Kindheit erinnerte, obwohl sie ihre Bedeutung schon lange vergessen hatte. Der Titan beobachtete sie weiter und blieb unbeweglich. Er sah zu, wie sie weinte, und kniete sich schließlich vor sie, wobei er die Pfeile, die ihm vom Rücken und der Seite abprallten, nicht weiter zu bemerken schien. Die Statue ballte eine gewaltige Hand zur Faust. Emmi und alle anderen Missgeburten, die entweder im Wagen gefangen oder starr vor Schreck waren, keuchten auf. Schweigen fiel über das verwüstete Lager; nur das Knistern der verbliebenen Feuer sowie das leise Jammern der Sterbenden waren noch zu hören. Der Titan streckte langsam die Hand aus und fuhr der entsetzten Frau mit den Steinknöcheln über die Wange. Dabei scheuerte der raue Stein sie ein wenig auf, doch er wischte ihr die Flut der Tränen ab, die ihr über das Gesicht geströmt war. So wie sie es früher bei ihm immer getan hatte. In den Augen der erschrockenen Frau zeigte sich kein Erkennen. Schließlich kam der Zirkusdirektor aus seinem Wagen am anderen Ende des Lagers und stopfte sich das Nachthemd in die gestreifte Hose. Eine doppellippige Frau folgte ihm. »Was ist hier los?«, rief er mit rumschwerer Stimme, in der Verärgerung über das unerfüllte Verlangen mitschwang. Als die entsetzte Stille gebrochen war, schrien die Missgeburten und Helfer, unter ihnen auch Entenfuß-Emmi, wieder auf. Der Kopf der Statue schnellte hoch. Einen Augenblick lang verspürte Faron ein Gefühl, das er nicht mehr gehabt hatte, seit er in den Körper aus Lebendigem Gestein eingesperrt worden war. Es war das Gefühl der Traurigkeit. Sie mich nicht erinnert, dachte er. Darin lag etwas Verheerendes. Ohne Emmi und ihre Freundlichkeit gab es niemanden mehr auf der Welt, der ihn aus seinem früheren Leben kannte. Der ihn so geliebt hatte, wie er gewesen war. Er hielt die freie Hand an sein Ohr, wo der Schuss einen Riss in sein Fleisch gegraben hatte. Er fühlte keinen Schmerz, sondern hatte nur den Eindruck, dass die verletzte Stelle auf eine Weise eintrocknete, wie es bei seinem übrigen Körper nicht der Fall war, so als ob der Stein dort nicht mehr lebendig sei. Plötzlich hörte er es klarer: den Gesang der Schuppen. Er warf den Kopf hoch, doch gleichzeitig ertönte wieder der Lärm des lebendigen Abfalls, übertönte das Lied der Schuppen und hinderte ihn daran, sie zu finden. Er schüttelte den Kopf, versuchte den Lärm zu vertreiben, doch damit machte er ihn nur noch schlimmer. Am lautesten war es unmittelbar vor ihm. Er öffnete die geballte Faust, umfasste mit den Fingern Emmis Hals und drückte zu, bis der Lärm aufhörte. Mit Entsetzen beobachtete der Rest des Monstrositätenkabinetts, wie der Riese Emmi den Kopf von den Schultern riss und ihn neben sich zu Boden warf; dann richtete er sich wieder auf und wandte sich langsam in Richtung des Zirkusdirektors. Der Direktor stolperte barfuss die wenigen Stufen von seinem Wagen hinunter in den Schnee. »Tut doch was, ihr missgebildeten Narren!«, kreischte er die verbliebenen Wachen an. Sie drehten sich um und flohen zusammen mit all jenen Missgeburten, die sich noch bewegen konnten, in die Dunkelheit der Krevensfelder. Die Frau, die er vorhin zu beschlafen versucht hatte, keuchte abgehackt und rannte zurück in den Wagen des Direktors. Ihr Irrtum wurde kurz darauf deutlich, als der Riese den Vorbau des Wagens packte und diesen über den Kopf des Zirkusdirektors schwang. Der Wagen schlug mit der Tür nach unten auf den Boden, was ein Entkommen unmöglich machte. Der Zirkusdirektor erstarrte. Er blickte wild um sich und suchte nach einem Ausweg, doch der Pfad hinter ihm war durch den zerschmetterten Wagen blockiert. Der Körper der doppellippigen Frau hing aus dem eingeschlagenen Fenster. Vor ihm erhob sich ein gewaltiger, wütender Schatten, geformt aus Stein, doch mit den Bewegungen eines Menschen. Eines Menschen mit mörderischem Zorn in den Augen. Rasch vergrub der Eigentümer des Monstrositätenkabinetts die Hände in den Hosentaschen und tastete blind nach Wertvollem, obwohl es sehr unwahrscheinlich war, dass etwas so Zerstörerisches mit Juwelen oder Gold besänftigt werden konnte; aber ihm fiel nichts Besseres ein. Seine zitternde Hand fand etwas Scharfes mit rauem Rand. Es war das eingerissene blaue Oval, das er vor langer Zeit aus dem Bauch des Fischjungen entfernt hatte. Er hatte es als Glücksbringer behalten; außerdem strahlten seine Schwingungen warm und anregend auf den Unterkörper ab. Er packte die Schuppe und warf sie in die Dunkelheit vor die Füße des Titanen. Faron blieb sofort im Schnee stehen. Die Schuppe glitzerte vor ihm; sie spiegelte den Feuerschein und das irre Licht des Mondes wider. Es war die Wahrsageschuppe, der blaue Talisman mit dem Bild eines von Wolken eingerahmten Auges auf der konvexen und eines von den Wolken verborgenen Auges auf der konkaven Seite. Es war die Schuppe, in der er erstmals diesen Ort gesehen und eine Spur der Frau mit dem langen Haar entdeckt hatte, nach der er auf Befehl seines Vaters hatte suchen müssen. Die Schuppe hatte seinem Vater geholfen, mitsamt seiner Piratenflotte sein Ziel zu finden. Es war wohl Farons größter Schatz, und dessen Verlust hatte ihn aller Hoffnungen beraubt. Nun lag sie unbeschädigt vor seinen Füßen und sang ihr klares, glockenhaftes Lied. Ehrerbietig bückte sich Faron und hob die Schuppe auf, dann hielt er sie triumphierend gegen das Licht des wolkenumrahmten Mondes. Er drehte sich um und ging fort, versunken in der Freude über einen wiedergewonnenen Schatz. Hinter ihm stieß der Zirkusdirektor einen rauen Seufzer der Erleichterung aus. Faron blieb abrupt stehen. In seiner Träumerei über die Wiederentdeckung der Schuppe hätte er beinahe vergessen, welche Qualen er erlitten hatte, als ihm die Schuppe entrissen worden war, und wie schrecklich es gewesen war, sich zur Schau stellen zu müssen, immerwährend missbraucht zu werden und einsam in der Dunkelheit eines polternden Zirkuswagens zu schwimmen. Damals hatte er diese Pein nicht verstanden, und auch jetzt begriff er sie nicht. Aber er erinnerte sich an sie. Er dachte an Entenfuß-Emmi, die ihn mit ihren Klauen verteidigt hatte, doch der Zirkusdirektor hatte sie mit dem Handrücken ohnmächtig geschlagen. In seinem einfachen Geist erinnerte sich Faron nicht mehr daran, was er selbst soeben mit Emmi getan hatte, doch die Wut über diesen Mann mit der gestreiften Hose und alles, was er Faron angetan hatte, kehrte mit Macht zurück. Er drehte sich um und war im nächsten Augenblick bei dem Zirkusdirektor. Der Mann hatte nicht einmal mehr die Gelegenheit, den Mund zu öffnen und einen Schrei auszustoßen, bevor Faron ihn in den zerschmetterten Wagen warf. Nun griff er zum ersten Mal, seit er seinen neuen Körper aus Lebendigem Gestein besaß, aus schierer Vergeltungsfreude an und zerstampfte den leblosen Körper zu Brei; dann warf er ihn in die Nacht, wo ihn am nächsten Morgen nicht einmal die Aasfresser erkannten. Nun schwoll das Lied der Schuppen in seinen Ohren an und übertönte das Jammern im Wind, das Winseln der Verletzten, die Schmerzesschreie der Sterbenden. Es war das Einzige, was er hörte, und es trug ihn. Er lauschte, wie in der Ferne die letzten Töne erklangen und ihn zu den anderen riefen. Faron drehte sich um und folgte ihnen südwärts, fort von den zerschmetterten Überresten des Zirkus. Nach Jierna’sid. 35 Ylorc Kurz bevor der Angriff auf das Bolgland begann, verspürte Grunthor eine dunkle Vorahnung, die nichts glich, was er in all seinen Kriegsjahren empfunden hatte. Es war nicht Angst und auch nicht Übelkeit oder jenes Klopfen im Schädel, das jeder Befehlshaber fühlt, wenn etwas nicht stimmt. Diese Gefühle hätte er sofort erkannt. Diesmal war es eher eine künstliche Abwesenheit jeglicher Besorgnis, als ob ein unbekanntes Wesen in seine Kriegerseele gegriffen und jeden Instinkt, jede antrainierte Vorsicht herausgerissen hätte, die er von Geburt an gehabt und während seines langen Soldatenlebens weiter entwickelt hatte. Kurz gesagt: Er fühlte nichts. Plötzlich waren alle unbewussten Warnzeichen, die bei einem andauernd wachsamen Menschen mit jedem Atemzug auf ihn einstürmten, verschwunden, als ob es auf der ganzen Welt nichts gäbe, worüber man sich Sorgen machen müsste. Dieses Gefühl ging nicht mit einer falschen Empfindung des Wohlbehagens einher, sondern war lediglich eine völlige Taubheit gegen die immerwährende Notwendigkeit, auf der Hut zu sein. Wenn er über diesen plötzlichen Wegfall seiner soldatischen Wachsamkeit nicht so entsetzt gewesen wäre, hätte er erkannt, worum es sich dabei handelte. Es hätte jedoch keinen Unterschied bei den folgenden Ereignissen gemacht und ihn vielleicht nur noch ängstlicher gestimmt. Dieses Gefühl des völligen Nichts, das seine Sinne betäubte, war die vollkommene Zerrüttung seiner Erdenmacht, welche von einem Drachen aufgesogen wurde. Der elementare Herzschlag, der in seinem Blut klopfte und sich im Gleichklang mit dem Puls der Welt befand, verschwand. Es wäre nicht erschreckender gewesen, wenn sein eigenes Herz plötzlich zu schlagen aufgehört hätte. Seine Verbindung zur Erde, so tief und innerlich, ging verloren und ließ ihn für den Bruchteil eines Atemzugs benommen und erstarrt zurück, bis er wieder tief Luft geholt hatte und sein Herzschlag sich beruhigte. Als er sein vollständiges Bewusstsein wiedererlangt hatte, erzitterte bereits der Boden. Rhapsody hatte der unterirdischen Grotte mit dem kleinen Häuschen und den Gärten inmitten eines dunklen Sees den Namen Elysian gegeben; diesen Namen hatte das Schloss des Königs getragen, der über Serendair geherrscht hatte. Als Tochter eines menschlichen Bauern und seiner lirinischen Frau war sie auf den weiten Feldern unter dem offenen Himmel aufgewachsen und hatte nie zuvor etwas so Bezauberndes zu Angesicht bekommen wie die stille Einsamkeit des dunklen Sees, der mit kleinen Flecken aus Sonnenlicht gesprenkelt war, das durch in die Felsendecke gebohrte Löcher fiel. Auch das Schloss von Elysian hatte sie nie gesehen, doch hatte allein schon das Wissen darum in ihrer Kindheit magische Bilder in ihr heraufbeschworen, und daher hielt sie diesen Namen für angemessen. Lange vor ihrer Zeit hatte der Ort andere Namen getragen. Die Firbolg nannten den Kreis aus zerklüfteten Felsen über der Höhle, der sie vor den Blicken und dem Wind der Oberwelt schützte, Kraldurge, was in ihrer Sprache so viel wie Reich der Geister bedeutete. Ob diese Bezeichnung vom Jammern des Windes in der Senke zwischen den Felsen herrührte oder einen tieferen Grund hatte, wusste keiner mehr. Jedenfalls war der Name treffend, denn sowohl der dunkle unterirdische See als auch die Wiese darüber enthielten unheilige Geheimnisse. Nicht vergebene Sünden lasteten auf ihnen, an die sich nur ein einziges lebendes Wesen erinnern konnte – die Bestie, die sie bis zu ihrem Erwachen am Ende des Sommers ebenfalls vergessen hatte. Es war dieser Ort voller dunkler Geheimnisse, an den die Drachin zuerst ging. Sie bohrte sich still durch die Erde und saugte deren magische Kraft in sich auf. Ihr angeborener Sinn leitete sie unfehlbar wie ein Leuchtfeuer aus der Ferne hierher, wo sie einst so etwas wie ein Nest gehabt hatte, einen Zufluchtsort innerhalb der Berge, über die sie geherrscht hatte. Ihr verhasster Gemahl hatte ihr diesen Ort geschenkt, hatte ihn sogar für sie errichtet, doch daran erinnerte sie sich nicht mehr. Sie wusste nur noch, dass er ihr gehört hatte und sie hier betrogen worden war. Mehr noch – sie hörte den Widerhall ihres Namens in der unterirdischen Grotte und spürte ihn im Wind der Wächterfelsen über sich, gefangen in endlosen Kreisen, unablässig in einem ewigen Heulen der Verzweiflung wiederholt: Aaaaaannnnnnnnnwwwwyyyyyyynnnnnnnnnnn! Nun befand sie sich an dem Ort, an dem dieser Name ausgesprochen worden war, und sie spürte den Hass, die Niedertracht und die böse Erinnerung an das lange vergangene Vergnügen der Rache. Was immer es gewesen war, das diesen Schrei hervorgerufen hatte, es besaß einen angenehmen Geschmack. Obwohl sie sich nicht mehr daran erinnern konnte, musste es köstlich gewesen sein. Während sie unter der Grotte wartete und ihre Rückkehr an diesen Ort genoss, kam ihr ein weiterer bitterer Geschmack in den Mund. Er ähnelte dem Parfumgeruch einer anderen Frau auf den Laken oder einem fremden Geschmack auf den Lippen des Geliebten. Zuerst war die Drachin abgestoßen und spuckte aus in dem nutzlosen Versuch, den Mund davon frei zu bekommen, doch schließlich begriff ihr beeinträchtigter Verstand, worum es sich handelte. Dieser Ort über ihr, der See und die Gärten, die Insel und die Hütte gehörten in jeder Hinsicht nun jemand anderem. Genau in dem Augenblick, in dem sie dies erkannte, wurde ihr auch etwas anderes klar: Die Person, die sie an diesem Ort ersetzt und ihr bewusst oder unbewusst ihre Vergangenheit und ihr Reich gestohlen hatte, war dieselbe Frau, deren nebelhaftes Gesicht und grüne Augen sie in ihren Wachträumen heimsuchte. Während ihre Wut stieg, wurde sie sich immer sicherer und beruhigte sich allmählich. Denn die Drachin wusste, dass sie an diesem Ort die verachtete Frau riechen, ihre Essenz einsaugen und in ihre Haut, ja, in ihr ganzes Wesen aufnehmen konnte. Und dadurch vermochte sie der Frau nachzuspüren, bis sie sie gefunden hatte. Die Drachin empfand nicht die Notwendigkeit, den Grund für ihren Hass zu kennen oder ihre Rachlust zu begreifen. Die Welt um sie herum war noch immer verschwommen und hatte jegliche Bezugspunkte verloren; auch waren alle Verbindungen zwischen Gedanken und Handlung gekappt. Sie wusste nur zwei Dinge genau: Sie trug eine unerschöpfliche Quelle beißenden Ärgers in sich, und Zerstörung linderte ihre Qualen ein wenig. Ich sehne mich nach Erleichterung, sagte sie sich, als sie an der unterirdischen Quelle entlangglitt, aus der sich der See speiste. Sie spürte, wie das Wasser sie erkannte und an diesem Ort wieder willkommen hieß. Dafür kann man mich bestimmt nicht tadeln. Sie tauchte aus dem Gestein am Grund des Sees auf und sog den Rest der Erdmagie wie Atemluft ein. Aus der unendlichen Dunkelheit der Erde drehte sie sich hoch zum gedämpften Licht über der Wasseroberfläche und schwamm so schnell, wie es ihre Wut erlaubte. Die Drachin schoss vorbei an Fischen, die in der Tiefe lebten und in entsetzten Schwärmen davon schössen, an hauchdünnen Kristallfäden, die in großen, kathedralenhaften Bogen aus strahlenden Farben aufstrebten, und brach schließlich aus dem Wasser hervor. Sie schwang sich auf das felsige Ufer der winzigen Insel in der Mitte des dunklen Sees. Dort lag sie kurz und holte Luft, dann hob sie den Kopf und betrachtete den Ort, an dem ihr Name ausgesprochen worden war. Der vor langer Zeit ausgestoßene Schrei hatte seinen Ursprung tatsächlich in der Welt oberhalb dieses Ortes. Sie hörte, wie er durch den Felsen jammerte und wütend im Wind tanzte, der zwischen den kreisförmigen Bergen des Kraldurge hindurchpeitschte. Hier, unter dem Ort, wo es geschehen war, waren die Erinnerungen stark genug, um ihre Aufmerksamkeit zu erringen. Die Drachin wich vom Ufer zurück und zog den Rest ihres Körpers aus dem Wasser. Wasser neigte dazu, Schwingungen zu verschleiern, besonders wenn sie alt waren, oder sie zu verzerren, und die Bestie wollte alles, was sie an diesem Ort entdecken mochte, ganz deutlich wahrnehmen. Woher sie dies wusste, war ihr nicht klar, aber sie dachte nicht weiter darüber nach. Denn ihre empfindlichen Nüstern hatten bereits den Duft der Frau eingefangen. Die durchdringenden blauen Augen der Drachin suchten die dunkle Insel ab. In ihrer Mitte stand eine kleine Hütte, umgeben von Gärten in tiefem Winterschlaf, die seit Jahren nicht mehr gepflegt worden waren. Hinter dem Haus lag ein kleiner Obstgarten unter einer Öffnung in der Kuppel, welche die Grotte überwölbte. Der Drachensinn der Bestie erspürte den Inhalt der Hütte: eine Küche ohne Vorräte, aber mit getrockneten Kräutern und Gewürzen, ein Badezimmer mit einer Wanne, die ihr Wasser aus dem See bezog und es in die Gärten leitete, ein Wohnzimmer mit einem Kirschholzschrank, der mit Korkleisten eingefasst war und Musikinstrumente enthielt. Eines der Schlafgemächer hatte einen kleinen Erker und eine Sitzbank darin, das andere einen großen Schrank mit reichen Hofgewändern und Leinenkleidern sowie einer dazu passenden Auswahl an Schmuck. Aha, meine Liebe, du bist also Musikantin? Und eine Sammlerin feiner Kleider, dachte die Drachin, doch dann erkannte sie einen weiteren Gegenstand in dem Schrank. Es war ein Kinderkleid, alt und reich bestickt mit allen Farben des Regenbogens. Ich kenne dieses Kleid, dachte die Drachin, doch der Ort, den es in ihrer Erinnerung einnahm, war ansonsten leer. Die Freundlichkeit dieses Ortes durchwebte sogar die Luft; er war durchdrungen von einem unverkennbaren Glück, was die Drachin befremdend und erschreckend fand. Es war, als habe jemand das warme, dunkle Nest weggenommen, das in seiner Kahlheit so wundervoll gewesen war, und es mit frohen Farben und hübschen, aber schalen Blumen befleckt. Dadurch hatte dieser Ort einen Glanz erhalten, der vorher nicht da gewesen war, und war zu einem Zufluchtsort, einem Heim, einem Heiligtum geworden. Doch da war noch eine tiefere Schicht, welche die Drachin spürte, aber nicht verstand. Liebe war etwas, das sie nicht kannte, auch nicht in menschlicher Gestalt, obwohl sie einmal Liebe gehabt hatte. Als die Drachin mit der Begutachtung der Hütte fertig war, machte sie sich an die Untersuchung des Gartens. In der Mitte der lange verwelkten Blumenbeete nahe eines Rosenbogens, in dem das Unkraut wucherte, befand sich eine steinerne, sechseckige Terrasse mit zwei ineinander gewundenen Steinbänken. In einer Ecke der Terrasse stand ein zerbrochener Vogelkäfig aus reinem Gold. Er war so stark beschädigt, dass man ihn nicht wiederherstellen konnte, und die Tür war fort. Der Drachensinn der Bestie stürzte sich sofort auf diesen Käfig. In ihm erkannte sie nicht nur große Macht, sondern auch ihre eigenen Ängste – alte Ängste, vermischt mit Pein und Zorn. Auf ihrem gewaltigen Gesicht prickelte es. Unbewusst hob sie eine Klaue und wollte sie sich an die Wange legen, um das Brennen der Erinnerung zu lindern. Es war ein schmerzhafter Schlag gewesen. Und er war hier, an diesem Ort geführt worden. Auf dieser Terrasse, nahe dem Vogelkäfig. Warum?, kreischte die Bestie innerlich auf. Warum kann ich mich nicht daran erinnern? Die Wut kehrte zurück und floss wie Säure durch ihre Adern. Während sie sich aufbaute, kämpfte die Bestie darum, die Magie in sich aufzunehmen und das wiederzubekommen, was man ihr gestohlen hatte, doch das Land wollte es nicht mehr hergeben. Sie war nicht gewöhnt, dass man sich ihr verweigerte. Die Drachin wandte sich mittels ihres Blutes an den Ort, von dem sie wusste, dass er einmal ihr gehört hatte, doch nichts antwortete ihr – nicht die Hütte, nicht der See oder die kristallinen Formationen in den purpurnen Grotten darunter, nicht einmal die sechseckige Terrasse, auf der ihr nach ihrer bruchstückhaften Erinnerung ein so großes Unrecht widerfahren war, dass die ganze Welt darunter hatte leiden müssen. Den Grund dafür kannte sie nicht; wenn sie ihn erfahren hätte, wäre sie noch wütender geworden. Es lag daran, dass der Mann, der die Krone der Firbolg ergriffen hatte und der rechtmäßige Herrscher über das Land der Zahnfelsen geworden war, diesen Ort in Wort und Tat der Frau geschenkt hatte, die sie als ihre Todfeindin ansah. Aber eigentlich war es völlig gleichgültig. Ätzender, zersetzender Hass stieg aus den Tiefen ihres seelenlosen Wesens auf und entzündete sich zu beißendem Feuer. Zuerst war die Terrasse an der Reihe. Die Drachin schickte ihren feurigen Atem durch den Stein, bis der Vogelkäfig zu einer Pfütze aus goldener Schlacke geworden war. Dann richtete sie ihren Zorn auf den Rest des Ortes, setzte die Gärten und die Obstbäume in Brand, die rasch in einer hoch aufsteigenden Wolke aus schwarzem und orangefarbenem Rauch verschwanden, und wandte sich schließlich dem Haus zu. Aus seiner Zerstörung schöpfte sie grimmige Befriedigung; es war wie das Zerreißen alter Liebesbriefe aus einer verratenen Beziehung. Das strohgedeckte Dach fing rasch Feuer, dann fiel das liebevoll wieder hergerichtete Schlafgemach den Flammen zum Opfer, mitsamt den wertvollen Kleidern und sorgfältig verwahrten Musikinstrumenten. Ein Schwefelflammenstoß nach dem anderen zerstörte jede Spur der Frau, die sich hier eingenistet hatte. Als die gesamte Insel ein Flammenmeer war und Rauch und Asche in einer schwarzen Wolke über dem dunklen See lagen, betrachtete die Drachin ihr Werk. Es ist ein Anfang, dachte sie und war noch unbefriedigt. Aber nur ein Anfang. Jetzt muss ich ihren Namen erfahren und herausfinden, wo sie sich befindet. Aber die Drachin wusste, dass dies nicht hier geschehen konnte. Sie spürte, dass die Frau, nach der sie suchte, kein Geschöpf der Erde, sondern der Luft und des Sternenlichtes war. Daher musste sie in der Oberwelt nach ihr suchen. Die Drachin versenkte sich in die Tiefen ihres Selbsts, in die elementare Erde; abermals wandte sie sich wie eine Wüste, welche das Wasser eines gewaltigen Unwetters aufgesogen hat und immer noch dürstet und tödlich trocken ist, von der brennenden Insel ab und schoss über den dunklen See bis zu der windumtosten Wiese, auf der ihr Name unablässig zwischen den Bergen hallte, und darüber hinaus an den Wächterfelsen des Kraldurge vorbei. Zum Reich der Firbolg. 36 Drachenhöhle — Gwynwald »Was willst du damit sagen?«, fragte Ashe bebend. Die Vieltonigkeit seiner Drachenstimme war verschwunden und von einer menschlichen ersetzt worden, die nun von den Wänden des Höhleneingangs widerhallte. Wortlos drehte sich die Hebamme um und stieg in die Höhle hinunter. Benommen folgte Ashe ihr in den Bauch des Drachennestes. Der Schein des Schatzes aus dem untergegangenen Meer war von der Farbe des Blutes durchtränkt. Er hörte seine Frau weinen; ihre Stimme zitterte, als versuche sie vergeblich, ihre Klage zu unterdrücken. Unter diesen Lauten lief er noch schneller; er drückte sich an Krinsel vorbei, rannte zum tiefsten Punkt der Höhle und rief dabei Rhapsodys Namen. Das, was er sah, ließ ihn erstarren. Das große ätherische Wesen wiegte Rhapsody in seiner Armbeuge und strich ihr sanft mit der Klaue die schweißnassen Locken aus dem Gesicht. Dieses Gesicht war schmerzverzerrt und weiß vor Angst, aber das war noch nicht alles. Es war blass wie Milch, und die Lippen waren farblos. Sie lag auf der Seite, die Augen waren geöffnet und glasig, und ein Bach aus Blut befleckte ihre Kleider, sammelte sich auf dem Boden vor ihr, wurde vor seinen Augen größer. »Das Fruchtwasser fließt, aber das Kind kommt nicht«, sagte Elynsynos sanft. »Und es ist so winzig.« Er hörte ihre Stimme in seinem Kopf, wo ihre Laute unmittelbar entstanden; Elynsynos wollte Rhapsody nicht noch mehr verängstigen. »Sam«, flüsterte Rhapsody. Ihre Stimme war trocken und schwach. Er kniete sich vor sie, nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und lächelte sie falsch an, um sie zu ermutigen. Dann warf er einen Blick auf die beiden Bolg. Krinsel sah nachdenklich und gelassen aus, genau wie Achmed, doch die sonst so dunkle Haut des Bolg-Königs glänzte im gebrochenen Licht der Hohle vor Schweiß. »Es ist zu schnell«, sagte Rhapsody leise. »Nicht einmal drei Jahreszeiten ...« »Das wissen wir nicht«, meinte Ashe beruhigend. »Deine Mutter ... hat dich ... drei Jahre lang getragen ...« »Wer weiß das schon?« Der cymrische Herrscher blickte in die prismatischen Augen der Drachin, die vor unvergossenen Tränen funkelten. »Wie lange war es bei dir, Elynsynos? Wie lange hast du meine Großmutter und ihre Schwestern ausgetragen?« Die Drachin schüttelte das gewaltige Haupt. »Länger als ein ganzes Jahr«, sagte sie. Verzweifelt dachte Ashe an die Worte der Seherin. Rhapsody wird nicht sterben, wenn sie deine Kinder zur Welt bringt, hatte Manwyn selbstgefällig gesagt. Darüber hatte er unablässig nachgegrübelt und überlegt, wie die Worte ausgelegt werden könnten, denn das Orakel war oft zweideutig. Doch er war zu dem Schluss gekommen, dass diese Aussage keine andere Deutung zuließ. Dann kam ihm ein schrecklicher Gedanke. Vielleicht hatte die Seherin einen grausamen Doppelsinn in ihre Bemerkung gelegt, welche zwar an sich richtig war, aber eine verborgene, entgegengesetzte Bedeutung hatte. Vielleicht sollte es genau so zu Ende gehen: Das Kind starb in ihr, bevor es geboren wurde. In seinem Kopf hallte die Stimme seines Vaters wider. Nimm dich vor Prophezeiungen in Acht, hatte Llauron gesagt. Sie sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen. Die Gabe, in die Zukunft zu sehen, ist oft den Preis der Irreführung nicht wert. Stumm verfluchte Ashe sich selbst, denn er musste zugeben, dass sein Vater möglicherweise Recht hatte. »Hilf mir«, sagte er zu Achmed, während er seinen Mantel auszog und ihn Rhapsody umlegte. »Du bist doch das Kind des Blutes, oder? Kannst du nicht wenigstens dafür sorgen, dass sie zu bluten aufhört?« Achmed schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wie«, sagte er mürrisch. »Ich habe meine Blutgabe nicht als Heiler, sondern als Mörder eingesetzt.« Im dunklen Licht der Höhle neigte die Bestie den Kopf und brachte damit jedes zufällige Geräusch zum Schweigen. »Wenn du eine Elementargabe hast, kannst du sie in beide Richtungen einsetzen«, sagte die harmonische Stimme. »Blut ist ein Element, wenn auch kein uranfängliches. Wenn du weißt, wie du Blut vergießen kannst, solltest du auch in der Lage sein, es zu retten.« Achmed stand reglos da, doch sein schweißfeuchtes Gesicht wurde noch aschfahler. »Ich kann es nicht«, wiederholte er. Die schillernden Augen der Drachin verengten sich in unmissverständlichem Ernst, und die künstliche Stimme, mit der sie ihre Worte formte, indem sie der Luft befahl, war sanft und leise vor tiefer Bedeutung. »Hör mir gut zu, Bolg-König«, sagte Elynsynos. »Schließ die Augen und höre auf kein anderes Geräusch als auf meine Worte; dann werde ich dir sagen, wie du deine Gabe einsetzen kannst, um Blut aus tödlichen Wunden zu stillen, anstatt es zu vergießen.« Einen Augenblick lang stand Achmed steif vor Unentschlossenheit in der Stille der Höhle, während Rhapsdys Lebensblut sich zu seinen Füßen sammelte. Dann kniete er sich widerstrebend neben sie. »Sag es mir«, meinte er knapp. »Alles im Universum ist entweder Leben oder Leere, Bolg-König. Nicht Gut und Böse, wie die Menschen glauben, sondern diese beiden entgegengesetzten Kräfte sind es, die für immer im Kampf liegen. Entweder ist etwas schöpferisch, oder es ist zerstörerisch. Und in jedem Leben gibt es sowohl Schöpfung als auch Zerstörung.« Die Worte der Drachin wurden wärmer, als ob die Hitze der Feuergabe, an die sie gefesselt war, sowie aller anderen Elemente in ihrer Stimme steige. »Jene, die mit der Gabe des Lisleut, der Farbe Rot, geboren sind, haben ein unauflösbares Band zum Blut, dem Strom des Lebens, der durch alle Geschöpfe fließt. Wenn sie dieses Band im Namen der Macht der Leere knüpfen und morden und vernichten, dann sind sie entweder Blutvergießer, geborene Mörder und Schlächter, oder solche, die den Tod mit großer Ehrerbietung bringen, wenn es nötig ist. Doch wenn diese Blutgabe im Namen der Schöpfung – und mit Liebe – angewendet wird, ist sie eine heilende Macht. Du und meine Schöne habt in vieler Hinsicht dieselbe Verbindung zum Blut, aber du hast deine Gabe dazu eingesetzt, es zu vergießen, oft in guter Absicht, während sie es zu bewahren versucht. Als Benennerin kann sie heilen, aber weder sie noch ich haben die Gabe des Lisleut. Drachen sind nur mit den uranfänglichen fünf Elementen verbunden. Du allein bist mit dem natürlichen Band des Blutes gesegnet – oder verflucht. Du benötigst kein Geschick, um sie zu retten, Bolg-König, sondern nur einen Grund. Wenn du etwas um sie gibst, setze dein Band des Blutes zum Heilen statt zum Töten ein. Das Blut wird dir gehorchen, so wie es in der Vergangenheit schon zahllose Male geschehen ist. Wenn dein Vorsatz auf Heilung und Rettung gerichtet ist, dann wird genau das einsetzen.« »Unsere Beziehung ist nicht mehr besonders gut«, murmelte Achmed. »Euer Streit und der Zustand eurer Freundschaft sind nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass du ihr helfen willst. Wenn du es willst, dann kümmere dich um die Blutung. Wenn du es nicht willst, solltest du jetzt gehen.« Eine Wolke aus beißendem Dampf quoll aus den Nüstern der Bestie; in ihrem Geruch lag eine deutliche Spur von Drohung. Achmed starrte den wachsenden roten Fleck auf Rhapsodys Kleidern an, zog sich dann mit steifen Bewegungen den Handschuh aus und legte die Hand neben die von Ashe auf Rhapsodys Bauch. Seine Gedanken wanderten ungebeten zurück zu den Turmkammern des Klosters, in dem er ausgebildet worden war. Achmed schüttelte scharf und heftig den Kopf, als wolle er die Erinnerung verscheuchen. Eine Schande, dass Ihr das Studium der Heilkunst gegen eine andere Betätigung eingetauscht habt, hatte Jal’asee gesagt. Euer Lehrer hatte großes Vertrauen in Eure Fähigkeiten. Ihr wäret eine Zierde für die Stille Festung gewesen, vielleicht einer ihrer besten Schüler. Bei der Erinnerung an seine Antwort drang ihm ein schmerzender Stachel in die Ohren. Dann wäre ich jetzt genauso tot wie all die anderen Unschuldigen, die Ihr an diesen Ort gelockt habt. Euer Verständnis von Schande deckt sich nicht mit meinem. Wärme durchströmte ihn, sofort gefolgt von der schneidenden Kälte und dem Schmerz der Erinnerung, als er an einen dieser Unschuldigen dachte. Unter der durchweichten Kleidung bewegte sich Rhapsodys Bauch unruhig; er dehnte sich und zog sich sofort wieder zusammen. Achmed prallte zurück und zog den Arm ruckartig fort. Das Kind in ihr trat mit nutzloser Anstrengung aus. Rhapsody jammerte auf; ihre Lider flatterten. »Ich ... das ist nicht das erste Mal, dass ich meine Gabe auf diese Weise anzuwenden versuche«, sagte der Bolg-König zögernd. »Beim letzten Mal war das Ergebnis nicht besonders gut.« Elynsynos sah ihn an; die vielfarbigen Pupillen glänzten im schwachen Licht der Höhle. »Diesmal hast du einen Ansporn, Bolg-König«, sagte die Drachin. »Diesmal versuchst du die Blutung von einer der wenigen Personen zu stillen, die dir etwas bedeuten.« Achmed schnaubte, doch die Ironie dieser Worte war so stark, dass er beinahe etwas dazu gesagt hätte. Jetzt weiß ich, woher Ashe einige seiner ärgerlichsten Wesenszüge hat, dachte er, als er die Ärmel seines Hemdes bis zu den Ellbogen hochrollte und seine von Oberflächenadern überzogenen Arme freilegte. Drachen! Sie reden, als wären sie im alleinigen Besitz aller Weisheit der Welt, während sie in Wahrheit gar nichts wissen. Wenn man es recht bedenkt, müssen auch Priester und Gelehrte teilweise Drachen sein. Seine Wut klang ab, als er Rhapsody wieder berührte. Die Wärme in ihrem Körper nahm rasch ab, verebbte mit jedem Herzschlag, als ob sie ihre Lebenskraft aushauchte. Schuld – ein Gefühl, das er für gewöhnlich nicht verspürte – krallte sich in seine Gedanken und wand sich bis hinunter in die Eingeweide. Es war kaum zu glauben, dass ihr Streit es hervorgerufen hatte – oder doch? »In Ordnung, Rhapsody, es reicht«, murmelte er. »Als du beim letzten Mal Heilung brauchtest, habe ich dir ein Lied gesungen, aber du kannst mir glauben, dass niemand diese Erfahrung wiederholen möchte.« Rhapsody nickte schwach. »Niemand«, stimmte sie leise zu. Achmed musste grinsen. Irgendwo in dieser drachenhaften Frau steckte noch eine Spur der alten Freundschaft. Er richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf den Schlag ihres Herzens. Es war einer der wenigen Laute, die er noch aus der alten Welt hörte, doch er kam nur ganz schwach aus ihrer Brust. Achmeds Hand zitterte leicht. Im Gegensatz zum letzten Mal gab es nun keine Wunde; das Blut kam aus ihrem Inneren. »Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll«, sagte er angespannt. »Es gibt keine äußerliche Wunde.« »Finde den Weg«, sagte die Drachin. »Blut fließt durch den Körper wie Wasser durch die Erde.« Die luftgleichen Worte drangen bis in die hintersten Winkel von Achmeds Verstand und zerrten Erinnerungen hervor, die er dort versteckt hatte. Vor einem halben Leben war er in die Wurzel der Sagia hinuntergeklettert gemeinsam mit Grunthor, der einzigen Person, der er vertraute, und einer wild um sich schlagenden Geisel, die seine Fluchtpläne und seine ganze Welt durcheinander gebracht hatte. Zu Anfang war sie eine unwillkommene Begleiterin gewesen, doch während der zahllosen Jahrhunderte, die sie gemeinsam gereist waren, war sie zu der einzigen anderen lebenden Person geworden, die seines Vertrauens würdig war. Zu dritt waren sie durch den Bauch der Erde gekrochen und hatten grauenvolle Dinge beobachtet, die nie ein Mensch zuvor gesehen hatte; während sie in ihrer merkwürdigen Dreiergruppe zusammengeblieben waren, hatten sie Hindernisse bezwungen, die unüberwindbar erschienen waren, wobei die Zeit in der Welt über ihnen verflog. Die Frau, die er bei ihrer Flucht als Versicherung gegen seinen F’dor-Herrn mitgeschleift hatte, hatte sich ihnen widersetzt und sie geärgert, doch der Hass war zu Gleichgültigkeit und schließlich zu Freundschaft geworden, und sie hatte für ihn und Grunthor gesungen und mit ihnen die Vision der Oberwelt, die grünen Felder und Ebenen unter dem offenen Himmel geteilt. Meistens hatte das den Wahnsinn gebannt. Und während Grunthor ihr das Führen des Schwertes beigebracht hatte, hatte sie ihn das Lesen gelehrt; doch ihr größtes Geschenk war vermutlich die Reinigung ihrer Namen gewesen. Im Mittelpunkt der Erde brannte ein infernalisches und undurchdringliches elementares Feuer. Während er und Grunthor der Meinung gewesen waren, dies sei das Ende ihrer Reise und sie seien nun für immer in diesem Grab aus feuchten Schächten und haarartigen Wurzeln gefangen, hatte ihre Gefährtin sie durch das Feuer gesungen, sie in die Lieder ihres Namens gehüllt – oder in das, was sie für ihre Namen hielt – und ihnen Gaben verliehen, die sie verloren oder nie besessen hatten. Während ihr Lied Grunthor wunderbarerweise unauflöslich an die Erde band, deren Rhythmus nun mit seinem Herzschlag in Einklang war, hatte sie Achmed durch die Kraft des Namens, den sie ihm in ihrem Lied gegeben hatte, die Verbindung zum Blut und noch vieles mehr geschenkt. Achmed die Schlange, hatte sie ihn genannt und den Namen ausgelöscht, mit dem er jahrhundertelang gerufen worden war: der Bruder. Dadurch hatte sie ihn von den Fesseln gelöst, die mit diesem Namen verbunden waren. Firbolg, Dhrakier. Erstgeborener. Mörder. Diese Benennungen waren wahr gewesen, bevor sie in die Erde gegangen waren, doch sie hatte noch andere hinzugefügt. Unfehlbarer Fährtenleser, Pfadfinder. Mit diesen Namen war die Macht gekommen. Von dem Augenblick an, als das Namenslied ihre Lippen verlassen hatte, hatte er sich nie wieder verirrt. Wenn er sich auf einen Pfad konzentrierte, den er nie zuvor gesehen hatte, sah er ihn mit dem inneren Auge aus einem neuen Blickwinkel von oberhalb seiner selbst. Ein innerer Sinn, den er früher nicht gekannt hatte, leitete ihn und zeigte ihm den Weg, den er gehen wollte. Dieser Sinn hatte die drei Gefährten entlang der Axis Mundi durch die zahllosen Tunnel, Wurzeln, Löcher und Durchgänge im Fleisch der Welt geführt und in dieses neue Land gebracht, zu diesem Kontinent auf der anderen Seite der Welt und der Zeit. Seither hatte ihm der neue Sinn gute Dienste geleistet. Die Frau, die ihm diesen Sinn geschenkt hatte, lag nun vor ihm und vergoss mit jedem Herzschlag ihr Blut auf den Boden. Achmed tauchte den Finger in die Blutpfütze auf dem Höhlengrund. Er schloss die Augen und suchte den Pfad, wobei er in seinem Kopf wieder ihre Worte hörte. Unfehlbarer Fährtenleser. Pfadfinder. Das Blut an seiner Fingerspitze summte in den empfindlichen Nervenenden. Ein Bild von Tunneln, nun eher Adern und Venenwege als Schächte entlang einer Wurzel, kam ihm in den Sinn. Einen von ihnen durchfloss ein Strom aus dunklem Blut, das heller wurde, je näher er dem Herzen kam. Achmed atmete langsam aus und setzte die Gabe des Findens ein, die ihm Rhapsodys Namenslied im Innern der Erde geschenkt hatte. Seine Gedanken klarten auf. Die Drachin, die Drachenbrut, die Hebamme und die schöne Frau verschwammen im Nebel am Rande seines Bewusstseins und verschwanden schließlich ganz. Nur die Wege im Innern der Frau, die zur anderen Seite seiner Gabe geworden war, blieben in ihm übrig. Starke Übelkeit packte ihn, die Kälte des Krankenlagers wehte ihn an. Er bekämpfte das Gefühl und konzentrierte sich. Mit seinem geistigen Auge folgte er dem tröpfelnden Blut durch dunkle Tunnel und Höhlungen, in denen er sich ducken musste. Er fand seinen Weg, als folge er dem Geruch eines Tieres oder dem Herzschlag menschlicher Beute; er war es gewöhnt, diese Laute zu hören, denn er war mit der Gabe geboren worden, all jene durch ihren Herzschlag aufzuspüren, die am gleichen Ort wie er geboren waren. Er spürte sie auf seiner Haut und vermochte seinen eigenen Lebensrhythmus dem ihren anzupassen. Doch nichts, was er je getan hatte, hatte ihn auf den Anblick des Innern einer anderen Person vorbereitet, zumal es sich um jemanden handelte, dem gegenüber er das verdammenswerte, verwirrende Gefühl einer Liebe empfand, die verboten und unerwidert war. Den Weg über den inneren Pfad ging er mit Lichtgeschwindigkeit; innerhalb eines Herzschlages sah er Rhapsodys Bauch, aus dem das Blut durch einen Riss strömte. Er richtete seine ganze Willenskraft darauf, die Wunde zu schließen, und zu seiner Überraschung sah er das schwammartige Gewebe kurz anschwellen und dann wieder in sich zurücksacken. Es war rot und fest. Die Wunde war verschwunden. Die Adern seiner eigenen Haut pulsierten, so wie sie es taten, wenn er einem Opfer nachspürte und sich erfolgreich mit dessen Herzschlag verbunden hatte. Achmed zitterte. Er schloss die Augen und bereitete sich darauf vor, den Pfad zu verlassen, doch er zögerte kurz – lange genug, um zu erkennen, was in der Nähe der geheilten Wunde schwamm. Umgeben von einer durchsichtigen, in der Mitte aufgerissenen Membran befand sich eine beinahe menschliche Gestalt mit Augen, die wie im Schlaf geschlossen waren. Das Gesicht wurde von dem Gewebe verdeckt. Die Membran glimmerte im Dunkel, als ob sie einmal ein mit Licht gefüllter Sack gewesen wäre, und Streifen aus jeder erdenklichen Farbe durchliefen sie. Das Kind darin war reglos; die einzige Bewegung bestand in einem schwachen Flackern unter den Rippen. Mit seinem geistigen Auge starrte Achmed Rhapsodys Kind an und war gefesselt von der schieren Schönheit dessen, was er sah. Im Gegensatz zu der verhassten Drachenbrut, die ihm Übelkeit verursachte, wenn er nur an sie dachte, war dieses Kind zart, vollkommen und in Licht und Dunkelheit zugleich gehüllt. Sogar durch die klebrige Hülle waren Strähnen goldenen Haars zu erkennen, und eine unwiderstehliche Wärme ging von dem Wesen aus. Es war dieselbe Wärme, die Rhapsody ausgestrahlt hatte, bevor sie vor einigen Monaten diese feuchte Höhle betreten hatte. Als er den Pfad gefunden hatte, verblasste die Vision wieder und wurde zu Finsternis. Achmed wurde gleichzeitig von zwei Gedanken heimgesucht. Das Kind war nicht die Missgeburt, vor der er sich gefürchtet hatte. Es ehrte seine Mutter, hatte jedoch auch eigenes Licht, und statt der alten Habgier und verzerrten Eigenschaften eines Drachen zeigten sich Menschlichkeit und Verletzlichkeit. Aber es lag im Sterben. Achmed zog seine Hand aus der Blutpfütze, als die Vision verschwand. Ihm wurde kalt, und er erbebte. »Die Blutung ist gestillt«, sagte er mit schweißgrauem Gesicht. »Aber das Kind muss sofort geholt werden.« Weit entfernt, in den Tiefen seines Königreichs, schlug unbemerkt vom Bolg-König das Herz eines anderen Schlafenden Kindes ebenfalls schwächer. 37 Ylorc Wie es der Zufall wollte, wechselte die Wache auf der Verdorrten Heide unmittelbar westlich von Kraldurge genau in dem Augenblick, als sich die Bestie durch das ausgetrocknete Flussbett bohrte, das seit Jahrhunderten als Schutzwall gegen menschliche Angriffe gedient hatte. Daraus ergab sich, dass doppelt so viele Soldaten wie gewöhnlich bei der Ankunft der Drachin zugegen waren und kurz darauf doppelt so viele Pfeile aus den Armbrüsten auf sie abgeschossen wurden, die mit einem dumpfen Kriegsgetrommel durch die Luft zischten, was viele Männer aufrüttelte, die ansonsten überrascht worden wären. Das bedeutete aber auch, dass in dem folgenden Augenblick doppelt so viele Männer starben. Es begann mit einem Rumpeln im Boden. Geröll und Erdreich lösten sich aus den Zahnfelsen und regneten mit der Gewalt eines mächtigen Hagelsturms in die Spalten im Osten sowie auf die Steppe im Westen. Die Klane des Auges, die über diese Spalten wachten, flohen von den Gipfeln und versuchten auf dem felsigen Terrain Halt zu finden, doch viele gerieten in Erdrutsche und stürzten zusammen mit dem Gestein tausend oder mehr Fuß tief in die Schluchten. Die Klane der Klaue bewachten die inneren und äußeren Pässe des Kessels, der ebenfalls nicht weit entfernt von Kraldurge war. Ihre harte Ausbildung hatte sie Wachsamkeit in alle Richtungen gelehrt – in die vier Himmelsrichtungen sowie nach oben in die Luft –, da ein Angriff von überall her erfolgen konnte. Obwohl sie auch gelernt hatten, dass die Erde selbst ein Einfallstor sein konnte, war es für sie kaum vorstellbar, den Boden unter ihren Füßen als mögliche Gefahr anzusehen. Als daher plötzlich der Boden erzitterte, sich spaltete wie das Maul einer großen steinernen Bestie und Feuer spie, blieb den Soldaten der Klaue nicht mehr übrig, als sich herumzuwerfen und zu fliehen. Sie versuchten ihre Köpfe vor den herabregnenden Erdmassen zu schützen, doch sie wurden lebendig begraben. Der Klan der Eingeweide, die das erbliche Recht zur Bewachung der Ländereien hinter der Schlucht besaßen, mussten schutzlos mit ansehen, wie ein großes, schattenhaftes Ungetüm aus dem Boden stieg und das Licht der unzähligen Feuer, die sich auf der ganzen Verdorrten Heide in den kahlen Bäumen und im Wintergras entzündeten, wie irrsinnig über seine Schuppen tanzte. Es war diese Soldatengruppe, auf welche die Drachin ihre Aufmerksamkeit zuerst richtete. All ihre aufgestaute Wut, ihre unerfüllten Rachegelüste, die sie während der Monate ihrer Reise genährt hatte, sowie das unablässige Hören ihres Namens, der in unmissverständlichem Abscheu verflucht wurde, all der Verrat, der Verlust des Landes, von dem sie wusste, dass es ihr gehörte, all die Verwirrung und Angst über die Unfähigkeit, sich deutlich an die Vergangenheit erinnern zu können, und vor allem die bitteren Vorwürfe, die sie jener Frau machte, deren Gesicht sie in jedem Augenblick des Wachens und des Traums heimsuchte, brachen sich Bahn in ihrem ersten Angriff. Die Bestie stieß das Feuer aus, das in ihrem Bauch gebrodelt hatte, sog die Luft ein und blies sie jedem Lebewesen entgegen, das sie auf ihrem alten Land sah oder spürte. Sie raste vor Vergnügen, als ihr Drachensinn fühlte, wie sie bei lebendigem Leib geröstet wurden. Ein weiterer Pfeilschwarm aus Bogen und Armbrüsten flog auf sie zu und prallte nutzlos an ihrem Panzer ab. Die Drachin spürte kaum mehr als ein Prickeln. Es gefiel ihr sogar so sehr, dass sie lachen musste. Es war ein schrecklicher, kehliger Laut, der aus der Luft selbst gebildet war und hart von den Wänden der Schlucht widerhallte. Dann duckte sie sich und glitt über den Boden, zog die Kraft aus ihm und fraß die Macht des Bolg-Landes auf, während sie die unglücklichen Soldaten verschluckte, die auf ihrer Seite der Schlucht gefangen waren. Mit jedem Augenblick wurde sie unverwundbarer, während sie die Erde ihrer Kraft beraubte. Dazu war sie in der Lage, weil der König, der diese Macht für sich beanspruchte, nicht da war, um sie zu verteidigen. Sie bahnte sich einen Weg auf den nächsten Gipfel, schmeckte den Wind und suchte nach einem Anzeichen für die Frau. Grunthor wusste innerhalb von wenigen Sekunden, dass eine Drachin gekommen war, obwohl ihm nicht klar war, woher sie kam und wer sie war. Er warf den Kopf zurück und stieß einen lauten Ruf aus. Dieser Kriegsschrei, der für seine erschreckenden Auswirkungen auf Mensch und Tier gleichermaßen bekannt war, rüttelte die Archonten und Stammesführer auf, mit denen er sich gerade traf. »Hrekin«, rief er, drückte den schweren Eichenstuhl von dem Besprechungstisch zurück und sprang auf die Beine. »Hoch mit euch! Wir werden angegriffen!« Sofort machte sich die Elite der Archonten bereit zum Empfang der Befehle, die nun unweigerlich folgen würden. »Ralbux, lauf mit Harran durch die Tunnel zum Grivven«, befahl Grunthor. »Es ist eine Drachin, das spür ich. ’s ist nirgendwo sicher, also haltet euch flach über dem Boden und bleibt in der Nähe von Felsen.« Der Erziehungsarchont und die Meisterin der Überlieferungen nickten und liefen zur Tür des Raumes; beide begriffen die Notwendigkeit, um jeden Preis Ausbildung und Wissen am Leben zu erhalten. Ohne die Geschichte, die Harran studiert hatte, würden die Bolg zu ihrem halb-menschlichen Zustand zurückkehren, in dem sie sich befunden hatten, bevor Achmed – oder genauer Rhapsody – nach Ylorc gekommen war. Harran blieb auf der Schwelle stehen. »Vortrag«, kündigte sie an. Grunthor stellte die Ohren auf. »Drachen sind äußerst empfindlich; diese Eigenschaft wird gemeinhin als Drachensinn bezeichnet. Innerhalb eines Radius von schätzungsweise einer und einer halben Meile, fünf Meilen über der Erde und etwa doppelt so viel unter ihr sind ihre Sinne bis fünfhundertmal stärker als die der Bolg. Geschmackssinn, Tastsinn, Hören, Riechen und Sehen sowie der innere Sinn der Wachsamkeit sind in gleicher Weise geschärft. Die Feuersteine im Bauch eines jeden Drachen, dessen Schuppen rot oder kupferfarben sind, enthalten eine Chemikalie, die als Rotes Feuer bekannt ist. Es brennt anderthalbmal so heiß wie normales Feuer. Da es sich dabei um eine Säure handelt, ist es auch zersetzend. Die verletzlichsten Körperpartien sind die Augen, der Teil hinter den Ohrlöchern, falls solche vorhanden sind, und die Bereiche unter den Flügeln, falls der Drache welche hat.« »Geht!«, rief der Sergeant ungeduldig. Harran und Ralbux verschwanden hinter der Tür. Grunthor stieß wütend die Luft aus. Er hatte genug Erfahrung mit Drachen, um zu wissen, wie unverwundbar sie waren. Nur wenig später hörte man donnernde Stiefel rasch den inneren Korridor entlangkommen. Die »Augen«, die auf dem Ausguck überlebt hatten, eilten durch die unterirdischen Tunnel des Kessels, um ihren Bericht abzugeben. Während Grunthor auf ihre Erkenntnisse wartete, wandte er sich an seinen Adjutanten. »Ruf zum Appell«, befahl er. »Hol mir jeden verdammten Kommandanten in Rufweite her. Alles, was ich jetzt habe, sind die Stammesführer.« Der Adjutant floh in den Korridor. Grunthor drehte sich zu den Archonten um und deutete auf die Risszeichnungen Ylorcs, die in jedem Besprechungszimmer an der Wand hingen. Die Spione der »Augen«, deren normalerweise dunkle und struppige Gesichter mit Asche gesprenkelt waren, betraten den Raum. Es waren nur drei. »Berichtet«, befahl Grunthor. Seine Haut, die für gewöhnlich die Farbe alter Prellungen hatte, war zu einem wütenden Lederbraun geworden, und seine bernsteinfarbenen Augen blitzten beinahe golden. »Drache; aus dem Boden oberhalb von Kraldurge«, sagte der erste der Augen in der Sprache seines Stammes. Grunthor schlug zornig auf den Tisch, und der zitternde Mann wechselte rasch in den gemeinsamen Dialekt. »Kupferfarbene Haut. Bleibt am Boden, steigt nicht in die Luft wie beim Konzil. Selbe Farbe.« Das zweite Auge nickte. »Zerrissener Flügel«, sagte er schnell. »Kann möglicherweise nicht fliegen. Hockt jetzt auf dem Gipfel des Trexlev, greift nicht an. Scheint zu wachen oder zu lauschen.« »Verdorrte Heide brennt«, berichtete das letzte Auge; es war eine Frau. »Buschfeuer im Wintergras; der gefrorene Boden wird die Ausbreitung bei der Frostlinie verhindern.« Grunthor nickte. »Zurück auf eure Posten«, sagte er und wandte sich an die Archonten. »Einschätzung?« »Herkömmliche Waffen werden nutzlos sein«, sagte Yen, der Schmied. »Man kann gegen einen Drachen nicht einmal die Hitze der Schmieden einsetzen; Feuer verletzt sie nicht. Man braucht besondere Pfeile und besondere Klingen, um Drachenhaut zu durchdringen. Wir haben keine.« »Berichtigung«, knurrte Grunthor. »Wir haben eine, aber wie üblich ist sie nicht hier. Weiter?« »Brustwehre, Schanzen, Bewässerungskanäle und Abwasserleitungen sind verwundbare Stellen«, sagte Dreekak, der Meister der Tunnel, in großem Ernst. »Die Bestie kann sie genauso benutzen wie wir, kann überall hinreisen, wohin sie führen. In diesem Fall arbeiten unsere eigenen Verteidigungsanlagen gegen uns.« »Gutes Argument«, sagte Grunthor mit widerstrebender Bewunderung. »Noch was?« »Viele Katapulte einsatzbereit«, schlug Vrith vor. »Werden in Friedenszeiten benutzt, um Heu und Säcke mit Pflanzgut zu den Siedlungen tief in der Verdorrten Heide zu schicken. Wenn schon keine Waffen, dann können vielleicht Felsbrocken die Bestie verletzen?« Greel, der Minenarchont, das »Gesicht des Berges«, sagte rasch: »Viel Schutt vor dem Gurgus von der Wiedererrichtung des Turms. Voller Glassplitter, sehr scharf. Könnte sogar einem Drachen etwas antun.« Grunthor presste die geschwollenen Lippen nachdenklich zusammen. »Hmmm«, meinte er. »Noch ein Gedanke«, fügte Trug hinzu. »Wenn wir etwas über diesen Drachen wüssten, könnten wir den Angriff besser planen.« Omet, der einzige nicht-bolgische Archont, stand plötzlich auf. Er sagte nichts. Sein Aufspringen war eher Ausdruck plötzlichen Verstehens als Wortmeldung. Der Sergeant erkannte dies und hob die Hand, um alle anderen Bemerkungen zu unterdrücken. »Wart ihr alle hier, als vor drei Jahren das Konzil von der Drachin Anwyn angegriffen wurde?«, fragte er und versuchte sich an diese Ereignisse zu erinnern, die er nur vom Hörensagen kannte. »Ja«, sagte Grunthor gereizt. Omet redete nun noch langsamer und überlegter. »War nicht auch der Flügel dieser Drachin verletzt? Hatte nicht Rhapsody ihr die Klinge hineingestoßen, als die Bestie sie in die Luft gehoben hat?« Alle Geräusche flohen aus dem Raum. Als die Archonten Grunthors Gesichtsausdruck sahen, hielten sie die Luft an. »Ja«, sagte Grunthor noch einmal mit tödlicher Trockenheit in der Stimme. »Aber dieses Biest ist tot. Hab sie aus dem Himmel fallen sehn und ihr Grab eigenhändig zugeschaufelt. Sie ist tot.« Dreekak hustete nervös. »Letzten Sommer hat eine Patrouille über einige Erschütterungen im Gerichtshof berichtet«, sagte er leise. »Hatte geglaubt, es seien Nach wellen der Explosion des Gurgus’.« Seine letzten Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. »Habe Euch den Bericht geschickt, Herr.« Grunthors Gesicht nahm eine noch tiefere Purpurfärbung an. Er warf den Kopf zurück und brüllte erneut. Sein Ruf hallte durch die Korridore des Kessels bis zur Schluchtöffnung und drang gleichzeitig tief in die Erde. Die Archonten warteten darauf, dass die Reihe von scheußlichen Flüchen – einige auf Bolgisch, andere auf Bengard, Grunthors Muttersprache – endete, bevor sie endlich auszuatmen wagten. »Hrekin«, murmelte der Sergeant schließlich. »Drachen! Man wird sie einfach nicht los. Glaube, diesen hier müssen wir noch mal umbringen. Na klasse!« Die Tür wurde geöffnet, und acht Militärkommandanten strömten in den Raum. Der Sergeant besprach sich mit ihnen über Truppenpositionen und Verluste, während sich die Archonten leise miteinander unterhielten. Als er sich schließlich wieder an sie wandte, standen sie mit erleuchteten Gesichtern vor ihm. Grunthor beäugte sie misstrauisch. »In Ordnung. Was denkt ihr?«, wollte er wissen. Die Drachin war so vertieft in die Suche nach einem Namen und nach der Frau aus der Grotte, dass sie den Bewegungen der Bolg keine große Aufmerksamkeit schenkte. Sie nahm diese natürlich in allen Einzelheiten wahr: die Ereignisse im inneren Bereich des Kessels, alles andere innerhalb von fünf Meilen. Doch ihr gebrochener, begrenzter und besessener Geist sah nichts als die kläglichen Krabbeleien von Insekten. Mit einem einzigen Atemzug hatte sie hunderte von ihnen vernichtet, und sie würde noch mehr vernichten, bevor sie fertig war, doch ihre Verteidigungsversuche waren es nicht wert, sich von der Suche nach der Frau ablenken zu lassen. Sie bemerkte, wie die Toten abgeholt wurden und die Alten und Jungen in tiefere Bunker unter der Erde gingen, was sie belustigte. Sie spürte nicht die Gegenwart vieler Waffen. Die Bogen und Armbrüste hatten sich als nutzlos gegen sie erwiesen, was ihr Gefühl der Unverwundbarkeit noch weiter gestärkt hatte. Wenn sie ihre Umgebung besser erkannt hätte, wären ihr die Überreste einer alten Maschine aufgefallen, die sie in einem anderen Leben beinahe genauso verabscheut hatte, wie sie die goldhaarige Frau in diesem Leben verabscheute. Als sie noch menschliche Gestalt besessen hatte und Herrscherin einer großen Nation sowie Anführerin eines gewaltigen Heeres gewesen war, hatte ihr erster Befehl im Krieg gelautet, diesen Apparat zu zerstören. Es hatte beinahe fünfhundert Jahre gedauert, bis ihre Soldaten dieses Ziel erreicht hatten. Doch diese Erinnerung war zusammen mit den meisten anderen, die sie in ihrem langen Leben angesammelt hatte, in den Tiefen der Vergangenheit vergraben, wo sie sie nicht finden konnte. Wo ist siel, fragte die Drachin die flüchtigen Winde. Wo ist die Frau, die ich suche? Und ihr Name! Ich will ihren Namen wissen! Der Wind heulte um den Berg und sagte nichts. Nur wenige Worte waren nahe genug beim Gipfel gesprochen worden, um hier zu verweilen, doch inzwischen waren auch diese in die weite Welt hinausgeweht. Ihre Wut kehrte zurück. Die Bestie schickte Feuer vom Berggipfel herunter, doch kein Bolg war mehr zu sehen, daher musste sie sich mit der Zerstörung einiger Außenposten und Wachttürme zufrieden geben. Sie empfand nur wenig Befriedigung darin, diese brennen zu sehen. Vielleicht kann ich nur nicht hören, weil ich hungrig bin, dachte sie und erinnerte sich mit Vergnügen an das Fest im Hintervold – nicht nur an die große Fleischmenge, sondern auch an die Freude über die Zerstörung und das orgiastische Gefühl angesichts der Angst und Hilflosigkeit in den Gesichtern der Jäger. Die wenigen Menschen auf der Heide waren nur Appetitanreger. Das können wir ändern. Ihr Drachensinn sagte ihr, dass die Mehrheit der Bevölkerung westlich der Schlucht in Bunkern tief in den Bergen kauerte, doch eine genügend große Menge war zurückgeblieben und konnte ein schönes Mahl abgeben. Sie glitt den Hang hinunter und auf den Tunnel zu, der in den Kessel führte. Der erste Korridor, zu dem sie kam, war sehr eng. Es handelte sich um einen Luftschacht, durch den die Hitze aus den Schmieden in die Tunnel geleitet wurde, die sie im Winter wärmten, während im Sommer die kühle Luft der Berge hindurchströmte. Sie überlegte, ob sie sich hindurchzwängen sollte, bemerkte bald aber einen anderen, breiteren Tunnel, der zu einem zentralen Röhrensystem führte, in dem sie alles jagen konnte, was sie haben wollte. Ein Teil der verbliebenen Beute befand sich am Ende der Röhren. Sie kroch auf den Eingang zu und glitt in den Tunnel. Ihre Augen erstrahlten in blauem Feuer. Grunthor spürte die Veränderung in der Erde, sobald die Drachin den Tunnel betreten hatte und die Kraft aus dem Boden saugte. »Verdammte Harpye«, murmelte er mit zusammengebissenen Zähnen. »Dachte, ich hätte dich vor drei Jahrn endgültig begraben. Na, dann komm mal her, Kleines. Ich bring dich so oft um wie nötig.« Er wartete, bis sie die erste Biegung erreicht hatte, bevor er sich an Kubila wandte, der neben ihm auf Befehle wartete. »Jetzt wär’s gut«, sagte der Sergeant lässig. Der Bote nickte und rannte los wie ein abgeschossener Pfeil. Er hastete leere Korridore und Tunnel entlang; jeder Schritt seiner Route war vorherbestimmt. Sein Ziel lag etwa eine Viertelmeile entfernt, doch Kubila brachte diese Entfernung in kaum mehr als einer Minute hinter sich. Er sah das Licht in der offenen Tür; die anderen warteten auf sein Zeichen. »Jetzt!«, rief er, während er noch einige Schritte außerhalb des zentralen Tunnels war. Die Archonten, die hinter der Tür gewartet hatten, hörten ihn und nickten einander zu. Trug, die »Stimme«, rief den Befehl des Sergeanten in das Hauptsprechrohr, sodass seine Worte überall in den Bergen zu hören waren. »Jetzt!« Dreekak, der Meister der Tunnel und verantwortlich für das Netz der Schächte, durch welche die Bestie nun kroch, ergriff das große Ventil und drehte mit aller Kraft an dem Rad, bis sich die Schleusen öffneten. Überall im Kessel taten seine Tunnelarbeiter das Gleiche. Die Drachin spürte eine Veränderung in der Luft, als diese fortgedrückt wurde, doch sie konzentrierte sich so sehr auf ihre Beute, dass sie sich nicht ablenken ließ. Sie kroch weiter vorwärts, bis ihre empfindlichen Nüstern plötzlich vom Gestank der Kloake überwältigt wurden. Aus der zentralen Zisterne und allen anderen Sammelbecken schoss gleichzeitig eine enorme Flut heran. Und rollte mit aller Gewalt, deren die Rohre fähig waren, auf sie zu. Entsetzen erfüllte das Bewusstsein der Drachin. Ekel überwältigte sie und wurde verstärkt durch ihren scharfen Drachensinn. Was für ein gewöhnliches Wesen abstoßend bis zum Übergeben gewesen wäre, setzte die Drachin vollkommen außer Gefecht. All ihre Sinne, ihre Bewegungsfähigkeit und ihr Gleichgewicht wurden durch den Ansturm der Exkremente und des Unrats überwältigt, die in einer riesigen, stinkenden Welle auf sie zurollten. Sie versuchte sich aufzurichten, im Tunnel umzudrehen und zu fliehen, sogar sich in die Erde zu vergraben, doch die Tunnel, die ursprünglich von ihrem schon lange toten, viel gehassten Gemahl aus verstärktem Stahl gebaut worden waren, gaben einfach nicht nach. Sie stieß einen Schrei der Hilflosigkeit aus und stand sich mit ihren Drachenarmen und Drachenbeinen, an die sie noch nicht ganz gewöhnt war, selbst im Weg, als ein Meer aus Dreck sie umspülte, sie überflutete, sie zu ersticken und zu ertränken drohte. In hrekin. Sie keuchte entsetzt auf, schluckte und erbrach gleichzeitig und wurde unter dem Schlamm des Abfalls begraben, den die Nahrungsvorlieben der Bolg nur noch schrecklicher machten. Sie versuchte Luft zu holen, doch ihre Nase war mit Fäkalien gefüllt. Sie trat mit den Krallenfüßen aus und versuchte vergeblich Halt in der Tunnelwand zu finden. Schließlich fiel sie auf den Kopf, während sich um sie ein großer Berg aus Unrat bildete und den Tunnel völlig verstopfte. Einen Augenblick lang. Dann hatte sich der Druck aus dem Abwassersystem genügend aufgebaut, um die Drachin mitsamt dem Abfall aus dem Tunnel in die Schlucht zu spülen. Worauf die Bergwachen unter der Anleitung des Schmiedes Yen, des Minenmeisters Greel und des gelähmten Buchhalters Vrith einen Hagel aus Felsbrocken mit untergemischten Glasscherben auf sie niedergehen ließen. Verletzt und mit einem starken Gefühl der Übelkeit, lag die Bestie auf dem Boden der Schlucht und versuchte das Bewusstsein wiederzuerlangen. In der Ferne bemerkte ihr Drachensinn schwach, wie die Katapulte auf den Felsvorsprüngen in ihre Richtung zielten. Mit letzter Kraft bohrte sich die Drachin hastig in den Boden der Schlucht und folgte dem seit langem ausgetrockneten Flussbett fort vom Königreich der Bolg nach Norden, wo sie vor Schmerz und Erschöpfung zusammenbrach. Sie war zu weit entfernt und vielleicht auch nur zu verausgabt, um die Siegesrufe und Freudengesänge zu hören, die mit rauen Bassstimmen gesungen wurden und von den Schluchtwänden in die Winternacht hallten. Grunthor hob das Glas und prostete den Archonten zu. »Hab euch Kerls ja immer schon gesagt: Nehmt, was ihr habt, und nehmt, was ihr kennt. Heißt wohl, dass ihr alle wisst, was hrekin ist.« 38 Die Höhle im untergegangenen See — Gwynwald Ashe fuhr mit der Hand über die Stirn seiner Frau. Die Haut war nun kühler, aber papierdünn und trocken. Ihre Lippen waren blass und hatten beinahe dieselbe Farbe wie ihre Haut; sie hatten durch den Blutfluss viel von ihrer Röte verloren. »Trocken«, flüsterte sie. »Meine Kehle ist so trocken.« Ashe sah Krinsel an. »Kommt das Kind jetzt?«, fragte er die Hebamme leise. Die Bolg-Frau schüttelte den Kopf. Der Herr der Cymrer sah von Rhapsody zu den anderen, die in der dunklen Höhle standen. Jedes Gesicht, jedes Wesen war vollkommen verschieden von den anderen, doch sie alle spiegelten den gleichen Ausdruck des Erstaunens und der stillen Verzweiflung, als ob es nichts mehr auf der Welt gäbe, was man für diese Frau tun könnte, außer neben ihr zu stehen und sie gebären und sterben zu sehen. Rasch zog er seinen Nebelumhang aus und bedeckte seine Frau damit in der Hoffnung, der kühle Dunst werde ihre Trockenheit lindern. Mit zitternder Hand zog er Kirsdarke, seine Waffe, das Elementarschwert des Wassers. Die Klinge glitt aus der Scheide, Wellen aus wogendem Nebel liefen an ihr entlang wie der Schaum des Meeres. Er hielt sie in der linken Hand und legte die rechte auf Rhapsodys Bauch. Er wollte, dass das Wasser in sie eindrang, sie nährte und heilte, da sie doch durch das Bluten so viel Flüssigkeit verloren hatte. »Wie können wir das Kind herausholen?«, fragte er die Hebamme noch einmal. Krinsel schüttelte den Kopf. »Ich habe ein paar Wurzeln – Kreuzdorn, Nachtkerze, Schwarzwurz –, womit ich den Bauch dehnen kann, aber es könnte einen von beiden töten. Ihr müsstet entscheiden, wen ich retten soll.« »Wenn ihr zu solch äußersten Schritten Zuflucht nehmen wollt, erlaubt mir, euch zu helfen.« Die vielfältigen Töne der Drachenstimme erfüllten die Höhle, und plötzlich tanzte verstreutes Licht über die Wände wie Abendsonne auf dem gekräuselten Wasser eines Sees. Achmed und Ashe drehten sich um und sahen eine Frau hinter ihnen stehen. Es war eine große Frau, größer als sie beide, mit einer Hautfarbe wie goldener Weizen und ähnlichen Augen, die wie Sterne leuchteten. Silberweißes Haar hing ihr in Kräuselungen bis zu den Knien, und ihre Robe schien aus Sternenlicht gewoben zu sein; sie verbreitete ein ätherisches Glimmen in der Höhle. Achmed schaute sich nach der Drachin um. Sie war verschwunden. Ashe starrte die Frau an. Zum ersten Mal, seit er die Höhle betreten hatte, erhellte ein Lächeln sein Gesicht. »Vielen Dank, Urgroßmutter«, sagte er. Rhapsody war halb bei Bewusstsein und regte sich unter der Veränderung in der Drachenstimme. »Ich hatte geglaubt, du ... hast deine menschliche Gestalt... aufgegeben«, flüsterte sie. Die leuchtende Frau lächelte breit. Sie beugte sich nieder und küsste Rhapsody auf die Stirn. »Psst«, machte sie und legte die ätherischen Hände auf Rhapsodys Bauch. »Das habe ich auch. Bolg-Frau, öffne den Bauch.« Krinsel starrte sie mit benommenem Blick an. Sie schüttelte ihre Verzauberung ab, griff in ihre Tasche und holte das Nachtkerzenöl hervor. Sie tunkte ein kleines Stück Seihtuch hinein und hielt es gegen Rhapsodys Lippen, damit diese etwas davon trinken konnte. Die beiden Männer beobachteten schweigend die Bemühungen der Hebamme und konnten nicht genau einschätzen, was sie sahen. Von Zeit zu Zeit zog Rhapsody wie unter Schmerzen die Stirn kraus, doch sie gab keinen Laut von sich und öffnete auch nicht die Augen, doch Ashe war sich sicher, dass sie zumindest teilweise wach war. Sein Blick flog von dem Gesicht seiner Frau zu dem seiner Urgroßmutter, das trotz aller Anmut und königlichen Schönheit einen kindlich erregten Ausdruck angenommen hatte, den er auch an ihrer Drachengestalt oft wahrgenommen hatte. Er schaute weiterhin in einer Mischung aus Ehrfurcht und Angst zu, bis er spürte, wie Rhapsody seine Hand ergriff. »Sam«, flüsterte sie. »Ja, Aria?« Sie streckte die Hand zögernd aus und legte sie auf seine Brust. »Ich brauche das Licht des Sterns in dir. Unser Kind kommt.« Ashe beugte sich näher über sie und legte seine Hand auf ihre. »Was immer du brauchst«, sagte er besänftigend, obwohl er keine Ahnung hatte, was sie damit meinte. »Wie kann ich es dir geben?« Sie kämpfte um die Worte; ihr Gesicht war schmerzverzerrt. »Öffne dein Herz«, flüsterte sie »Heiße dein Kind willkommen.« Ashe gelang nur ein Nicken. Sanft sang sie nun die Elegie an Seren, die Jal’asee ihr beigebracht hatte. Es war das Tauflied, das sie vor dem Untergang der Insel nicht mehr hatte lernen können. Während sie sang, weinte sie. Die Hebamme und die Drachin bewegten sich um sie, berührten ihren Bauch, flüsterten einander zu, aber sie hörte sie nicht. Sie lauschte nur den Schwingungen, die aus der Brust ihres Mannes drangen, dem reinen, elementaren Lied des verlorenen Sterns. Komm herbei, mein Kind, sang sie mit der zwingenden Stimme der Benennerin, die jedoch unter den Empfindungen der Mutter schwankte. Komm in die Welt und lebe. Sie spürte Wärme aus ihrem Bauch dringen, die Wärme des elementaren Feuers, das sie in ihrer Seele schon länger trug, als sie hätte sagen können. Mit ihr vermischte sich das kühlende Rauschen des Meerwassers, des Wassers, mit dem sie vor nicht langer Zeit getauft worden war, und es trat ein Wissen hinzu, das nicht von ihr, sondern von dem Vater des Kindes kam. Sie schloss die Augen und lauschte nun den geflüsterten Worten der Hebamme, dem tiefen Lied der Erde, das auch aus Ashe drang, und dem Pfeifen des Windes, von dem ihre eigene Art abstammte. Es war eine Sinfonie der Elemente, die aus ihr ins Leben traten, getauft vom Licht des Sterns, der alles andere als verloren war. Sie sang weiter, bis die Schmerzen zu groß wurden. Nun stöhnte sie unter den Krämpfen der Geburt auf; ihr Lied wurde zur Geschichte der Schmerzen, die sie wie jede Mutter über sich ergehen ließ, um das Leben aus ihrem Körper zu gebären. Elynsynos redete ein letztes Mal mit Krinsel. Als die Bolg-Frau bestätigte, dass sie bereit war, hob die Drachin in serenischer Gestalt die Hände in einer bittenden Geste und griff von oben in Rhapsodys Körper. Ihre Hände durchdrangen das Fleisch, als ob es nur aus Nebel und Sternenlicht bestünde. Rhapsody jammerte laut auf; ihr Lied schwankte, während Krinsel ihre Hand drückte, doch es wurde wieder stärker, als Elynsynos die Hände fortzog, dabei ein winziges glühendes Licht aus ihrem Körper holte und es emporhielt. »Benenne es, meine Schöne, damit es Gestalt annehmen kann«, sagte die leuchtende Frau und lächelte in der Dunkelheit der Höhle heller als die Sonne. Rhapsody griff nach Ashes Hand. Als sich ihre Finger ineinander schlangen, flüsterte sie den Namenspsalm. Willkommen, Meridion, Kind der Zeit. Einen Augenblick lang blieb nichts in ihren Händen als das glühende Licht. Dann bildete sich langsam ein Umriss, ein winziger Kopf, noch kleinere, in die Höhe gestreckte Hände, die nun hin und her pendelten. Ein leises Jammern wurde zu einem lauten Rufen, und plötzlich war die Höhle erfüllt von der gewöhnlichen, menschlichen Musik eines schreienden Kindes. Krinsel brachte den Geburtsvorgang zu Ende, als Rhapsodys Kopf auf den Höhlenboden sackte; sie war vollkommen erschöpft. Elynsynos glitt hinüber zu Ashe, der das Geschehen noch immer wie gebannt verfolgte, und legte ihm sanft das Kind in die Arme. Er starrte hinunter auf das kreischende Kind; in seinen senkrecht geschlitzten Pupillen schillerte tiefe Freude. Winzige blaue Augen schauten zu ihm auf. Er lächelte seine Urgroßmutter an. »Jetzt verstehe ich so viel wie nie zuvor«, sagte er zu ihr. Elynsynos hielt den Kopf schief, wie sie es auch in Drachengestalt zu tun pflegte. »Was verstehst du?« Ashe sah wieder seinen Sohn an; er konnte die Augen nicht von ihm lassen. Er beugte sich vor und küsste Rhapsodys Stirn, dann wandte er sich widerwillig ab und begegnete dem Blick der Drachin. »Warum Merithyn sein Herz an dich verlor, als er dich sah«, sagte er nur. »Du bist wirklich wunderschön, Urgroßmutter.« Die glühende Frau lächelte breit, verschwand und wurde einen Herzschlag später durch die ätherische Gestalt der Drachin ersetzt. »Vielen Dank«, sagte sie, als Krinsel andeutete, dass die Geburt nun überstanden sei. Während sie dastanden und dieses Wunder in sich aufnahmen, hallte in der Höhle die Elegie des untergegangenen Sterns wider, der Psalm eines neuen Namens und das Lied des beginnenden Lebens. In der einzigen dunklen Ecke der Höhle hockte Achmed still und beobachtete. 39 In der roten Lehmwüste Yarims, außerhalb der Stadt Yarim Paar, stand Manwyn, die Seherin, im bitterkalten Winterwind. Während sie auf die Ankunft ihrer Schwester wartete, die unmittelbar bevorstand, vertrieb sie sich die Zeit mit einem sanften Lied, wobei sie geistesabwesend an den zerzausten Locken ihres feuerroten Haars drehte, das an den Schläfen von grauen Strähnen durchsetzt war. In der anderen Hand hielt sie einen matten Sextanten, ein Überbleibsel aus der alten Welt, das die Cymrer der Ersten Flotte ihrer Mutter zur Erinnerung an ihren Entdecker-Vater geschenkt hatten, der damit die ganze Welt bereist hatte. Doch sie hatte keine Vorstellung von seiner Geschichte und wusste nur, dass der Apparat ihr beim Blick in die Zukunft half. Aus der Ferne hätte man sie für eine hübsche, wenn auch schmutzige Frau halten können. Sie war groß und schlank, hatte ein schön geschnittenes Gesicht und lange, schmale Hände. Außerdem hatte sie ein königliches Benehmen wie alle drei Töchter von Elynsynos. Doch wenn man näher hinschaute, entdeckte man eine körperliche Eigenheit, die sie von gewöhnlichen hübschen Frauen unterschied. Ein Blick in ihre Augen zeigte dem Betrachter nur das eigene Bild, denn die Augen waren silberne Spiegel und die Iris wie ein winziges Stundenglas geformt, das man auf dem Rücken einer schwarzen Witwe findet. Wie ihre anderen Schwestern war auch sie verrückt. Sie war mit der Gabe verflucht, fast ausschließlich in die Zukunft sehen zu können, und besaß den Ruf, ein wertvolles Orakel zu sein. Dieser Ruf war jedoch unverdient, denn ihre Vorhersagen waren zwar oft genau und entsprachen immer der Wahrheit, aber sie enthielten regelmäßig ein Körnchen ihres eigenen Wahnsinns. Und manchmal mehr als nur ein Körnchen. Sie hatte Anwyns Ankunft vorhergesehen, erinnerte sich aber nicht daran, wie sie in die Nacht hinausgegangen war, um ihre Schwester zu treffen. Die Vergangenheit war das Reich ihrer Schwester, über das Manwyn nicht die geringste Macht besaß. Daher wartete sie verwirrt und verblüfft und mehr als nur ein wenig ängstlich, denn sie hatte ihre jüngere Schwester schon immer gefürchtet. Manwyn war die Erstgeborene; ihr waren Rhonwyn und schließlich Anwyn gefolgt, doch die Schwestern der Gegenwart und der Zukunft hatten rasch gelernt, dass nicht das Kommende oder die Gegenwart, in der sich der Keim der Zukunft öffnete, wichtig waren, sondern die Vergangenheit, die Macht über die Geschichte hatte. Da keine von ihnen die Zeit überblicken konnte, sondern sich nur von Augenblick zu Augenblick oder von einer Prophezeiung zur nächsten bewegen konnte, die gleich darauf schon wieder aus ihrem Gedächtnis getilgt waren, war jene Schwester die beherrschende, welche eine Vorstellung von Zeit hatte. Einen Steinwurf entfernt spaltete sich die Erde, und die Drachin erschien; heftiges Licht brannte in ihren sengenden blauen Augen. Sie war böse zugerichtet, die Haut war zerrissen und stank noch, doch selbst ein verrücktes Orakel wusste, dass man dem Willen eines Drachen entsprechen musste, besonders wenn er von so weit her kam. Gut abgepasst, Schwester. Die Stimme der Bestie war sanft und hatte einen Unterton von Verzweiflung. Manwyn zuckte die Schultern. »Du wirst sie finden«, sagte sie zerstreut, beachtete nicht die gezwungene Freundlichkeit ihrer Schwester und kam sofort zu der Frage, von der sie wusste, dass sie gestellt werden würde. »Aber möglicherweise wirst du es nicht wollen.« Die Augen der Bestie verengten sich zu glühenden, azurfarbenen Schlitzen. Sie kam ganz aus dem Boden hervor; ihre gewaltige Gestalt machte die Schwester in der leeren Wüste zur Zwergin. Manwyn zog die dünne Seide ihres zerrissenen Kleides enger um die Schultern. Was willst du damit sagen? Die aus Wind gewebte Stimme der Drachin enthielt mehr als nur eine Spur von Bedrohlichkeit. Manwyn blinzelte. Was sie soeben gesagt hatte, war schon wieder aus ihrem Gedächtnis verschwunden. Wolken wütenden Rauchs drangen aus den Nüstern der Drachin. Sag mir, wo die Frau, die ich suche, in naher Zukunft sein wird, beharrte die Drachenstimme im Wind. Zu einer Zeit, wenn ich in der Lage bin, sie zu treffen, nicht weiter in der Zukunft als bis zur nächsten Mondphase. Ich will, dass es bald ist, aber ich brauche Zeit für die Reise. Diese Anfrage war so formuliert, dass Manwyn sie verstehen konnte. Die Wolken in ihren silbernen Augen verzogen sich; sie hob den alten Sextanten und spähte durch ihn in den Nachthimmel. »Heute in vier Tagen wird sie im Nest unserer Mutter sein.« Das Herz der Drachin brannte bei diesen Worten, und Hass stieg in ihr auf, dessen Ursprung sie nicht kannte. Und wo ist das Nest? Manwyn senkte den Sextanten und dachte über ihre Antwort nach. »Tief im Gwynwald, an der Westküste hinter dem Tarafel.« Heiße Flammen schössen aus dem Mund der Drachin, und die Luft erzitterte vor ihrer Wut. Das Meer liegt tausend Meilen im Westen! In dieser Zeit kann ich niemals durch die Erde bis dorthin gelangen! Spiel nicht mit mir, Manwyn. Ob Schwester oder nicht, ich werde dich zu rauchender Asche verbrennen ... »Du kannst innerhalb eines Herzschlags im Gwynwald sein, wenn du entlang der Wurzel des Großen Weißen Baumes reist«, flüsterte die wahnsinnige Seherin und zitterte im Wind. »Die Pfahlwurzeln führen durch die gesamte Welt und sind mit der Hauptwurzel des Baumes verbunden. Dieser wiederum steht in Verbindung zur Axis Mundi, der Mittelachse der Erde. Jeder, der Drachenblut in sich hat, kann in ätherischer Gestalt an diesen Wurzeln entlang reisen, weil die Erde uns gehört. Die Wurzeln führen unmittelbar zum Großen Weißen Baum in der Mitte des Waldes. Von dort bis zum Nest ist es für einen Menschen nur eine Reise von wenigen Tagen – und für einen Drachen noch viel weniger.« Die Drachin sog langsam die Luft ein und versuchte ihr rasendes Herz zu beruhigen. Wo finde ich eine Pfahlwurzel?, fragte sie beiläufig, als sie bemerkte, dass die Haut des Orakels grau geworden war und sich ihre Augen wieder umwölkten. Lies die Sterne für mich, süße Schwester. Manwyn schaute erneut in den Sextanten. »Du wirst dich hier in den Wüstensand bohren und dem Lehm folgen, bis er im Norden braun wird, am trockenen Bett des Blutflusses. Dort findest du die Pfahlwurzel, nach der du suchst.« Die Augen der Drachin glitzerten siegesgewiss. Vielen Dank, Schwester, sagte sie kühl und hatte die Gedanken schon auf den Weg gerichtet. Sie schlüpfte zurück in den Schlitz im Lehm, aus dem sie hervorgekommen war, und verschwand in der Erdkruste, während das Orakel sie verwirrt beobachtete. Kaum hatte sich die Erde nach der Abreise der Drachin wieder beruhigt, als Manwyn noch etwas sagte. »Auf der Suche nach ihr wirst du deine eigene Nachkommenschaft töten.« Anwyn war schon zu weit entfernt, um sie hören zu können. Die Seherin starrte in die Sternennacht und sah zu, wie die südlichen Spitzen der Aurora farbsatt aufglühten. Das pulsierende Licht gefiel ihr, und sie betrachtete es, bis der Wind zu kalt wurde. Dann zog sie ihre dünnen Seidenfetzen enger um sich und ging langsam zurück zu ihrem verfallenden Tempel; sie hatte bereits vergessen, warum und wie sie ihn verlassen hatte. 40 Als das Lied von Meridions Geburt allmählich verblasst war, die Wärme in der Höhle abnahm und Blut sowie Nachgeburt beseitigt worden waren, nahm Krinsel das Kind aus Ashes Armen. Sie blickte es so finster an wie möglich und trug es zu seiner Mutter, damit es genährt wurde. Ashe gab Achmed ein Zeichen. Er war in einer stillen Ecke der Höhle geblieben und kam nur zögerlich daraus hervor. Die beiden Männer gingen ein wenig den Tunnel hinauf, bis sie außer Hörweite der Frauen waren. »Vielen Dank für deine Hilfe«, sagte der Herr der Cymrer und streckte Achmed die Hand entgegen. Der Firbolg-König schnaubte. »Ich glaube nicht, dass Zuschauen aus der Ecke als Hilfe zu werten ist«, sagte er bitter. »Du solltest lieber meiner Hebamme danken. Sie ist diejenige mit Blut an den Händen.« Die Wärme in Ashes Augen verflog. »Nun, in gewisser Weise haben wir alle Blut an den Händen, Achmed«, sagte er gelassen und versuchte den zornigen Drachen in seinem Blut im Zaum zu halten. »Bei ihr dient es wenigstens einem guten Zweck. Ich danke dir trotzdem dafür, dass du meiner Frau das Leben gerettet hast.« Der Bolg-König nickte flüchtig. Ashe räusperte sich unbeholfen. »Gehst du sofort nach Ylorc zurück?« »Sehr bald.« Ashe nickte. »Dann will ich dich nicht aufhalten. Ich fürchte, ich kann dich nicht dazu überreden, über den Kreis oder über Navarne zurückzureisen und Rhapsody und dem Kind von dort einen Wagen zu schicken?« »Nein, das kannst du nicht«, sagte Achmed gereizt. »Sowohl der Kreis als auch Navarne liegen im Süden und ziemlich weit von meiner Reiseroute entfernt. Ich habe schon zu viel Zeit mit Feiern und Amtseinsetzungen in deinem Land zugebracht, zum Nachteil meines eigenen Reiches. Ich habe getan, was Rhapsody von mir verlangt hat, und ihr für die Geburt meine Hebamme gebracht, der sie vertraut. Nun ist es vorbei, und ich sehe weder die Notwendigkeit, länger hier zu bleiben, noch meine Rückkehr wegen deiner Aufträge zu verzögern. Vielleicht erlaubt dir deine Position, längere Zeit von deinem Reich wegzubleiben; meine erlaubt es mir jedenfalls nicht. Jedes Mal, wenn ich nach Westen reise, um Rhapsodys Launen oder Bitten zu entsprechen, kehre ich in ein abscheuliches Chaos zurück. Ich bin gespannt, was mich diesmal bei meiner Rückkehr erwartet.« »Trotzdem vielen Dank«, erwiderte Ashe und bemühte sich, seine Hochstimmung nicht zu verlieren. »Ich hoffe, du hast eine gute Reise.« Die Bolg-Hebamme hüstelte höflich hinter den beiden Männern. »Rhapzdi braucht zwei Tage Ruhe und Aufmerksamkeit, aber dann muss das Kind nach Hause zurückkehren«, sagte sie vorsichtig. »Die Tauperiode ist bald vorbei; dann wird es für den Kleinen zu kalt zum Reisen sein. Wird seiner Lunge schaden.« »Sie können bis zum nächsten Frühjahr bei mir bleiben«, sagte Elynsynos, während sie ein leuchtendes Halsband aus glitzernden Juwelen über dem Kopf des Kindes schwenkte. Sie kicherte, als sich die kleinen senkrechten Pupillen in dem strahlenden Licht verengten. Die Bolg-Frau schüttelte den Kopf. »Rhapzdi ist schwach. Hat viel Blut verloren. Braucht Heiler und besondere Medizin. Muss bald zurückkehren.« Ashe spürte, wie sich seine Kehle zusammenzog. »Könntest du wenigstens diese beiden Tage hier bleiben?«, fragte er Achmed, als er die Besorgnis in Krinsels Blick bemerkte. »Ich breche sofort nach Navarne auf und kümmere mich um einen Wagen. Wenn du dich entschließen könntest, die zwei Tage, die Krinsel zur Beobachtung für nötig ansieht, bei Rhapsody zu verbringen, kann ich sie wenigstens allein lassen, weil ich dann weiß, dass sie in größtmöglicher Sicherheit ist.« »Dann will ich meine Pläne für dich ändern, Ashe, denn dein Seelenfrieden ist mir wichtiger als alles andere«, meinte Achmed hämisch. Er warf einen Blick über die Schulter und sah die Hebamme an, die zustimmend nickte. »Vielen Dank«, sagte der Herr der Cymrer, ergriff Achmeds Hand und schüttelte sie heftig. »Wenn ich sie schon verlassen muss, tröstet mich das Wissen, dass sie bei dir in Sicherheit sind. Ich gehe sofort und möchte ihnen nur noch Lebewohl sagen.« Achmed wartete, bis der Herr der Cymrer so lange weg war, dass er schon den Tar’afel überquert haben musste, bevor er sich Rhapsody näherte, die das schlafende Kind in einer Ecke der Höhle in den Armen wiegte und dabei eine wortlose Melodie sang. Er beobachtete sie eine Weile. Das goldene Haar, das sie sonst mit einem einfachen schwarzen Band zurückgebunden hatte, fiel ihr in Wellen über die Schultern, wodurch sie jünger und verletzlicher schien, als er sie je gesehen hatte. Sie sah hoch zu ihm. Ihr Lächeln war strahlend, und er verspürte ein unangenehmes Ziehen in der Herzgegend, so wie es in ihren frühesten gemeinsamen Tagen gewesen war, als sie entlang der Wurzel gereist waren, die die Welt zerteilte. Diese Zeit war schon lange vergangen und verloren, und manchmal sehnte er sich nach ihr zurück. Es war eine Zeit, in der keiner von ihnen verantwortlich für andere Leute, ja, für ganze Königreiche gewesen war und die Welt aus kaum mehr als Rhapsody, Grunthor, ihm selbst und dem andauernden Kampf bestanden hatte, einen weiteren Tag an einem Ort zu überleben, wo niemals jemand nach ihnen suchen würde. »Schläft er?«, fragte er unbeholfen. »Ja, fest«, antwortete Rhadsody; ihr Lächeln wurde noch breiter. »Möchtest du ihn einmal halten?« Der Bolg-König hüstelte. »Nein, danke«, sagte er hastig und schaute sich in der glitzernden Höhle um. »Wo ist die Übersetzung? Da ich hier die nächsten beiden Tage festsitze, könnte ich während dieser Zeit etwas Vernünftiges tun und den Text lesen.« Rhapsodys Gesicht verhärtete sich, und ihre Stimme verlor jede Sanftheit. »Haben wir das nicht schon abgehandelt?« »Ja, das haben wir. Gib mir die Übersetzung.« Schweigen setzte ein. Die Stille war so tief, dass sie das Kind bemerkte. Es wimmerte zuerst im Schlaf, dann erwachte es und schrie laut. Rhapsody schüttelte den Kopf und schaute weg. »Unglaublich«, sagte sie wütend und wiegte das Kind, als sein Schreien an Lautstärke und Verzweiflung zunahm. »Nach allem, was wir gerade durchgemacht haben, nach allem, was ich dir gesagt habe, bestehst du immer noch darauf, diesen Wahnsinn zu verwirklichen?« Achmed schaute sie böse an. »Wahnsinn zu verwirklichen hat Tradition bei uns, Rhapsody«, sagte er harsch. »Du hörst nie auf meine Bedenken, und daher habe ich das Recht, auf deine ebenfalls nicht zu hören. Du hast deine Position völlig klar gemacht – genauso klar wie dein Versprechen, mir bei dieser Sache in jeder Hinsicht zu helfen. Da ich dir wieder einmal in der Stunde höchster Not zu Hilfe geeilt bin, wirst du sicherlich bereit sein, mir ebenfalls einen Gefallen zu tun, wenn du mir schon nicht dankbar bist. Gib mir jetzt endlich die verdammte Übersetzung.« Der nebelhafte und ätherische Kopf der Drachin erschien über dem hohen Berg aus Gold und Juwelen am Rand des Wassers. Soll ich ihn verspeisen, meine Schöne?, fragte die Bestie scharf. Rhapsody starrte Achmed weiterhin an, erwiderte seinen Blick und holte schließlich tief Luft. »Nein«, sagte sie fest. »Gib sie ihm.« Sie zog das Kind näher an sich und bemerkte, dass die Drachin überrascht blinzelte. Dann verschwand sie im Äther. Einen Augenblick später erschien zwischen den Münzen auf dem Boden vor Achmeds Füßen ein in Leder gebundenes Buch, dessen Seiten zur Hälfte leer waren. »Nimm es«, sagte Rhapsody bitter. »Und dann verschwinde. Ich will dich nie wieder sehen.« Achmed ergriff das Buch. »Vielen Dank«, sagte er. Er öffnete den Band rasch und überflog die Seiten, die sorgfältig in Rhapsodys zierlicher Handschrift beschrieben waren. Vieles davon bestand aus Musikschrift, doch alle Noten waren kommentiert. »Geh«, forderte Rhapsody ihn auf. »Ich meine es ernst, Achmed.« Ihre Worte hallten durch die Höhle, und die Wahrhaftigkeit der Benennerin schwang in ihnen mit. Der Bolg-König hob den Blick seiner verschiedenfarbigen Augen und sah in die von Rhapsody; sie glänzten und waren so grün wie Sommergras. »Ich habe deinem Gemahl versprochen, zwei Tage zu bleiben«, sagte er knapp. Er hasste das Gefühl, zwischen zwei widerstreitenden Interessen zu stehen. »Ich entbinde dich von deinem Versprechen, selbst wenn du mich von meinem nicht entbinden wolltest«, sagte Rhapsody wütend. »Nimm deine verdammte Übersetzung und Krinsel und alles andere, was du mir gegeben hast, einschließlich deiner Freundschaft, und geh. Was du von mir verlangt hast, hat unsere Freundschaft beendet. Ich kann dich nicht vor dir selbst oder vor deiner eigenen Dummheit schützen, aber ich muss nicht zusehen, wie du mit diesem Wissen herumpfuschst, das du nicht verstehst. Mit deinen Taten bedrohst du diese Welt – die Welt, die mein Kind gerade betreten hat. Das kann ich dir nicht vergeben, Achmed. Geh weg.« Der Bolg-König dachte kurz nach und nickte. Er drehte sich um und gab der Hebamme, die ihn besorgt beobachtete, ein Zeichen. Sie sagte nichts, sondem bückte sich, hob ihren Beutel und dessen Inhalt auf und folgte dann dem König durch den langen, gewundenen Tunnel zurück zum Licht und zur Kälte des Waldes. Rhapsody wartete, bis ihre Schritte nicht mehr durch den Tunnel hallten, bevor sie in Tränen ausbrach. Die Luft der Höhle glimmerte hinter und neben ihr. Elynsynos erschien und wiegte sie in ihren Klauen. Ganz ruhig, meine Schöne, ganz ruhig, sagte die Drachin sanft. Rhapsody schüttelte den Kopf. »Versuch bitte nicht, mich zu trösten, Elynsynos«, sagte sie schwach und fuhr mit den Fingern durch das wellige Haar ihres Sohnes, als er wieder einschlief. »Sein Vorhaben bedeutet, dass niemand von uris je wieder einen Grund haben wird, Trost zu empfinden.« 41 Nord-Yarim Das trockene Bett des Blutflusses war eine lange, tiefe Sandrinne über einer Lage aus rotem Ton, überzogen mit einer dünnen Schicht aus Schnee. Für die Drachin waren die drei Schichten der bestmögliche Ort, um sich vom Gestank und dem restlichen Unrat zu befreien. Sie bohrte sich spiralenförmig durch den Lehm und erlaubte sich den schmerzhaften Luxus, sich im Sand zu rollen, bis sie schließlich ganz von Schnee überzogen war, der ihr wütendes Fleisch kühlte. Im Vergleich zu dem, was sie jetzt fühlte, war jene Wut, die sie vor dem Angriff auf Ylorc verspürt hatte, nur eine Gereiztheit und Verstimmung gewesen. Sie war von glühender, vulkanischer Wut zu etwas viel Beängstigenderem geworden: zur kalten, gefühllosen Haltung eines geschmähten Drachen. Es war dieselbe kühle Haltung, mit der sie den Untergang eines halben Kontinents geplant hatte, mit der sie die meisten unheiligen Taten und jene unverzeihlichen Sünden begangen hatte, angesichts derer sie dankbar war, ohne Seele geboren worden zu sein, damit sie nicht eines Tages für sie bezahlen musste. Nichts davon hatte nun eine Bedeutung. Sie erinnerte sich nicht an ihre Taten und Sünden; sie kannte nur noch ein einziges Ziel, das alle Gedanken und Wünsche überlagerte. Sie suchte beinahe einen ganzen Tag vergebens, bevor sie die Pfahlwurzel des Großen Weißen Baumes fand, die laut ihrer Schwester an diesem unfruchtbaren Ort zu finden war. Sie war zu kaum mehr als einem unterirdischen Zweig vertrocknet und geschrumpft, doch in ihren Fasern war die alte Kraft noch gegenwärtig. Die Drachin erinnerte sich nicht an den Baum, aber irgendwo in ihrem Verstand gab es einen Ort, wo sich diese Erinnerungen befinden mussten, denn sie waren einmal sehr wichtig für sie gewesen. Die Drachin stärkte ihre Nerven und konzentrierte sich darauf, ihren verachteten Wurmkörper zu transzendentem Fleisch zu verwandeln und ätherisch zu werden. Dann schlüpfte sie in die dünnen, trockenen Wurzelhaare, kroch an ihnen entlang, während sie allmählich dicker und feuchter wurden, wurde schneller und eilte nun durch die dickere Wurzel, wobei sie Kraft aus dem Baum zog, den ihre Mutter so sorgsam gepflegt hatte. In einem einzigen Schlag ihres dreikämmerigen Herzens gelangte sie so von einem Land zum anderen. Der Kreis — Gwynwald Der Fürbitter Gavin war nach Sepulvar-ta gerufen worden, um sich dort mit dem Patriarchen zu treffen, dem einzigen ihm ebenbürtigen religiösen Führer auf dem mittleren Kontinent. In seiner Abwesenheit räumten seine filidischen Naturpriester, die sich um den Baum und den heiligen Wald kümmerten, die Schäden des Winters beiseite, ernteten die Kräuter und winterfesten Pflanzen, die während der Tauperiode geblüht hatten, und rüsteten sich für die Rückkehr des Schnees. Dann erschien die Drachin; sie schwebte im Äther am Fuß des Baumes. Zuerst hielten die Filiden entsetzt inne, denn sie glaubten, sie sähen einen Geist. Vor drei Jahren war Gwydion von Manosse, der Herr der Cymrer, der Drachenblut in sich hatte, durch ihren Wald gekommen, um sich an Khaddyr zu rächen, dem vom Glauben abgefallenen Fürbitter, der Gwydions Vater Llauron ersetzt hatte und sich in den Klauen eines F’dor-Dämons befunden hatte. Dabei war ein großer Teil des Waldes einem reinigenden Feuer zum Opfer gefallen, das hauptsächlich die Hütten und Siedlungen der Verräter verzehrt und den Rest verschont hatte. Ein Blick in die hypnotischen, entsetzlichen Augen dieser Bestie vertrieb jede Hoffnung auf eine solche Wendung. Die Bestie sog die Luft ein und stieß sie wieder aus. Als der Feueratem ihren Rachen verließ, brannte er. vor der schieren Hitze in ihrem Bauch schwarz an den Rändern und glühte blau im Innern. Die Drachin schloss rasch die Augen und konzentrierte sich. Sie genoss die Qualen und trank die Pein und Angst, die in der rauchgeschwängerten Luft hingen, als das Feuer über Haufen aus versengten Knochen und Asche schwächer wurde. Es war ein köstliches Gefühl. Die Drachin öffnete die Augen. Nun war ihre Mordlust befriedigt. Sie sah eine Wiese und in ihrer Mitte den Baum, dessen gleißende weiße Zweige sich so hoch erstreckten, wie das Auge reichte, und ein Dach über die gesamte Wiese bildeten. Hinter dem ekelhaften Dunst, der nach verbranntem Menschenfleisch stank, erkannte sie eine Ansammlung von Hütten. Einige waren stattlich, andere winzig, allesamt recht neu, und jede hatte einen kleinen Vorgarten und seltsame magische Zeichen über der Tür. Dieser Anblick war ihr vertraut. Sie schaute zum Rand der Wiese und versuchte sich daran zu erinnern, was an diesem Bild fehlte, doch sie kam nicht darauf. Überall um sie herum schwebte das Lied des Baumes; es war ein tiefes, melodisches und schmerzlich schönes Summen, in dem die Töne der lebenden Erde mitschwangen. Die Drachin spürte ein Ziehen im Herzen – oder in dem, was sie an Stelle eines Herzens hatte. In gewisser Weise wusste sie, dass dieser Ort für sie einmal sehr wichtig gewesen war; wenn sie sich anstrengte, konnte sie vielleicht Erinnerungen an diese natürliche Kathedrale heraufbeschwören. Hier stand noch einer der fünf Bäume, die an den Geburtsorten der Zeit wuchsen. Die Heiligkeit dieses Ortes war unverkennbar und unleugbar. Die Drachin stählte ihren Willen. Ich habe mich entschieden, unheilig zu sein, dachte sie grimmig. Es ärgerte sie, dass die Rinde des Baumes nicht unter ihrem Atem gelitten hatte. Nicht einmal die Blätter waren verdorrt oder verbrannt, während das Gras versengt war und die Pfleger des Kreises nur noch menschlicher Abfall waren. Es war ein erneuter Widerstand gegen ihre Macht, die schon von einem Berg voller halb menschlicher Bolg infrage gestellt worden war, was ihre Wut nur noch mehr anfachte. Sie hielt den Kopf schräg und suchte nach Spuren der Frau, doch nichts war im Wind – nichts als die Rufe der filidischen Priester und Waldhüter, die fluchtartig vor dem befürchteten Angriff das Gebiet verließen. Tief im Gwynwald, an der Westküste, hinter dem Tar’afel, hatte Manwyn gesagt. Die Drachin schloss wieder die Augen und horchte auf das Geräusch des Flusses. Er lag jenseits der Reichweite ihrer Sinne, doch sie erkannte am Grundwasserspiegel, an dem gewundenen Flusslauf und den Standorten der Bäume, dass der Fluss im Norden liegen musste. Also vergrub sie sich wieder in der Erde und folgte dem Geräusch des Wassers. Die Stimme des Tar’afel war weitaus einfacher aufzuspüren als der alte Widerhall ihres eigenen Namens. Sie war wie ein Leuchtfeuer in der Erde, rauschte bei Niedrigwasser endlos und ohne Hast dem Meer entgegen und trug große Eisblöcke mit sich, die mit der Herankunft der Tauwetterperiode abgebrochen waren und nun flussabwärts trieben. Der Winter kehrte zurück, und die Strömung wurde langsamer. Die Drachin hörte es meilenweit. Als sie sich dem Flussbett näherte, wurde die Erde, durch die sie sich pflügte, feuchter, und es wurde zunehmend unangenehmer, die schlickigen Schichten zu durchqueren. Schließlich ertrug sie es nicht länger. Sie bohrte sich wieder an die Oberfläche und reiste ungesehen im Reich der Luft durch den unbewohnten Wald. Die Waldgeschöpfe waren schon lange geflüchtet, als sie die Gegenwart der Drachin gespürt hatten; einige hatten sich sogar unter die Erde begeben. Der Fluss war noch eine Meile entfernt. Sie stellte seine Tiefe und die Geschwindigkeit fest, in der das Wasser dahinströmte, und machte sich auf den Weg zum schlammigen Ufer, das beinahe bis zum Wasserrand gefroren war. Schneidende Kälte lag hier in der Luft. Sie befand sich so nahe wie noch nie seit ihrer Abreise bei ihrem Nest, auch wenn es noch etwa tausend Meilen entfernt lag. Am Rand des Wassers versuchte sie, dieses zu überqueren, und hoffte dabei in die ätherische Gestalt wechseln zu können, in der sie bis zum Kreis gereist war; ohne die Macht des Baumes aber war sie in ihrer Stofflichkeit gefangen. Ihr Körper war schwer und fest, was für die Überquerung des Flusses nichts Gutes verhieß. Doch die Wut brannte immer dunkler in ihr und trieb sie an. Behutsam watete die Drachin ins Wasser. An der Stelle, die sie sich ausgesucht hatte, war der Fluss nicht so breit, wie sie selbst lang war, daher kam es nur darauf an, der Strömung zu widerstehen, feste Steine im Flussbett zu finden und dabei die tiefen Stellen und Strudel zu umgehen, die sie beim Eintauchen in das Wasser deutlich spürte. Auf halbem Weg überfiel sie plötzlich eine Erinnerung – oder etwas, das einer Erinnerung ähnlich war. Die Frau, nach der sie suchte, hatte den Fluss an derselben Stelle oder zumindest in der Nähe durchquert, denn sie hatte hier eine Spur hinterlassen. Noch heißer loderte der Zorn der Drachin auf. Dampf stieg in wogenden Wellen auf und schwebte in deutlich sichtbaren, Unheil verkündenden Wolken über dem Wasser. Sie schob sich weiter voran, und die krallenbewehrten Klauen hinterließen tiefe Abdrücke in dem kalten Matsch. Schließlich zog sie sich aus dem Wasser ans Ufer. Als sie sich nach Norden wenden wollte, bewegte sich die Luft vor ihr und glimmerte. Die Drachin hielt inne; sie fühlte sich, als ob ihr plötzlich aller Atem aus der Lunge gepresst worden wäre. Die elementare Kraft, die unsichtbar und für die überwältigende Mehrheit der lebendigen Welt unspürbar in der Luft des Waldes hing, wurde dünner und knisterte trocken. Die Drachin rang nach Atem. Unmittelbar vor ihr bildete sich ein Umriss. Er war so groß wie sie selbst und hatte annähernd die gleiche Gestalt: einen großen, mit einem Hörn bewehrten Kopf, einen langen, peitschenartigen Schwanz und hauchdünne Schwingen, die hoch in die Luft gereckt waren. Eine ganz leichte Spur aus Kupfer lag auf der schuppigen Haut, die sich im Wind formte, doch zum größten Teil war sie grau wie der Rauch eines Buschfeuers und schimmerte in elementarem Glanz. Die Drachin erstarrte. Schließlich erschien vor ihr ein anderer Drache in fester Gestalt. Eine tiefe und angenehm warme Stimme hallte durch die eiskalte Luft. Hallo, Mutter. Wut durchströmte sie. Die Haut der Bestie wurde sofort trocken und gab dabei einen wallenden Dampf ab. Ich bin erfreut, aber auch ein wenig überrascht, dich lebend zu sehen. Die Stimme des grauen Drachen hatte ein leichtes, beinahe musikalisches Timbre von un-missverständlichem Ernst. Wer bist du?, wollte sie wissen. Ihre vieltonige Stimme schwankte leicht. Dieses Wesen war das Erste, das sie seit ihrem Erwachen mit Ehrerbietung und Freundlichkeit begrüßte, und darin lag sowohl etwas Bezauberndes als auch Beängstigendes, das sie gleichzeitig schwach und abwehrend machte. Die blau-grauen Augen des Drachen vor ihr weiteten sich kurz, dann atmete er langsam aus. Ich bin Llauron, dein Sohn und Zweitgeborener. Erinnerst du dich nicht an mich, Mutter? Nein, antwortete die Drachin verbittert. Ich habe keine Erinnerungen an dich. Mitgefühl trat in die Augen des grauen Drachen. Ah. Vielleicht sind sie nur ein wenig gestört. Deine Erinnerungen werden zurückkehren, und wenn nicht, dann kann ich dir helfen, sie zu finden. Im Lauf der Zeit habe ich viele mit dir zusammen erworben. Traurigkeit kroch in den mitleidigen Blick. Auch wenn man sich etliche dieser Erinnerungen wohl besser nicht zurückruft. Ich suche nur eine einzige Erinnerung, sagte die Drachin rasch. Hilf mir, die goldhaarige Frau zu finden. Die Traurigkeit verwandelte sich in Erstaunen. Rhapsody? Warum suchst du sie? Ihr Drachenblut wurde sofort wärmer, und ihr Herz raste vor Erregung. Rhapsody!, rief sie mit ihrer Drachenstimme. Das Wort zischte, als es mit der Luft in Berührung kam; es hallte über den Fluss und die gefrorenen Wiesen und kräuselte sich in der Säure des Hasses. Wo ist sie? Bring mich zu ihr. Llauon erkannte seinen Fehler sofort. Soweit ich weiß, befindet sie sich weit weg von hier, sagte er wie beiläufig. Und sie ist unbedeutend. Komm mit mir, Mutter. Ich möchte dich an einen Ort führen, wo wir viel Zeit zusammen verbracht haben und ungestört sein werden. Dort können wir miteinander reden. Wenn du deine Erinnerungen auffrischen willst... NEIN!, schrie die Bestie. Ihre Stimme durchschnitt den Winterwind und zerschlug dessen elementare Schwingungen. Die Bäume und das Gras, die sich vorhin noch unter der steifen Brise gebeugt hatten, erstarrten, und das Wasser des Flusses kräuselte sich in alle Richtungen. Die gesamte Natur in der Nähe erzitterte unter der Stimme der Drachin. Sag mir, wo sie ist, Llauron. Als deine Mutter befehle ich es dir. Der graue Drache faltete seine zarten Flügel und betrachtete sie ernst. Wir sollten vernünftig miteinander reden, sagte er ruhig, doch in seiner Stimme lag kaum verhülltes Missfallen. Es ist lange her, seit du mir aufgrund dieser Tatsache befehlen konntest, Mutter, obwohl du dich vielleicht nicht daran erinnerst. Ich sage dir in aller Aufrichtigkeit, zu der ich fähig bin, dass kein atmendes Wesen auf der Welt dir treuer ergeben war als ich. Ich habe einmal alles hinter mir gelassen, was mir lieb und wert war, um dir zu gehorchen, und es hat die Welt gespalten. Meine Liebe zu dir sollte nicht in Zweifel gezogen werden. Daran wirst du dich erinnern, was immer du sonst vergessen haben magst. Die Drachin schüttelte heftig den Kopf. Ich erinnere mich nur daran, dass diese Frau vernichtet werden muss, sagte sie bitter. Wenn du mich wirklich liebst, Llauron, musst du es mir beweisen. Sag mir, wo sie ist. Das kann ich nicht, meinte der Drache bestimmt. Ich habe keine Ahnung. Komm, Mutter, wir sollten diesen Ort verlassen ... Die Drachin bäumte sich auf und sog die Luft ein – und mit ihr auch die Macht des Elements. Beim nächsten Wimpernschlag hatte sich der graue Drache in Luft aufgelöst – gerade rechtzeitig, um dem ätzenden Feuer zu entgehen, das auf ihn gezielt war und nun das gefrorene Wintergras in Brand setzte. Die Bestie atmete noch einmal aus. Eine rote und orangefarbene Flamme trat aus, schwarz an den knisternden Rändern. Sie breitete sich im Wind aus, ohne weiteren Schaden anzurichten; Wellen aus strömender Hitze zerstoben ohnmächtig, wo einen Augenblick zuvor Llauron gestanden hatte. Wütend und mit dem Gefühl, vollends betrogen worden zu sein, stürmte die Drachin nordwärts und sang still den Namen der Frau, schmeckte dabei die Luft und hoffte, im Wind eine Spur von ihr zu finden. 42 Nachdem Achmed die Höhle verlassen hatte, schüttete er die Feuergrube zu, an der sich Krinsel während seiner Abwesenheit gewärmt hatte, und brach das kleine Lager ab. Dann nickte er der Bolg-Hebamme wortlos zu. Sie schnürte ihre Stiefel und richtete die Winterausrüstung; dann gab sie stumm das Zeichen, dass sie zur Abreise bereit war. Sie waren kaum hundert Schritte von der Höhlenöffnung entfernt, als die Luft vor ihnen plötzlich in einem verwirrenden grauen Licht schimmerte. Zwischen den Windstößen erschien eine gewaltige Drachengestalt, halb ätherisch, halb fest. Achmed blieb wie angewurzelt stehen, zog Krinsel geistesgegenwärtig hinter sich und senkte seine Cwellan, die er vor einigen Monaten Gwydion Navarne gezeigt hatte. Seine instinktiven Reaktionen erfolgten ohne Verzögerung, sein Verstand brauchte den Bruchteil einer Sekunde länger. Als er gerade feuern wollte, erinnerte er sich an diese Bestie. Er hatte sie auf dem cymrischen Konzil gesehen, zusammengerollt vor Ashes Füßen, sehr zum Verdruss seines Sohnes. »Llauron?«, fragte er und senkte die Waffe. Achmed, sagte die vertraute Stimme drängend. Wo ist mein Sohn? Der Bolg-König kniff die Augen zusammen. »Er ist zum Kreis zurückgekehrt oder vielleicht auch nach Navarne, um eine Kutsche für Rhapsody und deine Enkelbrut zu holen«, sagte er gehässig. Die Augen des grauen Drachen glänzten. Das Kind ist geboren? »Ja«, sagte Achmed. »Tritt jetzt bitte beiseite und stell dich mir nicht mehr in den Weg, es sei denn, du möchtest Bekanntschaft mit meinen Drachentöterscheiben machen.« Nein, meinte der Drache. Seine Besorgnis erwärmte die Luft um den Bolg-König und die Hebamme und machte sie trocken. Warte, du musst mir helfen. Anwyn kommt, sie sucht Rhapsody und will schreckliche Rache an ihr nehmen. Sie wird gleich hier sein. Du musst mir helfen, deine Freundin und meinen Enkel sofort aus der Höhle zu holen. »Was redest du da?«, wollte der Bolg-König wissen. »Anwyn? Anwyn ist tot, wie du sehr wohl weißt; sie wurde vor drei Jahren im Gerichtshof begraben.« Das haben wir alle geglaubt, aber wir haben uns geirrt, erklärte Llauron verzweifelt. Wir haben keine Zeit für eine gründliche Untersuchung dieses Falles und für Erklärungsversuche. Sie kommt, und sie wird bei dem Versuch, Rhapsody zu finden, jeden töten, der sich ihr in den Weg stellt. Ist sie bei Elynsynos? »Ja«, antwortete Achmed knapp und warf einen Blick in den Wald. Die weißen Bäume, die nackt im kalten Winterwind raschelten, schienen zu erbeben. Er schaute Krinsel an, die ebenfalls heftig zitterte. Holt sie hier heraus, befahl Llauron. In seiner Drachenstimme lagen Befehlskraft und Beharrlichkeit. Ich versuche, Anwyn abzulenken. Er verblasste wieder im Wind und ließ nichts zurück außer einem Gefühl der Panik. Achmed machte auf dem Absatz kehrt, fasste die Hebamme am Arm und rannte zurück zum Nest der alten Drachin. Während des ganzen Weges murmelte er bolgische Unflätigkeiten. Rhapsody hatte soeben aufgehört zu weinen, als Achmed und Krinsel wieder in der Tunnelöffnung erschienen. Deine Freunde kehren zurück, sagte Elynsynos verwirrt. Sie legte den gewaltigen Kopf schief. Die prismatischen Augen weiteten sich plötzlich und warfen Regenbögen aus tanzendem Licht gegen die Höhlenwände. O nein, flüsterte die Drachin beim Klang der bolgischen Schritte. Nein, das kann nicht sein. In der Wärme von Rhapsodys Armen heulte Meridion los; einen Augenblick später erhob sich sein Weinen zu einem Gekreisch der Angst. »Was ist los?«, fragte Rhapsody nervös und schaute von der Drachin zu ihrem Kind. Beide waren ohne erkennbaren Grund in Panik geraten. Anwyn kommt, sagte die Drachin, während sie sich vom Höhlenboden erhob und dabei Wolken aus Sand aufwirbelte. Sie rast und tobt; der Wald brennt in einem weiten Streifen zwischen dem Fluss und meiner Höhle. »Anwyn?«, fragte Rhapsody ungläubig und stand mit dem Kind in den Armen ungelenk auf. »Wie ... wie kann das sein?« Achmed erschien in der Tunnelbiegung. »Komm mit mir, wenn dir dein Leben lieb ist«, sagte er scharf. Rhapsody erkannte die Worte. Es waren dieselben, die er vor einem ganzen Leben in Serendair zu ihr gesagt hatte. Es waren die Worte, mit denen ihre lange und manchmal schwierige Beziehung begonnen hatte. »Ist es wirklich Anwyn?«, fragte Rhapsody und drückte das Kind enger an sich. Mit unsicheren Schritten ging sie auf den Bolg-König zu. »Llauron sagt es, und ich zweifle seine Worte nicht an, auch wenn er im Leben ein Lügner war. Los, wir müssen von hier verschwinden.« »Warte, warte«, sagte Rhapsody. Sie schloss die Augen vor Schmerzen und rieb sich mit der Hand über die Stirn. »Was bringt es, wegzulaufen? Außerdem bin ich bei Elynsynos in Sicherheit. Und bestimmt wird sie Meridion nichts antun.« Sie drehte sich zu der Drachin um, die nun ätherisch in der Luft schwebte und deren riesiges Gesicht einen Ausdruck stiller Verzweiflung zeigte. »Hast du nicht gesagt, dass ein Drache seine Nachkommenschaft über alles andere stellt?« Ja, erwiderte Elynsynos ruhig. Aber sie tobt und denkt an nichts anderes als an Vernichtung, vermutlich an deine Vernichtung, Schöne. »Wenn du hier bleibst, bringst du Elynsynos in Gefahr«, sagte Achmed harsch und griff nach ihrem Arm. »Komm.« Rhapsody gab Meridion Krinsel und zog sich die Stiefel an. Sie war ganz weiß im Gesicht, und ihre Arme zitterten unter der Schwäche, welche die Geburt nach sich gezogen hatte. »Anwyn kann doch nicht ihre Mutter töten – selbst dann nicht, wenn sie außer sich ist«, sagte sie und band rasch die Schnürriemen. »Ist das nicht ein uranfängliches Gesetz, Elynsynos? Drachen können einander nicht töten, denn dann würden Welten zusammenstoßen, oder?« Anwyn ist keine reine Drachin, rief ihr Elynsynos in Erinnerung. Wenn sie es nicht will, ist sie nicht an das alte Gesetz gebunden. Ich kann nicht vorhersehen, was sie tun wird. Rhapsodys Gesicht nahm einen Ausdruck grimmiger Entschlossenheit an. »In Ordnung«, sagte sie ernst. »Ich gehe. Achmed, Krinsel, ihr verlasst diesen Ort jetzt. Geht nach Westen zum Meer und versteckt euch dort. Ihr müsst so weit von hier und von mir fortgehen wie möglich.« Elynsynos schüttelte den Kopf. Bolg-König, nimm deine und meine Freundin mit, sagte sie traurig. Rette das Kind. Es ist wichtiger, als ihr alle ahnt. Bring Rhapsody in Sicherheit. Llauron und ich werden alles in unserer Macht Stehende tun, um Anwyn abzulenken, aber ihr müsst jetzt gehen. Achmed nickte und ergriff Rhapsodys Arm. »Begib dich nach Westen«, befahl er Krinsel. Sie nickte, übergab das Kind an seine Mutter und eilte den Tunnel entlang. »Kannst du gehen?«, fragte er Rhapsody, die ebenfalls nickte, auch wenn ihr Gesicht aschfahl war. »In Ordnung, dann komm mit mir. Wir haben so etwas schon einmal gemacht.« Gemeinsam rannten sie durch den Tunnel nach draußen. Elynsynos sah ihnen nach und verschwand schließlich im Äther. Sie eilten durch den Wald. Rhapsody folgte Achmed blind, der zurück zum Tar’afel lief. Er erinnerte sich an etwas, das Llauron den dreien vor langer Zeit über Elynsynos und den Entdecker Merithyn gesagt hatte. Wenn Merithyn Elynsynos nicht so sehr geliebt hätte, wäre ihr klar gewesen, was mit ihm geschehen war. Er hatte ihr Crynellas Kerze gegeben, sein Notsignal. Es war ein kleiner, aber mächtiger Gegenstand, denn er enthielt eine Mischung aus zwei entgegengesetzten Elementen: Feuer und Wasser. Wenn Merithyn ihn bei sich gehabt hätte, als sein Schiff sank, hätte sie ihn gesehen und ihn möglicherweise sogar retten können. Aber er hatte Crynellas Kerze als Trost und als Zeichen seiner Ergebenheit bei Elynsynos zurückgelassen. So verhält es sich leider nun einmal oft mit guten Vorsätzen. Vielleicht schränkte das Wasser den Drachensinn ein, dachte er. Schließlich wusste er, dass dieses Element seine eigene Fähigkeit, Herzschlägen nachzuspüren, minderte. Wenn ich Rhapsody in den Fluss bekomme, können wir uns vielleicht vor ihrem inneren Auge verstecken. Noch während er darüber nachdachte, sagte ihm sein sechster Sinn, dass er sich etwas vormachte. Aus der Ferne hörte er das Brechen von Bäumen und das Aufreißen der Erde, als zwei Drachen versuchten, ihre rasende Verwandte abzulenken. Sie bewegten die Erde, öffneten Abgründe, lenkten Ströme um, warfen ihr große Äste in den Weg, und sie übten ihre elementare Macht über die Erde aus. Jede ihrer Handlungen wurde gefolgt von einem wütenden Gekreisch und einem hörbaren Flammenausbruch. Der Boden unter ihren Füßen erzitterte. Achmed warf Rhapsody einen raschen Blick zu. Sie hielt seine behandschuhte Hand in festem Griff; ihr Gesicht war blutleer, hatte aber einen entschlossenen Ausdruck, während sie über abgestorbene Äste und verfaulende Stümpfe kletterte, sich unter Bogen aus dornigen Beerenbüschen duckte und Lichtungen umrundete, wobei sie heftig keuchte. Im Wind, der durch den Wald peitschte, hörten sie die kreischende, heulende, brüllende Stimme der Drachin. Rhapsody! Rhapsody, du kannst dich vor mir nicht verstecken! Der Wind umheulte sie in der einsetzenden Dämmerung; Schnee tanzte auf den Böen, die eisiges Wasser aus dem Fluss mitbrachten und in Haut und Augen stachen. Aus dem Bündel in Rhapsodys Armen drang kein Laut. Achmed fragte sich dumpf, ob das Kind überhaupt noch lebte. Mit jedem Schritt kam das Feuer näher. Als ihm die Hitze schon über den Rücken leckte, spürte er Rhapsodys Griff lockerer werden; dann rutschte ihre Hand aus der seinen. Er drehte sich um und sah, wie sie sich vorbeugte und sich das Kind gegen den Bauch drückte. So bleich hatte er sie noch nie gesehen. Mit letzter Kraft reckte sie die Arme und hielt ihm das Bündel entgegen. »Bitte«, flüsterte sie. »Bitte ... nimm ihn, Achmed. Ich ... bin es, hinter der sie her ist.« Ihre Stimme schwankte vor Erschöpfung und Schwäche. »Nimm ihn.« Achmed zögerte, dann hing er sich die Cwellan über die Schulter und nahm ihr das Bündel ab. Er steckte es sich unter den Arm und ergriff wieder ihre Hand. Das Kind schwieg weiterhin und rührte sich nicht. »Ich werde ihn tragen, aber du musst mit mir kommen«, beharrte er und zerrte sie über einen verfaulenden Baumstumpf. Als sie stolperte, fing er sie auf. »Ohne dich wird dein Kind sowieso sterben. Ich kann es schließlich nicht säugen. Komm endlich.« Gemeinsam kämpften sie sich an undurchdringliehen Brombeerhecken entlang und über halb zugefrorene Flüsse, bis sie aus der Ferne den Fluss hörten. »Komm, Rhapsody, es ist nicht mehr sehr weit«, drängte Achmed, als er spürte, wie sich der Griff ihrer Finger wieder lockerte. Die Erde unter ihren Füßen riss in langen, dünnen Spalten auf. Das Brüllen der Drachin war verstummt; nun kamen die einzigen Geräusche von der sich widersetzenden, aufschreienden Natur. »Lass mich ... allein zurück«, keuchte Rhapsody. »Mein ... Schwert... wird mich ... vor den Flammen ... schützen ...« »Aber nicht vor der Säure und auch nicht vor den Krallen«, murmelte Achmed und zerrte heftiger an ihrem Arm. »Komm weiter.« Sie überquerten die letzte Wiese, rannten die Böschung entlang und sahen den Tar’afel, als sich plötzlich das Ufer mit einem großen Zittern auftat und einen gähnenden Spalt bildete. Die rasende Drachin sprang in all ihrer festen Körperlichkeit daraus hervor. Hass, dunkler als die Feuer der Unterwelt, loderte in ihren glühenden Augen. Kurz verzerrte sich ihr Gesicht in einer Wut, die so scheußlich war, dass in diesem Augenblick jede Luftbewegung in ihrer Nähe erstarb. Achmeds Reflexe spannten sich zum Angriff. Ohne Vorwarnung drückte Rhapsody von hinten mit all ihrer Kraft gegen ihn, stieß ihn und das Kind von sich und geriet in das Blickfeld der Drachin. Zitternd zog sie die Tagessternfanfare, das elementare Schwert des Feuers und des Äthers. Die leuchtende Klinge bebte für den Bruchteil einer Sekunde in ihrer Hand und beruhigte sich, als Rhapsody sich zu voller Größe aufrichtete. Auch in ihren Augen brannte die Wut. »Richte deinen Zorn auf mich, Anwyn, du Feigling«, sagte sie mit der befehlenden Stimme einer Benennerin. Die Nüstern der Bestie blähten sich. Sie erhob sich, spreizte die zerrissenen Flügel und verdunkelte mit ihnen das Licht der Sonne. Die Luft knisterte und zischte vor Bosheit. Sie atmete tief durch. Achmed feuerte. Drei hauchdünne Scheiben, geschmiedet aus blauschwarzem Rysin-Stahl, drangen in den Unterleib der Drachin, als sie sich aufbäumte; jede wurde von der folgenden noch tiefer in das Fleisch getrieben. Der Rückstoß brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Er stolperte, ließ die Cwellan fallen und griff nach dem Bündel unter seinem Arm. Die Drachin schrie vor Schmerz und Wut auf. Die Hitze ihres sengenden Blutes führte dazu, dass sich die Scheiben ausdehnten und das Fleisch an Brust und Bauch zerrissen. Das Atemfeuer ihres ersten Angriffs reichte weit, entflammte die Bäume über ihnen und tauchte die Hecken in ein Inferno aus gelb-orangefarbenen Lohen. Als der Wald Feuer fing, sog sie den Atem wieder ein, obwohl sie stark blutete, und richtete ihn unmittelbar gegen die goldhaarige Frau, deren Gesicht sie in ihren Träumen heimsuchte. In dem Bruchteil einer Sekunde, bevor die alles verzehrenden Flammen über Rhapsody zusammenflössen, wurde die Luft vor ihr grau und silbern, mit einem leisen Anflug von schimmerndem Kupfer. Eine große, durchscheinende Gestalt erschien aus dem Äther vor ihr und um sie herum, dünn wie ein Windhauch und kaum sichtbar. Sie umgab den Bolg-König sowie die Herrscherin der Cymrer mit ihrem Körper und schuf so eine Scheidewand zwischen ihnen und der tobenden Drachin. Als Anwyn ausatmete und ein so ätzendes Feuer entfachte, dass es die Steine auf dem Boden unter ihr schmolz, löste Llauron ein wenig von seiner eigenen Kraft und ließ die elementare Erde frei, die sich in seinem Blut und seiner Seele befand. Er wurde fest. Und bildete eine gewaltige, versteinerte Hülle um den Mann, die Frau und das Kind. Und rettete sie. Und führte damit sein eigenes Ende herbei. 43 Die Flammen flössen über Llaurons felsartige Gestalt, leckten an den Rändern und verbrannten das Gras unter ihm. Rhapsody und Achmed bemerkten den Feuerstoß, erkannten ihn an der Gewalt seines Brüllens und hörten aus der Ferne die Zornesschreie. Dann setzte Stille ein. Innerhalb der Hülle war es dunkel. Es war nur ein sehr schwacher Lichtschimmer übrig geblieben, der ätherisch leuchtete. Der Bolg-König tastete in der Dunkelheit herum, bis er Rhapsodys Hand fand und sie packte. Sie zitterte heftig und beobachtete, wie Llaurons Ende verschiedene schreckliche Zustände durchlief. Mit der Weggabe seiner Erdmacht ging der Verlust des Sternenfeuers einher, das ihn seit seiner Geburt begleitet hatte. Das kühle Licht härtete die Hülle seines Körpers. Rhapsodys Herz schlug heftig gegen die Rippen, als das Wasser in Llauron verdunstete. Sie spürte auf ihrem Gesicht Tränen und Regen. Beides trocknete, als die Macht in der Welt verschmolz, aus der sich einmal die Seele eines Menschen gebildet hatte, der in das Meer verliebt gewesen war. Als das Wasser verdunstet war, härtete sich die Hülle noch mehr; sie kühlte ab. Nur das Element des Windes blieb; es nahm die Form süßer, schwerer Luft an, die zwischen den dreien hing. Für einen Augenblick war innerhalb der dunklen Höhlung von Llaurons Körper nichts zu hören. Dann weinte Rhapsody leise. Achmeds Augen, die Nachtaugen eines Bolg, beobachteten sie, während sie zur rippengemusterten Wand ging, die Hand ausstreckte und sie dagegen legte. Überwältigt von Trauer, glitt sie langsam zum Boden der Höhlung. Auch das Kind in seinen Armen weinte nun. Achmed stand reglos da, dann hob er allmählich das Windelbündel gegen seine Schulter und wiegte es unbeholfen vor und zurück. »Psst«, sagte er. »Sei still.« Außerhalb der gewaltigen Drachenhülle, die früher einmal ihr Sohn gewesen war, stand Anwyn entsetzensstarr. Zuerst war ihr Erstaunen aus der Unmittelbarkeit der Ereignisse erwachsen. Noch vor einer Sekunde hatte sie die Frau, die sie hasste, verwundbar vor sich gesehen. Sie hatte sich auf die Linderung ihrer Schmerzen gefreut, die mit Rhapsodys Tod einsetzen würde, auf den bitteren Geruch ihrer Asche, sobald ihr Körper verbrannt sein würde. Dann war ihr der Drache, der sich Llauron nannte, entgegengetreten, war aus dem Äther erschienen, hatte die Frau und ihr Kind sowie das Ungeheuer umgeben, das sie beide beschützte, und sein Ende selbst herbeigeführt. Anwyn hatte vieles von ihrer eigenen Rasse vergessen, doch selbst in ihrem bruchstückhaften Bewusstsein begriff sie das Grauen, die Endgültigkeit und das Opfer dessen, was soeben vor ihren Augen geschehen war. Und sie ärgerte sich darüber mit jeder Faser ihres zerfetzten, blutenden Selbst. Die Stahlklingen dehnten sich in der Hitze ihres Körpers aus; sie fühlte ihr Anwachsen, jetzt, da sie nicht mehr durch die Kälte zusammengedrückt wurden. Mit jedem ihrer Atemzüge zerrten sie mehr an ihren Muskeln, zerrissen ihr Fleisch weiter und arbeiteten sich bis zu dem dreikammerigen Herzen vor. Die Drachin zwang sich dazu, langsamer zu atmen und ihre Körperfunktionen so weit zusammenzuziehen wie möglich, doch sie konnte das Schlagen ihres Herzens und ihren Blutkreislauf nicht länger kontrollieren. Sie wollte schreien und ihren Zorn mit Feuer und Blut anfachen, doch die Scheiben wüteten in ihrer Bauchhöhle und bedrohten bei jeder noch so kleinen Bewegung ihr Leben. Schließlich erkannte sie, dass ihr keine andere Möglichkeit blieb, als langsam und vorsichtig in den gefrorenen Norden zu ihrem Nest aus Eis und Frost zurückzuweichen. Sie hoffte, die Kälte werde dafür sorgen, dass die Scheiben verharrten, sodass sie sie aus dem Fleisch ziehen konnte. Selbst wenn das nicht möglich wäre, stürbe sie lieber in ihrem Nest als in diesem fremden Wald, diesem Ort, an den sie Erinnerungen haben sollte, stattdessen aber nur Leere und Zurückweisung erfuhr. Diesen Ort, an dem ein Drache sein Leben beendet hatte. Das allein reichte aus, um sie zu entsetzen. In ihrem Kopf hörte sie einen dunklen Gesang. Es waren Stimmen von Wesen, die einer völlig anderen elementaren Rasse angehörten. Sie schnatterten, während die Erde durch den Verlust eines Wesens, das zu ihr gehörte, an Macht verlor. Die Drachin konnte nicht länger bleiben. Der Anblick der gewaltigen Steinstatue mit den ausgestreckten Schwingen, die sich um die Frau, das Kind und ihren Begleiter gehüllt hatte, um sie zu retten, ließ sie zittern; doch als sie wenig später den Tar’afel durchschwamm und gegen die stärker werdende Strömung kämpfte, erkannte sie, dass ihr Zittern nicht nur von der Angst, sondern auch von der Nähe des Todes herrührte. Achmed hörte im Dunkeln, wie Rhapsody weinte. Es war ein Laut, den er von Anfang an gehasst hatte: eine harsche, schreckliche Schwingung, so ganz verschieden von der natürlichen Musik, die sie sonst von sich gab und die er so beruhigend fand. Es zerrte an den empfindlichen Nervenenden in seiner Haut, die vor Schmerzen vibrierten. Er biss die Zähne zusammen und schwieg; er erlaubte ihr, der Trauer freien Lauf zu lassen. Sie konnte sie nicht lange unterdrücken, da sie von den Geburtswehen und der Flucht vor der Drachin noch sehr schwach war. Er beobachtete ihr Kind in der Dunkelheit. Er hatte den kleinen Jungen auf den Rücken gelegt. Der Boden des Drachenkörpers aus Stein war wärmer als der Waldboden. Das Kind schien seine Lage zu mögen, denn es winkte mit den winzigen Armen und atmete tief die kühle, süße Luft ein, die schwer über seinem Kopf schwebte. Rhapsody lehnte sich erschöpft gegen die Höhlenwand. Sie konnte im Dunkeln nicht so gut sehen wie Achmed. Um Finsternis und Kälte zu vertreiben, zog sie ihr Schwert und legte es auf den Boden. Es erfüllte die Kaverne mit Wärme und Licht. »Die Ironie des Ganzen droht mich zu ersticken«, sagte sie matt und sah zu, wie ihr Kind den Bolg-König unterhielt. »Warum?« »Llauron wollte dieses Kind kennen lernen, und das Kind sollte ihn kennen lernen. Er hat sich für es und für uns geopfert. Das ist einfach unvorstellbar. Es ist ungefähr so, als würdest du dein Leben mitsamt deinem Nachleben opfern. Und nun ist Meridion in der körperlichen Hülle seines Großvaters gefangen – eines Großvaters, den er nie kennen lernen wird.« Achmed seufzte niedergedrückt. »Könnt ihr lirinischen Benenner nicht etwas tun, wenn so etwas geschieht?«, fragte er scharf. »Ein Lied des Übergangs singen oder dergleichen, anstatt nur zu trauern? Ich finde deinen augenblicklichen Gesang etwas ermüdend. Llauron war ein schwieriger Mann, ein drachenhafter Mann, noch bevor er seinen menschlichen Körper aufgab und gegen den elementaren Zustand eintauschte. Er hat nie zugelassen, dass sich ihm etwas in den Weg stellte, wenn er sich im Recht glaubte oder von einer Sache überzeugt war: nicht das Wohlergehen seiner Familie, nicht die Sicherheit seiner Verbündeten oder andere unwesentliche Überlegungen. Dass er das hier freiwillig getan hat, war möglicherweise seine erste wirklich edle Geste. Warum singst du ihm keine Elegie und legst deine ganze Trauer und auch jene hinein, die du stellvertretend für dein Kind empfindest? Meridion wird ihn nicht einmal vermissen.« Rhapsody seufzte und setzte sich ein wenig aufrechter hin. »Was die Elegie angeht, hast du Recht«, sagte sie knapp. »Das ist das Mindeste, was ich als Benennerin tun kann. Aber ich will nicht das lirinische Lied des Übergangs für ihn singen. Das habe ich schon einmal getan, als er mich dazu gebracht hatte, ihn mit dem Schwert zu verletzen, damit er seinen elementaren Drachenzustand erreichen konnte. Ich glaube nicht, dass ich das noch einmal fertig bringe.« »Fein«, meinte Achmed und suchte sich in der Dunkelheit eine bequemere Lage. »Dann sing ein Bordellliedchen oder eine von Grunthors Marschweisen. Ich wette, Llauron würde beides schätzen.« Rhapsody nickte; es gelang ihr nicht zu lächeln. »Vermutlich hast du Recht. Trotz seines gediegenen Äußeren hatte er einen Sinn für groben Humor. Als ich zu Beginn bei ihm gelernt habe, hat er mir jeden Abend Seemannslieder vorgesungen, und einige davon hätten seinen Anhängern die Haare zu Berge stehen lassen.« Sie stand auf und ging hinüber zu Achmed, dann hockte sie sich vor das Kind, das die winzigen Augen auf sie richtete. »Natürlich hat mein Großvater dieselben Lieder gesungen.« Sie summte eine Melodie und lächelte auf Meridion hinunter, dann begann sie mit einem wortlosen Lied des Meeres. Nach einigen Augenblicken fügte sie die Worte hinzu und sang eines von Llaurons bevorzugten Seemannsliedern, eine traurige Geschichte über eine einsame Wanderung durch die ganze Welt, ohne Ruhe, auf der Suche nach Frieden im Meer. Achmed scherte sich nicht um das Meer, doch es war lange her, seit er sie zum letzten Mal singen gehört hatte. Er saß still im flackernden Licht der Tages- Sternfanfare, deren kühler Glanz Rhapsodys ernste Stimmung spiegelte, und erinnerte sich an ihre gemeinsame Reise entlang der Wurzel und über Land zu diesem neuen Kontinent – nur sie beide und Grunthor. Er vermisste diese Zeiten mehr, als er sich eingestand. Ein seltsamer Ton schwirrte in seinen Ohren. Er horchte angestrengt und erkannte, dass das Kind mitsummte. Rhapsody bemerkte es ebenfalls. Ihre Stimme wurde sanfter, und sie setzte den letzten Ton der Melodie nach dem Ende des Liedes fort, bis das Kind wimmerte. »Ich vermute, er kennt seinen Großvater doch«, sagte sie, als sie sich das Kind an die Schulter legte und ihm den Rücken streichelte. Die Geste zeigte jedoch keine Wirkung. Meridion jammerte weiter, und sein Weinen steigerte sich zu einem schnatternden Schreien. »Ich glaube, er hat den letzten Rest von Llaurons Selbst eingeatmet. Die schwere Luft schien über ihm zu schweben, als hätte Llauron gewollt, dass er sie in sich aufsaugt«, sagte Achmed und zog die Brauen zusammen, als Rhapsody ihr Hemd öffnete und sich das Kind an die Brust legte. Er wandte sich zu ihrer Verblüffung hastig ab und drehte ihr den Rücken zu, während sie das Kind stillte. »Du musst mir nicht mehr den Rücken zuwenden«, sagte sie überrascht und zog das Wickeltuch über sie beide. »Ich bin jetzt bedeckt, und ich entschuldige mich dafür, falls es dich belästigt hat.« Sie sah, wie er mit der Schulter zuckte, aber er drehte sich nicht zu ihr um. »Wir haben schließlich an der Wurzel tausend und mehr Jahre zusammen verbracht und immer gemeinsam gelagert. In uns sollte keine Scham mehr sein.« Achmed starrte auf die Drachenhöhle über sich und bemerkte die Windungen von Brustkorb und Wirbelsäule. »Ist dir schon einmal der Gedanke gekommen, dass es mir vielleicht nicht gefällt, dich das Kind eines anderen Mannes stillen zu sehen?«, fragte er verbittert. Das Schweigen, das ihm antwortete, war schwerer, als es die Luft gewesen war. Er fuhr fort, die Innereien der Hülle zu betrachten, die Llauron zurückgelassen hatte, bis er schließlich hörte, wie Rhapsody dem Kind auf den Rücken klopfte und ein wortloses Wiegenlied summte. Endlich drehte er sich um und sah, dass auch sie den Blick nach oben gerichtet hatte. »O Götter, in gewisser Weise sind wir wieder bei der Wurzel«, murmelte sie. »Gefangen in einer Höhle ohne Ausgang, fern von allen, die uns beistehen könnten. Und es ist dunkel und eng hier drinnen.« Unbewusst wischte sie sich mit dem Handrücken über die Stirn und zog das Kind näher an sich. »Ja, aber diesmal ist Grunthor nicht bei uns, um es uns erträglich zu machen.« »Nein, da hast du Recht.« Rhapsodys Augen schimmerten in der Dunkelheit. »Du hast dich in den wenigen Jahren so sehr verändert, Achmed«, sagte sie traurig und wiegte das Kind in den Armen. »Selbst in der Dunkelheit erkenne ich dich kaum wieder.« Dem Mund des Bolg-Königs entrang sich ein Zischen, als er sich das Lachen verkniff. Er streckte die Beine aus und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Ist das wirklich so?«, fragte er. »Vielleicht erscheint es dir nur so, Rhapsody, weil du nie begriffen hast, was wichtig für mich ist. Du hast mir immer uneigennützige Beweggründe unterstellt, weil du glauben willst, dass wir dieselben Ziele verfolgen. Ich glaube, so war es wirklich einmal. Aber wer hat sich hier verändert?« Das Kind seufzte im Schlaf. Es war ein hoher, süßer Laut. Rhapsody sah Achmed noch schärfer an. Er beugte sich vor, damit er nicht laut reden musste, um seinen Worten Gewicht zu verleihen. »Du riskierst dein Leben und das deines Kindes, über dessen Schicksal du keine Gewissheit haben kannst, sowie das aller anderen, die deinen Visionen folgen, und das nur für deine wechselnden Launen. Ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals so sorglos mit anderen Lebwesen umgegangen bist wie heute. Und ich, der ich nie die Pflicht verspürt habe, einen anderen Hals als meinen eigenen zu retten, bin nun Wächter des Erdenkindes und Beschützer eines Volkes, das nicht mehr durch die Welt zieht und seine Feinde frisst – oh, und ich bin der Schutzherr einer närrischen Königin, deren Gemahl diese Rolle allein nicht ausfüllen kann. Wer also hat sich verändert? Vermutlich wir beide.« Die Herrin der Cymrer starrte ihn an. Achmed bemerkte mit Interesse, dass die Drachenpupillen nun aus ihren Augen verschwunden waren. Das Kind gab saugende Laute von sich und verstummte schließlich. Rhapsody ergriff das Wort. »Seit wir dieses neue Land zum ersten Mal betreten haben, Achmed, warst du genau wie Grunthor verärgert darüber, dass ich die Vergangenheit nicht vergessen konnte. Ihr seid aus Serendair geflohen, weil es dort nichts mehr gab, was euch etwas bedeutet hat. Auf euch hätte nur der Tod gewartet, wenn ihr geblieben wärt. Aber ich habe alles verloren, als ihr euch entschieden habt, mich mitzunehmen. Und als ich getrauert habe, habt ihr euch darüber beschwert. >Serendair ist Vergangenheit, habt ihr gesagt, >dein Leben findet jetzt hier statt.< Ihr habt darauf beharrt, dass ich mich an die neuen Gegebenheiten anpasse, die Vergangenheit vergesse und in der Gegenwart lebe.« »Richtig«, stimmte Achmed zu. »Und ich habe dir eine Aufgabe anvertraut, an der du Geschmack gefunden hast: die Beendigung der Scheußlichkeiten, die Roland gegen die Bolg unternommen hat – und diese Bolg zu einem Königreich von Menschen zu machen –, wenn auch von monströsen Menschen. Ich habe dir in meinem Königreich ein Herzogtum gegeben und dir allen Plunder bezahlt, den du haben wolltest. In Elysian hängen immer noch zwei Dutzend Kleider, die still in der Grotte vor sich hinfaulen.« Er lehnte sich mit einer heftigen Bewegung gegen die Höhlenwand und seufzte. »Vielleicht sollte ich sie beschlagnahmen und an Bolg-Frauen verteilen, die sie tragen können, während sie Jagdbeute häuten oder Talg machen.« »Das kannst du ruhig tun«, sagte Rhapsody und streichelte ihrem Sohn über die Wange. »Sie können die Kleider ja um den Hals tragen, so wie sie die Hörner der unglücklichen Ochsen, die du in das Königreich eingeführt hast, als Lendenschurzverzierung getragen haben. Aber schweif nicht vom Thema ab. Du bist zufrieden, wenn ich in der Gegenwart lebe, so lange es deinen Zielen dient. Sollte ich meine Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwenden, die du als wertlos ansiehst – zum Beispiel das cymrische Bündnis, das Königreich Tyrian oder die Gründung einer Familie –, befriedigt dich das nicht. In deinem verdrehten Kopf habe ich mich verändert, weil ich nicht mehr das tue, was ich deiner Meinung nach tun soll. Vielleicht ist es verwegen von mir, aber ich möchte mein Leben nicht nach deinen Befehlen leben, sondern so, wie ich es für richtig halte.« Der Bolg-König schnaubte: »Du würdest es nur verderben.« Zum ersten Mal seit Llaurons Ende lächelte Rhapsody leicht. »Zweifellos«, gab sie zu. »Aber das ist meine Sache, Achmed. Du hast mir immer gesagt, ich hätte die Stärke, zu tun, was getan werden muss, zu führen, auch wenn ich es nicht will, weiterzumachen, obwohl ich aufgeben möchte. Du aber teilst die Gründe für deine Taten nie jemandem mit, deshalb kann ich sie nicht verstehen. Du stehst mir treu bei und fühlst dich betrogen, wenn ich dasselbe für dich nicht tun kann.« »Ja, das stimmt ungefähr.« »Also erkläre es mir«, beharrte sie. »Sag mir, warum du dieses verdammte Ding bauen und dafür so viel riskieren willst. Wenn ich verstehen könnte, warum du auf so verrückte Weise mit uranfänglicher Magie herumspielen willst, wäre ich vielleicht in der Lage, dir zu helfen.« Achmed schwieg lange. Er schaute weiterhin nach oben und in das Innere der Höhle. Schließlich sagte er: »Habe ich dir je gesagt, wovor ich weggelaufen bin, als Grunthor und ich unglücklicherweise mit dir in Ostend zusammengestoßen sind?« Rhapsody schüttelte den Kopf. »Ich weiß, dass du der Sklave eines Hohepriesters warst, der einem F’dor als Wirt diente«, sagte sie und rieb sanft über den Rücken des Kinds. »Ich war der Meinung, du seiest auf der Flucht vor ihm.« »Das war ich«, sagte der Bolg-König matt. »Aber erinnerst du dich an den Schlüssel, mit dem ich die Sagia geöffnet habe, damit wir überhaupt in sie hineingelangen konnten?« »Ja. Er bestand aus Lebendigem Gestein – als wäre es die Rippe eines Erdenkindes.« »Ist es dir nie seltsam vorgekommen, dass ich einen solchen Schlüssel in meinem Besitz hatte? Hast du dich je gefragt, woher er stammte?« Rhapsody dachte in der Dunkelheit nach. »Eigentlich nicht. Es gibt so vieles, was du mir verheimlichst oder was an dir seltsam oder schwierig zu verstehen ist, sodass ich mir darüber keine Gedanken gemacht habe. Ich war der Ansicht, dass du es mir schon sagen würdest, wenn du es wolltest.« Sie schaute in die Finsternis über sich und seufzte. »Nach eintausendvierhundert Jahren habe ich gelernt, mit der Aussicht zu leben, dass du es mir möglicherweise nie verrätst.« Achmed saß still da und lauschte auf die hallenden Geräusche innerhalb der hohlen Hülle. Er bemerkte Rhapsodys Blick, der über den versteinerten Körper ihres Schwiegervaters strich – eines Mannes, den sie trotz seiner Machenschaften und Betrügereien geliebt hatte. Achmed hatte diesen Gesichtsausdruck schon einmal bei ihr wahrgenommen, nämlich an dem Tag, als sie aus der Erde aufgetaucht waren und hatten feststellen müssen, wie weit sie von zu Hause entfernt waren und wie sehr sie sich in der Zeit verirrt hatten. Wie lange schon all jene tot waren, die Rhapsody geliebt hatte. »Der Dämonenpriester, den du vorhin erwähnt hast, gab mir den Schlüssel«, sagte er endlich. Seine Stimme war trocken und sanft zugleich. »Er hatte mich an die Nordküste Serendairs geschickt, quer durch die Meerenge zu den nördlichen Inseln Balatron, Briala und Querel, wo sich früher einmal eine Brücke befunden hatte. Der Schlüssel sollte dazu dienen, eine Tür im Fundament dieser Brücke zu öffnen, damit ich einen seiner Genossen von der anderen Seite herholen konnte.« Ihr Blick traf sich in der Dunkelheit. »Du weißt, dass Tsoltan der Wirt eines F’dor war?« »Ja.« »Du weißt auch, wohin er mich geschickt hat und was ich dort tun sollte?« Sie überlegte kurz; ihre Augen wurden in der Dunkelheit größer. »Du bist zur Gruft gegangen?« Achmed nickte. »Zur echten Gruft? Sie existiert in der materiellen Welt?« Der Bolg-König stieß einen tiefen Seufzer aus. »Es gibt ein Tor zu ihr. >Das Gewebe der Welt ist an dieser Stelle dünn gewordene sagte Tsoltan, als er mir seinen Befehl gab.« Rhapsodys Augen glimmerten nun. Achmed wusste, dass sie zunehmend nervös wurde. »Hast du sie geöffnet?« Er nickte. »Ja. Ich habe selbst in die Gruft der Unterwelt geblickt. Und was ich dort gesehen habe, entzieht sich jeder Beschreibung, sodass ich mich nicht einmal zu einem Versuch in der Lage gesehen habe, dem Befehl nachzukommen. Aber es reichte aus, um alles hinter mir zu lassen, was ich je besessen hatte und gewesen war, und die Flucht zu wagen, denn jeder Mensch hat eine Grenze – selbst ein kaltblütiger Mörder wie ich, selbst ein Verdammter, der für Gott und Menschen nutzlos ist und keine Scheu davor kennt, den Tod zu spenden, als wäre er ein Sakrament. Und diese Erfahrung war meine Grenze.« »Das glaube ich«, sagte Rhapsody. »Dann glaubst du vielleicht jetzt auch, dass ich alles unternehme und jede Gelegenheit ergreife, die sich mir bietet, um eine ähnliche Erfahrung für andere Menschen zu verhindern. Du glaubst, ich gehe unnütze Risiken ein, Rhapsody, doch in Wirklichkeit ergreife ich nur jede Gelegenheit, die Gruft für alle Zeiten geschlossen zu halten. Das ist eine endlose Aufgabe; es ist, als wolle man einen Sanddeich gegen die Flut aufschütten. Es stimmt, dass es nur eine begrenzte Anzahl von F’dor gibt, die aus der Morgendämmerung der Zeit übrig geblieben sind, aber es gibt noch genug von ihnen da draußen, die während der ersten Katastrophe aus der Gruft entwischt sind und nun unablässig versuchen, einen ähnlichen Schlüssel zu bekommen, um sie ganz zu öffnen und ihre Gefährten frei zu lassen. Ich will dich nicht beleidigen, wenn ich sage, dass du dir als lirinische Benennerin nicht vorstellen kannst, was das bedeuten würde. Ich bin selbst Bringer des Todes gewesen, manchmal auf wirklich schreckliche Weise, und sogar ich könnte es mir nicht vorstellen, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Als du mir in übertragenem Sinn die Haut abgerissen hast, sagtest du, die Nain hätten etwas dagegen, dass ich die Maschine wieder erbaue. Es gibt einen guten Grund, warum ich auf das Gerede der Nain nichts gegeben habe. Sie haben bereits selbst eine solche Maschine gebaut.« Er bemerkte befriedigt, wie sie erstaunt die Luft einsog. »Und ich wünschte, du würdest mich nicht über uranfängliche Magie belehren. Ich weiß einiges über diese Magie, was du nicht weißt. Sie ist nicht unveränderlich, sondern zerbrechlich. Sie kann sogar sterben. Der Tod der Sagia hinterließ ein gewaltiges Loch in dem, was der uranfänglichen Magie früher möglich gewesen war. Die Mittel, die wir noch besitzen, sind beschränkt, und die Waffen sind stumpf. Wir haben so viel konstruktive Macht verloren, so viel Magie aus der Welt der sterbenden Insel. Ich versuche, mit aller Kraft unser Arsenal in diesem letzten, größten Kampf an allen Fronten zu verstärken.« »Aber wenn du befürchtest, ein F’dor könnte das Erdenkind finden, eine seiner Rippen als Schlüssel benutzen und die übrigen F’dor befreien, die dann den Wurm erwecken, was nützt dann dein Wächteramt, wenn der Gebrauch des Lichtfängers all das umgeht und die Bestie selbst weckt?«, fragte Rhapsody und drückte das Kind enger an sich. Achmed richtete sich auf und schüttelte einen Krampf aus seinem Nacken. Dann erwiderte er ihren Blick. »Auf dem höchsten Berg Serendairs, in so großer Höhe, dass die geflügelten Löwen, die ihn beschützten, wegen der dünnen Luft nicht fliegen und nur flüstern konnten, stand der Lichtfänger. Ich habe ihn gesehen, Rhapsody. Ich habe gesehen, wie er eingesetzt wurde, oder wenigstens habe ich das Ergebnis gesehen. Ich habe mit den Wächtern gesprochen. Er war auf dem höchsten Berg errichtet worden, weil er seine Kraft nicht aus der Erde, sondern aus dem Stern zog. Jedes Mal, wenn Faedryth mich durch den Apparat anschaut, reizt er die Bestie. Er richtet seine bewegliche Lichtschmiede in die Nähe einer Vene und erschüttert die Welt. Die Meeresmagier gehen mit diesen Erschütterungen zweifellos kalkulierbare Risiken ein, was der Grund ist, warum die Strömungen in der Nähe ihrer Insel unberechenbar sind.« Unter der Eindringlichkeit seiner Stimme erbebten die Wände. »Aber ich weiß, dass ich an der Sonne ein Licht entzünden könnte, denn die erdverbundenen Nabelsucher wie Faedryth und Gwylliam haben nach der Macht nur in der Tiefe gesucht. Ich würde sie nicht so schnell aussaugen, und nicht jedes Mal, wenn man den Apparat anschaltet, droht die völlige Vernichtung. Ich brauche das Wissen aus diesen Schriftrollen, um sicherzustellen, dass mein Berggipfel nicht nur zur Lichtschmiede, sondern zum Lichtfänger wird. Er soll die Kraft nicht aus der Erde, sondern jenseits von ihr holen. Von einem Stern, von der Sonne – aus der Zeit vor der Geburt des Feuers. Dann kann ich dieses Instrument dazu benutzen, dort zu sehen, wo ich noch nicht sehen kann, mich da zu verteidigen, wo ich verwundbar bin, und die Festung um die Welt stärker zu machen, als es mir ohne das Gerät möglich wäre. Vielleicht – nur vielleicht – gelingt es uns, die Gruft versiegelt zu lassen, wenn wir die Erde, in der sie sich befindet, nicht antasten.« Er warf einen letzten Blick nach oben. »Es sieht dort übrigens ziemlich genauso aus wie hier drin.« »Dafür gibt es einen guten Grund«, meinte Rhapsody traurig. Und während das Kind döste, erzählte sie ihm Elynsynos’ Geschichte von dem ersten Ende eines Drachen und der Errichtung der Gruft der Unterwelt. »Der Gedanke, was aus Elynsynos geworden sein mag, quält mich«, sagte sie leise, als sie ihre Erzählung beendet hatte. »Ich weiß nicht, ob Anwyn sie getötet hat oder sie verletzt in ihre Höhle zurückgekrochen ist. Denn ansonsten wäre sie jetzt da draußen und würde versuchen, uns zu befreien.« Achmed seufzte. Trost zu spenden gehörte nicht zu seinen Fähigkeiten. »Vielleicht lebt sie noch und ist da draußen, aber sie kann nichts tun, um uns zu helfen«, sagte er unbeholfen. »Aus welcher Substanz das einst lebendige Drachenfleisch auch sein mag, wenn es durch die Entfesselung der Elementarkräfte bei der Beendigung verbrannt wird, so ist es jedenfalls für alle Magie der Dämonen aus der Unterwelt undurchdringlich. Ich kann mir daher nicht vorstellen, dass ein Drache die Kraft hat, es zu öffnen. Das Einzige, was das kann, ist vermutlich ein Schlüssel wie derjenige, der die Sagia geöffnet hat. Und dieser steckt verborgen in Ylorc.« »Selbst wenn sie noch lebt, ist sie sicherlich in einem Maße entsetzt, wie es nur ein Drache völlig verstehen kann. Außerdem sorge ich mich um Ashe. Früher oder später kommt er zurück, um das Kind und mich zu holen, und dabei wird er seinem Vater begegnen. Und da er Drachenblut in sich trägt, wird es eine verheerende Erfahrung für ihn sein.« »So unschön das auch sein mag, es ist trotzdem die geringste unserer Sorgen«, sagte Achmed. »Wenn er endlich auf unser Steingefängnis stößt, das einmal sein Vater gewesen ist, wird uns schon lange die Luft ausgegangen sein.« 44 Jierna’sid — Sorbolb Der mittlere Tag der Woche wurde in Jierna’sid Markttag genannt. An diesem Tag wurden die roten Steinstraßen noch mehr als sonst von allen Arten von Kaufleuten und Händlern bevölkert, mit Verkäufern von Salzfisch und Schuhen, Leder und Stoffen, Gewürzen, Seilen, Bestecken, Salz und allen anderen möglichen Gütern. Daher befand sich auch die Mehrheit der Einwohner auf der Straße und nahm die Gelegenheit wahr, die Vorräte für den Winter aufzufüllen, was den Bewohnern der entlegeneren Gebiete nicht möglich war; sie mussten sich vor dem Einsetzen des ersten Schneefalls um die gesamten Vorräte kümmern, denn bis zur Tauperiode würden sie dazu keine weitere Gelegenheit erhalten. Neben den Kaufleuten und Stadtbewohnern waren auch andere Menschen in großer Zahl auf der Straße: gereizte Kinder huschten hin und her, angeheizt durch das Gefühl bevorstehender dramatischer Ereignisse; Taschendiebe gingen unter der verstärkten Gegenwart der kaiserlichen Polizei ihrem Geschäft nach, Bettler und Krüppel und alle anderen Arten von Almosensuchern säumten die schmutzigen Gassen und hofften, aus dem angewachsenen Verkehr Gewinn zu ziehen, der indessen keineswegs zu anwachsender Freigiebigkeit führte. Wie in allen siebenundzwanzig sorboldischen Provinzen gab es auch hier überall Soldaten. Ihre Zahl und ihre Präsenz nahmen jeden Tag zu. Auch eine weitere Gruppe konnte man an Markttagen in größerer Menge sehen: Pöbler und Randalierer. Manche waren nur Taugenichtse, manche ehemalige Mitglieder des kaiserlichen Heeres; sie bildeten eine regelrechte Kaste, die ganz Sorbold durchdrang; es waren menschliche Wesen, deren einziger Daseinszweck darin zu bestehen schien, das Elend anderer Menschen zu vergrößern. Diese Lümmel waren zwar in der Regel harmlos, aber ärgerlich; sie stromerten durch die Straßen von Jierna’sid vom Platz der Waage bis zu den äußersten Randbezirken des Stadtteils der Kaufleute, gingen Polizisten und Soldaten aus dem Weg, belästigten jedoch Passanten, rempelten gut gekleidete Männer an, geiferten Frauen hinterher oder begrapschten sie und bedrohten Kinder, was bei diesen Rüpeln Stürme von Gelächter hervorrief, die man noch viele Häuserblocks entfernt hören konnte. An diesem Markttag geriet ein solcher Lümmel zufällig in eine Gruppe schlafender Bettler, die sich unter ein paar zerfetzten Lumpen in einer lichtlosen Gasse zusammengekauert hatten und nach saurem Bier stanken. Hallo!, dachte der Lümmel und war zufrieden mit seinem Fund. Er schlenderte hinüber zu den schlafenden grauen Männern und stieß den ersten mit dem Fuß an. Als sich der Mann nicht regte, trat der Lümmel ihn heftiger. »Wach auf, du stinkender Säufer! Hau ab von der Straße und geh mir aus den Augen. Es tut mir weh, solche wie euch die Straßen des Herrschers beschmutzen zu sehen. Haut ab, oder ihr werdet euer blaues Wunder erleben.« Der Mann erwachte und sah ihn mit entsetzten, blinden Augen an, in denen sich das Morgenlicht und die Angst vor dem Peiniger spiegelten. »Bitte, bitte, Herr«, murmelte er, als befinde er sich in den Fängen des Wahnsinns. »Bitte nicht ins Heer. Hab da mein Augenlicht verlorn. Will’s nicht noch mal tun.« Der Rüpel lachte laut auf. Er warf einen genaueren Blick auf die beiden anderen Bettler. Beide waren lahm; der eine schlief noch, der andere wachte gerade mit einem Ruck auf. Der Rüpel zielte mit dem Fuß auf den Kopf des Erwachenden. »Ich hab gesagt, steh auf, du Bett...« Ihm blieb das Wort im Halse stecken, als die Hand des schlafenden Bettlers wie ein Blitz hervorschoss. Sie packte ihn am Fußgelenk und riss so heftig an der Wade, dass der Angreifer das Gleichgewicht verlor. Er fiel rücklings auf das Steinpflaster der Gasse und schlug schwer mit dem Kopf auf. Benommen versuchte der junge Mann aufzustehen, doch eine unnachgiebige Hand wie aus Eisen packte ihn an der Kehle. Bevor er wusste, was ihm geschah, wurde er bereits über die kalten, unebenen Steine der Gasse gezerrt, bis er sich Auge in Auge mit dem Bettler befand. Solche Augen hatte er noch nie gesehen. Sorbold war eine Nation der Dunkelhäutigen, deren Augen fast immer braun wie die Erde waren. Doch diese Augen hier waren himmelblau und brannten heller und heißer als die Feuer in den Straßenlaternen, die Jierna’sid bei Nacht erleuchteten. Der Bettler spuckte ihm ins Gesicht; es stank sauer nach schlechtem Bier und schmutzigen Zähnen. »Hast du nichts Besseres zu tun, als die Unterdrückten zu belästigen, du Schurke?«, sagte der abgerissene Mann verächtlich. Er schlug den Kopf des jungen Mannes gegen die Wand, an der die Bettler gelehnt hatten, und tastete mit der anderen Hand nach dem Rest schalen Biers in der zerbeulten Schüssel, aus der sie getrunken hatten. Er schüttete es dem Lümmel vor die Beine. Dann zog er das Ohr des benommenen jungen Mannes an seine Lippen. »Jetzt ist der Augenblick in deinem Leben gekommen, an dem du dich entscheiden musst, entweder erwachsen zu werden und ein Mann zu sein, oder du unterschreibst dein eigenes Todesurteil als streitsüchtiger Narr, der sich bei seiner Mutter dafür entschuldigen sollte, auf der Welt zu sein, und den bald ein peinliches Ende ereilen wird. Du kannst diesen Ort verlassen, nach Hause gehen, deine Kleidung wechseln und von nun an damit aufhören, alte Männer zu belästigen, die dir nichts Böses getan haben, oder du trommelst deine Gefährten zusammen und kommst mit ihnen zurück. Wenn du die zweite Möglichkeit bevorzugst, solltest du zwei Dinge im Gedächtnis behalten: Erstens wirst du ihnen erklären müssen, warum du dich bepisst hast. Zweitens wirst du mich nicht mehr hier finden – aber sei versichert, dass ich dich finden werde. Falls du den Zorn des Bettlers mit den blauen Augen nicht auf dich lenken möchtest, solltest du die erste Möglichkeit wählen.« Er schlug den Jungen noch einmal mit dem Kopf gegen die Wand und ließ ihn dann auf die Straße sinken. »Geh«, befahl er mit der dröhnenden Stimme eines Offiziers des Heeres. Der Junge kämpfte sich benommen auf die Beine und stolperte aus der Gasse. Ein Chor entsetzten Gelächters begrüßte ihn an der Straßenecke. Anborn wartete, bis der Lärm jenseits der Gasse erstorben war, dann suchte er unter den Fetzen seines Umhangs nach den Krücken. »Wir suchen uns eine andere warme Straße, Freunde«, sagte er zu dem blinden Bettler und dem lahmen Mann. Er sah zu, bis die beiden unter gegenseitiger Hilfe die Straßenecke erreicht hatten Dann erhob er sich ächzend, humpelte an den Mauern entlang und suchte sich einen anderen Platz zum Beobachten. Da er sich immer in den Schatten hielt, um jede Aufmerksamkeit zu vermeiden, dauerte es mehrere Stunden, bis er sich näher an den Palast von Jierna Tal herangearbeitet hatte, der sich oberhalb des Platzes der Waage dunkel vor dem Winterhimmel abzeichnete. Anborn hatte die Waage schon oft gesehen, doch etwas war nun anders an ihr – etwas, das er nicht benennen konnte. Vielleicht war es nur die Weise, wie das Licht auf sie traf und sich ihre langen Schatten über die Straßen legten. Es war jedoch auch möglich, dass das, was er während seines Aufenthalts in Sorbold gesehen hatte, einen Schatten des Makels über die gesamte Nation warf. Wie er befürchtet hatte, gab es überall in Sorbold Anzeichen für Kriegsvorbereitungen. Die Kasernen, die früher nur in den Grenzbezirken und entlang der Durchgangsstraßen gestanden hatten, breiteten sich im ganzen Land aus; beinahe in jedem Häuserblock der Stadt war ein Posten errichtet worden. Alles geschah sehr verhalten; vielleicht hätte es jemand, der vorher noch nie in Jierna’sid oder den anderen sorboldischen Stadtstaaten gewesen war, nicht einmal bemerkt. Doch Anborn erkannte die Signale der Aufrüstung; der schrecklichste aller Kriege hatte ihn dafür empfänglich gemacht. Und was er sah, ließ ihn erzittern. Schließlich fand er ein warmes Eckchen unter einer kleinen Gerberei gegenüber dem Palast. Hier würden die Dämpfe und der Gestank eine mögliche Patrouille davon abhalten, allzu genau nachzuschauen. Von diesem Versteck aus konnte er beobachten, wie die Quartiermeister Rüstungen zur Reparatur hereinbrachten, was ihm weitere Aufschlüsse über Truppenbewegungen verschaffte. Er wartete, bis es dunkel war und die Gerberei geschlossen hatte, dann kroch er in die kleine Ecke und machte es sich dort so bequem wie möglich, so wie er es in allen Unterschlüpfen zwischen Jierna’sid und Ghant getan hatte. Er hielt Wacht und schrieb auf, was er sah. Nielash Mousa stand in der Stille der Morgendämmerung vor den Ruinen des Klosters und des Küsterhauses. Er wusste, dass sich die Tauperiode ihrem Ende näherte. Sogar die Wüste von Sorbold hatte einige Schneeflocken gesehen, die der reinigende Wind mitbrachte, der über die versengten Steine peitschte und die Asche in wirbelnden grauen Mustern umherblies. Talquist stand hinter ihm und hielt den Kopf ehrerbietig geneigt. »Eine furchtbar schreckliche Tragödie, Euer Ehren«, sagte er leise und drückte die Schulter des Segners mitleidig. »In der Tat«, gab Mousa zurück. Der Blick seiner dunklen, von Asche und Tränen jedoch geröteten Augen ruhte auf dem bizarr geformten Metallteich, der einmal die Glocke des Hauses gewesen war. Er erinnerte sich an ihren klaren Klang, der durch die Berge gehallt war und die Priester sowie den Abt zum Messdienst nach Terreanfor gerufen hatte. Er bemühte sich, gelassen zu bleiben und nicht unter dem Griff des Herrschers zusammenzuzucken. Sein Gesicht zeigte reine Trauer und enthüllte nichts von der Wut und dem Hass, die in ihm schäumten und wie Pulis, der sagenhafte Säuresee in der Gruft der Unterwelt, an seinen Eingeweiden fraßen. Angeblich wurden Verräter auf ewig in diesen Pfuhl getaucht. Möge die Legende stimmen und dein Schicksal beschreiben, Talquist, dachte er verbittert. Als ob der Herrscher seine Gedanken gelesen hätte, drückte er Mousas Schultern noch fester. »Ich weiß, dass dies ein schrecklicher Schlag für Euch ist, Euer Gnaden. Deshalb habe ich Vorkehrungen getroffen, die Euch die Trauer erleichtern werden. Euer Orden und Euer Kloster werden wiederhergestellt.« Mousa drehte sich um und erwiderte den Blick des Herrschers. Hinter dem Mitleid in Talquists schwarzen Augen erkannte er einen kritischeren Ausdruck, ein durchdringendes Starren, das die Reaktion des Segners genau beobachtete und auf ihre Wahrhaftigkeit prüfte. »Was für Vorkehrungen?«, wollte er wissen. Talquist lächelte schwach. »Vorkehrungen aller Art, Euer Gnaden«, erwiderte er mit warmer und respektvoller Stimme, in der jedoch ein eisiger Unterton mitschwang. »Ihr braucht natürlich einen Ort, wo Ihr leben könnt, bis Euer neues Haus errichtet ist. Daher habe ich mir erlaubt, Euch in Jierna Tal unterzubringen, wo meine Diener und Wachen Euch jederzeit zur Verfügung stehen.« »Wie freundlich von Euch«, sagte der Segner trocken. »Und sicherlich möchten wir neue Priester und Messdiener anwerben.« Nielash Mousa hob eine Braue. »Wir? Ich wusste nicht, dass Ihr Interesse an Glaubensdingen habt, Herr.« Der Herrscher öffnete die Hände in einer versöhnlichen Geste. »Wie ungeschickt von mir; ich bitte um Entschuldigung. Ich vermute, Lasarys – möge der All-Gott ihn sanft im Nachleben in den Armen wiegen – hat Euch nicht gesagt, dass ich vor vielen Jahren unter ihm selbst Hilfspriester in Terreanfor war?« »Ich verstehe«, meinte der Segner. »Welch ein Verlust für den Orden, dass Ihr seinem Ruf nicht gefolgt seid, mein Sohn.« Talquist warf den Kopf zurück und lachte freudig, doch sein durchdringender Blick verlor nichts von seiner Schärfe. »Ja, ich vermute, das wäre der Bezeichnung Kaiser vorzuziehen gewesen«, meinte er fröhlich. Der Segner lächelte milde und machte dieselbe versöhnliche Geste wie Talquist kurz zuvor. »Nun, einige von uns glauben das wirklich, Herr.« Der Wind pfiff von den Bergen herunter; er brachte den scharfen Geruch von Asche mit und trug die Höflichkeiten der beiden Männer davon. Talquist brach als Erster das Schweigen. »Da die neuen Priester in meinem Haus wohnen und viele von ihnen bei meiner Throneinsetzung im Frühling dienen werden, möchte ich dafür sorgen, dass wir eine so fähige und treu ergebene Ernte wie möglich einfahren und ihre Ausbildung unverzüglich beginnt. Ich habe mir die Freiheit erlaubt, ein Bittgesuch an den Patriarchen mit dem Siegel Eures Amtes zu schicken, damit die Rekrutierung so schnell wie möglich beginnen kann.« »Habt Ihr Euch noch andere Freiheiten in meinem Namen erlaubt, mein Sohn?«, fragte Mousa mit einer Stimme, die allmählich ihre Festigkeit einbüßte. Talquists Lächeln verhärtete sich. »Nur solche, die Euch und Sorbold dabei helfen, diesen schrecklichen Verlust zu überwinden, Euer Ehren«, sagte er ruhig. »Durch die Suche nach Euren neuen Hilfspriestern wird eine Menge Verwaltungsarbeit auf uns zukommen; daher habe ich meinen persönlichen Sekretär angewiesen, den gesamten Briefverkehr mit Sepulvarta zu übernehmen. Da Eure Sicherheit und Gesundheit für mich von höchster Bedeutung sind, habe ich zusätzlich angeordnet, dass meine persönlichen Wachen Euch auf all Euren Reisen begleiten, damit Ihr keine Gefahren mehr zu fürchten braucht.« Er beugte sich leicht zu dem Segner vor. »Ich kann verstehen, wie sehr Ihr Euch wegen dieses schrecklichen Ereignisses um Euer Wohlergehen sorgt, was ein völlig nachvollziehbarer, aber unnötiger Gedanke ist. Wenn das Schicksal zuschlägt, geraten die Menschen oft in Panik und werden ängstlich.« Er betrachtete die Ruine des alten Glockenturms und sah dann wieder den Segner an. »Sie treffen unkluge Entscheidungen.« Der Segner von Sorbold nickte schweigend. »Gut«, sagte Talquist. »Ich will noch einmal mein tiefstes Mitgefühl angesichts Eures Verlustes aussprechen, Euer Ehren, und Euch versichern, dass ich Euch in jeder Hinsicht helfen werde. Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass Sorbold aus diesem Verlust gestärkt hervorgeht und wir gemeinsam eine bessere Nation schaffen werden.« »Ich werde darum beten, dass sich Eure Worte erfüllen, mein Sohn«, sagte Nielash Mousa, ergriff seinen Wanderstab und bedeckte den Kopf mit der Kapuze seiner Robe. »Vielen Dank für all Eure Bemühungen.« »Es ist mir ein Vergnügen, Euch zu dienen, Euer Ehren«, sagte Talquist glatt. »Schließlich werdet Ihr bei meiner Thronerhebung amtieren. Daher muss ich bis dahin für Eure Sicherheit und Euer Wohlergehen sorgen.« Der Segner lächelte. »Natürlich. Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr Eurer Wache befehlt, mich nach Terreanfor zu begleiten, denn ich muss dort für die Seelen der verschiedenen heiligen Männer und für die ganze sorboldische Nation meine Gebete darbringen. Bitte sorgt für mehrere Wachablösungen, denn der Gottesdienst wird recht lang sein. Ich muss die Segensgebete für jeden Einzelnen sprechen, und wie Ihr wisst, sind viele Priester ums Leben gekommen. Und Sorbold ist eine große Nation.« »Selbstverständlich. Betrachtet Euren Wunsch als gewährt, Euer Ehren.« Talquist gab dem Hauptmann der Wache ein Zeichen. »Eskortiert Seine Gnaden zur Erd-Basilika und stellt sicher, dass seine Gebete nicht unterbrochen werden. Niemand darf ohne meine ausdrückliche Genehmigung die Basilika betreten.« Der Wächter nickte und zog sich zurück. »Vielen Dank, mein Sohn«, sagte Nielash Mousa, als sich die Soldaten um ihn aufstellten. »Mögen Eure Taten Euch hundertfach vergolten werden.« Er verneigte sich leicht und ging davon. Beide Männer verstanden die Bedeutung der Worte des anderen genau. 45 Das Wachregiment folgte dem Segner von Sorbold auf der langen Wanderung zum Nachtberg, in dem Terreanfor versteckt lag. Der Weg führte über einen breiten Pass im trockenen Gebirge und schien sich auf ewig fortzusetzen. Am Mittag schließlich erreichten sie den einzigen Eingang zur Basilika, eine in den Berg geschnittene, tief liegende Tür unter einem großen Vorsprung, der sicherstellte, dass kein Sonnenlicht in das Innere fiel. Neben der Tür befand sich ein großer, flacher Zeremonialstein. Der Segner gab zwei Wächtern ein Zeichen. Einer der beiden war widerstrebend dazu bestimmt worden, das goldene Symbol der Sonne auf einer langen Stange zu tragen, der andere hatte eine Flasche mit heiligem Öl in der Hand. Gewöhnlich wurde der Ritus von zwei Priestern Terreanfors durchgeführt, also blieb den Wachen nichts anderes übrig, als für sie einzuspringen. Der Segner schenkte ihrer offensichtlichen Verärgerung und ihren bösen Mienen keine Beachtung; sein Gesicht erstarrte zu einer Maske der Feierlichkeit. Er bedeutete dem ersten Soldaten, vorzutreten und das goldene Symbol auf den Stein zu legen, was dieser tat und so rasch zurückwich, als fürchte er aufgrund seiner Nähe zum Heiligen die göttliche Strafe. Dann griff der Segner nach dem Öl und goss es über das goldene Symbol. Er machte einen Schritt zurück und wartete darauf, dass die Sonne das Öl in die einzige Art von Feuer verwandelte, das in abgeschirmten Laternen in der Basilika erlaubt war. Während der Segner wartete, beobachtete er belustigt aus dem Schutz seiner Robe die wachsende Langeweile und Verärgerung der Wachen. Bemerkenswert, dass man auf einem Gebirgspass oder in einer Kolonne tagelang Wache stehen kann, ohne unaufmerksam zu werden; aber schon wenige Augenblicke zu den Füßen des All-Gottes machen einen so nervös, dass man am liebsten den Posten verlassen würde, dachte er. Nun, ihr sollt nicht allzu lange warten müssen. Als die Sonne schließlich eine Flamme entfacht hatte, überführte Nielash Mousa das Licht ehrerbietig in eine kleine Zeremoniallaterne. Er zündete sie nur aus Gründen der Tradition an. Da er in Terreanfor aufgewachsen war, fand er auch im Dunkeln und mit geschlossenen Augen den Weg durch die Basilika. Sobald der Docht Feuer gefangen hatte, wandte sich Nielash Mousa an die Wachen. »Vielen Dank für eure Hilfe, meine Söhne«, sagte er gnädig. »Nun werde ich meine Gebete sprechen und die Begräbnisriten durchführen. Da dies viel länger als eure Wache dauert, sage ich euch Lebewohl.« Die Soldaten nickten, gingen fort und nahmen ihre Position neben der Tür der Basilika ein. Der Segner duckte sich unter den Vorsprung, murmelte die Worte der Öffnung und betrat die Basilika. Langsam und leise schloss er die Tür hinter sich. Sofort hörte er das Lied der Erde aus den Tiefen der Basilika – die langsame, melodische Schwingung des Herzschlags der Welt. Dieser Klang hallte in seiner Seele wider, wie es seit dem ersten Augenblick der Fall gewesen war, als er ihn bemerkt hatte. Der Ton war so tief und flüchtig, dass er ihn in den ersten Jahren, die er in der Basilika verbracht hatte, gar nicht wahrgenommen hatte. Nun erkannte er ihn sofort; er war wie die Stimme seiner Mutter, die ihn mit dem Herzen rief. Als er endlich in seinem geliebten Allerheiligsten war, brach der Segner zusammen. Er fiel hinter der Schwelle auf die Knie und beweinte die Männer, die unermüdlich und mit derselben Liebe zur dunklen Erde wie er hier gedient hatten, die neben ihm gebetet und über diese letzte Enklave des Schöpfers Wache gestanden hatten – über das uranfängliche Element, aus dem die Welt selbst gemacht war. Die Erde weinte mit ihm. Als er schließlich nicht mehr weinen konnte, erhob sich Nielash Mousa langsam, und mit dem Zögern des Alters ging er den Tunnel hinunter, der in die eigentliche Basilika führte. Hier im Innern der Erd-Kathedrale machte das trockene, steinige Äußere, das von der Hitze der Oberwelt verbrannt war, dem frischen, kühlen Duft feuchter, lebendiger Erde Platz. Die Hitze der sorboldischen Wüste löste sich auf und wurde von kälterer, lebensschwerer Luft ersetzt. Das Licht in der Hand des Segners wurde von den glatten, sauberen Wänden zurückgeworfen, die mit prächtigen Wirbeln und Streifen aus tiefem, reichem Braun, Gold und Zinnoberrot, Grün und Purpur durchzogen waren. Es waren die Lebensfarben, die aus der uranfänglichen Welt hervorgekommen waren und an der Oberfläche in Gestalt von Blumen und Getreide, Gras und Trauben und all den anderen äußerlichen Anzeichen dafür erblühten, dass die Erde tief unter der Kruste lebendig war. Der Lärm der Oberwelt verschwand; es blieb nichts zurück als Schweigen und der hallende Gesang der Erde, der mit jedem Schritt, den er in die Basilika tat, lauter wurde. Er folgte dem Lied unter dem hohen Bogen hindurch, der zum Vorzimmer der Schwestern und zu den Altären von drei anderen Elementen führte. In dem gewaltigen runden Zimmer befanden sich eine Nische, die eine Öffnung zu einer Flammenquelle aus dem Mittelpunkt der Erde hatte und das Element des Feuers ehrte, ein sprudelnder Strom zu Ehren des Wassers und eine gefangene Windbö, die auf ewig das Element der Luft pries. Die vierte Schwester, das Element des Äthers, fand sich tiefer in der Basilika, wo keinerlei Licht hindrang; hier spendeten glimmernde Felsen und Organismen, übrig geblieben von der Geburt des Universums, ein kaltes Licht. Der Segner löschte seine Laterne und tauchte das Vorzimmer in angemessene Dunkelheit. Er nahm seinen Weg durch das äußere Heiligtum, unter den riesenhaften Säulen aus Lebendigem Gestein in Form großer Bäume voller irdener Vögel, an den Statuen gewaltiger Elefanten und Gnus, Gazellen und Löwen vorbei, unter dem Bogen hindurch, der von titanischen Soldaten bewacht wurde, von denen einer fehlte, wie er mit Entsetzen feststellte, und betrat rasch das innere Heiligtum, den heiligen Altar aus elementarer Erde. Er hörte das Lied daraus in der Dunkelheit hervorkommen; es war eine so schmerzhafte Trauerklage, dass es ihm wieder die Tränen in die Augen trieb. Die Basilika, seine Basilika war verwüstet worden. Me wieder, dachte er und schüttelte den Kopf, während er sich vor dem Altar tief niederbeugte. Me wieder. Die Worte des Patriarchen klangen ihm in den Ohren. Nielash Mousa, warte. Schütze Terreanfor. Ich verstehe, Euer Gnaden, flüsterte er noch einmal. Mit trockenen Augen und entschlossenem Gesichtsausdruck sang der Segner und öffnete dabei seinen Geist und den elementaren Altar für die Bitten, welche die Sorbolder Gemeinde an ihn gerichtet hatte. Als der Ritus des Empfangens beendet war, begann er mit dem Ritus des Sendens und lenkte die Bitten entlang der Gebetskette nach Sepulvarta, wo der Patriarch sie dem All-Gott darbringen würde. Als seine Übermittlung zum Ende gekommen war, vollführte der Segner die Begräbnisrituale und die Riten für die Toten. Für jeden der ermordeten Hilfspriester beugte er sich fünfmal über den Altar aus Lebendigem Stein und sang den Segen. O unsere Mutter Erde, die auf uns wartet unter dem immerwährenden Himmel, beschütze uns, erhalte uns, gib uns Frieden. Als schließlich auch die letzte seiner priesterlichen Pflichten erfüllt war, ging er durch das innere Heiligtum und schritt die breiten, dunklen Stufen zum Grabmal der sorboldischen Kaiser hoch. Vor weniger als einem Jahr hatte er das Begräbnis der Kaiserinwitwe und ihres Sohnes, des Kronprinzen Vyshla, zelebriert, die in einem Abstand von nur einer Stunde gestorben waren. Damals war ihm der Gedanke, sie könnten ermordet worden sein, nicht gekommen, nun aber gesellte sich dies zu Talquists übrigen Straftaten hinzu. Es reicht, sang er und eilte die Stufen hoch. Es reicht. Als Licht in das heilige Dunkel drang, betrat er die Begräbniskapelle an der Basis der Treppe der Gläubigen, die sich hoch zu den Gräbern mit den bleiverglasten Fenstern wand. Es war eine versiegelte Grab-lege, doch Nielash Mousa wusste, dass ein Eindringen durch die Fenster möglich war. Es handelte sich um einen Hintereingang nach Terreanfor und um den einzigen anderen Ort, an dem die im Nachtberg versteckte Kathedrale betreten werden konnte. Nielash Mousa kniete an der Basis der Treppe der Gläubigen nieder. Langsam stimmte er ein Lied an und sang Worte, die er vor langer Zeit gelernt hatte. Damals hatte er darum gebetet, er möge sie nie aussprechen müssen. Es waren die Worte des Schließens, Worte der Macht, der Zerstörung, in einer seit langem toten Sprache, die im Geheimen jedem Segner beigebracht wurden, der das Verwalteramt über Terreanfor seit der Errichtung der Kathedrale innehatte. Allen war erklärt worden, dass sie diese Worte nie benutzen durften, es sei denn, es gab keinen anderen Weg, und dann nur, wenn die Basilika selbst angegriffen wurde und die Gefahr bestand, dass sie zerstört oder, schlimmer noch, ihre Magie fehlgeleitet wurde. So etwas war bisher noch nie vorgekommen, nicht einmal in dem Krieg, der den größten Teil des Kontinents entzweigerissen hatte und in dem keine Waffe als zu unheilig angesehen worden war, um benutzt zu werden. Doch jetzt war die Zeit gekommen. 46 Gwynwald Die Dunkelheit in der Höhle von Llaurons Körper schien sich zu verdichten. »Gibt es denn keine Öffnung, kein Loch ....?« Achmed hob leise die Hand und brachte Rhapsody zum Schweigen. Er schloss die Augen und ließ seiner Gabe des Pfadfindens freien Lauf. Er suchte einen Ausweg, irgendeine winzige Öffnung in dem gewaltigen Steingebilde. Schließlich schüttelte er den Kopf. »Nichts«, sagte er. »Der Urvater der Drachen hat gewusst, was er tat, als er die Gruft der Unterwelt in seinen Körper einschloss. Wenn es auch nur ein winziges Loch oder eine Spalte gegeben hätte, wären diese gestaltlosen Geister entkommen. Seit tausenden von Jahren ist das aber niemandem gelungen, bis das Schlafende Kind auf die Erde fiel und die Gruft zerschmetterte. Es hat den Anschein, dass Llauron uns durch seinen Rettungsversuch zum Tod durch Ersticken verurteilt hat.« »Ashe wird bald mit der Kutsche zurückkommen«, sagte Rhapsody. Ihre Augen schimmerten in der Dunkelheit vor aufsteigender Panik. »Er wird uns hier herausholen.« »Wie? Welche Macht hat Ashe über eine gebrannte Hülle aus elementarer Erde? Etwa größere als Elynsynos?« Das Bündel in Rhapsodys Armen regte sich; die Stimme des Kindes fing an zu jammern. Achmed sah, wie sich Rhapsodys Gesichtsausdruck völlig änderte; ihre Traurigkeit wurde durch Grauen ersetzt. Sie kämpfte sich schwach auf die Beine und fuhr mit der Hand über die gerippte Steinwand, dann schlug sie dagegen. »Elynsynos! Hilfe! Elynsynos!« Sie schlug noch einmal; es verursachte einen dumpfen, erstickten Laut, der vom Geschrei des Kinds übertönt wurde. Achmed packte ihr Handgelenk und fühlte sich dabei schwindlig. Die Welt drehte sich für einen Augenblick, und er erinnerte sich plötzlich an das erste Mal, als er ihre Hand ergriffen und sie aus ihrem Heimatland in die Eingeweide der Erde gezerrt hatte. Das war ein ganzes Leben weit entfernt. Er lockerte seinen Griff leicht, weil er ihr keine Schmerzen zufügen wollte, und bemerkte dabei, wie dünn die Haut an ihrem Arm und wie blutleer ihr Gesicht war, als sie es ihm voller Panik zuwandte. »Psst«, machte er sanft in demselben Ton, in dem er ihr Kind beruhigt hatte. »Spar dir die Luft. Wenn sie noch lebt, weiß sie schon, dass wir hier sind. Rufen hilft nicht.« Rhapsody sank zurück auf den Boden der Höhle, hielt das weinende Kind fester, und ihre Augen flössen vor Tränen der Verzweiflung über. Sie liebkoste ihr Kind kurz, dann schaute sie plötzlich auf. »Doch, es hilft«, sagte sie langsam. »Doch, es wird helfen, wenn ich einen Blutsverwandten erreiche. An-born oder Grunthor ... wenn mein Ruf sie auf dem Wind erreicht...« »Auf welchem Wind, Rhapsody?«, fragte Achmed ruhig. Er spürte, wie die Atemluft sie zusammen mit der Hoffnung verließ. »Komm hier herüber«, sagte er und lehnte sich gegen die Wand. »Ihr Lirin geht mit der Luft so verschwenderisch um, weil ihr gewöhnt seid, endlos viel davon zur Verfügung zu haben. Glaube einem Höhlenbewohner: Es ist das Beste, wenn du zu meditieren versuchst. Dann reicht die Luft länger.« Ihre Blicke trafen sich. Das Kind weinte nun schwächer. »Ruhe ist vielleicht das letzte Geschenk, das du deinem Kind machen kannst.« Er lächelte schwach und versuchte damit, seinen Worten den Stachel zu nehmen. Rhapsody starrte ihn lange an. Dann begriff sie. Sie kam zitternd auf die Knie und kroch zu ihm hinüber, dann lehnte sie sich gegen die Steinwand, die einmal Llaurons Körper gewesen war. Achmed atmete flach, während das Kind verstummte und sich seine kleine Brust langsam hob und senkte. Er legte den Arm um Rhapsody und zog ihren Kopf an seine Schulter. »Meditiere«, flüsterte er angestrengt. »Versuch es und ... erinnere dich ... an das Beste in deinem Leben. Für ... etwas anderes ... reicht die Luft nicht mehr.« »Du ... bist eines ... davon«, sagte sie sanft und lehnte sich gegen seine Schulter. Der Kopf wurde ihr schwer. »Auch wenn wir ... gekämpft haben, ... liebe ... ich ... dich ...« »Psst«, sagte er noch einmal. »Verschwende ... deinen Atem ... nicht.« Durch seine Haut spürte er, wie ihr Herzschlag sich verlangsamte, bis er ihn kaum mehr wahrnahm. Nielash Mousas Kopf summte vor negativer Energie, als er sang. Über dem linken Auge verspürte er einen stechenden Schmerz, und seine Stirn fühlte sich an, als wolle sie sich spalten. Entschlossen machte er weiter, bis das Fundament der Treppe der Gläubigen erzitterte und schließlich zusammenbrach. Die obere Gruft mit den Grablegen und Bleiglasfenstern war nun von der Außenwelt abgeschnitten. Benommen ließ er sich in der vollkommenen Dunkelheit auf dem Boden nieder. Reglos saß er da, bis er seine Sinne wieder beisammen hatte und sie auf den Gesang der Erde richtete, der nun in Moll ertönte. Dann ging er matt zu dem gewaltigen Schutthaufen, der einmal eine Wendeltreppe gewesen war, und untersuchte ihn. Sobald er sich vergewissert hatte, dass das Siegel unbeschädigt war und die Basilika nie wieder auf diesem Weg betreten werden konnte, ohne dass die Kuppel der Grablege über dem Eindringling zusammenbrach, ging er zurück zu der breiten Treppe, durch das innere und äußere Heiligtum und an der Vorkammer der Drei Schwestern vorbei, bis er vor dem einzigen Ort im Nachtberg stehen blieb, an dem man die Basilika noch betreten konnte. Die Vordertür. Verstohlen spähte er über die trockene Steinschwelle an den gelangweilten Wachen vorbei und warf einen letzten Blick auf das Sonnenlicht, das er nie wieder sehen würde. Da war es, verschwommen hinter Schneeflocken. Still sagte ihm der Segner Lebewohl. Er wandte dem Licht der Oberwelt den Rücken zu und begab sich wieder zu dem Altar aus Lebendigem Gestein. Leise sang er die Worte der Schließung. Die Verbitterung erstickte ihn beinahe, denn diese Worte waren das genaue Gegenteil des Liedes, welches die Kathedrale ins Dasein gerufen hatte: das heilige Gebet, das Terreanfor zum ersten Mal der Menschheit entdeckt hatte – oder zumindest jener Menschheit, die in der Lage war, Geschichte aufzuzeichnen. Er versuchte nicht an den Augenblick jener Entdeckung zu denken, als die Lebendige Erde zum ersten Mal in all ihrer dunklen und heiligen Schönheit zu sehen gewesen war, denn dieser Verlust war unermesslich. Schütze Terreanfor. Der Patriarch hatte Leben und Seele dabei riskiert, die Gebetskette umzudrehen und diese Worte so auszusprechen, dass der Segner von Sorbold sie hören konnte. Nielash Mousa kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit, die zerreißenden Schmerzen und den einsetzenden Blutfluss aus Nase und Augen an und sang weiter, bis der gesamte Eingangsbereich hinter dem Vorzimmer der Schwestern und mit ihm ein großer Teil des Nachtberges einstürzte und die Wachen unter einem Erdrutsch begrub. Er selbst war nun im Innern der Basilika gefangen. Sie war für alle Zeiten versiegelt. Tief im Innern eines fernen Berges holte in einem Gebiet, das an Sorbold grenzte, das letzte lebende Erdenkind tief Luft. Das Fieber, in dem es gelegen hatte, verschwand; die glatt polierte Haut auf der Stirn schimmerte. Sofort fiel es in einen tiefen Traum. Rhapsody fuhr mit zitternden Fingern durch Meridions welliges Haar. Sie war zu schwach zum Singen und summte stattdessen nur den Ton ihres eigenen Namens, ela, der sechste Ton der Tonleiter, der Neubeginn, und hoffte, dass er dem Kind ein wenig Kraft oder zumindest Beruhigung verschaffte. Sie dachte an die Zeit zurück, als dieser Ton ihr selbst Trost gespendet und sie an den Stern erinnert hatte, unter dem sie geboren war, sowie an das Band zu ihm, obwohl sie damals mitten in der Erde gesteckt hatte und an der Axis Mundi entlang gekrochen war. Die Luft in der Höhle wurde immer dünner. Ihr war warm, und sie fühlte sich schwindlig. Sie redete sich ein, sie krieche immer noch an der Wurzel entlang und bekämpfe das Ungeziefer, das sich von ihr nährte; sie kämpfe um ihr Überleben, bringe Grunthor das Lesen bei, während er sie den Schwertkampf lehrte, und folge Achmed, der sie durch die endlosen Tunnel der Dunkelheit führte und dabei auf seine Gabe des Pfadfindens vertraute. Ich habe ihm diese Gabe verschafft, dachte sie, als Meridion nach Luft schnappte. Tränen, die sie nicht bemerkte, fielen auf seine dünne Haut. Wie hatte ich ihn noch gleich benannt, damit er unverletzt durch das Feuer im Erdmittelpunkt schreiten konnte? Die Dunkelheit schien dichter zu werden. O ja, unfehlbarer Fährtenleser, Pfadfinder. Firbolg, Dhrakier, Mörder, Erstgeborener. Mein Freund. Ihr war so schwindlig, dass sie nicht den Kopf drehen konnte, doch sie spürte, dass sein Blick auf ihr ruhte. Er konnte in der Dunkelheit sehen, so wie jeder Höhlenbewohner. Sie dachte an Grunthor und daran, wie leicht er durch Tunnel und Höhlen gehen konnte, und an den Namen, den sie ihm gegeben hatte, damit er ebenfalls in Sicherheit das Feuer durchqueren konnte. Spross des Sandes unter freiem Himmel, Sohn der Höhlen und der finsteren Lande. Bengard, Firbolg. Sergeant-Major. Mein Ausbilder und Beschützer. Herr der tödlichen Waffen. Oberste Autorität, der unbedingt Gehorsam zu leisten ist. Treuer Freund, stark und zuverlässig wie die Erde selbst. Diese Benennungen hatten Grunthor an die Erde gebunden und ihm erlaubt, ihren Herzschlag in seinem eigenen zu verspüren. Trotz ihrer Benommenheit kam ihr ein Gedanke. Er ist immer noch an die Erde gebunden, dachte sie verworren. Elynsynos hatte einmal gesagt, dass die Firbolg einer Paarung der Erdenkinder entstammten, und zwar des Schlafenden Kindes mit Kith, der Erstgeborenen- Rasse, hervorgegangen aus dem elementaren Wind. Der Name selbst, Firbolga, bedeutete Wind der Erde. Also hatte er von Geburt an eine Beziehung zu ihr, dachte sie. Unter großen Mühen brachte sie den Kopf ihres Sohnes an ihre Lippen. Wind der Erde. Die Worte wurden lauter, als sie sie von irgendwo anders hörte – oder von jemand anderem. Plötzlich lichtete sich die Dunkelheit. Nachdem die Umgebung von Ylorc gesichert war, ging Grunthor den unterirdischen Gang durch die Dunkelheit zum Loritorium und zitterte vor Angst, was er dort nach dem Angriff der Drachin vorfinden mochte. Als er auf dem Hügel aus Schutt stand, der letzten Barriere zwischen der Oberwelt und dem Kind der Erde, umspielte sein Gesicht ein kühler Luftzug aus der unterirdischen Kammer, ein Erdenwind, der ein Gefühl der Beruhigung mit sich brachte, wie er es seit langem nicht mehr verspürt hatte. Er schritt die Moräne so leise wie möglich hinunter und näherte sich dem Grab. Ein Ausdruck der Erleichterung legte sich über sein breites Gesicht. Das Kind schlief noch ungestört; das glatte Gesicht aus poliertem Stein war kalt und trocken, und die Augenlider bewegten sich nicht. Die eingesunkenen Stellen um die Gesichtsknochen waren verschwunden, das Schrumpfen des Körpers hatte aufgehört. Der Atem ging leise und gleichmäßig und stand im Einklang mit dem schlagenden Herzen der Erde, das Grunthor in seiner Seele spürte. Er hätte nicht beschreiben könnte, was er beobachtete, doch die Rückkehr der Gesundheit in die unterirdische Kammer, die schon so viel Zerstörung erlebt hatte, war unübersehbar. Er beugte sich vorsichtig über das Kind und drückte ihm die aufgeworfenen Lippen gegen die Stirn. Sie war kühl, und die Anspannung war fort. »Ich wünsch dir süße Träume, mein Lieb«, flüsterte er. Rhapsody bemühte sich, aufrecht zu sitzen. Sie legte Meridion vorsichtig in Achmeds Schoß und sah, wie er überrascht die Hände um das Kind schloss. Dann wandte sie sich wieder der Wand zu, die einmal der Körper ihres Schwiegervaters gewesen war, eines freundlichen, gelehrten Mannes, dessen Verlangen, die Fehler seiner Jugend und seiner Familie wieder gutzumachen, ihn von der Familie getrennt hatten, deren Gedeihen er so gern zugeschaut hätte. Nun war er nur noch ein Gefäß aus gebrannter elementarer Erde. Ihre Hände zitterten, als sie die Wand berührte. Aus ihrer Kehle drang ein Laut, den Achmed nie zuvor gehört hatte. Es war ein harsches, kehliges Geräusch, das gegen seine empfindlichen Ohren trommelte und tief aus ihrem Innern kam. Zuerst erkannte er die Worte nicht, denn der Lärm war so misstönend und rau. Einen Moment später begriff er, dass sie sang. Auf Bolgisch. »Beim Stern«, sang Rhapsody mit tiefer Kehle, »werde ich warten, werde ich beobachten, werde ich rufen und gehört werden.« Sie ruft nach einem Blutsverwandten, bemerkte er geistesabwesend und schaute auf das winzige Kind in seinen Armen. Das ist eine Verschwendung von Zeit und Luft. Aber der Versuch, sie aufzuhalten, könnte noch mehr davon verschwenden. Soll sie sich doch an ihre wertlose Hoffnung klammern, es ist gleichgültig. »Grunthor«, sang sie mit der gleichen rauen Schwingung, die schon beinahe ein Jammern war, »stark und ... verlässlich wie ... die Erde ... selbst.« Nichts geschah. Achmed bekam von diesem Lärm Kopfschmerzen. »Hör auf damit, Rhapsody«, murmelte er. Sie schüttelte den Kopf, hielt sich immer noch an der Wand fest und wiederholte den Gesang unermüdlich mit tiefer Kehle. Sie schien eine Ewigkeit lang zu singen, bis Achmed Sterne sah. Die Dunkelheit holte ihn. 47 Anborn hörte das Kreischen trotz des gewaltigen Lärms in der Gerberei. Die Nacht brach herein, und die Stadt Jierna’sid stellte ihre erlaubten Geschäfte für heute ein. Zu solchen Zeiten wagte der Marschall zu schlafen, denn die späteren Stunden, in denen die schändlicheren Unternehmungen der Stadt offenbar wurden, gehörten zu seinen wichtigsten Wachzeiten. Daher befand er sich gerade in unruhigem Schlummer in seiner Kammer unter dem Ledermachergeschäft, als Faron in die Stadt zurückkehrte. Der Riese war am entgegengesetzten Ende der Hauptstraße aufgetaucht, die Jierna’sid unterteilte und nach Jierna Tal führte. Zuerst bemerkte die Bevölkerung von Jierna’sid bei ihrer Vorbereitung auf die Nacht den Kampflärm nicht. Die Händler schlössen ihre Geschäfte, die Soldaten gingen Patrouille, die Arbeiter wollten im schwindenden Licht noch das eine oder andere fertig bekommen. Doch Anborns Ohren waren empfindlicher; der Grund dafür lag sowohl in seinem Drachenerbe als auch in den Jahrhunderten militärischer Führerschaft. Beinahe sofort erkannte er den Lärm einer Panik. Als er sich endlich zur Öffnung seines Unterschlupfes gezogen hatte, war auch der Stadt inzwischen klar geworden, dass etwas ganz und gar nicht stimmte – und dass etwas auf sie zukam. Vor dem Westtor der Stadt ragte ein Schatten auf, ein gewaltiger Schatten, der im schwindenden Licht die Farbe der Wüstenerde angenommen hatte. Anborn spürte sein Näher kommen in den Erschütterungen, die durch die gepflasterten Straßen liefen. Bei der Unterwäsche Gottes, dachte er, was kann an diesem Ort des alltäglichen Grauens so schrecklich sein? Die Antwort erhielt er einen Augenblick später durch das Zischen der Bogensehnen und die gebrüllten Befehle einer ganzen Kohorte, die von den Kasernen bei Jierna Tal auf das Westtor zulief. Schreie zerrissen die Luft, als die Soldaten, die beim Westtor stationiert waren, den gigantischen Mann angriffen. Seinem Äußeren und den groben Gesichtszügen nach schien es ein Soldat aus einer primitiven Rasse zu sein. Die Augen hatten einen milchigen Überzug und waren starr auf den Palast von Jierna Tal gerichtet. Der Angriff ging in einer gewaltigen Blutfontäne unter; Körper flogen nach rechts und links, stießen mit Ochsenkarren zusammen, wurden zerschmettert, und ihre Glieder wurden so mühelos abgerissen, als seien sie Spreu vor dem Drescher. Von seinem Platz unter der Gerberei beobachtete Anborn, wie der Schatten an ihm vorbeiging und gerade lange genug anhielt, um einen zurückgelassenen, mit schweren Fässern beladenen Müllerkarren hochzuheben und in das Fenster eines hundert Schritt entfernten, eleganten Geschäfts zu schleudern. Im Gegensatz zum Rest der Bevölkerung, die entweder erstarrt am Straßenrand stand oder sich wie Blätter im Sturm zerstreut hatte, erkannte er etwas in der Färbung des gebückten Riesen, was niemand anderes bemerkt hatte. Dieser Anblick führte dazu, dass der alte Kriegsheld, der General von Gwylliams Heer im cymrischen Krieg, der Marschall des cymrischen Bündnisses und Krieger der Bruderschaft der Blutsverwandten, zunächst vor Entsetzen erstarrte und dann ein gemurmeltes Gebet herauspresste. Denn Anborn sah, dass das Gesicht aus Lebendigem Gestein bestand. Nachdem er mehr als genug gesehen hatte, wartete er, bis der Titan die Tore von Jierna Tal zerschmettert hatte. Dann zog er sich inmitten der Verwirrung, die durch die Straßen wogte, unter der Gerberei hervor, stahl ein reiterloses Pferd und bahnte sich in aller Hast einen Weg zurück nach Haguefort. Auch Talquist hörte die Schreie. Er befand sich mitten bei einem angenehmen Abendessen, als der Lärm durch die Fenster seines Balkons drang. Es hatte als schriller, ferner Chor begonnen, steigerte sich aber rasch zu einer Kakophonie, die bei ihm zu plötzlicher Magenverstimmung führte. Erzürnt erhob er sich von seinem Mahl, warf die Leinenserviette heftig auf den Boden und ging hinüber zum Balkon. Er riss die Türen auf und trat in die kalte Luft. Vom Balkon aus sah er die Welt unter sich dem Wahnsinn verfallen. Die Höhe der Terrasse ermöglichte ihm einen schrecklichen Ausblick auf die Straßen von Jierna’sid, die aus der Luft wie ein Gitternetz wirkten. Die Hauptstraße schleppte sich ein menschlicher Schatten entlang. Da man ihn aus dieser Entfernung erkennen konnte, musste er ungeheuer groß sein. Um ihn liefen winzige menschliche Gestalten in Ameisengröße herum. Einige rannten davon, andere hasteten auf ihn zu, nur um wenige Sekunden später durch die Luft geschleudert zu werden. Einige waren erfolgreich in ihrer Flucht, andere nicht. Talquist verlor vor Schreck sein Wasser; es floss auf den Boden des Balkons. Es gab keinen Zweifel an dem, was da auf ihn zukam. Im nächsten Augenblick schrie er bereits Befehle an den Hauptmann der Wache. Kohorten und Divisionen sollten aus den Kasernen unten antreten. Er beobachtete entsetzt, wie seine Befehle ausgeführt wurden. Eine ganze berittene Kolonne donnerte die Straßen entlang und feuerte auf den herannahenden Titanen, wobei sie auch die fliehende Bevölkerung nicht schonte. Talquist starrte die gewaltige Statue an, die nun mehr als nur Stein war und durch die Reiter watete, als wären sie Meeresschaum. Sie schlug nach Männern und Tieren aus und richtete ein solches Blutbad an, dass Talquist nichts anderes mehr übrig blieb, als sich umzudrehen und zu fliehen. Er kannte das Ziel der Statue. So schnell er konnte, rannte er vom Balkon zur Turmtreppe und nahm je zwei Stufen auf einmal. Seine schwere Samtrobe war kein angenehmer Luxus mehr, sondern nur noch hinderlich. Kaum hatte er die Tür zum höchsten Turm erreicht, als er die massiven Tore des Palastes splittern hörte. Die Schreie hallten durch Jierna Tal und erschütterten die Mauern des Turms. Es gab keinen Ort mehr, zu dem er fliehen konnte. Grauer Schweiß quoll ihm aus Stirn und Hals, als sich die donnernden Schritte des Titanen näherten. Der Lärm der Gegenwehr war erstorben. Nach der Tötung der Soldaten, die den Riesen aufhalten sollten, war das gesamte Haushaltspersonal geflüchtet oder versteckte sich. Der Herrscher hörte die schweren Schritte des Riesen gnadenlos und unbeirrbar herannahen. Der Turm erbebte heftig, als Faron die Treppe hoch stieg. Auf dem Weg zu seiner Beute nahm er vier Stufen auf einmal. Talquist verlor den letzten Rest seiner Gelassenheit und kreischte auf. Er schlug die Tür zum höchsten Turm hinter sich zu und verriegelte sie, doch er wusste genau, wie sinnlos das war. Er hatte hinter einem umgekippten Tisch aus glänzendem Walnuss Schutz gesucht, als die Tür zersplitterte und der Gigant in ihr auftauchte. Er zog seinen massigen Körper durch die steinumfasste Öffnung, die zu niedrig für seine Größe war. Talquist schrie noch einmal auf. Da er wusste, dass Faron aus Rache gekommen war, fiel er auf die Knie und betete in der unsinnigen Hoffnung, der Riese könne diese Geste des Sichergebens begreifen und davon gerührt sein. Faron zerschmetterte die Steine der Türeinfassung. Alle Hoffnung verließ Talquist, und er weinte. »Nein, Faron«, keuchte er und rang entsetzt nach Luft. »Bitte! Ich wollte doch nur ...« Als ihn die blauen, von einer milchigen Schicht überzogenen Augen der lebendigen Statue steinern anstarrten, fiel er in Schweigen. Langsam durchquerte der Titan den kleinen Raum, bis er unmittelbar vor dem Herrscher stand. Er streckte einen Steinarm aus, der sich in der Höhe von Talquists Hals befand. Die gigantische Hand öffnete sich. In ihr lagen fünf farbige Schuppen, jede ausgefranst an den Enden, jede mit Runen in einer lange untergegangenen Sprache beschriftet. Jede hatte eine andere Färbung, doch im schwindenden Licht der Abenddämmerung leuchteten sie alle in den Farben des Regenbogens. Sie summten eine Sinfonie der Macht. Mit großer Behutsamkeit bückte sich der Titan und legte die fünf Scheiben dem Regenten vor die Füße. Talquist starrte Faron einen schier unendlich langen Augenblick an. Schließlich fand er Sprache und Verstand wieder. Er griff in die Falten seiner Robe, in der er seinen Schatz, die violette Schuppe trug, zog sie hervor und hielt sie vor die milchigen Augen der Statue. »Ist es das, was du willst, Faron? Die Vervollständigung von Sharras Kartenspiel? Willst du dich mit mir verbünden und sie wieder zu einem ganzen Spiel zusammenfügen?« Der Titan nickte langsam. Der Herrscher stieß scharf die Luft aus. Und kicherte erleichtert. Und gab schließlich ein wahnsinniges Lachen von sich, das durch den Turm hallte, die Treppe hinunterlief, den Palast entlangflog und in die Nacht entwich, wo es triumphierend durch die Straßen von Jierna’sid tönte. Ein Donnern erschütterte die Höhle, die einmal Llauron gewesen war. Achmed setzte sich aufrecht und weckte das Kind. Rhapsody war vor der Wand zusammengebrochen, an der sie gesungen hatte. Sie regte sich kaum, als das Donnern endete. Ein Licht erschien auf der Wand und bildete eine Tür in der großen Steinbestie. Achmed riss sich zusammen und stand mit letzter Kraft auf. Er verspürte ein Stechen in den Augen, während er Rhapsody hinter sich hochzog und immer noch das Kind im Arm hielt. Eine dunkle Gestalt, etwa anderthalb mal so groß wie ein Mensch, erfüllte die Öffnung. »Na, kannst selbst nich’ in Ylorb bleiben un’ lockst mich jetzt auch davon weg?« Achmed stolperte vor und drückte Rhapsody in Grunthors weit ausgebreitete Arme, während er mit der anderen Hand noch immer das Kind hielt. »Luft«, krächzte er. Das Licht wurde schwächer und verschwand. Der riesige Bolg packte die Herrin der Cymrer, hob sie aus der Höhle, setzte sie rasch und sanft auf dem Schneeboden ab und zog dann auch Achmed durch die Öffnung. Schließlich warf Grunthor einen Blick in das Innere und stieß dabei einen lauten Pfiff aus. »Verdammt, was ist das?« »Das war ... einmal... Llauron«, sagte Achmed und hustete, als sich seine Lunge mit der schneegeschwängerten Waldluft füllte. Er atmete tief durch und schaute dann den riesigen Sergeanten an. »Er hat uns vor Anwyn gerettet«, sagte er, als er wieder reden konnte. »Ah, die is’ bis hierher gekommen?«, murmelte Grunthor. »Verdammtes Luder. Bin froh, dass ich das hier mitgebracht hab.« Er hielt den Schlüssel aus Lebendigem Gestein hoch, der damals die Wurzel der Sagia geöffnet hatte. »War grade in der Gruft, als der Ruf kam, und hatte so ’n Gefühl.« Grunthor sah auf das herunter, was in Achmeds Armen lag, und erstarrte. Seine bernsteinfarbenen Augen weiteten sich im Morgenlicht. »Was hast’n da?« Achmed schüttelte den Kopf und nickte in Rhapsodys Richtung, die sich langsam erhob und auf die Kutsche schaute, die auf der nahen Lichtung wartete. Sie sah zu, wie ihr Gemahl sich der Höhle näherte; sein Gesichtsausdruck war wie das Ende der Welt. 48 Der Winter war mit aller Macht zurückgekehrt, als die Karawane den geschützten Hof von Haguefort erreichte. Gwydion Navarne beobachtete das Eintreffen der Wagen hinter den hohen Fenstern über der Bibliothek. Der Feuerschein spiegelte sich im Glas wider und wärmte einen Raum, der seit langem sehr kalt gewesen war. Wie lange, wusste er nicht mehr. Er wartete ungeduldig darauf, dass sich die Türen öffneten, doch der Fahrer ließ sich Zeit und kutschierte so nah wie möglich an die Treppe heran. Melisande stand neben ihm. Sie war in ihr Gewand gehüllt und tänzelte ungeduldig, denn sie wollte das Kind sehen. »Warum beeilen sie sich nicht?«, wollte sie wissen und drückte sich wieder vor ihren Bruder. Gwydion legte ihr sanft die Hände auf die Schultern. »Sie möchten das Kleine warm halten«, sagte er und dachte daran zurück, was er in Ghant gesehen hatte und was es für die Zukunft bedeutete. Er umfasste die Schultern seiner Schwester, als wolle er sich an ihr festhalten, ohne sie aber zu beunruhigen. »Ich vermute, das ist so bei Kindern – und bei Schwestern.« Er lächelte Melisande so beruhigend wie möglieh an, als sie zu ihm aufschaute und das Gesicht in spaßigem Zweifel verzog. Sie standen weiter am Fenster und sahen zu, wie Ashe endlich aus der Kutsche stieg, gefolgt von einer schattenhaften, verhüllten Gestalt, in der Gwydion sofort den Bolg-König erkannte. Die Kuschte schaukelte kurz von einer Seite zur anderen, und zu seiner Freude sah der junge Herzog auch Grunthor aussteigen. »Sie sind ...« Seine Worte erstarben; Melly war schon aus dem Zimmer gerannt. Er hörte ihre Schritte die große Treppe hinunterhasten. Gwydion lächelte und folgte ihr. Als sie den Eingang zur Festung erreicht hatten, trug Ashe das Neugeborene schon nach drinnen und übergab es mit einem schiefen Lächeln der Kammermagd, die die Tür geöffnet hatte. Die Dienerin nahm das Kind an sich und trat aus dem Luftzug, als der Herr der Cymrer die Hand nach draußen streckte und Rhapsody über die Schwelle half. Nun schwärmten die Hausangestellten auf sie zu und nahmen Mäntel, Hüte und Winterkleidung entgegen. Erregung übermannte Gwydions natürliche Zurückhaltung. Er schoss durch die Vorhalle zur Tür und warf die Arme um Rhapsody, deren Lächeln strahlend war, auch wenn sie blass und abgespannt aussah. Er sah freudig zu seinem Paten auf, doch dieser schaute geistesabwesend zu der Kammermagd hinüber, die das Kind wiegte. Kälte überlief ihn; er wusste nicht, warum. Melisande umarmte Ashe und schien dessen Geistesabwesenheit nicht zu bemerken. »Darf ich ihn einmal halten, bitte, bitte!« »Unbedingt«, sagte Ashe. »Portia, gib Melisande bitte das Kind.« Die Kammermagd nickte ehrerbietig. Nachdem sie die Tür hinter dem Firbolg-König geschlossen hatte, trug sie das Kind durch die Halle und legte es der wartenden Melisande in die Arme. »Es tut mir Leid, dich bei deiner Ankunft gleich überfallen zu müssen«, sagte Gwydion leise zu Ashe, »aber ich habe etwas sehr Dringendes mit dir zu besprechen, sobald Rhapsody und das Kind sicher untergebracht sind. Ich bedauere, dich auf diese Weise zu belästigen, aber ...« Ein lautes metallisches Klirren war aus dem Korridor zu hören, der zur Großen Halle führte. Die beiden Firbolg, der Herr und die Herrin der Cymrer, die Kinder von Navarne und das gesamte Hauspersonal schauten auf, als Anborn in der Tür erschien. Er stand aufrecht und ohne Krücken inmitten der großen Gehmaschine, die man ihm aus Gaematria mitgebracht hatte. »Gütiger All-Gott«, rief Ashe aus. »Ich hätte nie geglaubt, dass ich diesen Tag noch erlebe.« »Mögest du noch viele Tage erleben, die du nie erwartet hättest«, sagte Anborn ernst. »Was hat dich umgestimmt, Onkel?« Anborn seufzte schwer und richtete den Blick auf das Bündel in Melisandes Armen, das nun heftig strampelte. »Ich muss für das bereit sein, was kommen wird«, meinte er dunkel. »Du und ich müssen nun miteinander reden, Gwydion. Dein Mündel hat dir vielleicht schon erzählt, was er und ich nach unserer Abreise beobachtet haben. Und ich muss dem leider noch schlechtere Nachrichten hinzufügen.« Er blinzelte, als Ashe das Kind aus Melisandes Armen nahm, zu ihm hinüberging und es ihm reichte. »Einen Augenblick noch, Onkel«, sagte Ashe freundlich. »Begrüße erst einmal deinen neuen Großneffen.« Mit Anborns ernstem Gesicht ging eine Veränderung vor. Er schaute das Kind kurz an und nahm es dann zögernd in die Arme. Sanft wiegte er es, während Rhapsody lächelnd zu ihm herüberkam. Er lächelte das Kind kurz an und beobachtete erstaunt, wie sich die winzige Faust um seinen Finger schloss. Dann sah er zuerst Rhapsody und dann Ashe an und sagte mit ungewöhnlich sanfter und ruhiger Stimme: »Gut gemacht, meine Liebe, und herzlichen Glückwunsch, Neffe. Um dieses Ereignis zu feiern, werde ich ein wenig hier stehen bleiben und das Kind bestaunen, damit ihr noch ein paar Augenblicke zufrieden sein könnt, bevor ich euch sage, was ich in Sorbold gesehen habe.« Ashe seufzte tief. »Und ich will dir deinen Gefallen damit vergelten, dir noch ein paar Augenblicke Zufriedenheit zu gestatten, bevor ich dir sage, was mit Llauron passiert ist.« Die beiden Firbolg sahen einander an, drehten sich um und gingen zur Tür. »Ich beneide Rhapsody nicht um ihre Heimkehr«, sagte Achmed, zog den Mantel enger um sich und wollte gerade in den aufziehenden Sturm hinausgehen. Grunthor räusperte sich, während er die Tür aufzog. »Ja, na ja, beneide dich auch nich’.« Der Bolg-König kniff die Augen zusammen und warf einen Blick über die Schulter. »Was ist denn jetzt schon wieder?« »Na ja, wenn du meinst, die Geburtstagsfeier, die wir veranstaltet haben, als du beim letzten Mal weg warst, hätte ’ne ziemliche Schweinerei hinterlassen, dann warte mal, bis du gesehen hast, was dich diesmal erwartet.« Achmed seufzte verärgert. »Hrekin.« »Ja, genau das is’ es. Und zwar ’ne ganze Menge davon.« Danksagung Meinen herzlichen Dank an die Wirte dreier Hotels, deren Gastfreundschaft während meiner Recherchen sehr inspirierend war: The Taste of Alaska, Fairbanks, Alaska, Quagmire Manor, Homer, New York, King’s Inn, Huntsville, Alabama.